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Vater unser (Roman)
Der 284-seitige Roman wird aus der Sicht der psychisch gestörten Eva Gruber erzählt, welche in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert wird, weil sie behauptet …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und Erzählweise
„Vater unser“ ist der 2019 im Berliner Hanser Verlag erschienene Debütroman der österreichischen Autorin Angela Lehner. Der Roman umfasst 284 Seiten. Im Mittelpunkt stehen psychische Erkrankungen, familiäre Gewalt, sexueller Missbrauch in der Kindheit und die Frage, wie zuverlässig Erinnerungen sein können.
Erzählt wird aus der Sicht von Eva Gruber, die in das Wiener Otto-Wagner-Spital, eine psychiatrische Klinik, eingeliefert wird. Sie behauptet, eine Kindergartenklasse erschossen zu haben. Eva ist jedoch eine unzuverlässige Erzählerin: Ihre Aussagen erweisen sich wiederholt als Lügen oder widersprechen einander. Weil die Leserinnen und Leser die Ereignisse nur durch ihre Wahrnehmung kennenlernen, bleibt oft unklar, was tatsächlich geschieht und was Eva erfindet oder falsch erinnert. Diese Unsicherheit ist besonders für das offene Ende entscheidend.
Aufenthalt in der Klinik
Im ersten Teil wird Eva vom leitenden Psychiater Doktor Korb aufgenommen und während ihres Aufenthalts behandelt. In Therapien spricht sie häufig über ihre traumatische Kindheit. Sie erzählt unter anderem, ihr Vater habe versucht, sie mit einer Bierflasche zu erschlagen, Eva und ihren Bruder Bernhard sexuell missbraucht und später Selbstmord begangen.
In der Klinik trifft Eva auf Bernhard, der wegen Magersucht behandelt wird. Zunächst lehnt er ihre Kontaktversuche ab. Eva nähert sich deshalb Adriana Meisner an, einer ebenfalls magersüchtigen Freundin Bernhards, die sie wegen ihrer großen Ohren „Dumbo“ nennt. Schließlich erklärt Eva ihrem Bruder ihren Plan: Sie will aus der Klinik fliehen und den Vater töten. Bernhard reagiert entsetzt und weist darauf hin, dass sie den Vater nicht umbringen können. Kurz darauf erscheint die Mutter unerwartet in der Klinik.
Im zweiten Teil versucht die Mutter, wieder Kontakt zu Eva und Bernhard aufzubauen. Eva weist sie zurück und ist eifersüchtig darauf, dass Bernhard Zeit mit ihr verbringt. Die Mutter organisiert eine Familientherapie. Doktor Korb bezeichnet Eva als narzisstische Persönlichkeit; Eva stimmt zu, behauptet aber zugleich, sie sei die Einzige, die die Familie retten wolle.
Bernhard bricht wegen seiner Unterernährung zusammen und kommt in die medizinische Abteilung. Eva bleibt bei ihm und ist überzeugt, dass der Vater seine Erkrankung verursacht habe und Bernhard nach dem Tod des Vaters gesund werden könne. Als die Mutter ihn in ein anderes Spital überweisen lassen will, widerspricht Eva: Ihrer Ansicht nach brauche Bernhard nur sie. Danach findet sie Doktor Korb erhängt in seinem Büro. Sie versteht seinen vermeintlichen Selbstmord als Zeichen dafür, dass sie Bernhard retten, mit ihm fliehen und den Vater töten müsse.
Flucht und offenes Ende
Mithilfe der in der Klinik arbeitenden Fußpflegerin Berta entführt Eva Bernhard. Während der Autofahrt überzeugt sie ihn schließlich, beim geplanten Mord am Vater mitzuhelfen. Da sich Bernhards Zustand ohne medizinische Behandlung verschlechtert, übernachten sie in einer Scheune. Am nächsten Morgen zweifelt Bernhard plötzlich daran, dass Korb wirklich Selbstmord begangen hat, und läuft in einen Wald. Eva folgt ihm; beide verirren sich.
Ein Bauer findet die Geschwister und bringt sie zu seinem Hof, wo er und seine Frau sie versorgen. Eva hilft beim Fischen, Bernhard beim Brotbacken. Beim Abendessen isst Bernhard, erbricht die Nahrung in der Nacht jedoch wieder, weil sein Körper nicht mehr daran gewöhnt ist. Eva kümmert sich um ihn. Am nächsten Morgen verlassen beide den Hof heimlich.
Nach mehreren Stunden erreichen sie ihre Heimatstadt. Eva stiehlt ein Fahrrad und bringt Bernhard zu ihrem früheren Elternhaus. Sie lässt ihn im Schuppen schlafen und nimmt ein Messer mit, das sie dem Bauern gestohlen hat. Im Haus will sie den Vater ermorden, findet es aber verlassen vor. Am folgenden Morgen hört sie ihre Mutter und einen Mann. Sie glaubt, in ihm Doktor Korb zu erkennen, obwohl dieser nach ihrer bisherigen Darstellung tot sein müsste. Gleichzeitig erinnert sie sich an die Beerdigung ihres Vaters aus ihrer Kindheit. Anschließend trägt sie Bernhard in den Wald und legt ihn dort auf den Boden.
