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Philosophie des Geistes

Vielmehr umfasst hier der Begriff Geist – wie englisch mind – sowohl Bewusstsein und Denken als auch emotionale und andere psychische Funktionen.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundfrage und Begriffe
  2. 2. Dualistische Antworten
  3. 3. Monistische und materialistische Antworten
  4. 4. Probleme des Materialismus und alternative Rahmen
  5. 5. Buddhismus und Wissenschaften
  6. 6. Freiheit und Selbst

Grundfrage und Begriffe

Die Philosophie des Geistes ist ein Teilgebiet der Philosophie. Sie untersucht die Natur des Geistes und seiner Zustände, ihre Ursachen und Wirkungen sowie die Frage, wie Geist erkennbar ist. In der modernen Fachsprache wird nicht zwischen „Geist“ und „Seele“ unterschieden: „Geist“ umfasst Bewusstsein, Denken, Emotionen und andere psychische Funktionen. Entsprechend bedeuten „geistig“, „mental“, „seelisch“ und „psychisch“ in diesem Zusammenhang weitgehend dasselbe.

Im Zentrum steht das Leib-Seele-Problem. Es fragt, wie mentale Zustände wie Bewusstsein, Denken, Wollen oder Schmerzen zu physischen Zuständen wie Körper, Gehirn oder materiellen Vorgängen stehen. Die Grundfrage lautet: Sind Geist und Körper zwei verschiedene Substanzen, oder sind sie letztlich eins? Daraus entstehen weitere Fragen: Sind Menschen in Denken und Wollen frei? Können Computer einen Geist haben? Kann Geist ohne Körper existieren?

René Descartes formulierte die moderne Fassung des Problems besonders einflussreich. Er unterschied das denkende, nicht ausgedehnte Ding, die „res cogitans non extensa“, vom ausgedehnten, nicht denkenden Körper, der „res extensa non cogitans“. Schon in der Antike gab es unterschiedliche Auffassungen: Platon vertrat einen Dualismus, weil die Seele nach seiner Auffassung den Körper überleben könne; Aristoteles stellte das Lebensprinzip „Pneuma“ nicht einfach der materiellen Welt entgegen; Plotin sah Körper als Ausfluss der Seelen. Im christlichen Mittelalter wurde die Unterscheidung zwischen Körper und immaterieller Seele zu einer wichtigen Grundlage des Denkens.

Heute wird das Leib-Seele-Problem oft als Problem der europäischen Geistesgeschichte verstanden. Asiatische Traditionen gehen teilweise von anderen metaphysischen Voraussetzungen aus, sodass die Trennung von Geist und Körper dort als illusionär oder weniger wichtig erscheint.

Dualistische Antworten

Der Dualismus behauptet, dass mentale und physische Entitäten grundsätzlich verschieden sind. Ein klassisches Argument Descartes’ lautet: Man könne sich klar und deutlich vorstellen, dass Geist ohne Materie existiert; was so vorstellbar sei, sei zumindest möglich; also müssten Geist und Materie verschiedene Entitäten sein. Dieses Argument ist umstritten, weil bezweifelt werden kann, dass klare Vorstellbarkeit wirklich Möglichkeit beweist.

Der interaktionistische Substanzdualismus ist die klassische Form des Dualismus. Er nimmt an, dass Geist und Materie verschiedene Substanzen sind und aufeinander einwirken. Descartes meinte, der Geist sei unteilbar, während körperliche Dinge teilbar seien. Karl Popper und John Eccles vertraten im 20. Jahrhundert ähnliche Ideen. Popper erweiterte die duale Sicht durch seine Drei-Welten-Theorie: Neben der physikalischen Welt und der mentalen Welt gebe es eine dritte Welt der Produkte menschlichen Geistes, die unabhängig von individuellem Bewusstsein weiterbestehen können. Ein Problem des Interaktionismus ist, dass ein Ort der Wechselwirkung im Gehirn gefunden werden müsste. Descartes’ Vermutung, die Zirbeldrüse sei dieser Ort, wurde widerlegt. Auch die Art der Wechselwirkung bleibt unklar.

Der Okkasionalismus, im 17. Jahrhundert als Kritik am cartesianischen Interaktionismus entwickelt, hält an der Unterscheidung von psychischer und physischer Substanz fest, lehnt aber direkten Einfluss zwischen beiden ab. Stattdessen sei Gott die eigentliche Ursache der Ereignisse, die scheinbar durch die jeweils andere Substanz ausgelöst würden. Vertreter waren unter anderem Géraud de Cordemoy, Louis de La Forge, Arnold Geulincx und Nicolas Malebranche.

