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Dependenzgrammatik
Dependenz bedeutet demnach die Abhängigkeit eines Wortes (des regierten Wortes bzw. des Dependens) von einem anderen Wort (dem regierenden Wort bzw. dem Regens) …
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Grundidee und Aufbau
Die Dependenzgrammatik ist eine Richtung der Grammatiktheorie und ein Typ von Grammatikmodell. Sie beschreibt die hierarchische Struktur eines Satzes durch Abhängigkeitsbeziehungen zwischen seinen Wörtern. Eine solche Beziehung verbindet ein abhängiges Wort, das Dependens, mit einem regierenden Wort, dem Regens. Ist ein regierendes Wort selbst von einem anderen Wort abhängig, entsteht eine komplexe hierarchische Dependenzstruktur.
Diese Struktur lässt sich als Baumgraph darstellen, der Stemma genannt wird. Darin entspricht jedes Wort einem Knoten; Kanten zeigen die unmittelbaren Abhängigkeiten. Das Verb bildet gewöhnlich den Zentralknoten, weil es als Grundlage des Satzbauplans gilt. Die anderen Satzglieder hängen von ihm ab oder sind über weitere Wörter mittelbar mit ihm verbunden.
Lucien Tesnière verglich den Satz mit einem Mikro-Drama: Das Verb bezeichnet ein Geschehen, an dem Akteure unter bestimmten Umständen beteiligt sind. Zu den Grundbegriffen seiner Theorie gehören Konnexion, Junktion, Translation, Aktanten und Circunstanten.
Valenz, Aktanten und Wortarten
Die Valenz ist die syntaktische Bindefähigkeit eines Verbs. Ein finites Verb eröffnet eine bestimmte Zahl von Leerstellen, die von Wörtern anderer Wortklassen besetzt werden können. Tesnière übernahm den Ausdruck der Wertigkeit aus der Chemie: So wie ein Atom eine bestimmte Zahl von Bindungen eingehen kann, kann ein Verb eine bestimmte Zahl von Aktanten an sich binden.
Aktanten sind die an einem beschriebenen Geschehen aktiv oder passiv beteiligten Lebewesen oder Dinge. Tesnière begrenzte sie auf das Subjekt sowie das direkte und das indirekte Objekt; im Deutschen entsprechen die beiden Objekttypen dem Akkusativ- und dem Dativobjekt. Adverbiale Bestimmungen und Prädikativa schloss er aus den Valenzbeziehungen aus.
Die Theorie unterscheidet außerdem zwei Arten von Wörtern:
- Leer-Wörter (mots vides) besitzen eine grammatische, aber keine eigenständige lexikalische Bedeutung.
- Voll-Wörter (mots pleins) drücken eine Vorstellung aus und erfüllen sowohl eine syntaktische als auch eine semantische Funktion.
Tesnière unterscheidet vier Wortarten: Verben bezeichnen konkrete Prozesse, Substantive Substanzen in ihrer Konkretheit, Adjektive Substanzen in abstrakter Weise und Adverbien Prozesse in abstrakter Form.
Abgrenzung von der Konstituenz
Der zentrale Unterschied zur Phrasenstruktur- oder Konstituentengrammatik betrifft das Verhältnis zwischen Satzelementen und Strukturknoten. Dependenz ist eine Eins-zu-eins-Relation: Jedem Wort oder Morph entspricht genau ein Knoten. Konstituenz ist dagegen eine Eins-zu-eins-oder-mehr-Relation: Jedes Satzelement entspricht mindestens einem, häufig aber mehreren Knoten. Phrasenstrukturgrammatiken nehmen dazu phrasale Knoten an, die in einer Dependenzstruktur fehlen.
Ein Satz aus zwei Wörtern besitzt im Dependenzbaum zwei Knoten, im entsprechenden Konstituenzbaum dagegen drei. In einem weiteren Beispiel stehen vier Wörtern vier Dependenzknoten, aber sechs Konstituenzknoten gegenüber. „Sub“ bezeichnet dort einen Subordinator und „SubP“ eine Subordinator-Phrase, also einen Nebensatz.
