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Ursachen der Industriellen Revolution
Geographie. Bearbeiten. Geographische Vorteile Großbritanniens gegenüber ... Die Verfolgung der Hugenotten führte zu einem Braindrain und trieb unter …
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Fragestellung und Gesamtbild
Die Ursachen der Industriellen Revolution sind wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Im Mittelpunkt stehen zwei Fragen: Warum begann sie in Großbritannien und nicht in einem anderen Land? Und warum setzte sie gerade zu diesem Zeitpunkt ein, also nicht früher oder später?
Nach Joel Mokyr (1999) werden die Erklärungen in sieben Kategorien geordnet: Geographie, technologische Kreativität, soziale Institutionen, Politik, Angebot und Nachfrage, internationaler Handel sowie Wissenschaftskultur. Die meisten Historiker gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammenwirkten. Einzelne Faktoren waren zwar ursächlich, aber wahrscheinlich weder allein notwendig noch allein hinreichend. Geographische, wirtschaftliche, politische und kulturelle Bedingungen konnten ihr Potenzial vor allem im Zusammenspiel mit technischen Entwicklungen entfalten.
Einige Historiker betrachten die Industrielle Revolution außerdem als Höhepunkt eines mehrere Jahrhunderte dauernden Modernisierungsprozesses. Großbritannien verfügte demnach bereits im Mittelalter über eine produktive Landwirtschaft, gut funktionierende Getreidemärkte und eine entwickelte Marktwirtschaft. Bruce M. S. Campbell sah im 13. Jahrhundert eine funktionierende Marktwirtschaft, Gregory Clark eine besonders produktive mittelalterliche Landwirtschaft, und Graeme Snooks (1994) bezeichnete Großbritannien bereits Ende des 17. Jahrhunderts als fortgeschrittene Wirtschaft. Nach MacFarlane (1978) begann die britische Moderne schon im späten Mittelalter. Diese Sicht erklärt jedoch nicht vollständig, warum die ähnlich entwickelte niederländische Wirtschaft spät industrialisiert wurde, während die Schweiz, die kaum vergleichbare Voraussetzungen besaß, Großbritannien relativ schnell folgte.
Ressourcen, Erfindungen und praktische Verbesserungen
Großbritannien besaß Kohlevorkommen, hatte wegen der Abholzung und Holznot einen Anreiz zur Nutzung neuer Energiequellen und war durch seine Insellage relativ gut vor Invasionen geschützt; die letzte Invasion fand 1066 statt. Die Küstenschifffahrt war vergleichsweise billig. Außerdem hatte England mit Kanälen mehr als doppelt so viele Wasserwege pro Quadratkilometer Landfläche wie Frankreich und dreimal so viele pro Einwohner.
Diese geographischen Vorteile reichen als Erklärung jedoch nicht aus. Irland profitierte trotz ähnlicher Bedingungen nicht entsprechend, und die Niederlande führten trotz eines guten inneren Transportwesens die Industrialisierung nicht an. Kohle und Eisenerz wurden teilweise aus Schweden und Spanien importiert, Baumwolle musste vollständig eingeführt werden. Belgien besaß Kohle und Eisen, während die Schweiz überhaupt keine entsprechenden Ressourcen hatte. Energiequellen waren zu geringen Kosten handelbar und konnten einander ersetzen: Kohlearme Länder wie die Niederlande und Irland nutzten Torf, gebirgige Regionen Wasser- und flache Regionen Windkraft.
Geographie konnte dennoch technologische Entwicklung anstoßen. Die Nutzung von Kohle förderte etwa Pumpen, Schachtförderung und Exploration, die später auch anderen Branchen zugutekamen. Die Schifffahrt erzeugte positive Externalitäten, also zusätzliche Vorteile für andere Bereiche, etwa für Sägewerke, Zimmerei, Instrumentenfertigung und Segelmacherei. Allerdings war auch die Niederlande eine bedeutende Seefahrernation, ohne industrieller Vorreiter zu werden.
