Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).
Das Vaterunser erklärt: Die Bitte, die fast alle falsch verstehen
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 168 Zeilen
- Milliarden Menschen sprechen diesen Text, viele davon jeden Tag. Fast niemand fragt sich dabei, warum seine Bitten ausgerechnet in dieser Abfolge
- stehen. Sprich die ersten drei im Kopf mit. Dein Name, dein Reich, dein Wille. Dreimal wird derselbe Angesprochene zum Thema gemacht und in keiner dieser
- Zeilen bekommst du etwas. Dann dreht sich die Blickrichtung. Unser Brot, unsere Schuld. Führe uns, erlöse uns. Ab jetzt bist du der Gegenstand und das
- über vier Bitten hinweg. Oben drei, unten vier. Wer diese Aufteilung einmal gesehen hat, kann sie nicht mehr übersehen.
- Das Gebet ist dann keine Wunschliste, bei der man die Punkte auch anders sortieren könnte. Es hat eine Laufrichtung und der Ausgangspunkt bist
- nicht du. Da hier nichts zufällig steht, lässt sich überprüfen, ohne eine Zeile griechisch, denn das Gebet ist uns
- doppelt überliefert in zwei Evangelien, in zwei unterschiedlichen Längen. Die eine Version ist merklich knapper. Sie streicht ganze Bitten, aber sie stellt
- keine einzige um. Wir arbeiten uns bitte für bitte durch und jedes Mal stellen wir dieselbe Frage. Was hat diese Zeile an genau dieser Position zu suchen?
- Am Ende landen wir in einer Nacht auf einem Grundstück am Ölberg, in der Jesus selbst betet, frei formuliert und dort begegnen dir zwei Bitten wieder.
- Beginnen wir aber mit dem, was unmittelbar davor steht. Denn das Gebet fällt nicht vom Himmel. Es ist eine Reaktion.
- Matthäus 6, Vers 7, warnt davor, beim Beten Worte aneinander zu reihen, wie die Heiden, die sich von der Menge ihrer Worte die Erhörung versprechen.
- Einsatz gegen die Masse, also gegen den Gedanken, ein Gebetgewinne an Kraft, je häufiger man es wiederholt. Der Vers danach entzieht dem Beten noch
- eine weitere Stütze. In 68 heißt es sinngemäß, dass der Vater deinen Bedarf schon kennt, bevor du ihn ausgesprochen hast.
- Wenn das zutrifft, überbringt ein Gebet keine Nachricht. Gott erfährt hier nichts, was er noch nicht wusste. Damit ist der Grund entfallen, aus dem die
- meisten Menschen überhaupt beten. Und genau dort, wo man erwarten würde, dass die Frage offen bleibt, wozu man dann noch bittet, folgt die Anweisung. So,
- also sollt ihr betrichen, der Informationszweck gestrichen. Übrig bleibt eine Ordnung. Der zweite Bericht
- schärft noch. In Lukas 11:1 beobachten die Jünger ihn beim Beten und erst im Anschluss bitten sie ihn, es ihnen beizubringen.
- Sie wollen keine Formeln, die funktionieren. Sie haben etwas gesehen, das ihnen fremd war und möchten verstehen, wie es geht.
- Die Antwort fällt so knapp aus, dass ein Kind sie behalten kann. Das hat einen Grund. Was du auswendig kannst, steht dir auch dann noch zur Verfügung, wenn
- dir selbst keine Worte mehr einfallen. Bevor die erste Bitte kommt, steht allerdings noch die Anrede und die trifft bereits zwei Entscheidungen.
- Matthäus, Vers 9 setzt ein mit: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. bleib beim ersten Wort hängen. Es heißt nicht
- mein. Du kannst diesen Text allein in einem dunklen Zimmer sprechen und trotzdem steht er im Plural. Von der ersten bis zur letzten Zeile taucht
- keine einzige Ichform auf. Kein mir, kein mein. Wer so betet, betet als Teil von etwas Größerem. Der zweite Teil der Anrede zieht dann eine Grenze im Himmel.
- Vater und Himmel stehen direkt nebeneinander und ziehen doch auseinander. Das eine ist Vertrautheit, das andere ist Distanz.
