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Das Vaterunser erklärt: Die Bitte, die fast alle falsch verstehen

Tiefe leicht erklärt29:18 23.482 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 168 Zeilen
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  1. Milliarden Menschen sprechen diesen Text, viele davon jeden Tag. Fast niemand fragt sich dabei, warum seine Bitten ausgerechnet in dieser Abfolge
  2. stehen. Sprich die ersten drei im Kopf mit. Dein Name, dein Reich, dein Wille. Dreimal wird derselbe Angesprochene zum Thema gemacht und in keiner dieser
  3. Zeilen bekommst du etwas. Dann dreht sich die Blickrichtung. Unser Brot, unsere Schuld. Führe uns, erlöse uns. Ab jetzt bist du der Gegenstand und das
  4. über vier Bitten hinweg. Oben drei, unten vier. Wer diese Aufteilung einmal gesehen hat, kann sie nicht mehr übersehen.
  5. Das Gebet ist dann keine Wunschliste, bei der man die Punkte auch anders sortieren könnte. Es hat eine Laufrichtung und der Ausgangspunkt bist
  6. nicht du. Da hier nichts zufällig steht, lässt sich überprüfen, ohne eine Zeile griechisch, denn das Gebet ist uns
  7. doppelt überliefert in zwei Evangelien, in zwei unterschiedlichen Längen. Die eine Version ist merklich knapper. Sie streicht ganze Bitten, aber sie stellt
  8. keine einzige um. Wir arbeiten uns bitte für bitte durch und jedes Mal stellen wir dieselbe Frage. Was hat diese Zeile an genau dieser Position zu suchen?
  9. Am Ende landen wir in einer Nacht auf einem Grundstück am Ölberg, in der Jesus selbst betet, frei formuliert und dort begegnen dir zwei Bitten wieder.
  10. Beginnen wir aber mit dem, was unmittelbar davor steht. Denn das Gebet fällt nicht vom Himmel. Es ist eine Reaktion.
  11. Matthäus 6, Vers 7, warnt davor, beim Beten Worte aneinander zu reihen, wie die Heiden, die sich von der Menge ihrer Worte die Erhörung versprechen.
  12. Einsatz gegen die Masse, also gegen den Gedanken, ein Gebetgewinne an Kraft, je häufiger man es wiederholt. Der Vers danach entzieht dem Beten noch
  13. eine weitere Stütze. In 68 heißt es sinngemäß, dass der Vater deinen Bedarf schon kennt, bevor du ihn ausgesprochen hast.
  14. Wenn das zutrifft, überbringt ein Gebet keine Nachricht. Gott erfährt hier nichts, was er noch nicht wusste. Damit ist der Grund entfallen, aus dem die
  15. meisten Menschen überhaupt beten. Und genau dort, wo man erwarten würde, dass die Frage offen bleibt, wozu man dann noch bittet, folgt die Anweisung. So,
  16. also sollt ihr betrichen, der Informationszweck gestrichen. Übrig bleibt eine Ordnung. Der zweite Bericht
  17. schärft noch. In Lukas 11:1 beobachten die Jünger ihn beim Beten und erst im Anschluss bitten sie ihn, es ihnen beizubringen.
  18. Sie wollen keine Formeln, die funktionieren. Sie haben etwas gesehen, das ihnen fremd war und möchten verstehen, wie es geht.
  19. Die Antwort fällt so knapp aus, dass ein Kind sie behalten kann. Das hat einen Grund. Was du auswendig kannst, steht dir auch dann noch zur Verfügung, wenn
  20. dir selbst keine Worte mehr einfallen. Bevor die erste Bitte kommt, steht allerdings noch die Anrede und die trifft bereits zwei Entscheidungen.
  21. Matthäus, Vers 9 setzt ein mit: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt. bleib beim ersten Wort hängen. Es heißt nicht
  22. mein. Du kannst diesen Text allein in einem dunklen Zimmer sprechen und trotzdem steht er im Plural. Von der ersten bis zur letzten Zeile taucht
  23. keine einzige Ichform auf. Kein mir, kein mein. Wer so betet, betet als Teil von etwas Größerem. Der zweite Teil der Anrede zieht dann eine Grenze im Himmel.
