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Germania (Tacitus)

Die Germania ist eine kurze ethnographische Schrift des römischen Historikers Tacitus (ca. 58–120 n. Chr.) über die Germanen. Sie wurde seit der Frühen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Einordnung
  2. 2. Aufbau und allgemeines Germanenbild
  3. 3. Öffentliches und privates Leben
  4. 4. Einzelne Stämme
  5. 5. Quellen, Darstellungsweise und Absichten
  6. 6. Überlieferung und Wirkung

Kern und Einordnung

Die Germania ist eine kurze ethnographische Schrift des römischen Historikers Tacitus (ca. 58–120 n. Chr.) über die Germanen. Ethnographie bedeutet hier: eine Beschreibung eines fremden Volkes, seiner Lebensweise, Sitten, politischen Formen und geographischen Umgebung. Das Werk beschreibt Germanien und verschiedene germanische Stämme vom Rhein bis zur Weichsel. Es wurde seit der Frühen Neuzeit stark gelesen und wirkte breit nach; die neuere Forschung betrachtet es kritischer, besonders wegen seiner späteren politischen Instrumentalisierung.

Die Schrift wird meist in das Jahr 98 n. Chr. datiert. Grundlage ist eine Stelle, die bis zum zweiten Konsulat Kaiser Trajans rechnet; dieses fiel in das Jahr 98 n. Chr. Diese Angabe ist aber nur ein terminus post quem, also der frühestmögliche Zeitpunkt der Abfassung, kein sicheres absolutes Datum. Roland Schuhmann hat eine spätere Datierung nach 103–106 n. Chr. vorgeschlagen, falls der Name Pannoniis im ersten Satz als Ländername verstanden wird und damit die Teilung Pannoniens in Pannonia superior und Pannonia inferior voraussetzt. Die traditionelle Auffassung versteht den Ausdruck dagegen als Völkernamen.

Ein antiker Originaltitel ist nicht überliefert. In der Renaissance begegnen Titel wie De origine et situ Germanorum („Über Ursprung und geographische Lage der Germanen“) und De origine et situ Germaniae. Als einigermaßen plausible Titel gelten De origine et situ Germanorum und De origine et moribus Germanorum („Über Ursprung und Sitten der Germanen“). Da keiner sicher ist, wird das Werk heute meist mit dem Arbeitstitel Germania bezeichnet.

Tacitus schrieb in einer Zeit, in der das Römische Reich auf einem Höhepunkt stand. Die Grenzen zu Germanien waren gezogen und weitgehend gesichert. Nach der Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. wurden die römischen Offensiven 16 n. Chr. eingestellt; im späten 1. Jahrhundert verschob Rom die Grenze unter Domitian leicht vor und richtete Germania inferior und Germania superior ein. Manche germanische Stämme arrangierten sich mit Rom, andere blieben feindlich. Für Rom bedeutete dies eine lange, teure Truppenpräsenz an der Grenze. Anders als an anderen Grenzen stand Rom im Norden aber keiner organisierten Großmacht gegenüber.

Aufbau und allgemeines Germanenbild

Die Germania gliedert sich in einen allgemeinen und einen besonderen Teil. Im allgemeinen Teil beschreibt Tacitus Germanien, seine Grenzen, Landschaft, Bevölkerung, öffentliche Ordnung und private Lebensweise. Im besonderen Teil behandelt er einzelne Stämme und ihre Besonderheiten.

Tacitus stellt die Germanen in Gegensätzen dar. Einerseits hebt er ihre seiner Ansicht nach sittliche Lebensweise hervor: ein streng geregeltes Familienleben, Treue, Aufrichtigkeit, Tapferkeit im Krieg und Freiheitswillen. Andererseits nennt er Schwächen wie Trägheit, Neigung zum Würfelspiel und übermäßigen Alkoholkonsum. Dieses Bild ist nicht einfach eine moderne Tatsachenbeschreibung, sondern eine römische Darstellung eines fremden Volkes, die immer auch mit den Wertvorstellungen und Interessen des Autors verbunden ist.

Zu Beginn beschreibt Tacitus die Germanen als abgehärtet, ursprünglich und nicht mit anderen Völkern vermischt. Er hält sie für eine Urbevölkerung ihrer Heimat. Als Begründung nennt er unter anderem, dass sie seiner Schilderung nach äußerlich keiner bekannten Ethnie der damaligen Welt ähnelten und dass niemand freiwillig in ein so raues, unwirtliches und schwer erreichbares Gebiet einwandern würde. Germanien selbst beschreibt er als unfreundlich, trostlos, arm an fruchtbarem Boden und ohne wertvolle Bodenschätze.

