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Römische Religion
Die Praktizierung der römischen Religion als verbindlichem Staatskult des Römischen Reiches endete im 4. Jahrhundert mit den kaiserlichen Toleranzedikten …
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Kern der römischen Religion
Die römische Religion war eine polytheistische Volks- und Stammesreligion, deren Geschichte bis in das frühe 1. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgt werden kann. Polytheistisch bedeutet: Es wurden viele Gottheiten verehrt. Anders als in einer Religion, in der vor allem der richtige Glaube zählt, war die römische Religion orthoprax: Entscheidend war, Rituale korrekt auszuführen. Das Grundprinzip lautete do ut des, also „Ich gebe, damit du gibst.“ Menschen brachten den Göttern Opfer, Gebete und Verehrung dar; im Gegenzug sollten die Götter Schutz, Hilfe und die Ordnung der Welt sichern.
Die römische Religion hatte kein geschlossenes Dogma, keine einheitliche Theologie und keine heilige Schrift im engeren Sinn. Wichtig waren überlieferte Bräuche, genaue Ritualanweisungen und die pax deorum, die friedliche Ordnung zwischen Göttern und Menschen. Religion war eng mit Alltag, Familie, Politik, Staat und öffentlichem Leben verbunden. Die Praktizierung als verbindlicher Staatskult endete im 4. Jahrhundert mit Toleranzedikten zugunsten des Christentums und den späteren Verboten nichtchristlicher Religionen außer dem Judentum im Jahr 380 bzw. 393. Nach heutiger Forschung gingen die letzten Reste erst im Verlauf des 6. Jahrhunderts fast überall zurück.
Götter, numen und religio
Ein zentraler Begriff war numen, seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. belegt. Er bezeichnete göttliches Wirken oder göttliche Kraft. Diese Kraft konnte sich in Lebewesen, Naturvorgängen, gesellschaftlichen Vorgängen und Handlungen zeigen. Deshalb gab es neben großen Göttern wie Jupiter oder Mars auch viele Funktionsgötter und Abstraktnumina, etwa aequitas („Gleichmaß“), concordia („Einigkeit“), honos („Ehre“), libertas („Freiheit“), mens („Geist“), salus („Heil“), spes („Hoffnung“) und virtus („Tugend“). Die frühen römischen Gottheiten waren oft weniger als menschenähnliche Gestalten gedacht als in der griechischen Religion.
Religio bedeutete vor allem die gewissenhafte Beachtung traditioneller kultischer Bräuche. Die mögliche Herleitung von religare („wieder vereinigen“) wurde besonders im christlichen Umfeld wichtig; in der älteren römischen Bedeutung stand eher religere, also sorgfältiges Beachten, im Vordergrund. Auch pietas bedeutete nicht einfach „Frömmigkeit“, sondern pflichtgemäßes Verhalten gegenüber Göttern und Menschen. Fides bezeichnete Treue und Glauben in einem Vertragsverhältnis. Diese Begriffe zeigen, dass römische Religion stark von Pflicht, Ordnung und Gegenseitigkeit geprägt war.
Religion im Alltag und im Haus
Für die Römer waren göttliche und menschliche Welt nicht grundsätzlich getrennt. Götter konnten in der Umwelt gegenwärtig sein: Jupiter war etwa als vergöttlichtes Gewitter erfahrbar. Neben großen Gottheiten gab es kleinere göttliche Mächte, die mit Bäumen, Bächen, Quellen oder Orten verbunden waren. Den Göttern sorgfältige Aufmerksamkeit zu schenken, gehörte zum Selbstverständnis der römischen Gesellschaft.
Im privaten Bereich spielten Herd, Hausschrein und Hausaltar eine wichtige Rolle. Ein Lararium war ein kleines Hausheiligtum. Dort wurden unter anderem die lares, penates und manes verehrt. Die lares schützten Haus und Wege, die penates unter anderem Vorräte, der genius stand besonders für die Schöpfer- und Zeugungskraft des Hausherrn, die iuno für Geburt, Ehe und Fürsorge. Zuständig für häusliche Riten war vor allem der pater familias, also der Hausherr. Sehr wichtig waren auch Totenkulte: Feste wie die parentalia stärkten die Verbindung zu verstorbenen Familienmitgliedern, während die lemuria auch mit der Abwehr von Totengeistern verbunden waren.
Rituale, Opfer und Wahrsagung
Die römische Religion war stark formalisiert. Schon kleine Fehler bei Ritualen konnten dazu führen, dass eine Handlung wiederholt werden musste, um göttlichen Zorn zu vermeiden. In der Kaiserzeit gab es allein für 45 Staatsfeste feste Daten. Zu den wichtigsten Kulthandlungen gehörten Tieropfer, Gebete, Prozessionen, Reinigungsrituale und die Deutung göttlicher Zeichen.
Beim Tieropfer wurden die Tiere nach genauen Kriterien ausgewählt, etwa nach Art, Geschlecht, Alter, Hautfarbe oder ob sie noch gesäugt wurden. Zweijährige Tiere galten als besonders geeignet. Das Tier wurde geschmückt, zum Altar geführt, der Opferherr verhüllte rituell den Kopf, sprach die vorgeschriebene Formel, bestrich das Tier mit mola salsa, also einer Mischung aus Salz und Schrot, und erst danach wurde es getötet. Die Eingeweide, besonders die Leber, wurden untersucht, um zu erkennen, ob das Opfer angenommen war.
