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Urgermanische Sprache
Ein Plusquamperfekt gab es noch nicht, so dass die Vorvergangenheit im Nebensatz mit dem Präteritum ausgedrückt wurde. Wortschatz. Bearbeiten. Der …
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Kern und Einordnung
Urgermanisch, auch Protogermanisch, Gemeingermanisch oder Späturgermanisch genannt, ist die hypothetische Vorläufersprache aller germanischen Sprachen. Dazu gehören unter anderem Deutsch, Englisch, Niederländisch und Schwedisch. Es handelt sich nicht um eine direkt überlieferte Sprache, sondern um eine rekonstruierte Ursprache der germanischen Sprachfamilie.
Das Urgermanische entwickelte sich möglicherweise im 2. Jahrtausend v. Chr., spätestens im 1. Jahrtausend v. Chr. Sein vermuteter Raum lag grob um die westliche Ostsee, nach anderen Quellen etwas weiter südlich um den Harz herum. Gesprochen wurde es bis zur beginnenden Auflösung der germanischen Spracheinheit gegen Ende des 1. Jahrtausends v. Chr.; zu diesem Zeitpunkt war es wegen der Ausdehnung seines Gebiets wahrscheinlich bereits in Dialekte gegliedert.
Die Sprecher dieser Sprachstufe werden sprachwissenschaftlich als Germanen bezeichnet, unabhängig davon, ob ethnologische oder geografische Belege vorliegen. Vor dem Urgermanischen wird eine prä- oder vorgermanische Stufe angesetzt, in der wichtige Entwicklungen wie die erste Lautverschiebung, das Vernersche Gesetz und die Verlagerung des Akzents auf die Stammsilbe noch nicht abgeschlossen waren.
Rekonstruktion der Sprache
Vom Urgermanischen sind keine eigenen Texte erhalten. Deshalb gilt es als Rekonstruktsprache: Es wird mit Methoden der historisch vergleichenden Sprachwissenschaft erschlossen. Grundlage sind vor allem die früh bezeugten altgermanischen Einzelsprachen, darunter Gotisch, Althochdeutsch, Altenglisch, Altsächsisch, Altnordisch, Altniederländisch, Altfriesisch und Altfränkisch. Moderne germanische Sprachen spielen für die Rekonstruktion eine geringere Rolle, weil die älteren Sprachstufen der Ursprache näherstehen.
Besonders wichtig ist das Gotische, weil es durch die Wulfilabibel schon im 4. Jahrhundert gut belegt ist. Andere Sprachen sind später handschriftlich überliefert: Althochdeutsch und Altenglisch ab dem 7. Jahrhundert, Altsächsisch ab dem 9. Jahrhundert, Altniederfränkisch etwa ab dem 10. Jahrhundert, Altnordisch ab dem 12. Jahrhundert und Altfriesisch ab dem 13. Jahrhundert. Kurze urnordische Runeninschriften gibt es allerdings bereits ab dem 2. Jahrhundert, west- und südgermanische Runeninschriften ab dem 5. und 6. Jahrhundert.
Das Alter einer Quelle entscheidet nicht allein über ihren Wert. So zeigt das Gotische im Verbalbereich fast keine Spuren des Vernerschen Gesetzes mehr, während spätere Sprachen wie Althochdeutsch oder Altenglisch hier bessere Hinweise liefern. Zusätzlich helfen Runeninschriften, antike griechische und lateinische Überlieferungen von Namen und Einzelwörtern sowie frühe Lehnwörter, zum Beispiel finnisch kuningas „König“ aus urgermanisch *kuningaz. Wichtig ist außerdem der Vergleich mit anderen indogermanischen Sprachzweigen und mit der erschlossenen indogermanischen Ursprache.
Laute und Lautwandel
Ein zentrales Merkmal des Urgermanischen ist sein Lautsystem. Im Vokalsystem gab es unter anderem kurze und lange Vokale, Nasalvokale sowie Diphthonge wie [ɑi], [ɑu], [eu] und [iu]. Auffällig ist, dass es im Urgermanischen kein kurzes /o/ gab. Ob es einen oder mehrere lange /ē/-Laute gab, ist umstritten; oft werden /ē₁/ und /ē₂/ unterschieden, wobei neuerdings /ē₂/ teilweise als Diphthong [iɑ] gedeutet wird.
Bei den Konsonanten sind besonders die Verschlusslaute, Frikative und Labiovelare wichtig. Die Schreibweisen sind in der Forschung nicht immer einheitlich: Für Labiovelare finden sich etwa ⟨kʷ⟩ und ⟨gʷ⟩, aber auch ⟨kw⟩ und ⟨gw⟩. Stimmhafte Frikative standen vermutlich in engem lautlichem Zusammenhang mit den entsprechenden Plosiven b, d, g und gʷ.
Die Entwicklung vom Urindogermanischen zum Urgermanischen verlief über mehrere Lautwandel. Dazu gehören frühe Veränderungen wie der Zusammenfall palataler Laute mit Velaren, der Verlust von Laryngalen und die Vokalisierung bestimmter Laute. Von unklarer Datierung sind der Wandel von indogermanisch kurzem /o/ zu urgermanisch kurzem /a/, das Vernersche Gesetz und die Festlegung des Wortakzents auf die Stammsilbe.
Besonders bekannt ist die erste Lautverschiebung, auch Grimms Gesetz genannt. Dabei wurden die alten indogermanischen Verschlusslautreihen grundlegend umgebaut; es entstanden unter anderem neue Frikative wie -f-, -þ- und ch. Ihre Datierung ist umstritten, sicher ist aber, dass sie frühestens ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. begonnen haben kann. Nach der ersten Lautverschiebung wurde indogermanisch /ā/ zu /ō/. Dadurch erklärt sich zusammen mit dem Wandel /o/ zu /a/, warum /ā/ und /o/ im Urgermanischen fehlten.
