Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Diathese (Linguistik)

In der deutschen Grammatik wird Diathese oft nur als die Kategorie definiert, die Aktiv und Passiv zusammenfasst. Dann ist Diathese eine Kategorie in der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff
  2. 2. Passiv und Aktiv
  3. 3. Valenzalternationen
  4. 4. Medium in klassischen Sprachen
  5. 5. Untertypen im weiten Sinn
  6. 6. Globale Diathesen

Grundbegriff

Diathese ist in der Sprachwissenschaft eine grammatische Kategorie des Verbs. Sie beschreibt, wie die von der Verbbedeutung vorgegebenen Teilnehmerrollen, also semantische Rollen wie Agens und Patiens, im Satz grammatisch erscheinen. Ein Agens ist ein aktiv handelnder oder verursachender Teilnehmer; ein Patiens ist ein Teilnehmer, der betroffen ist oder eine Veränderung erfährt.

Der typischste Fall ist das Passiv. In der deutschen Grammatik wird Diathese oft eng als Kategorie verstanden, die Aktiv und Passiv umfasst. In weiter gefassten Ansätzen gehören auch Kausativ, Antikausativ, Reflexiv und weitere Erscheinungen dazu. Dann bezeichnet Diathese besonders Valenzalternationen: Veränderungen darin, welche Ergänzungen ein Verb verlangt und wie sie auf Funktionen wie Subjekt und Objekt verteilt werden.

Die Begriffe Diathese, Genus Verbi und englisch voice werden in der Fachliteratur nicht einheitlich verwendet. Häufig wird heute unterschieden: Genus Verbi oder voice bezeichnet dann die konkrete grammatische Form oder Markierung am Verb, während Diathese die grammatische Funktion oder Operation meint, also die Veränderung der Zuordnung von Rollen zu Satzfunktionen.

Passiv und Aktiv

Das Passiv reduziert typischerweise die Zahl der Ergänzungen, die im Satz mit einem Verb erscheinen müssen. Beispiel: Aus „Die großen Fische fressen die kleinen Fische“ wird im Passiv „Die kleinen Fische werden gefressen.“ Die Agensrolle, also „die großen Fische“, verschwindet nicht aus der Bedeutung, wird aber in der grammatischen Darstellung unterdrückt.

Die Passivierung lässt sich über zwei Ebenen erklären: Auf der Bedeutungsebene gibt es Teilnehmerrollen wie Agens und Patiens. Auf der Satzebene werden diese Rollen auf grammatische Funktionen wie Subjekt und Objekt abgebildet. Normalerweise hat ein Agens die höchste Priorität für die Subjektstelle. Wenn diese Rolle im Passiv blockiert wird, kann das Patiens Subjekt werden.

Das Aktiv ist die normale, unveränderte Wiedergabe der Teilnehmerrollen. Es wird deshalb manchmal als „Basisdiathese“ oder „Nulldiathese“ bezeichnet. Merkmale des Passivs sind: Es reduziert grammatische Verbergänzungen, ist sonst bedeutungsneutral, steht im Kontrast zum Aktiv und wird durch eine grammatische Form markiert, im Deutschen zum Beispiel durch „werden“ plus Partizip.

Valenzalternationen

In einem erweiterten Verständnis sind Diathesen alle Prozesse, die Verbergänzungen umverteilen, hinzufügen oder weglassen. Valenz bedeutet dabei die Menge und Ordnung der Ergänzungen, die ein Verb verlangt. Neben dem Passiv können so auch Kausativ und Antikausativ als Diathesen beschrieben werden.

Beim Kausativ wird ein Verursacher hinzugefügt. Im Deutschen geschieht das oft mit „lassen“. Aus „Ein Mechaniker schaute den Wagen durch“ kann werden: „Otto ließ einen Mechaniker den Wagen durchschauen“ oder „Otto ließ den Wagen (von einem Mechaniker) durchschauen.“ Dabei entsteht ein zusammengesetztes Prädikat, und die Teilnehmerrollen müssen neu auf Subjekt und Objekte verteilt werden. Die zweite Variante ähnelt einer Passivierung und wird manchmal „Kausativ-Passiv“ genannt.