Der Epiphänomenalismus versteht Geist als Begleiterscheinung physischer Ereignisse. Materie wirkt auf den immateriellen Geist, aber der Geist wirkt nicht zurück. Diese Einbahnstraßen-Theorie wirft Probleme auf, weil sie etwa erklären müsste, warum ein geistiger Zustand wie die Vorstellung einer Zitrone keinen anderen geistigen Zustand oder körperlichen Speichelfluss verursachen soll.

Der Eigenschaftsdualismus nimmt keine zwei Substanzen an, sondern nichtmaterielle Eigenschaften. David Chalmers verbindet diese Position mit Qualia, also der Eigenschaft, dass etwas auf bestimmte Weise erlebt wird. Eine Spielart ist der Panpsychismus, nach dem allen physikalischen Entitäten mentale Eigenschaften zukommen.

Monistische und materialistische Antworten

Der Monismus behauptet, dass es nur eine Grundsubstanz gibt. Der materialistische Monismus sagt, dass alles physischer Natur ist. Der idealistische Monismus sagt, dass es letztlich nur Geist gibt. Der neutrale Monismus nimmt eine Grundlage an, die weder geistig noch physisch ist; Geistiges und Physisches sind dann Modi oder Eigenschaften dieser einen Wirklichkeit.

Der idealistische Monismus wird heute selten vertreten. Ein klassischer Vertreter ist George Berkeley. Auch im frühen ethischen Idealismus Fichtes erscheint die äußere Welt als Ausdruck innerer Tätigkeit. Auf idealistischer Grundlage steht auch Leibniz’ psychophysischer Parallelismus: Seele und Körper laufen parallel, ohne sich direkt zu beeinflussen. In seiner Lehre der prästabilierten Harmonie sind psychische und physische Vorgänge von Gott von Anfang an so eingerichtet, dass sie zusammenpassen.

Der materialistische Monismus umfasst mehrere wichtige Theorien. Der Behaviorismus prägte die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Psychologie wollte der methodologische Behaviorismus auf Berichte über inneres Erleben verzichten und stattdessen überprüfbares Verhalten untersuchen. In der Philosophie deutete der analytische Behaviorismus mentale Zustände als Verhaltensbeschreibungen oder Verhaltensdispositionen. Wichtige Namen sind John B. Watson, B. F. Skinner, Gilbert Ryle und Carl Hempel.

Die Identitätstheorie von John Smart und Ullin Place behauptet, mentale Zustände seien mit Gehirnzuständen identisch. Der Wunsch nach Kaffee wäre demnach nichts anderes als das Feuern bestimmter Nervenzellen. Zur Erklärung dient die Analogie Wasser = H2O. Schwierig ist das Problem der multiplen Realisierung, das Hilary Putnam formulierte: Verschiedene Lebewesen können Schmerzen haben, ohne denselben Gehirnzustand zu besitzen. Deshalb wird zwischen Typ-Identität und Token-Identität unterschieden. Typ-Identität wäre reduktionistisch; Token-Identität ist schwächer und nichtreduktionistisch.

Der Funktionalismus, unter anderem von Hilary Putnam entwickelt, erklärt mentale Zustände als funktionale Zustände. Entscheidend ist nicht, woraus ein System besteht, sondern welche Rolle ein Zustand im System spielt. Das Beispiel des Süßigkeitenautomaten zeigt: Seine Zustände lassen sich funktional beschreiben, unabhängig vom Material des Automaten. Ein Problem bleibt das Bewusstsein. Das Gedankenexperiment des „China-Gehirns“ soll zeigen, dass funktionale Organisation allein nicht plausibel erklärt, warum bewusstes Erleben entsteht.

Der nichtreduktive Materialismus verbindet zwei Überzeugungen: Mentale Zustände sind materielle Zustände, lassen sich aber nicht einfach auf Verhalten, Gehirnzustände oder funktionale Zustände zurückführen. Donald Davidsons anomaler Monismus ist ein Beispiel. Wichtig ist der Begriff Supervenienz: Mentale Zustände hängen von physischen Zuständen ab; das Mentale kann sich nicht ändern, ohne dass sich das Physische ändert. Der Emergenzbegriff beschreibt Phänomene, die auf der Makroebene eines Systems auftreten, nicht aber auf der Mikroebene seiner Teile. Bewusstsein gilt in diesem Sinn oft als emergent. Der eliminative Materialismus geht weiter und behauptet, es gebe keine mentalen Zustände im Sinn der Alltagspsychologie; wenn diese Theorie falsch sei, müssten ihre angenommenen Entitäten aufgegeben werden. Patricia und Paul Churchland vertreten solche eliminativen Positionen.