Bei der technologischen Kreativität stammten die Dampfmaschine sowie wichtige Baumwoll- und Textiltechniken aus Großbritannien. Viele bedeutende Erfindungen entstanden aber in anderen Ländern, besonders in Frankreich, darunter der Jacquardwebstuhl, die Chlorbleichung, das Leblanc-Verfahren, die Langsiebpapiermaschine, die Gasbeleuchtung und das mechanisierte Flachsspinnen. Nach Mokyr besaß Großbritannien deshalb keinen absoluten Vorteil bei Makroerfindungen, also grundlegenden technischen Durchbrüchen, wohl aber einen komparativen Vorteil bei Mikroerfindungen, den schrittweisen Verbesserungen solcher Durchbrüche.
Großbritannien hatte kein besonders effektives Bildungssystem. Von knapp 500 zwischen 1700 und 1850 geborenen angewandten Wissenschaftlern und Ingenieuren hatten etwa zwei Drittel kein Universitätsstudium absolviert. Technisches und pragmatisches Wissen wurde über Meister, persönliche Beziehungen, Bibliotheken, Wanderlehrer und Mechanics’ Institutes vermittelt. Mitte des 19. Jahrhunderts besaßen mehr als tausend technische und wissenschaftliche Vereine mindestens 200.000 Mitglieder. Dieses Umfeld förderte experimentierende und praktisch arbeitende Erfinder, solange kein tiefes Verständnis von Physik oder Chemie erforderlich war.
Gesellschaft, Institutionen und Staat
Harold Perkin (1969) führte die Entstehung einer für die Industrialisierung günstigen Gesellschaft auf die sozialen und politischen Veränderungen seit der Stuart-Restauration von 1660 zurück. Nach dem Englischen Bürgerkrieg war der gesellschaftliche Status stärker an Reichtum und Arbeitserfolg gebunden. Das verbesserte unter anderem politische Aufstiegschancen, Heirats- und Bildungschancen, Zugang zu Militärrängen und gesellschaftlichem Ansehen. Die soziale Mobilität nahm zu. Entscheidend war nach dieser Deutung nicht Reichtum allein, sondern durch Arbeit erworbener Reichtum, der zusätzlichen Status versprach. Richard Arkwright, der Sohn eines Schneiders, wurde beispielsweise sehr vermögend und geadelt. Perkin hielt die britische Gesellschaft für materialistischer als andere westeuropäische Gesellschaften.
Ob der Zusammenhang von Reichtum und Status in Großbritannien tatsächlich stärker war als in den bereits urbanisierten und kapitalistischen Niederlanden, ist jedoch ungeklärt. Damit war diese gesellschaftliche Struktur vermutlich keine hinreichende Bedingung. Gregory Clark (2007) erklärte kulturelle Veränderungen mit der Malthusianischen Ökonomie, die Eigenschaften wie Fleiß, Geduld, Lesefähigkeit und Gewaltlosigkeit belohnt habe. Seine weitergehende Annahme, dass sich solche Eigenschaften möglicherweise auch genetisch verbreiteten, ist eine eigene, umstrittene Erklärung.
Douglass North betonte das britische Patentwesen, das seit 1624 bestand, während es in Frankreich und dem restlichen Kontinent erst nach 1791 eingeführt wurde. Patente sollten die Rendite von Innovationen erhöhen. Gegen diese Erklärung spricht, dass Frankreich Erfindungen durch königliche Privilegien und Pensionen der Académie des sciences förderte, dass britische Gerichte Patentinhaber oft nicht ausreichend schützten und dass Industriespionage verbreitet war. Richard Arkwright wurde auch ohne Patentschutz reich; Samuel Crompton und Edmond Cartwright wurden durch das Parlament belohnt. Christine MacLeod schätzte, dass neun von zehn Patenten in Industriezweigen mit geringer Innovationskraft lagen. Außerdem konnte Patentschutz zwar Anreize schaffen, aber zugleich die Verbreitung von Wissen behindern; Watt nutzte sein Patent auf die Niederdruckdampfmaschine, um die Entwicklung der Hochdruckdampfmaschine zu behindern. Befürworter entgegnen, das französische Belohnungssystem sei politisiert und weniger effizient gewesen. Harry Dutton bezeichnete das britische Patentsystem trotz seiner Schwächen als einzige Möglichkeit, Erfinder für risikoreiche Vorhaben ausreichend zu entlohnen.