Öffentliches und privates Leben

Im Abschnitt über das öffentliche Leben beschreibt Tacitus Kriegsführung, Religion, Volksversammlungen, Rechtsprechung und die Rolle der Fürsten im Krieg. Die Germanen erscheinen bei ihm als wilde, schwach bewaffnete, aber tapfere Kämpfer. Sie schätzten ihre Frauen hoch und vertrauten auf Vorzeichen und Orakel. Entscheidungen seien in Versammlungen gefallen, die vom Stand des Mondes abhängig gewesen seien. Tacitus kritisiert dabei eine gewisse Disziplinlosigkeit. Krieg gilt in seiner Darstellung mehr als tägliche Arbeit; er zeichnet sogar das Bild eines Volkes, das lieber Frauen und Alte arbeiten lasse, als sich selbst um Haus, Hof und Feld zu kümmern.

Das private Leben umfasst bei Tacitus Behausungen, Wohnweise, Kleidung, Ehe, Erziehung, Erbrecht, Gastfreundschaft, Feiern, Spiele, Landwirtschaft und Totenbestattung. Die Germanen werden als einfach und teils nachlässig gekleidet beschrieben, zugleich aber ausdrücklich für ihre Sittsamkeit gelobt. Besonders wichtig ist seine Aussage, die Germanen seien monogam und dem Ehepartner treu ergeben. Diese Stelle spielte später eine große Rolle für die Sittenspiegel-Theorie, nach der Tacitus den Römern durch das Beispiel der Germanen ihre eigenen moralischen Schwächen vor Augen führen wollte.

Tacitus lobt die Gastfreundschaft der Germanen, erwähnt aber auch Ausschweifungen. Feiern dauerten nach seiner Darstellung oft tagelang und konnten in Schlägereien und Totschlag enden. Er nennt einfaches Essen und ein ihm unbekanntes alkoholisches Getränk, Bier, das im Übermaß getrunken werde. Zugleich betont er ihre Ehrlichkeit. Das Würfelspiel erscheint bei ihm als besonders ernst betriebene Leidenschaft: Germanen setzten dabei sogar ihre persönliche Freiheit aufs Spiel und ließen sich im Verlustfall als Sklaven verkaufen. Landwirtschaft betrieben sie gemeinschaftlich, aber auf niedrigem Niveau. Die Totenbestattung beschreibt Tacitus als einfach und prunklos, aber würdevoll.

Einzelne Stämme

Im besonderen Teil beschreibt Tacitus Bräuche und Merkmale einzelner Stämme. Im Westen und Süden erwähnt er gallische Stämme wie Helvetier und Bojer, die nach Germanien gezogen seien, sowie Treverer und Nervier, die nach seiner Darstellung als Germanen in Gallien lebten. Diese Zuordnung ist problematisch; schon Gaius Iulius Caesar schrieb, dass ein großer Teil der Belger sich germanischer Abstammung rühmte. Außerdem nennt Tacitus Vangionen, Triboker, Nemeter und besonders die Ubier, die Rom treu ergeben seien. Die Bataver am Niederrhein und die Mattiaker im Raum des heutigen Wiesbaden stellt er als tapfer und romtreu dar.

Den Chatten schreibt Tacitus körperliche Kraft und gute militärische Organisation zu. Auffällig ist seine Angabe, sie schnitten Haupthaar und Bart erst nach der Tötung eines Feindes. Weitere westliche Stämme sind unter anderem Tenkterer, Brukterer, Angrivarier, Chamaver, Dulgubnier, Chasuarier und Friesen. Die Tenkterer beschreibt er als geschulte Reiter; die Brukterer seien von anderen Germanen vernichtet worden.

Im Norden nennt Tacitus die Chauken, die von der Nordseeküste bis zum Gebiet der Chatten siedelten. Sie seien frei von Habgier und Herrschsucht und bei anderen Germanen angesehen. Die Cherusker bezeichnet er abwertend als Tölpel und Toren, möglicherweise als Reflex auf die römische Niederlage in der Schlacht im Teutoburger Wald gegen Arminius. Außerdem erwähnt er die Kimbern und die für Rom verlustreichen Kimbernkriege.

Den größten Teil des Stammeskatalogs widmet Tacitus den Sueben. Sie seien keine einheitliche Volksgruppe, sondern bewohnten einen großen Teil Germaniens. Ihr besonderes Zeichen sei der Suebenknoten, eine kunstvolle Haartracht, die sie bis ins hohe Alter trügen, um größer und furchterregender zu wirken. Tacitus erwähnt öffentliche Menschenopfer bei den Semnonen, außerdem Langobarden und weitere Gruppen. Die Verehrung der Mutter Erde, Nerthus, verortet er in einem Heiligtum auf einer Insel des Weltmeeres. Die Hermunduren beschreibt er als romtreu; sie durften als einziger germanischer Stamm ohne Beaufsichtigung über die römische Grenze ziehen und Handel treiben. Daneben nennt er Narister, Markomannen, Quaden, Aesti und Sithonen. Die Aesti sammelten Bernstein, Glesum, und verkauften ihn an die Römer, ohne Ursprung und Entstehung zu kennen. Im letzten Kapitel behandelt Tacitus Peukiner, Veneter und Fenni, bei denen er unsicher ist, ob sie den Germanen zuzurechnen sind.