Probleme des Materialismus und alternative Rahmen

Der Materialismus steht vor der Aufgabe, Eigenschaften des Geistes als materielle Eigenschaften zu erklären. Dieses Projekt wird oft „Naturalisierung des Geistes“ genannt. Zwei besonders wichtige Probleme sind Qualia und Intentionalität.

Qualia sind Erlebnisqualitäten: Schmerz tut weh, Farben erscheinen auf bestimmte Weise, Geschmack wird erlebt. Das Problem lautet: An einem neuronalen oder funktionalen Zustand sieht man nicht, warum er von Erleben begleitet sein soll. Eine reduktive Erklärung müsste nicht nur zeigen, welche Gehirnprozesse auftreten, sondern auch, warum diese Prozesse einen bestimmten Erlebnisgehalt haben.

Intentionalität bedeutet die Gerichtetheit mentaler Zustände. Gedanken beziehen sich auf etwas und können wahr oder falsch sein. Der Gedanke, dass Herodot Historiker war, ist auf Herodot und einen Sachverhalt gerichtet. Gehirnprozesse sind dagegen elektrochemische Vorgänge; sie sind nicht einfach wahr oder falsch, sondern geschehen. Daher entsteht die Frage, wie Gedanken Naturprozesse sein können.

Der neutrale Monismus bietet eine andere Antwort: Alles Seiende ist gleichartig, aber diese Grundlage ist weder geistig noch physisch. Spinoza gilt als früher Hauptvertreter; bei ihm erscheinen Materie und Denken als Attribute einer göttlichen Substanz. Bertrand Russell prägte im 20. Jahrhundert den Begriff des neutralen Monismus mit der Vorstellung eines „neutral-stuff“, der isoliert weder mental noch materiell ist.

Daneben gibt es Positionen, die weder monistisch noch dualistisch sind. Kant meinte, das Leib-Seele-Problem könne als Problem an sich nicht positiv gelöst werden, weil seine Begriffe nur auf empirische Erscheinungen anwendbar seien und transzendentale Anwendungen zu Fehlschlüssen führten. Colin McGinn vertritt im „New Mysterianism“ die Auffassung, der Mensch sei aus evolutionären Gründen kognitiv nicht geeignet, das Problem zu lösen. Andere Positionen verändern den begrifflichen Rahmen: Poststrukturalistische Ansätze kritisieren Gegensätze wie Monismus versus Dualismus; sprachphilosophische Ansätze in der Nachfolge Ludwig Wittgensteins sehen das Leib-Seele-Problem als begrifflich erzeugtes Scheinproblem. In dieser Sicht können Menschen sinnvoll in mentalem und biologischem Vokabular beschrieben werden, ohne dass eines auf das andere reduziert werden muss.

Buddhismus und Wissenschaften

Im Buddhismus wird kein dualistisches Leib-Seele-Modell im europäischen Sinn vorausgesetzt. Körper und Geist gelten zwar als unterschiedliche Einheiten, doch die Vorstellung eines kontinuierlichen Selbsts wie der hinduistische Atman wird abgelehnt; dies heißt Anatta. Einige buddhistische Schulen nehmen eine sehr subtile Ebene des Bewusstseins an, die beim Tod den Körper verlässt und zu einem neuen Leben übergeht.

Dharmakirti definiert Geist oder Bewusstsein als das, was Klarheit und Erkennen ist. „Klarheit“ bezeichnet die formlose Natur des Geistes, „Erkennen“ seine Funktion, nämlich Dinge wahrzunehmen oder zu wissen. Khedrup Gelek Pelzang erklärt, Denken, Bewusstheit, Geist und „Erkenner“ seien Synonyme. Nach dieser Darstellung ist Geist formlos, gehört aber dennoch zum Körper und ist über den ganzen Körper verteilt ansässig.

Die Philosophie des Geistes hat enge Berührungspunkte zu anderen Wissenschaften. Die Physik selbst macht bislang keine Aussagen zum Bewusstsein, doch einzelne Physiker vertreten Positionen dazu. Erwin Schrödinger betonte die unmittelbare Erfahrung des Ichs. Roger Penrose argumentierte, eine rein dualistische Sicht sei schwer aufrechtzuerhalten, weil ein Einfluss des Geistes auf den Körper entweder mit Naturgesetzen vereinbar sein oder diese stören müsste. Max Tegmark beschreibt Bewusstsein als emergentes Phänomen und nennt für intelligentes Handeln drei Fähigkeiten: erinnern, Berechnungen ausführen, lernen. Bewusstsein komme durch subjektive Eindrücke, Qualia, hinzu. Giulio Tononi entwickelte die Integrierte Informationstheorie, nach der Bewusstsein durch kausale Eigenschaften eines Systems bestimmt wird; die Version IIT 3.0 erschien 2014.