Beide Ansätze erkennen Konstituenten an: Jeder vollständige Baum und jeder vollständige Teilbaum gilt als Konstituente. Wegen der zusätzlichen phrasalen Knoten setzt die Konstituenz jedoch mehr Konstituenten an. Besonders wichtig ist die Frage nach einer finiten Verbalphrase oder VP, die das Subjekt ausschließt. Die Dependenzgrammatik erkennt eine solche VP-Konstituente nicht an; Konstituenzgrammatiken nehmen sie gewöhnlich an.
Dependenz wird vor allem mit Lucien Tesnière, Konstituenz besonders mit Noam Chomsky verbunden. Dependenzstrukturen sind vergleichsweise flach, während Konstituenzstrukturen stärker geschichtet und tiefer sind. In Konstituentengrammatiken können Dependenzbeziehungen indirekt durch Kopf-Komplement-Strukturen dargestellt werden, insbesondere in der X-Bar-Theorie der Generativen Grammatik.
Minimale Strukturen und Grammatikmodelle
Da in einer Dependenzstruktur jedes Satzelement genau einem Knoten entspricht, ist die Zahl der Knoten auf die Zahl der Wörter oder Morphe begrenzt. Ein Dependenzbaum enthält gewöhnlich etwa halb so viele Knoten und Kanten wie der entsprechende Konstituenzbaum. Dadurch sind Dependenzstrukturen vergleichsweise minimal, und bei der Analyse müssen weniger Strukturentscheidungen getroffen werden. Fragen nach einer finiten VP-Konstituente oder nach besonders flachen beziehungsweise tief geschichteten Strukturen entstehen nicht in derselben Weise. Unterschiedliche Auffassungen zeigen sich jedoch bei Diskontinuitäten, also bei Strukturen, deren zusammengehörige Elemente nicht geschlossen nebeneinanderstehen.
Beide Arten von Grammatikmodellen sind verbreitet. In englischsprachigen Ländern dominieren Phrasenstrukturgrammatiken. Zu ihnen zählen Generalized Phrase Structure Grammar, Head-driven Phrase Structure Grammar, Kategorialgrammatik, Lexikalisch-funktionale Grammatik, Minimalistisches Programm sowie Rektions- und Bindungstheorie.
Dependenzgrammatiken sind stärker in Europa vertreten, besonders im deutschsprachigen Raum. Auf Dependenz beruhen das Bedeutung-Text-Modell, die Extensible Dependency Grammar, die Funktionale generative Beschreibung, die Lexicase Grammar und die Word Grammar. Das Dependenzprinzip wird auch in der maschinellen Sprachverarbeitung verwendet.
Entwicklung und Verhältnis zur Valenztheorie
Frühe Ansätze der Dependenzgrammatik finden sich bereits bei dem indischen Grammatiker Panini im 5. oder 4. Jahrhundert v. Chr. Im europäischen Mittelalter verwendeten Ibn Maḍāʾ (1116–1196) und Thomas von Erfurt dependenzielle Vorstellungen. Moderne Dependenzgrammatiken gehen jedoch hauptsächlich auf Lucien Tesnière (1893–1954) zurück. Sein Hauptwerk Éléments de syntaxe structurale erschien 1959, fünf Jahre nach seinem Tod. In den 1960er Jahren wurde das Dependenzkonzept anscheinend auch unabhängig von ihm erkannt. Die erste internationale Konferenz zur Dependenz in der Linguistik fand im September 2011 statt.
Die Dependenzgrammatik wird manchmal „Dependenz- und Valenzgrammatik“ genannt. Diese Bezeichnung gilt als problematisch, weil Valenz keine eigenständige Grammatik sein muss, sondern Bestandteil vieler Grammatiktheorien ist. Allgemein bezeichnet Valenz die Fähigkeit eines Prädikats, Zahl und Funktion der Konstituenten in seiner Nähe, also seiner Argumente, festzulegen.
Dependenz und Valenz sind durch Tesnières Theorie geschichtlich eng verbunden, sachlich aber voneinander zu unterscheiden. Daher ist „Valenztheorie“ plausibler als „Valenzgrammatik“. Die Valenztheorie bildet ein autonomes Gebiet: Sie kann auch dann verwendet werden, wenn eine Theorie Dependenz ablehnt und stattdessen Konstituenz annimmt. So geben die meisten Phrasenstrukturgrammatiken der Valenz von Prädikaten eine zentrale Stellung, ohne deshalb Dependenzgrammatiken zu sein.