Formenlehre
In der Morphologie, also der Formenlehre, fand im Urgermanischen ein starker Abbau älterer indogermanischer Kategorien statt. Im Nominalsystem blieben von den acht indogermanischen Kasus sechs übrig: Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ, Instrumental und Vokativ. Der Instrumental ist nur im Westgermanischen, vor allem im Althochdeutschen und Altenglischen, belegt, gilt dadurch aber für das Urgermanische als gesichert. Der Vokativ ist nur noch in wenigen gotischen Formen erhalten. Die Funktionen von Instrumental, Lokativ und Ablativ gingen überwiegend im Dativ auf; diesen Zusammenfall nennt man Synkretismus.
Weitere nominale Kategorien waren die drei Numeri Singular, Dual und Plural sowie die drei Genera Maskulinum, Neutrum und Femininum. Der Dual bezeichnet zwei Personen oder Dinge.
Auch das Verbalsystem wurde stark vereinfacht. Das Urgermanische kannte die Modi Indikativ, Konjunktiv und Imperativ sowie die Diathesen Aktiv und (Medio)passiv. Vom komplexen indogermanischen Tempus-Aspekt-System blieben vor allem Präsens und Präteritum. Spätere germanische Sprachen bauten ihre Tempussysteme teilweise wieder mit Umschreibungen aus.
Wichtige Neuerungen waren das System der starken Verben, deren Flexion mit Ablaut arbeitet, also mit Vokalwechsel im Wortstamm. Außerdem entstanden schwache Verben ohne Ablaut, die ihr Präteritum mit einem Dentalsuffix bilden; dessen Herkunft ist umstritten. Charakteristisch ist auch die schwache Adjektivflexion. Sie wird besonders in bestimmten syntaktischen Umgebungen verwendet, etwa nach einem Demonstrativpronomen, vergleichbar mit „ein glückliches Huhn“ gegenüber „das glückliche Huhn“.
Satzbau und Gebrauch
Die Syntax des Urgermanischen ist schwerer zu erschließen als Laute, Formen und Wortschatz. Die ältesten Runeninschriften bestehen selten aus vollständigen Sätzen. Frühe Texte sind oft Übersetzungen aus dem Griechischen oder Lateinischen und folgen häufig der Satzstellung der Vorlage. Andere Texte sind metrisch gebundene Dichtung, deren Wortstellung durch Versmaß oder Reim beeinflusst sein kann.
Die Wortstellung war wahrscheinlich weniger festgelegt als im modernen Englisch. In urnordischen Runeninschriften mit vollständigen Sätzen überwiegt Subjekt-Objekt-Verb nur leicht; Subjekt-Verb-Objekt ist ebenfalls geläufig und scheint in voralthochdeutschen Inschriften etwas häufiger zu sein. Attribute wie Adjektive, Pronomina und Numeralia standen vermutlich meist vor dem Substantiv; nachgestellte Attribute waren regelmäßig betont.
Beim Gebrauch der Kasus übernahm der Dativ viele Funktionen des indogermanischen Dativs, Lokativs, Ablativs und teilweise Instrumentals. Eine Besonderheit in allen drei germanischen Zweigen ist der dativus absolutus, der eine Nebenhandlung oder Begleitumstände ausdrückt. Außerdem gab es wie im Lateinischen einen AcI, also eine Konstruktion aus Akkusativ und Infinitiv.
Beim Verbgebrauch war der alte indogermanische Konjunktiv offenbar verschwunden; seine Funktionen übernahm überwiegend der Optativ. Ein eigenes Futur gab es nicht, ebenso wenig wie in der indogermanischen Ursprache. Zukünftiges wurde mit dem Präsens und gegebenenfalls einem Adverb ausgedrückt, etwa wie im Deutschen „morgen fahre ich nach Hause“. Neu war der Optativ des Präteritums, der einen Irrealis der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart ausdrücken konnte.
Wortschatz und Beispiele
Der urgermanische Wortschatz enthält viele Wörter, deren indogermanischer Ursprung schwer nachzuweisen ist oder bestritten wird. Das betrifft besonders Begriffe aus gesellschaftlicher Gliederung, Schiffswesen und Seefahrt. Daraus wurde eine Beeinflussung durch eine ältere vorhandene Sprache, ein sogenanntes Substrat, vermutet; für viele dieser Wörter wurden aber auch indogermanische Etymologien vorgeschlagen.
Lehnwörter zeigen enge Kontakte zu keltischen Sprachen. Umgekehrt beeinflusste das Germanische früh das Finnische. Beispiele sind finnisch kuningas „König“ aus urgermanisch *kuningaz und rengas „Ring“ aus urgermanisch *hrengaz.
Als typische Textprobe dient die indogermanische Fabel „Das Schaf und die Pferde“, die von verschiedenen Linguisten ins erschlossene Urgermanische übertragen wurde. Carlos Quiles Casas veröffentlichte 2007 eine Version, die er auf 500 v. Chr. datierte. Wolfram Euler schlug im selben Jahr eine Rekonstruktion für den Sprachstand um Christi Geburt vor. Die deutsche Übersetzung erzählt von einem Schaf ohne Wolle, das Pferde sieht, die Wagen, Lasten und einen Menschen tragen. Es beklagt, dass der Mensch die Pferde treibt; die Pferde antworten, dass der Mensch aus der Wolle der Schafe ein warmes Kleidungsstück für sich macht, während die Schafe keine Wolle haben. Darauf flieht das Schaf vom Acker.