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Urbanität

Der Vorgang der Urbanisierung bezeichnet dagegen die Verdichtung und Vergrößerung menschlicher Siedlungen. Die Urbanistik beschäftigt sich als interdisziplinäre …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Bedeutung
  2. 2. Sprache, Bildung und Verhalten
  3. 3. Stadtkultur in Soziologie und Geographie
  4. 4. Urbanität im Städtebau
  5. 5. Dichte, Kritik und neue Leitbilder
  6. 6. Neue Urbanität und Neuer Urbanismus

Grundbegriff und Bedeutung

Urbanität bezeichnet Zuschreibungen, mit denen Stadt, das „Städtische“, Stadtbewohner und ihre Kultur beschrieben und analysiert werden. Dazu gehören Baukultur, Lebensführung, sozialräumliche Strukturen, Milieus und Gemeinschaften. Der Begriff ist vielschichtig: Er meint nicht nur gebaute Stadt, sondern auch gesellschaftliche Praktiken, Umgangsformen und Vorstellungen davon, was als typisch städtisch gilt.

Urbanität kann sich auf Ideale und Merkmale wie Bildung, Toleranz, Freiheit, soziale Distanz, Vernetzung, Diversität, Interkulturalität, Weltläufigkeit, Aufgeschlossenheit, Bürgersinn, Raffinesse, Intellektualität, Kreativität, Höflichkeit, Eleganz und Schönheit beziehen. Diese Merkmale können sich in Städtebau, Infrastruktur, Architektur, Kunst, Mode, Politik, Lebensstil, Sprache, Habitus und Umgangsformen ausdrücken.

Der Begriff dient traditionell auch der Abgrenzung des städtischen Lebens vom Leben auf dem Land oder in Kleinstädten. Gegenbegriffe sind zum Beispiel „Rustikalität“, „Hinterwäldlertum“ und „Provinzialismus“. Das Adjektiv lautet urban; Gegenbegriffe dazu sind unter anderem „rustikal“, „ländlich“, „provinziell“, „dörflich“ und „bäurisch“. Davon zu unterscheiden ist Urbanisierung: Sie bezeichnet die Verdichtung und Vergrößerung menschlicher Siedlungen. Urbanistik ist die interdisziplinäre Wissenschaft, die Städte untersucht.

Sprache, Bildung und Verhalten

In der Rhetorik der römischen Antike, des Mittelalters und der Renaissance war Urbanität, lateinisch urbanitas, eine wichtige Stil- und Sprachqualität. Gemeint waren eine verfeinerte Eleganz des Stils, subtiler und distanzierter Witz sowie ein treffender, pointierter Ausdruck. Der Begriff hängt mit Vorstellungen wie homo urbanus („Städter“), urbanus homo („Schöngeist“) und sermo urbanus („Stadtlatein“) zusammen. Er verweist auf die literarisch verfeinerte Sprachkultur gebildeter Schichten im antiken Rom, die vom einfacheren Latein der Landbevölkerung, dem sermo rusticus, und vom Vulgärlatein der Plebejer, dem sermo plebeius, unterschieden wurde.

In der Pädagogik beschrieb Johann Heinrich Pestalozzi 1785/1786 Urbanität als eine Eigenschaft kultivierter Menschen. Ein solcher Mensch könne mit Witz und Spott umgehen, weil er „immer in den Schranken der guten Lebensart bleibt und nie plump und baürisch wird“. Pestalozzi verband Urbanität besonders mit der Fähigkeit, gepflegte Gespräche zu führen, ohne Einseitigkeit und übermäßigen Enthusiasmus in den eigenen Standpunkten. Außerdem gehörte für ihn eine gewisse Unabhängigkeit von ökonomischen und finanziellen Verstrickungen dazu. Im beginnenden 19. Jahrhundert wurde Urbanität entsprechend als „feine Lebensart“ oder als „Höflichkeit und Artigkeit“ verstanden.

Stadtkultur in Soziologie und Geographie

In der Soziologie wird Urbanität als kultivierte, bildungs-, reflexions- und technikorientierte Gesinnung oder Prägung verstanden, die sich in Verhalten und Lebensweise zeigen kann. Besonders sichtbar wird sie in Groß- oder Weltstädten. Typisch ist dabei ein kritisch-kühles, bewegliches und distanziertes Verhalten von Großstadtbewohnern, die sich in vielen sozialen Rollen bewegen und gut informiert sind. Dem wird im Artikel das „provinzielle“ Verhalten der Landbevölkerung gegenübergestellt.

Soziologisch gilt Urbanität deshalb als Phänomen der „Stadtkultur“ und des „städtischen Lebens“. Der Artikel betont, dass der Niedergang solcher Stadtkultur epochale Auswirkungen haben kann, wie das Ende der Antike zeige.

In der Sozialgeographie beschreibt Urbanität einerseits die Stadt als funktional differenzierten Raum. Funktionale Differenzierung bedeutet, dass verschiedene städtische Funktionen wie Wohnen, Arbeiten, Handel, Verkehr, Kultur oder Verwaltung räumlich und gesellschaftlich ausgebildet sind. Andererseits meint Urbanität im sozialwissenschaftlichen Sinn eine Alltagswelt, die durch städtische Lebensweisen geprägt ist. Sie umfasst daher städtebauliche, funktionale, sozio-kulturelle und sozio-ökonomische Elemente einer Lebensumwelt, die als „typisch städtisch“ gedeutet werden kann.