- Das eine erlaubt dir zu sprechen. Das andere erinnert dich daran, mit wem du sprichst. Entferne eines der beiden und der Text verliert sein Gleichgewicht.
- Streicht man den Vater, bleibt ein förmliches Gesuch übrig. Streicht man den Himmel, wird daraus ein Gespräch auf Augenhöhe. indem man demen gute
- Ratschläge zur Führung der Welt erteilt. Die Abfolge startet also nicht mit einem Anliegen, sondern mit einer Klärung der Verhältnisse.
- Alles weitere baut darauf auf. Nun zur Bitte und sie ist zugleich die sperrigste. Geheiligt werde dein Name. Deutsche
- Ohren hören darin eine Aufforderung zu mehr Ehrfurcht. Darum geht es nicht. Entscheidend ist die grammatische Form und die überliest fast jeder. Der Satz
- steht im Passiv und es fehlt die Angabe, wer hier tätig werden soll. Nicht heilige deinen Namen. Auch nicht wir werden deinen Namen heiligen, sondern er
- werde geheiligt. In der Auslegung besteht weitgehende Einigkeit, dass diese Konstruktion die Zuständigkeit bei Gott belässt.
- Gebeten wird, dass Gott seinem eigenen Namen in der Welt Geltung verschafft. Der Betende macht sich nicht zum Ausführenden.
- Ein ungewöhnlicher Einstieg. Die erste Bitte beschreibt eine Aufgabe, die dir nicht übertragen wird. Name meint dabei nicht die Schreibweise, sondern das
- Ansehen, das jemand genießt. Hekiel 36, Vers 23, verhandelt genau das. Gott kündigt dort an seinen großen
- Namen, den die Völker in Verruf gebracht haben, selbst wieder zu Ehren zu bringen. Die Initiative liegt nicht bei den Menschen. Übrigens war diese Bitte
- nicht neu, als Jesus sie formulierte. Das Kadisch, ein jüdisches Gebet, setzt auf Aramäisch mit einer Zeile ein, die man ungefähr so wiedergibt: Erhoben und
- geheiligt werde sein großer Name. Anschließend folgt dort die Bitte um die Aufrichtung seiner Herrschaft. Erst der Name, dann das Reich. Zwei Schritte in
- derselben Reihenfolge. An dieser Stelle ist Zurückhaltung nötig. Und ich sage das ausdrücklich. Welche Fassung dieses Gebets wie weit
- zurückreicht, ist umstritten. Eine saubere Abhängigkeit lästt sich daraus nicht konstruieren. Unstrittig ist etwas anderes. Jesus
- formuliert nicht gegen die Gebetstradition seines Volkes, sondern innerhalb davon. Wer hier eine völlige Neuerfindung vermutet, kennt die älteren
- Texte nicht. womit wir bei der zweiten Bitte wären, der politischsten des ganzen Gebets. Dein Reich komme. Was Luther mit Reich
- wiedergibt, bezeichnet weniger ein Territorium als eine Regierungsgewalt. Nicht das Land, in dem ein König residiert, sondern der Raum, in dem sein
- Wort Gewicht hat. Und nun vergegenwärtige dir die Umstände der ersten Aussprache. Ein besetztes Land. Menschen, denen
- täglich vor Augen stand, wessen Anordnungen dort tatsächlich befolgt wurden. Diese Bitte erklärt also, zurückhaltend verpackt, die bestehende
- Machtordnung für vorläufig. Und erneut fällt ein Wort auf, das dich aus der Verantwortung nimmt: Komme. Nicht, wir richten es auf. Nicht hilf uns beim
- Aufbau. Es kommt von außen auf dich zu. Grammatisch stehen die ersten beiden Bitten damit gleich. Beide erbitten etwas, das der Betende nicht
- herbeiführen kann. Die Dritte gibt dem Ganzen einen Schauplatz. Dein Wille geschehe, so auf Erden. Auch das ist keine
- Selbstverpflichtung, Gottes Willen auszuführen. Es ist die Bitte, dass er sich durchsetzt. Manche Ausleger beziehen den Zusatz wie im Himmel, so