  24. Vater und Himmel stehen direkt nebeneinander und ziehen doch auseinander. Das eine ist Vertrautheit, das andere ist Distanz.
  25. Das eine erlaubt dir zu sprechen. Das andere erinnert dich daran, mit wem du sprichst. Entferne eines der beiden und der Text verliert sein Gleichgewicht.
  26. Streicht man den Vater, bleibt ein förmliches Gesuch übrig. Streicht man den Himmel, wird daraus ein Gespräch auf Augenhöhe. indem man demen gute
  27. Ratschläge zur Führung der Welt erteilt. Die Abfolge startet also nicht mit einem Anliegen, sondern mit einer Klärung der Verhältnisse.
  28. Alles weitere baut darauf auf. Nun zur Bitte und sie ist zugleich die sperrigste. Geheiligt werde dein Name. Deutsche
  29. Ohren hören darin eine Aufforderung zu mehr Ehrfurcht. Darum geht es nicht. Entscheidend ist die grammatische Form und die überliest fast jeder. Der Satz
  30. steht im Passiv und es fehlt die Angabe, wer hier tätig werden soll. Nicht heilige deinen Namen. Auch nicht wir werden deinen Namen heiligen, sondern er
  31. werde geheiligt. In der Auslegung besteht weitgehende Einigkeit, dass diese Konstruktion die Zuständigkeit bei Gott belässt.
  32. Gebeten wird, dass Gott seinem eigenen Namen in der Welt Geltung verschafft. Der Betende macht sich nicht zum Ausführenden.
  33. Ein ungewöhnlicher Einstieg. Die erste Bitte beschreibt eine Aufgabe, die dir nicht übertragen wird. Name meint dabei nicht die Schreibweise, sondern das
  34. Ansehen, das jemand genießt. Hekiel 36, Vers 23, verhandelt genau das. Gott kündigt dort an seinen großen
  35. Namen, den die Völker in Verruf gebracht haben, selbst wieder zu Ehren zu bringen. Die Initiative liegt nicht bei den Menschen. Übrigens war diese Bitte
  36. nicht neu, als Jesus sie formulierte. Das Kadisch, ein jüdisches Gebet, setzt auf Aramäisch mit einer Zeile ein, die man ungefähr so wiedergibt: Erhoben und
  37. geheiligt werde sein großer Name. Anschließend folgt dort die Bitte um die Aufrichtung seiner Herrschaft. Erst der Name, dann das Reich. Zwei Schritte in
  38. derselben Reihenfolge. An dieser Stelle ist Zurückhaltung nötig. Und ich sage das ausdrücklich. Welche Fassung dieses Gebets wie weit
  39. zurückreicht, ist umstritten. Eine saubere Abhängigkeit lästt sich daraus nicht konstruieren. Unstrittig ist etwas anderes. Jesus
  40. formuliert nicht gegen die Gebetstradition seines Volkes, sondern innerhalb davon. Wer hier eine völlige Neuerfindung vermutet, kennt die älteren
  41. Texte nicht. womit wir bei der zweiten Bitte wären, der politischsten des ganzen Gebets. Dein Reich komme. Was Luther mit Reich
  42. wiedergibt, bezeichnet weniger ein Territorium als eine Regierungsgewalt. Nicht das Land, in dem ein König residiert, sondern der Raum, in dem sein
  43. Wort Gewicht hat. Und nun vergegenwärtige dir die Umstände der ersten Aussprache. Ein besetztes Land. Menschen, denen
  44. täglich vor Augen stand, wessen Anordnungen dort tatsächlich befolgt wurden. Diese Bitte erklärt also, zurückhaltend verpackt, die bestehende
  45. Machtordnung für vorläufig. Und erneut fällt ein Wort auf, das dich aus der Verantwortung nimmt: Komme. Nicht, wir richten es auf. Nicht hilf uns beim
  46. Aufbau. Es kommt von außen auf dich zu. Grammatisch stehen die ersten beiden Bitten damit gleich. Beide erbitten etwas, das der Betende nicht
  47. herbeiführen kann. Die Dritte gibt dem Ganzen einen Schauplatz. Dein Wille geschehe, so auf Erden. Auch das ist keine
  48. Selbstverpflichtung, Gottes Willen auszuführen. Es ist die Bitte, dass er sich durchsetzt. Manche Ausleger beziehen den Zusatz wie im Himmel, so
