Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Vedische Religion
Die vedische Religion ist die älteste in Schriftzeugnissen nachweisbare Religion Indiens. Sie baut auf den komplexen animistischen Traditionen der …
Inhalt5 Abschnitte
Wesen und Grundlagen
Die vedische Religion ist die älteste in Schriftzeugnissen nachweisbare Religion Indiens. Sie entstand aus komplexen animistischen Traditionen indoarischer Bevölkerungen Südasiens und der Oasenkulturen im südlichen Zentralasien. Ihre kennzeichnenden Merkmale sind Polytheismus, ein vielfältiges Pantheon und die starke Ausrichtung auf religiöse Opfer. Sie war vor allem in Indien verbreitet, wurde aber auch im heutigen Syrien und in der Türkei nachgewiesen, wo sie mit den Mittani beziehungsweise deren Oberschicht in Verbindung gebracht wird.
Die religiösen Texte sind in den Veden überliefert. Ihre Ursprünge liegen wahrscheinlich ab 1500 v. Chr. in mündlichen Traditionen. Die meisten Gottheiten sind männlich und werden in himmlische, atmosphärische und irdische Gruppen eingeteilt. Agni ist der Gott des Feuers und damit eine irdische Gottheit, Vayu der atmosphärische Windgott, Surya der Sonnengott. Auch Indra gehört zu den Himmelsgöttern. Er gilt als höchste Gottheit; die meisten Hymnen des Rigveda handeln von ihm. Weitere wichtige Gottheiten sind Soma, Agni, Varuna, Mitra, die Maruts, die Ashvins und Ushas, die Morgenröte.
Vishnu und Rudra gingen später in den Hinduismus über. Vishnu galt in der vedischen Religion als solare Gottheit, die mit dem Opferritual verbunden war. Rudra war eine dunkle Gottheit und ging später in den Shiva-Kult ein. Die vedische Religion ähnelt der hypothetischen (ur-)indogermanischen Religion besonders stark und weist Parallelen zur antiken griechischen, römischen und altnordischen Religion auf.
Vorstellungen von Tod und Ahnen
Die vedische Religion unterscheidet sich deutlich vom heutigen Hinduismus. Vorstellungen von Reinkarnation, Samsara und Nirwana gab es in ihr nicht. Stattdessen glaubte man an ein Leben nach dem Tod in Form von Geistern. Diese lebten hauptsächlich in einer oder mehreren Geisterwelten, in denen sich Verstorbene, andere Geistwesen und Götter aufhielten. In seltenen Fällen blieben Verstorbene als „ruhelose Geister“ in der physischen Welt.
Nach vedischen Traditionen können Geister und Götter aus der Geisterwelt Einfluss auf die physische Welt nehmen. Eine besonders wichtige Rolle spielte die Ahnenverehrung in Form eines ausgeprägten Ahnenkults. Spuren davon sind bis heute verbreitet und werden unter anderem im Śrāddha fortgeführt.
Mythologische Ordnung
Ein beherrschendes Thema der Veden ist die Schlacht zwischen den Göttern und den Dämonen, den Asuras. Sie steht symbolisch für Gegensätze wie Gut und Böse sowie Schöpfung und Zerstörung. Die vedische Mythologie ist insgesamt durch Dualismen geprägt: Götter und Dämonen, Gut und Böse, Himmel und Erde sowie männlich und weiblich. Das heroische Element zeigt sich besonders in der Mythologie des Indra.
Die Veden vermitteln ein ländliches Umfeld. Hinweise auf eine städtische Kultur fehlen. Daher gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass die vedische Religion Teil der Industal-Kultur war, die ungefähr von 2500 bis 1700 v. Chr. bestand.
Öffentliche Opfer und Shrauta-Rituale
Shrauta-Rituale waren halböffentliche und komplexe Rituale. Sie sollten die kreativen Kräfte der Natur aufrechterhalten. Ausgearbeitete Gesten sollten mit den Elementarkräften in Resonanz stehen, um den Kosmos zu rekreieren oder zu durchdringen. Im Mittelpunkt stand der Yajamana, der Opferpriester.
Priester des Rigveda und des Yajurveda führten koordinierte Rituale aus; bei Soma-Opfern war zusätzlich ein Vertreter des Samaveda beteiligt. Man rezitierte Mantras, also Textpassagen aus den Veden. Auf Feuerplätzen wurden unter anderem Milch, Ghee und Joghurt, Reis, Teile von Opfertieren und Soma geopfert. Soma wird besonders im neunten Liederkreis des Rigveda, Hymnus 67, erwähnt.
