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Vaterunser
Das Vaterunser oder Unservater (lateinisch Pater noster oder Oratio Dominica, deutsch Gebet des Herrn oder Herrengebet) ist das Gebet, das Jesus von Nazaret …
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Bedeutung und biblische Fassungen
Das Vaterunser, auch Unservater, lateinisch Pater noster oder Oratio Dominica, deutsch Gebet des Herrn oder Herrengebet, ist nach dem Neuen Testament das Gebet, das Jesus von Nazaret seine Nachfolger gelehrt hat. Es gehört zu den bekanntesten Texten der Bibel und des Christentums. Die Fassung Mt 6,9–13 wird in den meisten christlichen Konfessionen gebetet, auch im Gottesdienst. Zusammen mit den Zehn Geboten und dem Credo zählt es zum Grundwissen des Christen.
Das Neue Testament überliefert zwei Fassungen: eine im Evangelium nach Matthäus und eine im Evangelium nach Lukas. Beide beginnen mit der Anrede Gottes und bitten um die Heiligung seines Namens und das Kommen seines Reiches. Die Matthäusfassung ist länger: Sie redet Gott als „Unser Vater in den Himmeln“ an, enthält zusätzlich die Bitte „Dein Wille geschehe wie im Himmel auch auf Erden“, bittet um Errettung „von dem Bösen“ und endet in späterer liturgischer Überlieferung mit der Doxologie: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Bei Lukas lautet die Anrede nur „Vater“; außerdem fehlen die Willensbitte, die Bitte um Errettung vom Bösen und die Doxologie.
Die Unterschiede zeigen, dass das Gebet im frühen Christentum eher inhaltlich weitergegeben als in einem streng festgelegten Wortlaut bewahrt wurde. Die kürzere Lukasfassung gilt eher als älter; die Matthäusfassung wurde wahrscheinlich ergänzt. Die Doxologie am Matthäusschluss fehlt bei Lukas und in den ältesten Matthäushandschriften. Sie wurde wohl später für den gottesdienstlichen Gebrauch ergänzt.
Aufbau und Sinn der Bitten
Beide Fassungen haben dieselbe Grundstruktur: zuerst die Anrede Gottes, dann Bitten. Die ersten Bitten richten sich auf Gottes Anliegen: Gottes Name soll geheiligt werden, sein Reich soll kommen, nach Matthäus soll auch sein Wille geschehen. Diese Bitten sind als Wünsche im Imperativ formuliert. Damit stellen die Betenden ihre eigenen Bedürfnisse zunächst unter Gottes Ziele.
Danach folgen die Wir-Bitten. Sie betreffen materielle und geistliche Anliegen: Nahrung beziehungsweise Erhaltung des Lebens, Vergebung und Bewahrung vor Versuchung. Die Bitte um Brot steht vor den geistlichen Bitten, doch Vergebung und Versuchung werden ausführlicher behandelt.
Eine besondere Rolle hat die Vergebungsbitte. Sie verbindet Gottes Vergebung mit dem Verhalten der Betenden gegenüber anderen Menschen: „wie auch wir …“. Bei Matthäus steht sinngemäß „wie auch wir vergeben haben“, bei Lukas „wie auch wir vergeben“. Damit beteuern die Betenden, anderen Menschen ebenfalls zu vergeben oder Schulden zu erlassen. Die Nachahmung Gottes wird so zum Teil der Nachfolge Jesu.
Das Vaterunser wurde von Anfang an als Gemeinschaftsgebet verstanden, was die Wir-Form zeigt. Es musste auswendig gelernt werden. Die Lukasfassung enthält fünf Bitten und konnte vermutlich an den Fingern einer Hand abgezählt werden. Die Matthäusfassung enthält sechs oder sieben Bitten, je nachdem ob „sondern erlöse uns von dem Bösen“ als Teil der sechsten oder als eigene siebte Bitte gezählt wird.
