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Expletivum
Das Expletivum als „formales Argument“ · Deutsch: Es wird regnen / schneien / donnern. (Umstellung: Gleich wird es regnen.) · Französisch: Il va pleuvoir / neiger …
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Begriff und Funktionen
Ein Expletivum ist in der Grammatik ein Pronomen, das aus Gründen des Satzbaus eingesetzt wird, aber nicht auf eine Person oder einen Gegenstand verweist. Es macht also eine von der Satzstruktur verlangte Position sichtbar. Typisch ist eine Stellung als grammatisches Subjekt, doch besonders im Deutschen gibt es auch andere Funktionen.
Beim deutschen Pronomen „es“ lassen sich drei grundlegende Typen unterscheiden: Erstens das formale Argument oder „fixe Es“, das bestimmte Verben verlangen, etwa in „Es regnet“. Zweitens das strukturelle Subjekt-Expletiv, das in manchen Sprachen eine Subjektposition auffüllt; im Deutschen gibt es diesen Typ nicht. Drittens das Vorfeld-Es, das im deutschen Aussagesatz die erste Satzposition besetzen kann, etwa in „Es warten schon viele Leute vor der Tür“.
Die Fachterminologie ist nicht einheitlich: Teilweise heißt nur das fixe Es Expletiv, teilweise nur das Vorfeld-Es. Hier wird „Expletivum“ im weitesten Sinn für beide deutschen Typen verwendet. Nicht dazu gezählt wird normalerweise das bedeutungsleere Korrelat-„es“, das einen ausgelagerten Nebensatz vertritt. Es kann aber zusammen mit Expletiva als „nicht-phorisches“ Pronomen bezeichnet werden, also als Pronomen ohne normale anaphorische, rückverweisende Funktion.
Formales Argument bei Verben
Ein formales Argument ist ein Expletiv, das an bestimmte Verben oder Verbklassen gebunden ist. Es wird nicht frei eingesetzt, sondern vom jeweiligen Verb verlangt. Solche Konstruktionen finden sich deshalb in mehreren Sprachen bei vergleichbaren Verbtypen.
Ein typischer deutscher Fall sind Witterungsverben: „Es wird regnen / schneien / donnern.“ Das „es“ verweist dabei nicht auf einen fassbaren Gegenstand und kann nicht erfragt werden. Es verhält sich im Satz jedoch syntaktisch wie ein Subjekt und kann umgestellt werden: „Gleich wird es regnen.“ In der Fachliteratur wird teilweise bezweifelt, ob dieses „es“ tatsächlich völlig inhaltsleer ist. Im Französischen erscheint in entsprechenden Sätzen das bedeutungsleere „il“: „Il va pleuvoir / neiger / tonner.“
Auch Existenz ausdrückende Konstruktionen können ein expletives Subjekt verlangen. In „Hier gibt es Ameisen“ erscheint die vorhandene Sache als direktes Objekt. Vergleichbar ist französisch „Il y a des fourmis ici.“ („Es hat Ameisen hier“). Im Deutschen gibt es außerdem expletive Objekte, zum Beispiel: „Er hat es eilig.“ Das „es“ bei Witterungsverben kann in bestimmten Satzumgebungen ebenfalls Akkusativobjekt sein: „Man sieht es immer noch regnen.“
Strukturelles Subjekt in anderen Sprachen
Ein strukturelles Subjekt-Expletiv füllt allgemein die Subjektposition, wenn ein Satz kein gewöhnliches Subjekt hat oder das Subjekt an einer anderen Stelle steht. Dieser Typ hängt nicht von einzelnen Verben ab.
Das Deutsche kennt ein unpersönliches Passiv, das ohne Subjekt gebildet wird: „Geraucht werden darf hier nicht!“ Dabei wird kein Expletiv eingesetzt. Die Subjektlosigkeit beruht auf der grammatischen Konstruktion des unpersönlichen Passivs, nicht auf einem bestimmten Verb. Deshalb gibt es im Deutschen keine allgemeine Regel, nach der eine leere Subjektposition durch ein Pronomen sichtbar gemacht werden müsste.
Andere Sprachen verhalten sich anders. Im Norwegischen steht bei unpersönlichem Passiv das Expletiv „det“: „Ofte vart det telefonert.“ („Oft wurde EXPL telefoniert.“). Auch Niederländisch hat mit „er“ ein Subjekt-Expletiv: „Elk uur dat er gewerkt kon worden, werd er ook effectief gewerkt.“ Im Englischen, das kein unpersönliches Passiv besitzt, steht „there“ an der Subjektstelle, wenn das eigentliche Subjekt weiter im Satzinneren steht: „Some ships have been lost“ gegenüber „There have been ships lost.“
Im Deutschen ist ein solcher Platzhalter nicht nötig, weil das Subjekt an verschiedenen Positionen stehen kann. Die äußerlich ähnliche Übersetzung „Es sind Schiffe verlorengegangen“ ist daher anders gebaut als der englische Satz. Das zeigt sich mit einem Adverb: Englisch verlangt weiterhin „there“ in „Unfortunately, there have been ships lost“, Deutsch lautet dagegen „Leider sind Schiffe verloren gegangen“ und erlaubt dort kein „es“.
Das Es im Vorfeld
Der deutsche Aussagesatz ist ein Verbzweit-Satz, nicht ein Satz des Typs S-V-O wie im Englischen. Im Feldermodell steht zunächst das Vorfeld. Danach folgt in der linken Satzklammer das finite Verb; der übrige Satz besteht aus Mittelfeld und rechter Satzklammer. Die Verbzweitstellung kennzeichnet den Satz als Aussagesatz. Deshalb muss das Vorfeld in bestimmten Fällen besetzt sein.
Im Vorfeld können unterschiedliche Satzteile stehen: „Einige Schiffe sind diesmal leider verloren gegangen“ hat das Subjekt im Vorfeld; in „Leider sind diesmal einige Schiffe verloren gegangen“ steht dort ein Satzadverb, und in „Diesmal sind leider einige Schiffe verloren gegangen“ ein Zeitadverb. Soll keines der vorhandenen Satzglieder hervorgehoben vorangestellt werden, kann „es“ das Vorfeld füllen: „Es sind diesmal leider einige Schiffe verloren gegangen.“ Ein leeres Vorfeld ergibt dagegen einen Fragesatz: „Sind diesmal einige Schiffe verloren gegangen?“
Das Vorfeld-„es“ ist kein expletives Subjekt. Es kann nicht im Satzinneren stehen. Der Vergleich zeigt den Unterschied: „Regnet es?“ ist möglich, aber „Sind (?? es) Schiffe verlorengegangen?“ nicht. Das Vorfeld-Es kann zusammen mit einem Nominativsubjekt vorkommen und vertritt nicht einfach ein nachgestelltes Subjekt. Es steht ebenso alternativ zu einem Adverb wie zu einem Subjekt und hängt nicht von der Definitheit eines späteren Subjekts ab, anders als englisches „there“.
Das Vorfeld-Es ist somit unabhängig davon, ob ein Satz ein Subjekt enthält. Es kann auch in subjektlosen Sätzen auftreten und wird dort manchmal fälschlich für das Subjekt gehalten. Beim unpersönlichen Passiv lautet ein Beispiel: „Es wurde ja auch davor gewarnt.“ Stattdessen können auch andere Satzteile im Vorfeld stehen: „Davor wurde ja auch gewarnt“ oder „Gewarnt wurde ja auch davor.“