- auf Erden, nicht nur auf diese Zeile, sondern auf alle drei. Ergibt Sinn. Name, Herrschaft und Wille sollen unten dieselbe Geltung bekommen, die sie oben
- längst haben. Dreimal dein dreimal etwas, das über deinen Terminkalender weit hinausreicht. Dann mitten im Text wechselt der Ton:
- "Unser tägliches Brot gib uns heute." Hier verlangt zum ersten Mal jemand etwas für sich selbst. Bisher wurde beschrieben, was werden soll. Jetzt wird
- gefordert. Dass dieser Umschwung ausgerechnet an dieser Stelle liegt, ist die eigentliche Botschaft des Aufbaus. An anderer Stelle
- wird dasselbe noch einmal gesagt, ganz ohne Bildsprache. Bleib in derselben Predigt. Ein paar Absätze weiter in Matthäus3
- lautet: "Die Anweisung zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit zu suchen." Das Übrige komme dann hinzu. Zuerst ein Wort, das nichts anderes als
- Reihenfolge bedeutet, gesprochen in derselben Rede. Und das Übrige ist alles andere als Waage. Die Verse unmittelbar davor handeln von Essen, Trinken und
- Kleidung. Also exakt von dem, was die vierte Bitte anspricht. Gebet und Predigtsatz ordnen dieselben Dinge identisch an. Erst das Reich, dann das
- Brot. Achte darauf, was diese Ordnung nicht behauptet. Sie erklärt dein Brot nicht für nebensächlich. Es steht im Text, Jesus hätte darauf verzichten
- können und hat es nicht getan. Bestimmt wird lediglich der Platz. Über dieses Brot muß man ausführlicher reden, denn an einem einzigen Wort haben
- sich Generationen von Gelehrten abgearbeitet. Der griechische Ausdruck, den Luther mit täglich wiedergibt, ist in der übrigen
- griechischen Literatur so gut wie nicht nachweisbar. Er begegnet uns in dieser Bitte und sonst praktisch nirgends.
- Bereits Originis stellt fest, dass die griechischen Autoren dieses Wort nicht verwenden und vermutet eine Neubildung der Evangelisten, weil ihnen offenbar
- kein vorhandener Begriff ausreichte. Wie ratlos man war, zeigt die lateinische Bibel. Ein und derselbe Übersetzer entscheidet sich bei Matthäus
- für überwesentlich und bei Lukas für täglich. Zwei Lösungen für ein Wort innerhalb einer einzigen Bibelausgabe. Im Kern
- bleiben zwei Deutungen. Entweder ist gemeint, was zum Leben nötig ist, der Bedarf oder das Brot für den nächsten Tag, die Ration von heute für morgen.
- Und beide Deutungen haben eine Gemeinsamkeit, auf die es ankommt. Es geht um eine Tagesration, nicht um Rücklagen. Dazu passt das unscheinbare
- Wort am Schluss. Heute Lukas verstärkt es sogar zu Tag für Tag. Gebeten wird jeden Morgen neu, nicht einmal jährlich im voraus. Wer die Schrift kennt, hört
- hier einen älteren Textmitling in 2 Mose 16 erhält ein Volk in der Wüste jeden Morgen Nahrung, verbunden mit einer Vorschrift. Gesammelt werden
- darf nur der Tagesbedarf. Wer mehr hortete, fand am folgenden Morgen Maden darin. Lediglich vor dem Ruhetag galt eine Ausnahme. 40zig Jahre
- lang wurde dieses Volk satt und besaß dennoch zu keinem Zeitpunkt einen Vorrat. Die Abhängigkeit blieb Tag für Tag.
- In genau diese Lage stellt dich die Bitte und dieselbe Predigt zieht wenige Verse später die Konsequenz daraus. In 64 heißt es sinngemäß:
- "Sorgt euch nicht um morgen. Der morgige Tag bringt seine eigenen Angelegenheiten mit. Damit wäre die erste der vier Ich bitten abgehandelt und sie war die
- bequemste. Die nächste verlangt etwas und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."