Entstehung und jüdische Wurzeln
Matthäus und Lukas überliefern das Vaterunser in Texten, die nach historisch-kritischer Forschung zur hypothetischen Logienquelle Q gehören. Diese Quelle wird in der Zweiquellentheorie als zweite schriftliche Vorlage von Matthäus und Lukas neben dem Markusevangelium angenommen. Da die Logienquelle vor allem Rede Jesu enthält und ältere Überlieferung bewahrt, führt die Forschung einen Kern des Vaterunsers, der der älteren Lukasfassung nahekommt, auf Jesus selbst zurück.
Das griechische Wort epiousion in der Brotbitte kommt im Neuen Testament nur hier vor; ein solches einmaliges Wort nennt man Hapax legomenon. Es könnte das aramäische machar, also „morgen“ oder „morgig“, wiedergeben und die nötige Nahrung für den kommenden Tag meinen. Das verweist auf eine aramäische Urfassung, da Jesus Aramäisch sprach.
Das Vaterunser knüpft stark an jüdische Gebetstraditionen an. Zu seinen Aussagen gibt es jüdische Vorbilder und Parallelen. Anders als jüdische Gebete, die auf Hebräisch gesprochen und gelehrt wurden, lehrte Jesus das Vaterunser auf Aramäisch, der damaligen Alltagssprache einfacher Juden. Besonders auffällig ist die Anrede Gottes als „Vater“, aramäisch Abba. Die Vatermetapher für JHWH ist im Tanach selten und meint vor allem Gottes fürsorgliches Erbarmen.
Die Bitte „Geheiligt werde Dein Name“ entspricht der ersten Bitte des Kaddisch: „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name in der Welt“. Auch „Dein Reich komme“ hat jüdische Parallelen, etwa im Kaddisch und im Achtzehnbittengebet. Die Bitte „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ knüpft an die biblische Vorstellung an, dass Gottes Wille im Himmel bereits gilt und auf Erden erfüllt werden soll. Die Vergebungsbitte verbindet Gottes väterliche Barmherzigkeit mit der Bereitschaft der Menschen, selbst zu vergeben.
Übersetzungen und strittige Formulierungen
Das Vaterunser wurde vielfach übersetzt. In der lateinischen Vulgata, die um 380 entstand, lautet die Anrede „Pater noster qui es in caelis“. Hieronymus übersetzte epiousion in Lk 11,3 mit cotidianum, „täglich“, in Mt 6,11 dagegen mit supersubstantialem, „übernatürlich“. Dadurch konnte das Brot als nichtmaterielle Nahrung gedeutet werden. Die römisch-katholische Kirche verwendet in ihrer lateinischen Matthäusversion jedoch bis heute cotidianum.
Die Lutherbibel von 1545 wurde mehrfach revidiert, zuletzt 2017. Ihre Fassung von Mt 6,9–13 enthält die bekannte Form: „Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Die Doxologie steht in eckigen Klammern. Martin Luther verstand das „Brot“ im Kleinen Katechismus von 1529 umfassend als „alles, was not tut für Leib und Leben“.
Das ökumenische Vaterunser der Arbeitsgemeinschaft für liturgische Texte von 1968 stimmt bis auf die Anrede „Vater unser“ weitgehend mit der Lutherbibel von 1984 überein. Auch die revidierte Einheitsübersetzung von 2016 steht dieser Fassung nahe.
Einige Formulierungen sind umstritten. Mt 6,9 spricht im Griechischen von „Himmeln“ im Plural, was auf das hebräische Schamajim zurückgeht. Manche Übersetzungen unterscheiden deshalb Singular und Plural, andere verwenden beide Male den Singular. Die Vergebungsbitte wird meist im Präsens wiedergegeben: „wie auch wir vergeben“, obwohl Matthäus eher „vergeben haben“ nahelegt. Auch „Und führe uns nicht in Versuchung“ wurde in mehreren Ländern geändert oder anders verstanden, weil nicht Gott, sondern Satan in Versuchung führe. In Deutschland lehnten die katholische Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland eine Änderung ab, um den griechischen Text und den einheitlichen deutschen Gebetstext zu bewahren.
