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Soziales Milieu
Der Begriff soziale Milieus beschreibt in der Gegenwart gesellschaftliche Gruppen mit ähnlichen Werthaltungen, Mentalitäten und Prinzipien der Lebensführung …
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Begriff und wissenschaftliche Grundlagen
Soziale Milieus sind gesellschaftliche Gruppen, deren Mitglieder ähnliche Werthaltungen, Mentalitäten und Prinzipien der Lebensführung teilen. In älteren Definitionen wurden stärker auch Bildungsgrad, Beruf und Einkommen berücksichtigt. Milieus beeinflussen die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder, ihre Sozialisation – also Lern- und Reifungsprozesse – sowie ihre Möglichkeiten zur sozialen Entfaltung und zum sozialen Handeln. Diese Bedingungen werden Milieufaktoren genannt.
Hippolyte Taine bezog neben objektiven Merkmalen auch die innere geistige Umgebung, etwa Mentalitäten und Gesinnungen, in die Beschreibung sozialer Milieus ein. Émile Durkheim unterschied zwischen äußerem und innerem sozialem Milieu. Das äußere Milieu umfasst sozial festgelegte Verhaltens- und Erlebensweisen sowie die sozialen Gebilde insgesamt. Das innere Milieu bezeichnet die Weisen, in denen Verhalten und Erleben festgelegt werden, und die Strukturprinzipien sozialer Gebilde innerhalb einer Gesellschaft.
Durkheim beschrieb das innere soziale Milieu außerdem als Verhältnis eines abgrenzbaren sozialen Gefüges zu allen zeitlich vorhergegangenen Gegenständen und Produkten sozialer Aktivitäten. Das soziale Volumen ist die Zahl der sozialen Einheiten, aus denen ein soziales Gebilde besteht. Die soziale Dichte bezeichnet die Anzahl der Interaktionen oder Kontakte zwischen Individuen oder Gruppen innerhalb eines sozialen Volumens.
In Deutschland wurde der Begriff durch die Arbeit von Jakob Johann von Uexküll, William Stern und Willy Hellpach wissenschaftlich geprägt. Im Zusammenhang mit Begabungs-, Intelligenz- und Sozialisationsforschung erhielt „Milieu“ eine eher sozialwissenschaftliche Bedeutung, während „Umwelt“ stärker naturwissenschaftlich verwendet wurde. Aloys Fischer und Theodor Geiger versuchten, Bevölkerungsgruppen zu typisieren und ihre Beziehungen zu untersuchen. Eine einheitliche Milieutheorie oder wissenschaftliche Schule gab es in der Weimarer Republik jedoch nicht. Als wichtige Vertreter werden Adolf Busemann, Walter Popp und Max Slawinsky genannt. Nach 1945 wurde dieses Erbe zunächst vernachlässigt; seit den 1960er Jahren gewann der Begriff, zunächst von der Medizin ausgehend, wieder interdisziplinäre Bedeutung.
Historische Milieus und Wahlverhalten
In ständisch geprägten Gesellschaften waren soziale Milieus deutlich voneinander getrennt. Beispiele sind Klosterinsassen oder evangelische Pfarrhäuser, Hof- oder Gutsadel, Offiziere, Gelehrte, Handwerker, Schauspieler und das Fahrende Volk. Einzelne solcher Strukturen finden sich teilweise noch heute.
Mario Rainer Lepsius führte den Milieubegriff seit den 1960er Jahren in die politische Kulturforschung und die historische Wahlforschung ein. Er erklärte die relativ dauerhaften Wählerpräferenzen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik mit der Zugehörigkeit zu sozialmoralischen Milieus. Diese definierte er als „soziale Einheiten, die durch eine Koinzidenz mehrerer Strukturdimensionen wie Religion, regionale Tradition, wirtschaftliche Lage, kulturelle Orientierung und schichtspezifische Zusammensetzung der intermediären Gruppen, gebildet werden“.
Für diese Zeit unterschied Lepsius vier Milieus:
- das konservativ-protestantische Milieu
- das liberal-protestantische Milieu
- das sozial-demokratische Milieu
- das katholische Milieu
Die Entstehung und Auflösung der historischen Milieus hing stark von sozialen und politischen Prozessen ab. Die katholische Milieubildung wurde insbesondere durch den Kulturkampf geprägt, die sozialistische durch die Folgen der Sozialistengesetze. In der Forschung ist umstritten, ob ein liberales oder konservatives Milieu eindeutig bestanden hat. Über das sozialdemokratische und das katholische Milieu besteht dagegen weitgehend Einigkeit. Ihre Strukturen beeinflussten das Leben der Zugehörigen während Kaiserreich und Weimarer Republik in hohem Maß „von der Wiege bis zur Bahre“.
Uneinig ist die Forschung auch über den Zeitpunkt des Bedeutungsverlusts. Genannt werden erste Erosionstendenzen in der Weimarer Republik, die egalisierende Wirkung und der Terror der nationalsozialistischen Herrschaft, die SED-Diktatur im Osten sowie die Folgen des „Wirtschaftswunders“ im Westen. Neue Freizeitangebote und Säkularisierung schwächten die Milieus zusätzlich. Seit den 1960er und spätestens den 1970er Jahren spielten die alten Milieustrukturen kaum noch eine Rolle.
Milieuanalyse der Gegenwart
An die Stelle der großen historischen Milieus traten zahlreiche Lebensstile und andere Formen sozialer Differenzierung. Die Lebensstil- und Ungleichheitsforschung verwendet den Milieubegriff seit den 1980er Jahren zunehmend, meint damit aber etwas anderes als die historischen Milieus. Sie geht davon aus, dass Pluralisierung und Individualisierung die frühere enge Verbindung zwischen sozialer Lage und Milieu gelockert haben. Trotzdem können soziale Milieus weiterhin nach Status und Einkommen hierarchisch eingeordnet werden.