- Luther wählt Schuld und das trifft es genauer als es zunächst wirkt. Der griechische Begriff stammt aus der Buchhaltung. Er benennt eine offene
- Forderung, einen nicht beglichenen Posten. Sünde erscheint hier nicht als Empfindung, sondern als etwas, das noch
- aussteht. Lukas formuliert milder und spricht zunächst von Sünden. Doch beachte, wie sein Satz endet, denn auch wir erlassen jedem, der bei uns in der
- Schuld steht. Auch dort taucht am Schluss der Schuldner auf. Die kaufmännische Sprache läßt sich nicht wegübersetzen. Sie gehört zum Bild und
- jetzt jener Nebensatz, an dem die meisten hängen bleiben. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Es ist die einzige Stelle im ganzen
- Gebet an der Betende etwas über sich selbst behauptet. Überall sonst bittet er. Hier legt er offen. Abschwächen läst sich der Satz nicht ohne ihn zu
- zerstören. Falsch verstehen lässt er sich dagegen mühelos und das geschieht ständig. Die falsche Lesart lautet: "Vergib mir in dem Umfang, in dem ich
- anderen vergebe. Ein Tauschgeschäft, bei dem du in Vorleistung gehst. Der Aufbau widerspricht dem, wer bis hierher gelangt ist, hat drei Bitten hinter
- sich, in denen es ausschließlich um Gott ging und eine, in der er sich beschenken ließ. Er steht längst auf der Empfängerseite.
- Unbequem bleibt der Satz trotzdem. Und das soll er auch, denn hier geschieht etwas, das an keiner anderen Stelle geschieht. Nach dem Schlusswort des
- Gebets schweigt Jesus nicht. Er schiebt eine Erläuterung nach und die bezieht sich weder auf den Namen, noch auf das Reich, noch auf das Brot, sondern
- ausschließlich auf diese eine Bitte. 61 hält fest: "Wer den Menschen ihre Verfehlungen erläßt, dem wird auch der Vater im Himmel erlassen." Und 615
- liefert die Gegenprobe: "Wer den Menschen nicht erläst, dem wird auch der Vater nicht erlassen." Sieben bitten und nur eine einzige bekommt einen
- Kommentar. Es ist diese, wo der Nerv dieses Gebets liegt, muß also niemand erraten. Der Text markiert die Stelle selbst.
- Auch hier trägt die Position Bedeutung. Die Bitte folgt auf das Brot. Sie geht ihm nicht voraus. Ein Mensch kann satt sein und dennoch in zerbrochenen
- Beziehungen leben. Essen behebt [räuspern] das nicht. Es ist ein eigenständiger Mangel und bekommt deshalb eine eigenständige Bitte.
- Zwei bitten bleiben und mit ihnen richtet sich der Blick erstmals nach vorn und führe uns nicht in Versuchung. An diesem Satz arbeiten sich Übersetzer
- bis heute ab und wir umgehen ihn nicht. Der griechische Begriff deckt zwei Bedeutungen ab: Versuchung und Prüfung. Gemeint ist eine Situation, in der sich
- zeigt, woraus ein Mensch tatsächlich besteht. Das kann ein Reiz sein. Es kann ebenso eine Notlage sein. Und die Spannung
- liegt offen im Text. Jakobus 113 stellt ausdrücklich klar, dass Gott niemanden zum Bösen verführt. Wenn das gilt, wozu dann die Bitte, er
- möge es unterlassen? Darüber ist in mehreren Sprachräumen jahrelang diskutiert worden und einzelne Kirchen haben ihre liturgische Fassung
- daraufhin verändert. Eine Auflösung liefere ich dir hier nicht. Unstrittig ist dagegen dies. Die Bitte verlangt keine Erklärung.
- Sie will schlicht, dass die Lage gar nicht erst eintritt. Damit ist sie die nüchternste Zeile des Gebets. Sie unterstellt dir keine Stärke. Sie
- kalkuliert dein Scheitern ein und bittet darum, dass es dazu nicht kommt. Merkt ihr diese Bitte? Wir begegnen ihr am Schluss noch einmal in einer Nacht, in
- der jemand sie seinen Freunden zuruft, während ihm selbst die Prüfung unmittelbar bevorsteht. Und schließlich die letzte, sondern
- erlöse uns von dem Bösen. Das Verbt ein Heraushen. Jemand wird aus einer Lage befreit, in der er festsitzt.