Politisch war Großbritannien während der Industriellen Revolution weniger stark von Kriegen betroffen als Kontinentaleuropa. Eigentumsrechte, Patent- und Markenrecht, Rechtsprechung, Polizeischutz und das Fehlen von Reichensteuern begünstigten laut North Innovation, Kapitalakkumulation, Marktintegration, Spezialisierung und Skaleneffekte. Großbritannien war dabei kein reiner Laissez-faire-Staat: Es griff in Märkte ein, setzte Eigentumsrechte durch und schützte teils Monopole. Die öffentliche Hand finanzierte Straßen, Kanäle, Eisenbahnen, Schulen und Universitäten jedoch nur zurückhaltend; vieles wurde privat getragen.
Mancur Olson erklärte den Vorsprung mit einer zeitweiligen Schwäche von Interessenverbänden. Dadurch konnten gesamtgesellschaftliche Interessen gegenüber den Interessen von Gruppen mit technischem Wandel entgegenstehenden Besitzständen überwiegen. Gewerkschaften wurden verboten, gewaltsame Proteste wie die der Ludditen militärisch niedergeschlagen und Law and Order durchgesetzt. Der Merkantilismus war schwächer als in Frankreich und Preußen, und Zünfte verloren seit der Glorious Revolution an Einfluss. Zugleich bestanden erhebliche Eingriffe: Die Ostindien-Kompanie besaß bis ins 19. Jahrhundert ein staatlich garantiertes Monopol, während der Napoleonischen Kriege stiegen Zölle auf bis zu 64 %. Die Corn Laws und die Navigationsakte wurden 1846 beziehungsweise 1849–54 abgeschafft.
Die Poor Laws werden unterschiedlich bewertet. Sie konnten Geburtenrate und Migration beeinflussen, behinderten die Industrielle Revolution nach George Boyer jedoch nicht signifikant. Nach Peter Solar (1995) wirkten sie als soziale Versicherung, erleichterten die Loslösung vom Land, förderten einen mobilen Arbeitsmarkt und ermöglichten größere wirtschaftliche Risiken. Auch die politische Macht war stärker über die Provinzen verteilt als in vielen kontinentaleuropäischen Staaten. Städte wie Manchester, Glasgow und Edinburgh wurden wichtige Industrie- und Wissenschaftsstandorte.
Märkte, Konsum und internationaler Handel
Eine wichtige Erklärung setzt bei Angebot und Nachfrage an. North (1990) sah die Größe des Marktes als entscheidend für Innovationen. Nach Neil McKendrick (1982) war der zunehmende Konsumismus dagegen vor allem eine Folge einer bereits gestärkten Angebotsseite. Fernand Braudel zufolge betrug der Baumwollverbrauch in England 1769 nur 300 Gramm pro Kopf, ungefähr ein Hemd pro Einwohner und Jahr. Erst der zunehmende Import billiger indischer Baumwolltücher, der indiennes, steigerte den Absatz. Die britischen Hersteller mussten darauf mit effizienterer Technik reagieren. Danach stiegen Baumwollproduktion und Gewinne stark; billige Rohbaumwolle wurde bald aus Amerika importiert.
Mokyr (1985) hielt die Rolle der Konsumnachfrage für schwer nachweisbar. Das weltweite Bevölkerungswachstum ab etwa 1750 erhöhte zunächst vor allem die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten. Außerdem fehlten klare Belege dafür, dass eine höhere Nachfrage mehr Investitionen auslöste. Der Höhepunkt der Veränderungen im Konsumverhalten lag nach dieser Kritik bereits um 1700. Dennoch musste eine gewisse Nachfrage vorhanden sein, um die Fixkosten von Erfindungen zu decken. Nathan Rosenberg sah den teilweise modebedingten Anstieg der Nachfrage nach Baumwolltextilien als förderlich an, weil Baumwolle leichter mechanisierbar war als Wolle und Flachs. Jan de Vries (1993) sprach von einer Fleißrevolution: Haushalte verlagerten Arbeit von der Haushaltssphäre in die Marktsphäre, wodurch Spezialisierung und Marktbeteiligung zunahmen.