Der Vedi genannte Altar wurde in Ost-West-Richtung errichtet und mit heiligem Gras bedeckt. Um ihn herum lagen drei Feuerplätze: für Opfer an die Götter, für die verstorbenen Ahnen und für häusliche Opfer. Je nach Ritual wirkten ein bis siebzehn Priester mit. Agnihotra bezeichnete das morgendliche Opfern von Milch oder Reis in den drei Feuern. Darsapurnamasa war das Opfern von Milch und Getreide zu Neumond und Vollmond. Nirudhapasubandha bezeichnete Tieropfer.
Gesänge und Chanting waren für die Rituale wesentlich; Musikinstrumente wurden nur selten erwähnt. Beim Mahavrata-Ritual kamen die Erdtrommel bhumidundubhi und große hölzerne Kriegstrommeln, dundubhi, zum Einsatz.
Die Hauptgottheit der Opfer war Prajapati, der Herr der Geschöpfe. Er stand für Ganzheit und Vollständigkeit und repräsentierte daher das Jahr. Die Opfer waren an den Kalender, einzelne Tage und das ganze Jahr gebunden. Ein Opferpriester und seine Gattin mussten mindestens die täglichen Agnihotras und Darsapurnamasas durchführen. Hinzu kamen ein halbjährliches und ein jährliches Soma-Opfer sowie von den Jahreszeiten abhängige Vegetationsopfer. Die Priester sollten diese Opfer 30 Jahre lang ausführen, sofern sie nicht starben oder zu alt dafür wurden. Wegen ihres hohen Aufwands wurden Shrauta-Rituale wahrscheinlich vor allem von Königen und spezialisierten Brahmanen durchgeführt.
Häusliche Rituale und Fortleben
Weniger aufwendige häusliche Rituale hießen Grihya, abgeleitet von Griha („Haus“). Sie konnten von jedem Haushalt ausgeführt werden, erforderten weniger vedische Kenntnisse und verwendeten nur ein rituelles Feuer. Die Grihyasutras wurden nach dem Vorbild der Shrautasutras als Handbücher für solche Rituale verfasst. Die Rituale selbst gehen offenbar auf ältere Bräuche bis in die Zeit des Rigveda zurück, darunter einfache, individuell ausgeführte Schutz- und Wohlfahrtsrituale für die häusliche Gemeinschaft.
Vereinfacht lassen sich drei Grundformen unterscheiden: regelmäßige, an den Shrauta-Kalender angelehnte Opfer im häuslichen Feuer; meist 18 Samskaras, also Übergangs- und Lebensriten; sowie Rituale der Volkskultur, die in den Grihyasutras formalisiert wurden. Die einzelnen vedischen Schulen besaßen eigene Grihyasutras mit Bezügen zum Yajurveda, Samaveda oder Rigveda.
Die Tradition vedischer Rituale wurde bis ins 21. Jahrhundert überliefert und ist mindestens 3500 Jahre alt. Shrauta-Feuer werden heute von Abhitagnis und ihren Ehefrauen ausgeführt. Die meisten Shrauta-Spezialisten folgen der Familientradition des schwarzen Yajurveda als Apastamba-Subsekte des Taittiriya-Zweiges. Besonders verbreitet sind diese Rituale in Tamil Nadu und an der Küste Andhra Pradeshs. Sie werden meist aus Traditionsgründen aufrechterhalten; die meisten Abitagnis können die vedischen Schriften nicht lesen.
Weiter verbreitet als die Shrauta-Rituale ist die Rezitation vedischer Schriften. Rezitationstechniken und die Pädagogik der vedischen Schulen wurden über tausende Jahre weitergegeben. In Zentral- und Südindien gibt es weiterhin Schulen, die vor allem den Rigveda, den Samaveda und die Taittiriya-Samhitas lehren, auch wenn diese Schulen durch die Modernisierung Indiens zunehmend verschwinden.
Vedische Übergangsriten werden heute vor allem in der Brahmanen-Kaste praktiziert. Überliefert sind insbesondere Namensgebung, Initiation in die vedischen Schriften, Hochzeit und Tod. Die Initiation findet auch statt, wenn die betreffende Person niemals einen vedischen Text gelesen hat. Priester vieler Hindu-Tempel haben diese Zeremonien erlernt; teilweise wurden sie an die jeweilige Sekte angepasst. Das Opfer von Gaben im Feuer, Homa oder Yajna, ist weiterhin ein Element des Hinduismus. Die Veden beeinflussten spätere Werke und Richtungen des Hinduismus, darunter das Mahabharata, die Puranas, die Tantras und die als vedisch bezeichnete orthodoxe philosophische Literatur.
Die Kalasha im nördlichen Pakistan folgen einer animistischen Religion. Einige Historiker, darunter Michael Witzel, sehen darin ein Überbleibsel der vedischen Religion; andere bezeichnen sie als „antiken Hinduismus“.