- Ob damit das Böse als Sache oder der Böse als Person gemeint ist, lässt das Griechische offen. Die Form erlaubt beides und die Ausleger sind geteilter
- Meinung. Luther entscheidet sich für die eine Variante, andere Übersetzungen für die andere. Der Text gibt beides her und ich werde hier nicht eindeutiger sein,
- als er es ist. Für unsere Frage zählt vor allem die Position ganz am Schluss. Das Gebet endet nicht in einer wohl Stimmung. Es endet mit der Feststellung,
- dass es etwas gibt, aus dem man herausgeholt werden muss. Und jetzt betrachte die vier unteren Bitten im Zusammenhang.
- Sie ordnen sich auf einer Zeitachse an. Das Brot betrifft den heutigen Tag. Die Schuld stammt aus dem hinter dir liegt. Versuchung und Böses liegen vor dir.
- Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft. Diese Beobachtung ist nicht neu und leicht zu überprüfen. Du musst die vier Zeilen bloß nebeneinander legen. In vier
- Sätzen ist damit ein Mensch über seine gesamte Lebenszeit hinweg erfasst, ohne ein überflüssiges Wort. Und nun kommt die Probe, wegen der dieses Video seinen
- Titel trägt. Bis hierhin könnte alles Deutung sein. In einer Reihenfolge lässt sich vieles hineinlesen, wenn man es darauf anlegt. Deshalb prüfen wir sie
- dort, wo eine Prüfung möglich ist. Das Gebet steht zweimal in der Bibel. Einmal bei Matthäus innerhalb der Bergpredigt, einmal bei Lukas. Andere Situation,
- anderer Ort, ausgelöst durch eine Frage. Und die Fassungen sind unterschiedlich lang. Lukas bringt weniger. Bei ihm fehlt der
- Zusatz im Himmel. Es fehlt die dritte Bitte um den Willen und es fehlt die Schlussbitte um Erlösung vom Bösen. Wenn zwei Aufzählungen verschieden lang
- ausfallen, ist die kürzere in aller Regel durcheinander geraten oder hat ausgewählt. So verhält es sich normalerweise bei mündlicher Weitergabe.
- Hier läuft es anders. Bei Lukas heißt es: "Vater, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme." Anschließend die Bitte uns tag für Tag das nötige Brot zu
- geben. Danach die Bitte um Vergebung der Sünden mit der Begründung, dass auch wir jedem erlassen, der bei uns in der Schuld steht und zuletzt die Bitte nicht
- in Versuchung geführt zu werden. Name, Reich, Brot, Schuld, Versuchung. Halte das Neben, Matthäus und du erkennst dieselbe Kette, nur mit Auslassungen.
- Keine einzige Bitte hat den Platz gewechselt. gekürzt wurde, also verrutscht ist dabei nichts. Das Brot bleibt hinter dem Reich, die Schuld
- hinter dem Brot, die Versuchung am Ende. Und dort, wo Lukas streicht, entfällt nie der erste, sondern immer der zweite Teil einer Einheit. Bei der Anrede
- verschwindet der Himmel, nicht der Vater. Bei den du bitten, die dritte, nicht die erste. Am Schluss das Böse, nicht die Versuchung.
- So kürzt jemand, der an den Enden ansetzt und die Struktur unangetastet läßt. Eine faire Anmerkung gehört dazu, wie die beiden Fassungen historisch
- zusammenhängen, beurteilen Fachleute unterschiedlich. Diese Frage ist offen. An unserem Befund ändert das nichts. Zwei Evangelien, zwei
- Längen, eine Abfolge. Was konstant bleibt, während die Länge variiert, ist nicht der beliebige Teil. Bevor wir zum Schluss kommen, ist noch
- ein Satz fällig. Der, den viele am Ende mitsprechen und der bei Matthäus in Klammern erscheint. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
- in Ewigkeit. Amen. Schlägst du eine Luther Bibel auf, findest du ihn bei Vers 13 in eckigen Klammern. Die sind kein Satzfehler,
- sondern eine Information. Sie teilen dir mit. In den ältesten Matthäushandschriften fehlt dieser Satz. Bei Lukas taucht er überhaupt nicht auf.