Urbanität im Städtebau

In Architektur und Städtebau ist Urbanität eine Zielkategorie. Gemeint ist vor allem die Förderung von funktionaler, baulicher, sozialer und kultureller Vielfalt und Mischung. Dazu gehören unterschiedliche Sozialräume und Milieus, auch Räume von Subkulturen und Gegenkulturen. Wichtig sind außerdem die Unterscheidung und Gestaltung privater und öffentlicher Räume, „Aufenthaltsqualität“ und „städtische Architektur“.

Urbanität hängt auch mit der Wahrnehmbarkeit von Geschichte, Authentizität und Identität einer Stadt, ihrer Stadtteile und Stadträume zusammen. Begriffe wie genius loci, Atmosphäre und Wahrzeichen stehen für diese besondere Eigenart eines Ortes. Wahrgenommen wird Urbanität durch die Anmutung eines Raums, also durch das, was einen Eindruck von Stadt hervorruft.

Diese Wirkung entsteht durch Muster baulicher Strukturen und durch Muster der Nutzung. Sie ist oft nicht vollständig künstlich geplant, sondern entsteht auch im Zusammenspiel mit natürlichen Faktoren wie Relief, Vegetation, Gewässern und Klima, manchmal auch durch Ausblicke auf die Stadtlandschaft. Ein Raum wird als urban wahrgenommen, wenn seine Muster mit dem übereinstimmen, was eine Person oder mehrere Personen als typisch städtisch verstehen.

Dichte, Kritik und neue Leitbilder

In der deutschen Nachkriegsdiskussion prägte Edgar Salins Vortrag „Urbanität“ beim Deutschen Städtetag in Augsburg 1960 die Städtebaudebatte der 1960er Jahre und danach. Salin meinte vor allem die besondere Qualität der aufgeklärt-bürgerlichen Stadt, ihrer Kultur und gesellschaftlichen Lebensform. Später wurde der Begriff jedoch stärker technisch verstanden und auf räumliche Stadtstruktur verengt. Urbanität wurde dann häufig mit städtebaulicher Dichte verbunden, etwa mit dem Maß der baulichen Nutzung oder mit Bevölkerungsdichte.

Unter dem Schlagwort „Urbanität durch Dichte“ entstanden in Deutschland ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre Großwohnsiedlungen und sogenannte „Entlastungsstädte“ als „Städte am Rande der Städte“, zum Beispiel Neuperlach, die Neue Stadt Hochdahl und die Neue Stadt Wulfen. Grundlage war unter anderem das Raumordnungskonzept der Dezentralen Konzentration. 1968 ermöglichte eine Novelle der Baunutzungsverordnung höhere Baudichten in der Bauleitplanung. Das Leitbild der „Verdichtung“ und „Verflechtung“ löste das Konzept der gegliederten und aufgelockerten Stadt ab, das im Sinne der Charta von Athen für „Entflechtung“, „Entdichtung“ sowie „Licht, Luft und Sonne“ gestanden hatte.

Seit den 1960er Jahren wurde ein Verlust oder Fehlen von Urbanität häufig zum Thema der Architektur- und Städtebaukritik. Kritisiert wurden unter anderem Wiederaufbau, Funktionalismus und Nachkriegsmoderne. Alexander Mitscherlich klagte 1965 in „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ solche Entwicklungen an, ohne den Begriff Urbanität zu verwenden. Jane Jacobs formulierte 1961 in „The Death and Life of Great American Cities“ eine ähnliche Kritik an großen Städten in den Vereinigten Staaten. In den 1970er Jahren griff der Deutsche Städtetag das Thema mit Kampagnen wie „Rettet unsere Städte jetzt“ (1970) und „Wege zur menschlichen Stadt“ (1973) auf.

Neue Urbanität und Neuer Urbanismus

Nach Jahrzehnten von Suburbanisierung und Desurbanisierung wird in jüngerer Zeit eine Trendumkehr beobachtet, die als „Renaissance der Städte“ oder „Renaissance des Wohnens in der Innenstadt“ beschrieben wird. Wissenschaft und Medien bezeichnen dies, im Zusammenhang mit der New Urban Sociology der 1970er Jahre, auch als „neue Urbanität“. Mit dem Begriff verbunden sind Hartmut Häußermann und Walter Siebel.

Kennzeichen dieses Paradigmenwechsels sind eine „Rückbesinnung auf Traditionen der Stadtgestaltung“, Stadtumbau, Reurbanisierung, Gentrifikation und Metropolisierung. Auch Konzepte wie Kreative Klasse, Wissensgesellschaft, Glokalisierung und Urban Scaling werden in diesem Zusammenhang genannt. 2008 stellte der Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarates in einer Europäischen Städtecharta ein „Manifest für eine neue Urbanität“ vor.

Eine eigene Bewegung in diesem Zusammenhang ist der Neue Urbanismus. Er entstand aus Kritik an der Moderne seit den 1980er Jahren und knüpfte unter anderem an Team 10 an. Wichtig wurden die Reaktivierung von Blockrandbebauung, Stadtreparatur, behutsame Stadterneuerung, Mischnutzung von Quartieren und eine neue Betonung städtischer Dichte. Solche Konzepte wurden als Planungen bewertet, die Vorzüge städtischen Lebens mit sozialer und wirtschaftlicher Durchmischung sowie Ressourceneinsparungen verbinden, etwa bei Anfahrtswegen, Heizkosten und Infrastrukturkosten. Deshalb galten sie im Artikel als überlegen gegenüber modernen Siedlungskonzepten wie der Trabantenstadt.

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