In Wahl- und Marktforschung werden empirisch gewonnene Milieutypologien mit Einstellungen verbunden. Diese Einstellungen können bestimmte Konsumorientierungen und Wahlverhalten hervorbringen. Soziale Milieus bezeichnen dabei Gruppen von Menschen mit ähnlichen Wertorientierungen, Lebenszielen, Lebensweisen und zentralen Konsummustern.
Die Milieuanalyse betrachtet den Menschen möglichst umfassend. Sie beschränkt sich weder auf einzelne objektive Merkmale wie Schichtzugehörigkeit oder Berufsgruppe noch auf wenige subjektive Merkmale des Alltags, Geschmacks oder Lebensstils. Stattdessen versucht die Milieuforschung sowohl objektive als auch subjektive Merkmale empirisch zu erfassen, die die soziokulturelle Identität eines Verbrauchers bilden. Dazu zählen Wertorientierungen, soziale Lage, Lebensziele, Arbeitseinstellungen, Freizeitmotive, Aspekte der Lebensweise, alltagsästhetische Neigungen und Konsumorientierungen.
Sinus- und Sigma-Milieus
Jörg Ueltzhöffer und Berthold Bodo Flaig entwickelten ein Zielgruppenmodell für Markt- und Sozialforschung. Ueltzhöffer legte es 1980 unter dem Titel „Lebensweltanalyse: Explorationen zum Alltagsbewußtsein und Alltagshandeln“ vor. In den folgenden zwei Jahrzehnten wurde es unter verschiedenen Bezeichnungen, insbesondere Sinus-Milieus und SIGMA-Milieus, in der Markt-, Media-, Kommunikations- und Sozialforschung verbreitet.
Die westdeutsche Milieulandschaft der 1980er Jahre umfasste:
- konservativ gehobenes Milieu
- kleinbürgerliches Milieu
- traditionelles Arbeitermilieu
- traditionsloses Arbeitermilieu
- aufstiegsorientiertes Milieu
- technokratisch-liberales Milieu
- hedonistisches Milieu
- alternative Milieus
Die Sozialwissenschaften übernahmen diese Typologien. In den 1990er Jahren lösten sie in der „neuen Sozialstrukturforschung“ eine große Zahl von Lebensstiluntersuchungen aus.
Seit 2012 unterschied das SIGMA-Institut in Deutschland zehn Milieus: etabliertes, traditionell bürgerliches, traditionelles Arbeitermilieu, konsum-materialistisches, aufstiegsorientiertes, liberal-intellektuelles, modernes bürgerliches, modernes Arbeitnehmer-, hedonistisches und postmodernes Milieu.
Das Sinus-Institut passte seine zehn Milieus 2010 und 2015 an. Für 2017 wurden genannt: konservativ-etabliertes Milieu (10 %), liberal-intellektuelles (7 %), Milieu der Performer (8 %), expeditive (8 %), bürgerliche Mitte (13 %), sozialökologisches (7 %), adaptiv-pragmatisches (10 %), traditionelles (13 %), prekäres (9 %) und hedonistisches Milieu (15 %).
2021 wurde das Modell erneut angepasst. Es umfasste das konservativ-gehobene Milieu (11 %), postmaterielle (12 %), Milieu der Performer (10 %), expeditive (10 %), neo-ökologische (8 %), adaptiv-pragmatische Mitte (12 %), konsum-hedonistische (8 %), prekäre (9 %), nostalgisch-bürgerliche (11 %) und traditionelle Milieu (10 %).
Der österreichische Sinus-Partner Integral modellierte 2011 die österreichische Milieulandschaft neu. Für 2015 wurden Konservative (6 %), Etablierte (9 %), Performer (9 %), digitale Individualisten (8 %), bürgerliche Mitte (14 %), Postmaterielle (9 %), Adaptiv-Pragmatische (12 %), Traditionelle (13 %), konsumorientierte Basis (9 %) und Hedonisten (11 %) ausgewiesen.
Schulzes Erlebnisgesellschaft
Gerhard Schulzes Modell, das besonders durch sein Buch Die Erlebnisgesellschaft bekannt wurde, beschreibt Milieus stärker über Freizeitgestaltung und den gewählten Lebensstil als über traditionelle soziale Strukturmerkmale. Es unterscheidet fünf Milieus:
- Niveaumilieu
- Harmoniemilieu
- Selbstverwirklichungsmilieu
- Unterhaltungsmilieu
- Integrationsmilieu
Milieu und geschlechtliche Arbeitsteilung
Einzelne Ansätze untersuchen den Zusammenhang zwischen sozialem Milieu und der innerfamiliären geschlechtlichen Arbeitsteilung. Kulturelle Vorstellungen von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ werden dabei als Bestandteil milieuspezifischer Lebenszusammenhänge verstanden.
Unterschieden werden unter anderem ein traditionales, ein familistisches und ein individualisiertes Milieu. Im traditionalen Milieu gilt die Geschlechterdifferenz weitgehend als unhinterfragt und identitätsstiftend. Im familistischen Milieu wird sie emotionalisiert; Mutterliebe wird als Inbegriff des Weiblichen und Natürlichen aufgewertet. Im individualisierten Milieu dominiert zwar die Idee der Gleichheit, in der Alltagspraxis sind Hausarbeit und Erwerbsarbeit jedoch weiterhin ungleich verteilt.