- Frühbelegt ist er in einer kleinen christlichen Gemeindeordnung, der die Dache, die aus der Frühzeit der Kirche stammt. Dort folgt auf das Gebet ein
- kürzerer Lobsatz. Vom Reich ist darin noch keine Rede, nur von Kraft und Herrlichkeit, verbunden mit der Anweisung, dreimal täglich so zu beten.
- Das Bild ist damit klar. Die Gemeinden haben sehr früh aufgehört, ein Gebet auf dem Wort Böse enden zu lassen und einen Lobpreis angefügt. Auch das Armen am
- Schluss gehört zu diesem Anhang. Bei Matthäus selbst endet das Gebet beim Bösen. Und jetzt der Grund, weshalb ich das überhaupt aufgreife.
- Im Netz kursieren Videos mit der Behauptung, irgendeine Kirche habe im vierten Jahrhundert ins Geheim etwas verändert oder entfernt und man müsse
- das echte Vater unser erst wieder ausgraben. Überleg dir, was du dafür voraussetzen müsstest. Eine Vertuschung, die in
- deiner eigenen Bibel in Klammern abgedruckt ist, samt erklärender Fußnote. Genau darin unterscheidet sich
- Textforschung von einer Verschwörung. Das eine wird veröffentlicht, das andere verborgen. Zwei weitere Behauptungen lassen sich
- hier gleich mitbehandeln, weil sie dir ständig begegnen. Die erste, es gäbe einen verborgenen aramäischen Urtext, in dem alles völlig anders und ungleich
- tiefer klinge. Dass Jesus auf Aramäisch gebetet hat, ist sehr wahrscheinlich. Überliefert wurde uns das Gebet allerdings auf Griechisch.
- Rückübertragungen ins Aramäische sind moderne Rekonstruktion. keine Handschriften funde. Wer dir eine davon als das ursprüngliche Gebet anbietet,
- verkauft dir seine eigene Interpretation. Die zweite betrifft Zahlen. Es zirkulieren Anleitungen, dieses Gebet
- eine festgelegte Anzahl von Malen zu sprechen, damit ein bestimmtes Ergebnis eintritt. Dagegen steht jener Satz vom Anfang,
- drei Verse vor dem Gebet imselben Kapitel. Sie glauben, die Menge ihrer Worte verschaffe ihnen Gehör. Wird
- ausgerechnet dieses Gebet zur Stückzahl, ist es zu dem geworden, wogegen es formuliert wurde. Und damit sind wir an dem Punkt, an dem die Reihenfolge
- aufhört, bloße Beobachtung zu sein. Nacht, ein Grundstück vor den Toren der Stadt am Ölberg. ein paar Männer, die in Kürze einschlafen werden. Matthäus 26
- berichtet, wie Jesus sich ein Stück von ihnen entfernt und betet. Und was er dort betet, hat er zuvor selbst gelehrt. In 2639
- heißt es sinngemäß: "Mein Vater, wenn es sich einrichten lässt, nimm diesen Kelch von mir, aber nicht nach meinem Willen, sondern nach
- deinem. Sieh dir den Bau dieses einen Satzes an. Zuerst die Anrede, dann sein eigener Wunsch und der ist unmissverständlich.
- Er will das nicht. Und ganz am Ende der Wille des anderen. Er ordnet seine Worte nicht nach der Dringlichkeit seiner Angst, sondern nach dem Muster, dass er
- selbst weitergegeben hat. Beim zweiten Mal fällt es noch knapper aus. 2642 lautet sinngemäß:
- "Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorbeigehen kann, ohne dass ich ihn trinke, dann geschehe." Das ist die dritte Bitte. Im
- Griechischen steht dort Wort für Wort dieselbe Wendung wie in der Bergpredigt. Nur die deutsche Wortstellung weicht ab und sie fällt hier nicht im Unterricht,
- sondern in der schwersten Stunde eines Menschen. Es ist ausgerechnet jene Bitte, die bei Lukas fehlt. Bei Matthäus begegnet sie zweimal. Einmal als
- Anweisung an alle, einmal aus seinem eigenen Mund nachts allein. Ob der Evangelist das bewusst nebeneinander gestellt hat, verrät er nicht.