  49. auf Erden, nicht nur auf diese Zeile, sondern auf alle drei. Ergibt Sinn. Name, Herrschaft und Wille sollen unten dieselbe Geltung bekommen, die sie oben
  50. längst haben. Dreimal dein dreimal etwas, das über deinen Terminkalender weit hinausreicht. Dann mitten im Text wechselt der Ton:
  51. "Unser tägliches Brot gib uns heute." Hier verlangt zum ersten Mal jemand etwas für sich selbst. Bisher wurde beschrieben, was werden soll. Jetzt wird
  52. gefordert. Dass dieser Umschwung ausgerechnet an dieser Stelle liegt, ist die eigentliche Botschaft des Aufbaus. An anderer Stelle
  53. wird dasselbe noch einmal gesagt, ganz ohne Bildsprache. Bleib in derselben Predigt. Ein paar Absätze weiter in Matthäus3
  54. lautet: "Die Anweisung zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit zu suchen." Das Übrige komme dann hinzu. Zuerst ein Wort, das nichts anderes als
  55. Reihenfolge bedeutet, gesprochen in derselben Rede. Und das Übrige ist alles andere als Waage. Die Verse unmittelbar davor handeln von Essen, Trinken und
  56. Kleidung. Also exakt von dem, was die vierte Bitte anspricht. Gebet und Predigtsatz ordnen dieselben Dinge identisch an. Erst das Reich, dann das
  57. Brot. Achte darauf, was diese Ordnung nicht behauptet. Sie erklärt dein Brot nicht für nebensächlich. Es steht im Text, Jesus hätte darauf verzichten
  58. können und hat es nicht getan. Bestimmt wird lediglich der Platz. Über dieses Brot muß man ausführlicher reden, denn an einem einzigen Wort haben
  59. sich Generationen von Gelehrten abgearbeitet. Der griechische Ausdruck, den Luther mit täglich wiedergibt, ist in der übrigen
  60. griechischen Literatur so gut wie nicht nachweisbar. Er begegnet uns in dieser Bitte und sonst praktisch nirgends.
  61. Bereits Originis stellt fest, dass die griechischen Autoren dieses Wort nicht verwenden und vermutet eine Neubildung der Evangelisten, weil ihnen offenbar
  62. kein vorhandener Begriff ausreichte. Wie ratlos man war, zeigt die lateinische Bibel. Ein und derselbe Übersetzer entscheidet sich bei Matthäus
  63. für überwesentlich und bei Lukas für täglich. Zwei Lösungen für ein Wort innerhalb einer einzigen Bibelausgabe. Im Kern
  64. bleiben zwei Deutungen. Entweder ist gemeint, was zum Leben nötig ist, der Bedarf oder das Brot für den nächsten Tag, die Ration von heute für morgen.
  65. Und beide Deutungen haben eine Gemeinsamkeit, auf die es ankommt. Es geht um eine Tagesration, nicht um Rücklagen. Dazu passt das unscheinbare
  66. Wort am Schluss. Heute Lukas verstärkt es sogar zu Tag für Tag. Gebeten wird jeden Morgen neu, nicht einmal jährlich im voraus. Wer die Schrift kennt, hört
  67. hier einen älteren Textmitling in 2 Mose 16 erhält ein Volk in der Wüste jeden Morgen Nahrung, verbunden mit einer Vorschrift. Gesammelt werden
  68. darf nur der Tagesbedarf. Wer mehr hortete, fand am folgenden Morgen Maden darin. Lediglich vor dem Ruhetag galt eine Ausnahme. 40zig Jahre
  69. lang wurde dieses Volk satt und besaß dennoch zu keinem Zeitpunkt einen Vorrat. Die Abhängigkeit blieb Tag für Tag.
  70. In genau diese Lage stellt dich die Bitte und dieselbe Predigt zieht wenige Verse später die Konsequenz daraus. In 64 heißt es sinngemäß:
  71. "Sorgt euch nicht um morgen. Der morgige Tag bringt seine eigenen Angelegenheiten mit. Damit wäre die erste der vier Ich bitten abgehandelt und sie war die
  72. bequemste. Die nächste verlangt etwas und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern."