Großbritannien besaß zu Beginn der Industriellen Revolution eine vergleichsweise offene Außenwirtschaft. Menschen und Kapital bewegten sich relativ frei, exotische Güter wurden konsumiert, und Getreide wurde je nach Ernte exportiert oder importiert. Zugleich war die Zeit, abgesehen von 1763–76 und 1783–93, von Kriegen und Embargos geprägt. Umstritten ist, ob der Handel die Industrialisierung auslöste oder umgekehrt von ihr angetrieben wurde. Charles Knickerbocker Harley berechnete, dass Großbritannien 1860 ohne Handel 6 % seines Nationaleinkommens verloren hätte. Andere Forscher, darunter O’Brien, Engemann und Cuenca, sehen dennoch stimulierende Wirkungen, besonders in einzelnen Industriezweigen. Importe brachten Rohstoffe, technische Kenntnisse und Konkurrenz. Indische Baumwolltücher zwangen britische Produzenten zur Rationalisierung; Wissen über indischen Kaliko und Musselin sowie türkische Färberröte wurde übernommen.
Die Bedeutung von Imperialismus und Sklaverei ist ebenfalls umstritten. Länder ohne große Kolonien wie Belgien und die Schweiz industrialisierten sich schneller als Länder mit bedeutenden Kolonialgebieten wie die Niederlande oder Portugal. Eric Williams (1944) erklärte, Gewinne aus dem atlantischen Dreieckshandel hätten die frühe Industrialisierung finanziert. Diese These erhielt später wieder Aufmerksamkeit, doch Richardson (1987) schätzte, Großbritannien hätte sich ohne die Sklaverei auf den karibischen Inseln nur geringfügig langsamer industrialisiert. Größer war möglicherweise die Bedeutung der Sklaverei auf den Baumwollplantagen der US-Südstaaten, weil sie die billige Versorgung Großbritanniens mit Baumwolle erleichterte. Sven Beckert argumentierte 2014 in King Cotton, der preisgünstige Baumwollanbau habe auf gewaltförmigen Strukturen beruht, die er „Kriegskapitalismus“ nennt. Die Profite aus diesem Baumwollgeschäft hätten zum industriellen Take-off beigetragen.
Wissenschaftskultur und Schlussfolgerung
Wissenschaftlich war Großbritannien dem Kontinent nicht eindeutig voraus. Für den technischen Fortschritt war nach dieser Betrachtung praktisches Experimentieren und Basteln wichtiger als wissenschaftliches Wissen allein. Eine Rolle könnten jedoch wissenschaftliche Methode, wissenschaftliche Mentalität und Wissenschaftskultur gespielt haben. Dazu gehörten Vertrauen in Vernunft und Naturgesetze, die Zerlegung von Problemen in einzelne Bestandteile, die Bereitschaft, widerlegte Doktrinen einschließlich religiöser Vorstellungen aufzugeben, sowie öffentlich zugängliche Vorlesungen und Demonstrationen. Wissenschaft wurde als praktisch, kommerziell und industriell anwendbar verstanden.
Francis Bacon prägte seit dem 17. Jahrhundert die Vorstellung einer pragmatischen, experimentellen und angewandten Wissenschaft, die den Lebensstandard erhöhen sollte. In Frankreich war dagegen René Descartes’ abstrakte, theoretische und formal herleitbare Wissenschaft einflussreicher. In England erforschten angewandte Ingenieure die Wasserkraft, während sich in Frankreich vor allem Mathematiker damit beschäftigten. Der britische Staat hielt sich bei Wissenschaft und Technik weitgehend zurück; private Interessen und die Zusammenarbeit mit Geschäftsleuten hatten Vorrang. Frankreich, die Niederlande, Deutschland und Russland griffen stärker ein und richteten Wissenschaft und Ingenieurwesen eher auf Militär und Verwaltung aus.
Insgesamt gibt es keine einzelne, allgemein anerkannte Ursache. Die britische Vorreiterrolle wird meist durch das Zusammenwirken von Marktwirtschaft, technischen Verbesserungen, relativ stabilen Eigentumsrechten, sozialer Mobilität, regionaler Vielfalt, Handel, Rohstoffimporten, praktischer Wissenschaftskultur und einer vergleichsweise innovationsfreundlichen Politik erklärt. Wie stark jeder Faktor wirkte und warum die Industrielle Revolution genau zu diesem Zeitpunkt begann, bleibt jedoch Gegenstand der Forschung.