- Er stellt lediglich beide Sätze in dasselbe Buch. Und exakt zwischen diesen beiden Gebeten in 26:41 fordert Jesus die einschlafenden Männer
- auf, wach zu bleiben und zu beten, damit sie nicht in Anfechtung geraten. Luther schreibt hier: Anfechtung. Im Griechischen steht derselbe Begriff wie
- in der sechsten Bitte. In einer einzigen Nacht, im Abstand weniger Minuten, tauchen also zwei Bitten dieses Gebets auf. Die dritte
- spricht er für sich, die sechste ruft er den anderen zu. Er hat dieses Gebet nicht nur verfasst, er hat es angewendet. Damit ist die Ausgangsfrage
- beantwortet. Wäre die Reihenfolge nur ein Lernschema für Anfänger, hätte er sie in dieser Nacht fallen gelassen. Dann hätte der
- Kelch am Anfang gestanden, ausführlich, und der Wille des Vaters wäre am Schluss höflich nachgereicht worden. Er macht es genau umgekehrt und er macht es zweimal.
- Jetzt lässt sich sagen, was dieses Gebet ist. Keine Zusammenstellung frommer Anliegen in beliebiger Folge, sondern eine Bewegung mit klarer Richtung. Sie
- setzt bei dem an, der angesprochen wird, nicht bei dem, der spricht. Sie durchläuft drei Bitten, aus denen für dich nichts herauszuholen ist. Dann
- senkt sie sich zu einem Menschen herab und erfasst ihn vollständig, seinen heutigen Tag, sein gestern, sein Morgen. Und sie schließt mit einem
- Eingeständnis, dass er da allein nicht herauskommt. Wer ausschließlich die untere Hälfte betet, betet nichts falsches. Er betet nur die
- zweite Etappe eines Weges und lässt die erste weg. Spüren lässt sich das durchaus. Gott wird dann zu jemandem, der Dinge
- beschafft. Genau dem setzen die drei vorangehenden Bitten etwas entgegen. Sie machen deutlich, ohne es auszubuchstaben,
- dass über diese Welt nicht in deiner Größenordnung entschieden wird und dass eben darauf dein Brot ruht. Die meisten von uns beten von unten nach oben. Erst
- die Sorge, dann, falls noch Zeit bleibt, der Rest. Das ist nachvollziehbar und niemand muss sich dafür rechtfertigen.
- Dieses Gebet kehrt die Richtung um. Es beginnt oben, damit du unten nicht allein da stehst. Deshalb steht am Anfang auch nicht mein Vater, sondern
- unser Vater. Selbst wenn du es gerade allein aussprichst, bist du nicht der einzige, der es spricht. Und das ist der Grund,
- warum man dieses Gebet auswendig lernen soll. nicht um es schnell herunterzusprechen, sondern damit die Reihenfolge noch da
- ist, wenn dir selbst keine mehr bleibt. So viel steckt in einem Text, den fast jeder auswendig kann. Wenn du Texte gern von innen betrachtest, abonniere den
- Kanal und hinterlass mir eine Sache in den Kommentaren. Welche der sieben Bitten sprichst du am schnellsten mit, ohne dabei
- nachzudenken? Und welche fällt dir inzwischen schwer? Ich lese jeden Kommentar. Danke, daß du bis hierher dabei
- geblieben bist.
Zum Nachlesen
VaterunserDas Vaterunser oder Unservater (lateinisch Pater noster oder Oratio Dominica, deutsch Gebet des Herrn oder Herrengebet) ist das Gebet, das Jesus von Nazaret …
Gott der VaterGott wird im Tanach, in anderen Schriften des Judentums und im jüdischen Gebet als (mein, unser) „Vater“ angesprochen und bezeichnet. Damit ist vor allem sein …