  73. Luther wählt Schuld und das trifft es genauer als es zunächst wirkt. Der griechische Begriff stammt aus der Buchhaltung. Er benennt eine offene
  74. Forderung, einen nicht beglichenen Posten. Sünde erscheint hier nicht als Empfindung, sondern als etwas, das noch
  75. aussteht. Lukas formuliert milder und spricht zunächst von Sünden. Doch beachte, wie sein Satz endet, denn auch wir erlassen jedem, der bei uns in der
  76. Schuld steht. Auch dort taucht am Schluss der Schuldner auf. Die kaufmännische Sprache läßt sich nicht wegübersetzen. Sie gehört zum Bild und
  77. jetzt jener Nebensatz, an dem die meisten hängen bleiben. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Es ist die einzige Stelle im ganzen
  78. Gebet an der Betende etwas über sich selbst behauptet. Überall sonst bittet er. Hier legt er offen. Abschwächen läst sich der Satz nicht ohne ihn zu
  79. zerstören. Falsch verstehen lässt er sich dagegen mühelos und das geschieht ständig. Die falsche Lesart lautet: "Vergib mir in dem Umfang, in dem ich
  80. anderen vergebe. Ein Tauschgeschäft, bei dem du in Vorleistung gehst. Der Aufbau widerspricht dem, wer bis hierher gelangt ist, hat drei Bitten hinter
  81. sich, in denen es ausschließlich um Gott ging und eine, in der er sich beschenken ließ. Er steht längst auf der Empfängerseite.
  82. Unbequem bleibt der Satz trotzdem. Und das soll er auch, denn hier geschieht etwas, das an keiner anderen Stelle geschieht. Nach dem Schlusswort des
  83. Gebets schweigt Jesus nicht. Er schiebt eine Erläuterung nach und die bezieht sich weder auf den Namen, noch auf das Reich, noch auf das Brot, sondern
  84. ausschließlich auf diese eine Bitte. 61 hält fest: "Wer den Menschen ihre Verfehlungen erläßt, dem wird auch der Vater im Himmel erlassen." Und 615
  85. liefert die Gegenprobe: "Wer den Menschen nicht erläst, dem wird auch der Vater nicht erlassen." Sieben bitten und nur eine einzige bekommt einen
  86. Kommentar. Es ist diese, wo der Nerv dieses Gebets liegt, muß also niemand erraten. Der Text markiert die Stelle selbst.
  87. Auch hier trägt die Position Bedeutung. Die Bitte folgt auf das Brot. Sie geht ihm nicht voraus. Ein Mensch kann satt sein und dennoch in zerbrochenen
  88. Beziehungen leben. Essen behebt [räuspern] das nicht. Es ist ein eigenständiger Mangel und bekommt deshalb eine eigenständige Bitte.
  89. Zwei bitten bleiben und mit ihnen richtet sich der Blick erstmals nach vorn und führe uns nicht in Versuchung. An diesem Satz arbeiten sich Übersetzer
  90. bis heute ab und wir umgehen ihn nicht. Der griechische Begriff deckt zwei Bedeutungen ab: Versuchung und Prüfung. Gemeint ist eine Situation, in der sich
  91. zeigt, woraus ein Mensch tatsächlich besteht. Das kann ein Reiz sein. Es kann ebenso eine Notlage sein. Und die Spannung
  92. liegt offen im Text. Jakobus 113 stellt ausdrücklich klar, dass Gott niemanden zum Bösen verführt. Wenn das gilt, wozu dann die Bitte, er
  93. möge es unterlassen? Darüber ist in mehreren Sprachräumen jahrelang diskutiert worden und einzelne Kirchen haben ihre liturgische Fassung
  94. daraufhin verändert. Eine Auflösung liefere ich dir hier nicht. Unstrittig ist dagegen dies. Die Bitte verlangt keine Erklärung.