Beim Antikausativ wird eine Verursachungskomponente entfernt. Beispiel: „Die Tür öffnet sich.“ Beim transitiven „öffnen“ gibt es ein Agens, das verursacht, dass ein Thema aufgeht. Bei „sich öffnen“ bleibt nur der Zustandswechsel des Themas übrig. Anders als beim Passiv wird das Agens hier nicht nur grammatisch unterdrückt, sondern schon auf der Bedeutungsebene ausgeblendet.

Medium in klassischen Sprachen

Der Begriff Diathese stammt aus der antiken Grammatik des Altgriechischen. Dort steht nicht ein deutsches Aktiv/Passiv-System im Mittelpunkt, sondern ein Aktiv/Medium-System. Das Medium ist eine Verbform oder Kategorie, bei der das Subjekt vom Geschehen betroffen oder mitbetroffen ist. Dadurch ist das griechische System anders als das deutsche Passiv, das vor allem die grammatische Darstellung der Ergänzungen verändert.

Im Altgriechischen gibt es Aktivflexion und Mediumflexion, zum Beispiel loú-ō „ich wasche“ gegenüber loú-omai. Mediumformen können mehrere Bedeutungen haben: reflexiv („wuschen sich“), reziprok („wuschen einander“), antikausativ („wurden sauber“) oder passiv („wurden gewaschen“). Eigene Passivformen gibt es nur in bestimmten Tempora wie Futur und Aorist; im Futur wird das Passiv auf Grundlage der Mediumform mit zusätzlichem Affix gebildet.

Einige griechische Verben kommen nur in Mediumformen vor; solche Fälle heißen media tantum. Dazu gehören regelmäßig Verben für körperliche Bewegung sowie geistige oder emotionale Vorgänge, etwa „tanzen, fliegen, vermuten, klagen“. Das Gegenstück sind activa tantum, also Verben ohne Mediumformen. Das Medium ist deshalb nicht einfach eine einzelne Diathese im modernen Sinn, sondern ein Bedeutungsnetzwerk verschiedener verwandter Funktionen.

Untertypen im weiten Sinn

Zúñiga & Kittilä (2019) teilen Diathesen im weiten Sinn in vier Familien ein. Dabei verstehen sie Diathese als grammatisch-semantische Operation, die Teilnehmerrollen grammatischen Funktionen zuordnet oder diese Zuordnung verändert. Voice ist bei ihnen die grammatische Markierung einer solchen Operation.

Die erste Familie umfasst bedeutungshaltige Valenzalternationen, bei denen sich auch die semantische Struktur ändert. Dazu gehören Kausativ, Antikausativ, Resultativ, Applikativ, Possessor-Anhebung und sogenannte Nukleative. Ein Resultativ bezeichnet nur den Resultatszustand eines Ereignisses, etwa „die Tür ist geöffnet“. Ein Applikativ stuft eine oblique Ergänzung, oft mit Präposition, zu einem direkten Objekt hoch, etwa „[auf den Berg] steigen“ zu „den Berg besteigen“.

Die zweite Familie sind reine Valenzänderungen ohne Bedeutungseffekte, vor allem das Passiv. Dazu gehört auch das Antipassiv: Hier wird nicht das erste Argument, sondern das zweite Argument eines transitiven Satzes von seiner normalen Objektfunktion entkoppelt und gegebenenfalls als obliques Argument wieder eingeführt.

Die dritte Familie verändert die semantische Rolle des Subjekts. Dazu zählen Reflexiv und Reziprok. Bei einer reflexiven Diathese beziehen sich Agens und Patiens auf dasselbe Individuum, etwa „ich wasche mich“. Bei einer reziproken Diathese bezeichnet ein Plural-Subjekt eine Gruppe, deren Mitglieder wechselseitig an der Handlung beteiligt sind, etwa „sie waschen einander“.

