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Substitutionstheologie
Infolge des ab 1960 intensivierten jüdisch-christlichen Dialogs setzte sich dieses Verständnis in den Großkirchen durch. Als Meilensteine dieser Umkehr gelten …
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Kern der Lehre und ihre Bedeutung
Substitutionstheologie bezeichnet eine überlieferte Lehre der christlichen Theologie, nach der Gott das Volk Israel seit der Kreuzigung Jesu Christi verworfen und verflucht habe. Demnach seien Israels Erwählung, Gottes Bund mit Israel und die Israel gegebenen Verheißungen aufgehoben und auf die Kirche als neues Volk Gottes übertragen worden. Gabriele Kammerer fasst den Grundgedanken so zusammen: „Das Volk, aus dem Jesus kam, hat ihn nicht als Messias angenommen, also gehen seine Rechte als Volk Gottes an die Kirche über.“
Diese Lehre zog sich seit etwa 130 n. Chr. in verschiedenen Formen durch die Kirchengeschichte. Zusammen mit der These vom Gottesmord bildet sie einen Kern des christlichen Antijudaismus und gilt als historische Wurzel des neuzeitlichen Antisemitismus, der zum Holocaust führte.
Seit dem Holocaust rückte die christliche Theologie allmählich von dieser Lehre ab. Wieder stärker betont wurde die biblische Aussage vom „ewigen“, „unkündbaren“ und „nie gekündigten“ Bund Gottes mit Israel und dem Judentum, etwa in Jer 31,36 und Röm 11,29. Durch den seit etwa 1960 intensivierten jüdisch-christlichen Dialog setzte sich dieses Verständnis in den Großkirchen zunehmend durch. Wichtige Meilensteine waren die römisch-katholische Erklärung Nostra aetate von 1965 und der evangelische Rheinische Synodalbeschluss Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden von 1980.
Biblischer Ausgangspunkt
Das Urchristentum verstand sich als Teil des Judentums und setzte Gottes bleibende Erwählung Israels voraus. Jesus von Nazaret, seine direkten Nachfolger und fast alle Autoren der neutestamentlichen Schriften waren Juden. Sie verstanden Jesu Botschaft vom Reich Gottes, seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung als Bekräftigung der Verheißungen Gottes für Israel. Zugleich sahen sie darin die Grundlage dafür, dass auch nichtjüdische Völker in Gottes Versöhnung und in den Bund mit Israel hineingerufen werden.
Das Neue Testament nennt die Jesusnachfolger nirgends „neues Volk Gottes“. Auch das Wort ekklesia, also „Versammlung“ oder „Gemeinde“, bezeichnet wie synagoge die vor Gott versammelte Gemeinschaft. Der Ausdruck „der neue Bund“ beim Herrenmahl in 1 Kor 11,25 zitiert Jer 31,31, wo Gott seinen Bund mit Israel erneuern will. In dieser Sicht bedeutet der neue Bund keine Ersetzung Israels.
Besonders wichtig ist Paulus. Im Römerbrief, vor allem in Röm 9–11, widerspricht er der Vorstellung, Gott habe Israel verworfen. Obwohl die meisten Juden Jesus nicht als Messias anerkannten, bleibe Gottes Bund mit Israel gültig: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat...“ und „unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt.“ Die Kirche aus Juden und Nichtjuden ersetzt Israel daher nicht, sondern wird als „eingepfropfter Zweig“ beschrieben, den die Wurzel Israel trägt. Paulus verbindet dies mit der Verheißung, dass Gott zuletzt ganz Israel retten werde.
Entstehung in der Alten Kirche
Die Enterbungslehre entstand im Trennungsprozess von Christentum und Judentum. Politische Ereignisse verstärkten diesen Prozess: Im Jahr 70 zerstörten die Römer den Jerusalemer Tempel, 135 schlugen sie den Bar-Kochba-Aufstand nieder und verbannten überlebende Juden aus ihrem Land. Danach grenzten sich Juden und Christen stärker voneinander ab.
Der um 130–132 entstandene Barnabasbrief, der nicht zum Neuen Testament gehört, begründete die Lehre von der Enterbung Israels. Er behauptete, Israel habe Gottes Bund endgültig verspielt; die Kirche allein besitze nun die jüdische Heilige Schrift. Nur Christen seien das „neue Volk“ oder „Erbvolk“ Gottes.
Justin der Märtyrer erklärte in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon ab etwa 155 die jüdische Tora für veraltet und für Nichtjuden bedeutungslos. Jesus Christus sei das neue, ewige Gesetz. Justin deutete die Kirche als „das wahre, das geistliche Israel“ und stellte Beschneidung und Schabbat negativ als Gerichtszeichen dar.
Tertullian begründete um 197 in Adversus Iudaeos Israels Enterbung mit der Gegenüberstellung von Esau und Jakob: Israel sei wegen Götzendienstes Esau gleich geworden, die Kirche habe wie Jakob Gottes Gnade erlangt. Origenes deutete nach 240 die Zerstörung Jerusalems und die Vertreibung der Juden als Gottes Strafe für das Leiden Jesu. Augustinus unterschied später zwischen einem „Israel im Geiste“, den Christen, und einem „Israel im Fleische“, den Juden. Die Kirche solle das Judentum unterjochen, aber zugleich das Leben der Juden schützen, bis sie den christlichen Glauben annähmen.