  95. Sie will schlicht, dass die Lage gar nicht erst eintritt. Damit ist sie die nüchternste Zeile des Gebets. Sie unterstellt dir keine Stärke. Sie
  96. kalkuliert dein Scheitern ein und bittet darum, dass es dazu nicht kommt. Merkt ihr diese Bitte? Wir begegnen ihr am Schluss noch einmal in einer Nacht, in
  97. der jemand sie seinen Freunden zuruft, während ihm selbst die Prüfung unmittelbar bevorsteht. Und schließlich die letzte, sondern
  98. erlöse uns von dem Bösen. Das Verbt ein Heraushen. Jemand wird aus einer Lage befreit, in der er festsitzt.
  99. Ob damit das Böse als Sache oder der Böse als Person gemeint ist, lässt das Griechische offen. Die Form erlaubt beides und die Ausleger sind geteilter
  100. Meinung. Luther entscheidet sich für die eine Variante, andere Übersetzungen für die andere. Der Text gibt beides her und ich werde hier nicht eindeutiger sein,
  101. als er es ist. Für unsere Frage zählt vor allem die Position ganz am Schluss. Das Gebet endet nicht in einer wohl Stimmung. Es endet mit der Feststellung,
  102. dass es etwas gibt, aus dem man herausgeholt werden muss. Und jetzt betrachte die vier unteren Bitten im Zusammenhang.
  103. Sie ordnen sich auf einer Zeitachse an. Das Brot betrifft den heutigen Tag. Die Schuld stammt aus dem hinter dir liegt. Versuchung und Böses liegen vor dir.
  104. Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft. Diese Beobachtung ist nicht neu und leicht zu überprüfen. Du musst die vier Zeilen bloß nebeneinander legen. In vier
  105. Sätzen ist damit ein Mensch über seine gesamte Lebenszeit hinweg erfasst, ohne ein überflüssiges Wort. Und nun kommt die Probe, wegen der dieses Video seinen
  106. Titel trägt. Bis hierhin könnte alles Deutung sein. In einer Reihenfolge lässt sich vieles hineinlesen, wenn man es darauf anlegt. Deshalb prüfen wir sie
  107. dort, wo eine Prüfung möglich ist. Das Gebet steht zweimal in der Bibel. Einmal bei Matthäus innerhalb der Bergpredigt, einmal bei Lukas. Andere Situation,
  108. anderer Ort, ausgelöst durch eine Frage. Und die Fassungen sind unterschiedlich lang. Lukas bringt weniger. Bei ihm fehlt der
  109. Zusatz im Himmel. Es fehlt die dritte Bitte um den Willen und es fehlt die Schlussbitte um Erlösung vom Bösen. Wenn zwei Aufzählungen verschieden lang
  110. ausfallen, ist die kürzere in aller Regel durcheinander geraten oder hat ausgewählt. So verhält es sich normalerweise bei mündlicher Weitergabe.
  111. Hier läuft es anders. Bei Lukas heißt es: "Vater, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme." Anschließend die Bitte uns tag für Tag das nötige Brot zu
  112. geben. Danach die Bitte um Vergebung der Sünden mit der Begründung, dass auch wir jedem erlassen, der bei uns in der Schuld steht und zuletzt die Bitte nicht
  113. in Versuchung geführt zu werden. Name, Reich, Brot, Schuld, Versuchung. Halte das Neben, Matthäus und du erkennst dieselbe Kette, nur mit Auslassungen.
  114. Keine einzige Bitte hat den Platz gewechselt. gekürzt wurde, also verrutscht ist dabei nichts. Das Brot bleibt hinter dem Reich, die Schuld
  115. hinter dem Brot, die Versuchung am Ende. Und dort, wo Lukas streicht, entfällt nie der erste, sondern immer der zweite Teil einer Einheit. Bei der Anrede
  116. verschwindet der Himmel, nicht der Vater. Bei den du bitten, die dritte, nicht die erste. Am Schluss das Böse, nicht die Versuchung.