Gebrauch im Gottesdienst
Das Vaterunser bekam früh einen festen Platz im christlichen Gottesdienst. Nach der Didache sollten Christen es auch privat dreimal täglich beten. Seit Ambrosius von Mailand wurde es in der Liturgie nach dem Canon Missae und vor der Kommunion gebetet. Im römischen Ritus blieb es bis 1965 weitgehend ein Priestergebet, während im orientalischen und gallikanischen Ritus immer die ganze Gemeinde sang.
In der römisch-katholischen Messe gehört das Vaterunser heute fest zum Ablauf: Es folgt auf das eucharistische Hochgebet; danach kommen Friedensgruß und Agnus Dei. Die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil führte ab 1969 verbindlich ein, dass die Gemeinde viele Teile der Messe, darunter das Vaterunser, in der Landessprache mitsprechen oder mitsingen kann. Das Gebet gehört außerdem zu Taufe, Firmung, Krankensalbung, Krankenkommunion, Eheschließung, Begräbnis, Wort-Gottes-Feiern, Andachten und zum Rosenkranz.
In orthodoxen Kirchen gehört das Vaterunser im byzantinischen Ritus zur Vorbereitung auf die Eucharistie. Die Gemeinde singt es stehend; in Teilen der Orthodoxie spricht der Priester es allein. In evangelischen Kirchen hat es ebenfalls feste Plätze. In lutherischen Gottesdiensten schließt es gewöhnlich das Fürbittengebet ab; im Abendmahlsgottesdienst steht es im Zusammenhang mit der Feier des Abendmahls. Die Brüderbewegung lehnt das Beten des Vaterunsers dagegen ab, weil sie es als vorösterliches Gebet an Jesu Jünger und nicht als Gebet der späteren Gemeinde versteht.
Kunst, Musik und Rezeption
Das Vaterunser wurde breit rezipiert, also in Literatur, Kunst und Musik aufgenommen und neu gestaltet. Seit Tertullian, dem ersten lateinischen Kirchenschriftsteller, entstanden zahlreiche Auslegungen. Ab dem 15. Jahrhundert gab es auch gedichtete oder gesungene Parodien des Vaterunsers zu Personen, politischen Ereignissen oder gesellschaftlichen Gruppen. Solche Texte konnten spöttisch, kritisch oder klagend sein.
In der bildenden Kunst wurden seit dem Mittelalter die sieben Bitten des Vaterunsers häufig in sogenannten Septenaren dargestellt. Diese Bildordnungen verbanden das Vaterunser mit anderen Siebenerreihen, etwa Seligpreisungen, Gaben des Heiligen Geistes, Tugenden und Lastern. Sie dienten als Lern-, Predigt- und Unterrichtshilfen. Später deuteten Künstler wie Lucas Cranach der Jüngere das Vaterunser mit neutestamentlichen Beispielen aus dem Leben Jesu. Im 20. Jahrhundert stellte Max Pechstein 1921 das Vaterunser in expressionistischen Holzdrucken mit sozialkritischem Gegenwartsbezug dar.
Auch in der Musik wurde das Vaterunser vielfach vertont. Es gibt Chorwerke und Werke mit Instrumenten von Komponisten wie Josquin Desprez, Giovanni Pierluigi da Palestrina, Heinrich Schütz, Johann Sebastian Bach, Franz Liszt, Giuseppe Verdi, Igor Strawinsky und Pēteris Vasks. Für Orgel entstanden Bearbeitungen zu Luthers Vaterunserlied, unter anderem von Samuel Scheidt, Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy. In der Popularmusik gibt es englische, deutsche, Rock-, Pop-, Techno- und Punkrock-Versionen, etwa von Albert Hay Malotte, Cliff Richard, Prince, E Nomine und Die Toten Hosen.
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