Fortwirken bis zur NS-Zeit
Im Mittelalter wurde die Enterbungslehre auch bildlich dargestellt, besonders durch die Gegenüberstellung von Ecclesia und Synagoga an Kirchen. Ecclesia erscheint triumphierend mit Krone, Kreuz und Kelch des „Neuen Bundes“. Synagoga wird mit gesenktem Haupt, verbundenen Augen, zerbrochenem Stab und entgleitenden Gebotstafeln dargestellt. Solche Figuren zeigen die Vorstellung, die Kirche habe das Judentum abgelöst.
Im 19. Jahrhundert vertrat Friedrich Schleiermacher eine Form von strukturellem Supersessionismus: Das Christentum sei keine Erneuerung oder Fortsetzung des Judentums, und das hebräische Alte Testament sei für die christliche Dogmatik nicht nötig. Im Protestantismus des Deutschen Kaiserreichs wurde das biblische Israel zwar oft als historische Wurzel des Christentums anerkannt, dem gegenwärtigen Judentum aber die bleibende Erwählung abgesprochen. Adolf Stoecker sagte 1885, mit der Verwerfung Christi habe das jüdische Volk seinen Beruf an die christliche Kirche abgetreten.
In der NS-Zeit vertrat Michael Faulhaber weiterhin die Enterbungslehre: Alle biblischen Verheißungen an Israel seien auf die Kirche übergegangen. In Predigten von 1933 unterschied er zwischen Israel vor und nach Jesu Tod; nach Jesu Kreuzigung habe Gott die Juden aus ihrem Zeugendienst entlassen. Auch im evangelischen Kirchenkampf blieb Substitutionstheologie wirksam. Das Betheler Bekenntnis von 1933 lehnte zwar den Ausschluss von Judenchristen ab, sprach aber davon, dass der getaufte Jude in „das eigentliche Israel“ eingehe und sich von seinem „ungläubigen Volk“ trenne.
Varianten der Substitutionstheologie
Bertold Klappert unterscheidet mehrere Hauptformen, die bis zum Holocaust und darüber hinaus wirksam waren. Im Ersatzmodell ersetzt die Kirche seit Jesu Auferstehung Israel als Gottesvolk. Die Verheißungen Israels gelten als von der Kirche geerbt; Juden können nur noch als Einzelne durch die Taufe Anteil am Heil erhalten.
Das Integrationsmodell sieht die Kirche ebenfalls als einziges Volk Gottes, nimmt aber einen „heiligen Rest“ des Judentums in sich auf: die Judenchristen. Die Synagoge soll nach dieser Vorstellung künftig in der Kirche aufgehen. Diese Sicht prägte Teile des Pietismus und wird laut Artikel bis heute von Gruppen vertreten, die an Judenmission festhalten.
Das Typologiemodell versteht Israel als Vorläufer und Vorausbild der Kirche. Ereignisse wie der Auszug aus Ägypten werden als symbolische Vorwegnahmen christlicher Wirklichkeit gedeutet. Das Illustrationsmodell macht Israel zur negativen Folie, an der Menschen ihr Angewiesensein auf Gnade erkennen sollen. Das Subsumtionsmodell ordnet Israels besondere Gottesbeziehung in ein allgemeines Wissen aller Menschen von Gott ein und löst die Besonderheit Israels dadurch auf.
Allen Varianten ist nach Klappert gemeinsam, dass sie den besonderen Bund JHWHs mit dem jüdischen Volk und seine Bestimmung zum Segen nach Gen 12,3 beziehungsweise zum Licht der Völker nach Jes 42,6 nicht wirklich anerkennen.
Gegenpositionen und neuere Entwürfe
Martin Buber widersprach 1933 der christlichen These, der Neue Bund habe den Alten Bund mit Israel abgelöst. Gegenüber Karl Ludwig Schmidt betonte er Gottes ungekündigten Bund mit den Juden: „Aber gekündigt ist uns nicht worden.“ Damit formulierte er ein jüdisches Selbstverständnis, das christliche Theologen damals kaum bejahten.
Karl Barth entwickelte in der NS-Zeit eine wichtige christliche Gegenposition. Für ihn schloss das Bekenntnis zu Jesus Christus ein Ja zum ungekündigten Bund mit Israel ein. Er widersprach der Abwertung des Alten Testaments, lehnte rassistische Ausgrenzung ab und betonte 1933: „Der Menschensohn … war aber ein Jude.“ Die von Barth verfasste Barmer Theologische Erklärung von 1934 nannte Antijudaismus und Antisemitismus zwar nicht ausdrücklich, schloss aber die Abschaffung des Alten Testaments aus. Später sprach Barth vom „Kanon der Synagoge“ als Grundstock der Heiligen Schrift und betonte, dass Juden lebendige Zeugen der biblischen Offenbarung seien.
Neuere Entwürfe versuchen, Substitutionstheologie zu überwinden. Das Modell des wechselseitigen Zeugnisses versteht Judentum und Christentum als bleibend aufeinander angewiesen. Das bundestheologische Komplementärmodell, bei Barth angelegt, spricht von Israel und Kirche als einem Volk Gottes in zweierlei Gestalt. Das messianische Komplementärmodell betont, dass die jüdische Messiaserwartung auf Schalom, endgültigen Frieden und Gerechtigkeit für Arme und Entrechtete zielt. Das christologische Dependenzmodell hebt hervor, dass Christen aus den Völkern nur als Hinzuberufene Anteil an Israels Erwählung haben. Daraus folgt: Nicht Judenmission, sondern ein gemeinsames Friedenszeugnis von Kirche und Synagoge gegenüber den Völkern soll im Mittelpunkt stehen.