  117. So kürzt jemand, der an den Enden ansetzt und die Struktur unangetastet läßt. Eine faire Anmerkung gehört dazu, wie die beiden Fassungen historisch
  118. zusammenhängen, beurteilen Fachleute unterschiedlich. Diese Frage ist offen. An unserem Befund ändert das nichts. Zwei Evangelien, zwei
  119. Längen, eine Abfolge. Was konstant bleibt, während die Länge variiert, ist nicht der beliebige Teil. Bevor wir zum Schluss kommen, ist noch
  120. ein Satz fällig. Der, den viele am Ende mitsprechen und der bei Matthäus in Klammern erscheint. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
  121. in Ewigkeit. Amen. Schlägst du eine Luther Bibel auf, findest du ihn bei Vers 13 in eckigen Klammern. Die sind kein Satzfehler,
  122. sondern eine Information. Sie teilen dir mit. In den ältesten Matthäushandschriften fehlt dieser Satz. Bei Lukas taucht er überhaupt nicht auf.
  123. Frühbelegt ist er in einer kleinen christlichen Gemeindeordnung, der die Dache, die aus der Frühzeit der Kirche stammt. Dort folgt auf das Gebet ein
  124. kürzerer Lobsatz. Vom Reich ist darin noch keine Rede, nur von Kraft und Herrlichkeit, verbunden mit der Anweisung, dreimal täglich so zu beten.
  125. Das Bild ist damit klar. Die Gemeinden haben sehr früh aufgehört, ein Gebet auf dem Wort Böse enden zu lassen und einen Lobpreis angefügt. Auch das Armen am
  126. Schluss gehört zu diesem Anhang. Bei Matthäus selbst endet das Gebet beim Bösen. Und jetzt der Grund, weshalb ich das überhaupt aufgreife.
  127. Im Netz kursieren Videos mit der Behauptung, irgendeine Kirche habe im vierten Jahrhundert ins Geheim etwas verändert oder entfernt und man müsse
  128. das echte Vater unser erst wieder ausgraben. Überleg dir, was du dafür voraussetzen müsstest. Eine Vertuschung, die in
  129. deiner eigenen Bibel in Klammern abgedruckt ist, samt erklärender Fußnote. Genau darin unterscheidet sich
  130. Textforschung von einer Verschwörung. Das eine wird veröffentlicht, das andere verborgen. Zwei weitere Behauptungen lassen sich
  131. hier gleich mitbehandeln, weil sie dir ständig begegnen. Die erste, es gäbe einen verborgenen aramäischen Urtext, in dem alles völlig anders und ungleich
  132. tiefer klinge. Dass Jesus auf Aramäisch gebetet hat, ist sehr wahrscheinlich. Überliefert wurde uns das Gebet allerdings auf Griechisch.
  133. Rückübertragungen ins Aramäische sind moderne Rekonstruktion. keine Handschriften funde. Wer dir eine davon als das ursprüngliche Gebet anbietet,
  134. verkauft dir seine eigene Interpretation. Die zweite betrifft Zahlen. Es zirkulieren Anleitungen, dieses Gebet
  135. eine festgelegte Anzahl von Malen zu sprechen, damit ein bestimmtes Ergebnis eintritt. Dagegen steht jener Satz vom Anfang,
  136. drei Verse vor dem Gebet imselben Kapitel. Sie glauben, die Menge ihrer Worte verschaffe ihnen Gehör. Wird
  137. ausgerechnet dieses Gebet zur Stückzahl, ist es zu dem geworden, wogegen es formuliert wurde. Und damit sind wir an dem Punkt, an dem die Reihenfolge
  138. aufhört, bloße Beobachtung zu sein. Nacht, ein Grundstück vor den Toren der Stadt am Ölberg. ein paar Männer, die in Kürze einschlafen werden. Matthäus 26
  139. berichtet, wie Jesus sich ein Stück von ihnen entfernt und betet. Und was er dort betet, hat er zuvor selbst gelehrt. In 2639
  140. heißt es sinngemäß: "Mein Vater, wenn es sich einrichten lässt, nimm diesen Kelch von mir, aber nicht nach meinem Willen, sondern nach
  141. deinem. Sieh dir den Bau dieses einen Satzes an. Zuerst die Anrede, dann sein eigener Wunsch und der ist unmissverständlich.