Quellen, Darstellungsweise und Absichten

Tacitus war selbst nie in Germanien. Sein Wissen stammte wahrscheinlich vor allem aus literarischen Quellen, besonders aus Gaius Iulius Caesars De bello Gallico und dessen Germanenexkurs. Möglich sind auch weitere schriftliche Quellen, etwa der Germanenexkurs im Geschichtswerk des Titus Livius und die bella Germaniae des älteren Plinius; beide Werke sind nicht oder nicht vollständig erhalten. In der Germania wird jedoch nur Caesar ausdrücklich erwähnt. Wahrscheinlich flossen außerdem mündliche Berichte zeitgenössischer Germanien-Reisender ein. Einzelheiten wie Suebenknoten, Opferriten und die Bestrafung der treulosen Ehefrau werden auf tatsächliche Beobachtung zurückgeführt.

Tacitus erklärt fremde germanische Verhältnisse oft mit Begriffen seiner römischen Welt. Diese Interpretatio Romana zeigt sich besonders bei den Göttern: Er nennt Merkur für Odin, Herkules für Thor und Mars für Tyr. Auch bei Heerwesen, Truppeneinteilung in Hundertschaften oder der Unterscheidung zwischen res publica, öffentlicher Sache, und res privatae, Privatangelegenheiten, benutzt er römische Kategorien.

Die Absichten des Tacitus sind umstritten, weil er sie selbst nicht erklärt und die Germania weder Einleitung noch Nachwort besitzt. Eine Deutung ist die Sittenspiegel-Theorie: Tacitus habe der römischen Dekadenz ein positives Gegenbild entgegengestellt. Dafür sprechen idealisierende Stellen, etwa zur Sittsamkeit germanischer Frauen, und ausdrückliche Kritik an römischer Zwietracht und Bürgerkrieg. Eine andere Deutung sieht das Werk vor allem als Ethnographie, also als Beschreibung eines fremden Volkes; positive und negative Gegensätze dienten dann dem Verständnis des Andersartigen. Dafür wird angeführt, dass manche Angaben durch moderne Archäologie bestätigt wurden.

Ernst Baltrusch betont, römische Ethnographie sei immer zweckgebunden gewesen: Sie diente auch dem Interesse an Stärken, Schwächen, Bekämpfbarkeit, Integrationspotenzial und politischer Bedeutung fremder Gruppen. Weitere Ansätze vermuten, Tacitus habe erklären wollen, warum Rom Germanien trotz jahrzehntelanger Versuche nicht vollständig erobern konnte. Neuere Deutungen sehen auch eine Warnung vor weiteren Eroberungsversuchen. Sicher ist keine dieser Erklärungen; möglicherweise treffen mehrere teilweise zu.

Überlieferung und Wirkung

Die Germania erreichte zusammen mit anderen kleinen Schriften des Tacitus nur in einem einzigen Exemplar die Zeit des Humanismus. Dieses wurde von Enoch von Ascoli in der Abtei Hersfeld gefunden und etwa 1455 nach Italien gebracht. Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., befasste sich als Erster mit der Schrift. Im mittelalterlichen Deutschland spielte der Begriff Germanen als Selbstbezeichnung für „die Deutschen“ kaum eine Rolle, da man sich historisch eher in die Nähe der Römer stellte.

1471 wurde die Germania auf dem Regensburger Reichstag genutzt, um Begeisterung für einen Kreuzzug gegen die Türken zu wecken; dafür wurden die kriegerischen Eigenschaften der Germanen betont. Später machten besonders deutsche Humanisten wie Conrad Celtis, Aventinus und Ulrich von Hutten Tacitus bekannt. Von da an interessierten sich viele Deutsche für die Schrift, die sie als „ihre Urgeschichte“ deuteten. Humanisten betonten angebliche „germanische Reinheit“ und Ursprünglichkeit. Erst mit Jacob Grimm und Karl Müllenhoff kam eine stärker wissenschaftliche Betrachtungsweise hinzu.

Im 19. Jahrhundert entstand zugleich ein wissenschaftlich mitgestützter Germanenmythos. Über Gustaf Kossinna trug diese Entwicklung zur pseudo-wissenschaftlichen Rassenlehre des Nationalsozialismus bei. Nationalsozialistische Rassenpolitiker, besonders Heinrich Himmler und die von ihm mitgegründete „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“, entstellten und missbrauchten Tacitus’ Aussagen als Argumente für eine angebliche „rassische Überlegenheit“ der Deutschen und für den millionenfachen Massenmord in NS-Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Die neuere Forschung weist kritisch auf diese problematische Rezeptionsgeschichte und die Instrumentalisierung der Schrift hin. Die Gleichsetzung Germanen/Deutsche gilt längst nicht mehr als haltbar. Grundlegend bleibt Eduard Nordens Behandlung von 1920, die die Germania in den Zusammenhang antiker Ethnographie stellte und sich damit von der damals verbreiteten Germanenideologie abhob. Moderne Forschung bewertet das Werk, seine Absichten und seine Quellen deutlich kritischer als ältere Deutungen.

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