Die Neurowissenschaften untersuchen mentale Tätigkeit auf Grundlage physischer Vorgänge. Eine wichtige Grundannahme lautet: keine Veränderung mentaler Zustände ohne Veränderung des Gehirns. Sinnesphysiologie, kognitive Neurowissenschaft, Neuropsychologie und evolutionäre Biologie untersuchen verschiedene Seiten dieses Zusammenhangs. Bildgebende Verfahren haben Forschungsprogramme gefördert, die neuronale Prozesse geistiger Funktionen aufdecken wollen, doch die Forschung befindet sich laut Artikel noch am Anfang.

Die Informatik berührt das Thema durch die Automatisierung geistiger Arbeit und die Trennung von Hard- und Software. Die Church-Turing-These behauptet, dass Tätigkeiten der Informationsverarbeitung durch das Modell der universellen Maschine erfasst seien. Ob dadurch menschlicher Geist vollständig beschrieben werden kann, bleibt offen; besonders Empfindungsfähigkeit, Bewusstsein und subjektive Erscheinungsformen in Computern oder Robotern sind unbeantwortet.

Psychologie untersucht mentale Zustände direkt, etwa Freude, Furcht oder Zwangsvorstellungen, und sucht Gesetzmäßigkeiten zwischen mentalen Zuständen, Input und Output. Die Systemtheorie, besonders Gregory Bateson, versteht Geist nicht als Eigenschaft eines einzelnen Organs, sondern als Eigenschaft eines informationsverarbeitenden Systems. Das Global Consciousness Project sammelt seit 1998 Daten mit Zufallsgeneratoren und will damit ein „globales Bewusstsein“ belegen.

Freiheit und Selbst

Die Philosophie des Geistes hat Folgen für viele Themen, darunter Tod, Emotionen, Wahrnehmung, Gedächtnis, Personsein und Identität. Besonders wichtig sind die Fragen nach Freiheit und Selbst.

Die Frage nach Willensfreiheit wird schärfer, wenn man Materialismus und Determinismus annimmt. Dann wären auch Wollen und Handeln materielle Zustände, die vollständig durch Naturgesetze festgelegt sind. Daraus schließen manche, dass Menschen keine echten Handlungsalternativen haben und daher nicht frei sind.

Kompatibilisten widersprechen. Sie sagen, Freiheit bedeute nicht Unbestimmtheit, sondern Handeln nach bestem Wissen und Gewissen. In diesem Sinn könne Freiheit auch bestehen, wenn Determinismus wahr ist. David Hume gilt als wichtiger Kompatibilist; moderne Vertreter sind John M. Fischer und Daniel Dennett. Inkompatibilisten meinen dagegen, freier Wille und Determinismus widersprächen sich. Immanuel Kant wird gewöhnlich dem Inkompatibilismus zugeordnet. Umstritten ist, ob nichtdeterministische Physik diese Position stützen kann. Kritiker wenden ein: Wenn der Wille durch nichts determiniert ist, scheint er zufällig zu sein, und Zufall sei keine Freiheit. Verteidiger antworten, damit werde eine dritte Möglichkeit ausgeschlossen: selbstbestimmter Wille.

Auch der Begriff des Selbst verändert sich. Wenn „Selbst“ einen unveränderlichen Wesenskern meint, würden viele heutige Philosophen bestreiten, dass es so etwas gibt. Die christliche Vorstellung einer immateriellen Seele ist für viele materialistisch orientierte Philosophen nicht akzeptabel. Auch ein unveränderlicher materieller Kern, etwa in einem bestimmten Hirnareal, wirkt angesichts von Entwicklungspsychologie, Entwicklungsbiologie und Neurowissenschaft unplausibel.

Eine Minderheitenposition fordert, nicht mehr vom Selbst zu sprechen. Verbreiteter ist die Auffassung, das Selbst sei kein unveränderlicher Kern, sondern etwas, das sich ständig verändert. Daniel Dennett und Thomas Metzinger verstehen Selbst, Ich, Seele oder Bewusstsein als ein auf neuronaler Basis entstandenes Selbstmodell des Gehirns, das in der Auseinandersetzung mit der Umwelt gebildet wird. Eine andere Minderheitenposition, vertreten etwa von Manfred Frank im Anschluss an Dieter Henrich, versucht dagegen mit Argumenten der Selbstbewusstseinstheorie ein irreduzibles Selbst zu verteidigen.

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