Globale Diathesen

Globale oder symmetrische Diathesen ändern nicht einfach die Zahl einzelner Ergänzungen, sondern richten die gesamte Verbvalenz neu aus. In europäischen Sprachen kommt dieser Typ nicht vor. Beispiele sind Direkt/Invers-Systeme einiger amerikanischer Indianersprachen und Fokus-Systeme austronesischer Sprachen.

In einem Direkt/Invers-System werden im transitiven Satz die beiden Teilnehmer genannt, und die Verbform zeigt die Handlungsrichtung zwischen ihnen an. Die Erwartbarkeit richtet sich unter anderem nach einer Belebtheitshierarchie: Belebte Teilnehmer stehen höher als unbelebte, und unter den Belebten steht „ich“ höher als „du“, dieses höher als dritte Personen. Die direkte Form zeigt eine erwartbare Richtung von oben nach unten, die inverse Form eine Richtung gegen die Hierarchie.

In austronesischen Fokus-Systemen, zum Beispiel im Tagalog, markiert das Verb, welche semantische Rolle die höchste grammatische Funktion einnimmt: Aktor-Fokus, Patiens-Fokus oder auch Fokus auf periphere Teilnehmer wie Ort, Instrument oder Empfänger. Die genaue Analyse gilt als schwierig. Heute besteht aber Konsens, dass der Patiens-Fokus kein Passiv ist, weil alle Konstruktionen transitiv bleiben und sich nur in der globalen Ausrichtung auf einen Teilnehmer unterscheiden.

Lernvideos zu Diathese (Linguistik)

Weiterlesen

Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Sprachwissenschaft Die Sprachwissenschaft oder Linguistik (zu lateinisch lingua ‚Zunge', ‚Sprache') untersucht in verschiedenen Herangehensweisen die menschliche Sprache. Verb Die Trennung zwischen Verb und Substantiv wird als die fundamentalste Unterscheidung im Bereich der Wortarten angesehen, da hierin die Aufteilung elementarer … Aktiv und Passiv im Deutschen Aktiv und Passiv sind die beiden „Handlungsrichtungen“ oder Diathesen in der Konjugation des Verbs in der deutschen Grammatik. Sie werden in der … Konjugation (Grammatik) Als Konjugation (von lateinisch coniugatio ‚Verbindung') bezeichnet man in der Grammatik die Bildung der Wortformen eines Verbs (Zeitworts), also die … Reflexives Verb Ein reflexives Verb drückt die Tätigkeit eines Subjektes (Sprechers) aus, die sich auf es (ihn) selbst bezieht. Reflexivität ist ein Sonderfall der … Altgriechische Sprache ... weil die Person im Normalfall schon durch das Verb angegeben ist. In den übrigen Kasus wird zwischen den enklitischen unbetonten Formen (etwa με me) und … Morphologie (Linguistik) Die Morphologie (von altgriechisch μορφή morphé, deutsch ‚Gestalt', ‚Form', und λόγος lógos, deutsch ‚Wort', ‚Lehre', ‚Vernunft'), auch: Morphematik oder … Valenz (Linguistik) Der Fachausdruck Valenz („Wertigkeit“) bezeichnet in der Sprachwissenschaft (Linguistik) die Eigenschaft eines Wortes oder einer Wortgruppe, andere Wörter … Reflexivpronomen Reflexivpronomen. Pronomen, das sich auf das inhaltliche oder grammatische Subjekt eines Satzes oder Textes bezieht. Artikel · Diskussion. Futur Deutsch · „Marion wird morgen gegen 16:30 Uhr eintreffen.“ (Futur I, futurum simplex, einfache Zukunft) · „Egon wird morgen vor dem Abendessen eingetroffen sein.“ … Aorist Französisch: Futur composé | Futur simple | Imparfait | Passé composé | Passé récent | Passé simple. Griechisch: Paratatikos · Zuletzt bearbeitet vor 2 Monaten …