Das Ende löst die Widersprüche nicht auf. Unklar bleibt, wer der Mann bei der Mutter ist, ob Korb tatsächlich gestorben ist und welche Ereignisse nur in Evas Vorstellung stattgefunden haben. Wahrscheinlich starb der Vater bereits durch Selbstmord, als die Geschwister klein waren; eindeutig bestätigt wird dies aber nicht. Ebenso bleibt offen, ob Bernhard am Ende infolge seiner Unterernährung gestorben ist.
Zentrale Figuren
Eva Gruber ist die Protagonistin und Erzählerin. Sie leidet unter den Folgen ihrer traumatischen Kindheit, neigt zu Gewaltausbrüchen und täuscht andere Menschen. Der Artikel bezeichnet sie in der Figurenbeschreibung als narzisstisch und in der Analyse als soziopathisch. Sie kann Wirklichkeit und Einbildung nicht zuverlässig unterscheiden. Obwohl sie sich sonst vor allem um sich selbst kümmert, empfindet sie ein starkes Verantwortungsgefühl für Bernhard. Dieses entwickelt sich jedoch zu einem Anspruch, allein über seine Rettung entscheiden zu können.
Bernhard Gruber ist Evas Bruder. Er leidet an einer Essstörung und schwerer Unterernährung, wirkt im Gegensatz zu Eva aber rational und vertrauenswürdig. Er versucht, seine Probleme zu bewältigen. Sein Verhältnis zu Eva ist widersprüchlich: Sie fühlt sich für ihn verantwortlich, doch er misstraut ihr, weil sie ihn früher bereits im Stich gelassen hat.
Doktor Korb leitet die Klinik und behandelt Eva. Anfangs erscheint er trocken und unauffällig, später macht er in den Sitzungen unpassende Bemerkungen. Da Eva seine Handlungen schildert, bleibt fraglich, ob dieses Bild glaubwürdig ist. Auch sein angeblicher Suizid könnte eine Einbildung Evas sein.
Adriana Meisner, genannt „Dumbo“, ist Bernhards Freundin und ebenfalls magersüchtig. Sie wird aus der Klinik entlassen; ob sie gesund ist oder auf Evas Anregung nur so tut, bleibt unklar. Die Mutter versucht, die Beziehung zu ihren Kindern wiederherzustellen. Eva lehnt dies ab, während Bernhard ihr etwas nähersteht. Der Vater soll die Kinder wiederholt sexuell missbraucht haben und vermutlich alkoholabhängig gewesen sein. Eva behauptet widersprüchlich, er habe sich in ihrer Kindheit getötet und er lebe mit einer neuen Familie. Ob er zur Zeit der Handlung noch lebt, bleibt daher ungeklärt.
Themen, religiöse Bezüge und Auszeichnungen
Die Familie ist das zentrale Thema des Romans. Eva und Bernhard wurden durch die Gewalt und den sexuellen Missbrauch ihres Vaters dauerhaft geprägt und kämpfen noch als Erwachsene mit den Folgen. Der Text zeigt, wie Kinder den Launen und Problemen ihrer Eltern ausgeliefert sein können. Auch bei den Eltern werden eigene psychische Belastungen oder traumatische Erfahrungen angedeutet.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die psychische Gesundheit. Eva verdrängt Teile ihrer Kindheit und vermischt eine eingebildete alternative Welt mit der Wirklichkeit. Dadurch kann weder sie selbst noch das Lesepublikum sicher zwischen Wahrheit und Erfindung unterscheiden. Bernhards Essstörung bedroht unmittelbar sein Leben. Nach Evas Überzeugung wurde sie durch den Vater verursacht. Beim Vater werden Depressionen sowie Alkohol- und Nikotinabhängigkeit vermutet.
Religion prägt Titel und Aufbau. „Vater unser“ verweist einerseits auf das christliche Gebet, das Eva als Kind unter schmerzlichen Umständen auswendig lernen musste, und andererseits auf den Vater als Ursache der familiären Traumata. Die drei Romanteile tragen Bezeichnungen der christlichen Trinität. Der Vater steht dabei für den Vater der Geschwister, der Sohn für Bernhard und der Heilige Geist für Eva. Wie die drei Personen Gottes zugleich getrennt und eine Einheit sind, gehören auch diese Figuren untrennbar zur Familie. Ein eindeutiger inhaltlicher Schwerpunkt auf jeweils eine Figur ist in den drei Teilen allerdings nicht erkennbar.
Hinzu kommen intertextuelle Bezüge, also Verweise auf andere Texte, besonders auf die Bibel. Im Kapitel „Große Frau“ kann Bernhard zunächst angeblich nicht aufstehen, tut es nach der Aufforderung der großen Frau aber doch. Dies spielt auf die Heilung eines Gelähmten in der Apostelgeschichte an. Brot und Fisch erinnern im selben Kapitel an die wundersame Brotvermehrung.
Der Roman erhielt 2019 den Franz-Tumler-Literaturpreis, den Literaturpreis Alpha und den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises. 2020 folgte der Rauriser Literaturpreis.