  142. Er will das nicht. Und ganz am Ende der Wille des anderen. Er ordnet seine Worte nicht nach der Dringlichkeit seiner Angst, sondern nach dem Muster, dass er
  143. selbst weitergegeben hat. Beim zweiten Mal fällt es noch knapper aus. 2642 lautet sinngemäß:
  144. "Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorbeigehen kann, ohne dass ich ihn trinke, dann geschehe." Das ist die dritte Bitte. Im
  145. Griechischen steht dort Wort für Wort dieselbe Wendung wie in der Bergpredigt. Nur die deutsche Wortstellung weicht ab und sie fällt hier nicht im Unterricht,
  146. sondern in der schwersten Stunde eines Menschen. Es ist ausgerechnet jene Bitte, die bei Lukas fehlt. Bei Matthäus begegnet sie zweimal. Einmal als
  147. Anweisung an alle, einmal aus seinem eigenen Mund nachts allein. Ob der Evangelist das bewusst nebeneinander gestellt hat, verrät er nicht.
  148. Er stellt lediglich beide Sätze in dasselbe Buch. Und exakt zwischen diesen beiden Gebeten in 26:41 fordert Jesus die einschlafenden Männer
  149. auf, wach zu bleiben und zu beten, damit sie nicht in Anfechtung geraten. Luther schreibt hier: Anfechtung. Im Griechischen steht derselbe Begriff wie
  150. in der sechsten Bitte. In einer einzigen Nacht, im Abstand weniger Minuten, tauchen also zwei Bitten dieses Gebets auf. Die dritte
  151. spricht er für sich, die sechste ruft er den anderen zu. Er hat dieses Gebet nicht nur verfasst, er hat es angewendet. Damit ist die Ausgangsfrage
  152. beantwortet. Wäre die Reihenfolge nur ein Lernschema für Anfänger, hätte er sie in dieser Nacht fallen gelassen. Dann hätte der
  153. Kelch am Anfang gestanden, ausführlich, und der Wille des Vaters wäre am Schluss höflich nachgereicht worden. Er macht es genau umgekehrt und er macht es zweimal.
  154. Jetzt lässt sich sagen, was dieses Gebet ist. Keine Zusammenstellung frommer Anliegen in beliebiger Folge, sondern eine Bewegung mit klarer Richtung. Sie
  155. setzt bei dem an, der angesprochen wird, nicht bei dem, der spricht. Sie durchläuft drei Bitten, aus denen für dich nichts herauszuholen ist. Dann
  156. senkt sie sich zu einem Menschen herab und erfasst ihn vollständig, seinen heutigen Tag, sein gestern, sein Morgen. Und sie schließt mit einem
  157. Eingeständnis, dass er da allein nicht herauskommt. Wer ausschließlich die untere Hälfte betet, betet nichts falsches. Er betet nur die
  158. zweite Etappe eines Weges und lässt die erste weg. Spüren lässt sich das durchaus. Gott wird dann zu jemandem, der Dinge
  159. beschafft. Genau dem setzen die drei vorangehenden Bitten etwas entgegen. Sie machen deutlich, ohne es auszubuchstaben,
  160. dass über diese Welt nicht in deiner Größenordnung entschieden wird und dass eben darauf dein Brot ruht. Die meisten von uns beten von unten nach oben. Erst
  161. die Sorge, dann, falls noch Zeit bleibt, der Rest. Das ist nachvollziehbar und niemand muss sich dafür rechtfertigen.
  162. Dieses Gebet kehrt die Richtung um. Es beginnt oben, damit du unten nicht allein da stehst. Deshalb steht am Anfang auch nicht mein Vater, sondern
  163. unser Vater. Selbst wenn du es gerade allein aussprichst, bist du nicht der einzige, der es spricht. Und das ist der Grund,
  164. warum man dieses Gebet auswendig lernen soll. nicht um es schnell herunterzusprechen, sondern damit die Reihenfolge noch da
  165. ist, wenn dir selbst keine mehr bleibt. So viel steckt in einem Text, den fast jeder auswendig kann. Wenn du Texte gern von innen betrachtest, abonniere den
  166. Kanal und hinterlass mir eine Sache in den Kommentaren. Welche der sieben Bitten sprichst du am schnellsten mit, ohne dabei
  167. nachzudenken? Und welche fällt dir inzwischen schwer? Ich lese jeden Kommentar. Danke, daß du bis hierher dabei
  168. geblieben bist.

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