Eine wichtige Rolle spielte die divinatio, also Wahrsagung oder Auslegung von Götterzeichen. Haruspices deuteten Eingeweide, vor allem Lebern; augures holten göttliche Zustimmung für geplante Vorhaben ein, etwa durch Vogelschau. Auch Blitzbeobachtung, Vorzeichen und ungewöhnliche Naturerscheinungen konnten als göttliche Willensäußerung gelten. Wichtige Staatshandlungen durften nur ex auspicato, also nach eingeholten Auspizien, stattfinden. Ob 228 v. Chr. und 216 v. Chr. in Rom Menschenopfer nach schweren Niederlagen gegen Karthago stattfanden, ist umstritten.
Öffentliche, private und fremde Kulte
Neben staatlichen Kulten, den sacra publica, gab es viele lokale, korporative und private Kulte, die sacra privata. Die Grenze zwischen beiden Bereichen war durchlässig. Öffentliche Religion wirkte integrierend, etwa durch den Kalender, Priesterämter und gemeinsame Staatsrituale. Mittelpunkt war das Capitolium in Rom mit der Trias Iuppiter Optimus Maximus, Iuno und Minerva. Priester wie pontifices, augures, flamines, vestales und andere Kollegien überwachten Rituale, Kalender, Festtage und Vorzeichen. Religion und Politik waren eng verbunden: Priester konnten über die Gültigkeit öffentlicher Beschlüsse mitentscheiden oder religiöse Fehler beanstanden.
Die Römer integrierten fremde Gottheiten häufig in ihre eigene Götterwelt, ein Vorgehen, das interpretatio Romana genannt wird. So konnten religiöse Spannungen im Reich oft begrenzt werden. Mit dem Prinzipat entstand zusätzlich der Kaiserkult. Julius Caesar wurde 42 v. Chr. als Divus Iulius unter die Staatsgötter aufgenommen, mit eigenem Priester und Tempel; Augustus wurde nach seinem Tod ebenfalls zum Divus erhoben. Der Kaiserkult wurde im Reich zu einem Loyalitätsakt gegenüber dem Herrscher und führte zu Konflikten mit Juden und Christen, weil diese monotheistischen Religionen den Kaiserkult ablehnten.
Praktiken, die als übertrieben oder falsch galten, wurden als superstitio bezeichnet. Dazu zählte aus altrömischer Sicht ein verfehlter Kult; auch das Christentum wurde zeitweise so eingeordnet. Die Bacchanalien wurden Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr. im Zusammenhang mit dem Bacchanalienskandal verboten.
Historische Entwicklung und Ende
In der Frühzeit und Monarchie, also vom 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr., lagen die Ursprünge der römischen Religion in bäuerlichen Vegetationskulten. Viele Rituale dienten dem Schutz von Häusern, Feldern, Vieh und Ernte. Mars war anfangs nicht nur Kriegsgott, sondern auch mit Fruchtbarkeit, Vieh und Ernte verbunden. Mit Iuppiter und Quirinus bildete er eine frühe religiöse Dreiheit. In der frühen Republik gewann die Religion unter etruskischem Einfluss städtischen Charakter. Die ältere Trias Mars-Iuppiter-Quirinus wurde durch Iuppiter-Iuno-Minerva abgelöst; Iuppiter Optimus Maximus wurde Roms Schutzgottheit. Griechische Einflüsse führten dazu, dass römische Gottheiten griechischen gleichgesetzt wurden, etwa Iuppiter mit Zeus, Iuno mit Hera und Minerva mit Athene.
Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. kamen mit Roms Ausdehnung ins östliche Mittelmeer orientalische und hellenistische Kulte nach Rom. Die kleinasiatische Kybele wurde ab 204 v. Chr. als Magna Mater verehrt. Mysterien- und Heilkulte wurden beliebt, weil sie persönliche Beziehung zur Gottheit und individuelle Erlösung versprachen. Augustus versuchte später, traditionelle Kulte zu erneuern, Priesterkollegien zu stärken, Tempel zu bauen und neue numina wie pax, felicitas, iustitia, providentia und securitas zu fördern.
In der hohen Kaiserzeit verbreiteten sich synkretistische Heilsbewegungen, Isis- und Serapiskult, die Verehrung des Apollonios von Tyana sowie Sonderkulte im Heer, besonders der Mithraskult. Kaiser Aurelian erhob 274 n. Chr. Sol invictus, den unbesiegten Sonnengott, zum obersten Reichsgott. Gleichzeitig wuchs das Christentum stark. Unter Diokletian kam es ab 303 n. Chr. zur letzten großen Christenverfolgung. Das Toleranzedikt des Galerius 311 n. Chr. und die Mailänder Vereinbarung 313 n. Chr. erlaubten freie Religionsausübung. Theodosius I. erklärte 380 n. Chr. das trinitarische Christentum faktisch zur Staatsreligion und verbot 391/392 n. Chr. heidnische Kulte. Trotzdem hielten sich Reste lange: Der Isis-Tempel von Philae wurde 536 n. Chr. geschlossen; noch im 6. Jahrhundert gab es Berichte über heidnische Praktiken, etwa auf Sardinien und im Raum Trier.