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Sozialräumliche Struktur

Die Sozialstruktur ist die Gesamtheit der sozialen Wirkungszusammenhänge und der relativ dauerhaften Grundlagen einer Gesellschaft. Die Sozialstruktur …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Bedeutung
  2. 2. Raum, Ungleichheit und politische Gestaltung
  3. 3. Wichtige Erscheinungsformen im Alltag
  4. 4. Wissenschaftliche Perspektiven
  5. 5. Kommunale Statistik, Planung und Sozialarbeit

Grundbegriff und Bedeutung

Sozialräumliche Struktur beschreibt das Verhältnis zwischen Sozialstruktur und Raum. Sie wird auch sozialräumliche Gliederung, Organisation oder Entwicklung genannt. Raum ist dabei kein unveränderlicher „Behälter“, sondern entsteht in verschiedenen Formen durch gesellschaftliche Entscheidungen, etwa durch Wohnbebauung, Flurbereinigungen, Verkehrsinfrastrukturen, Grünzüge oder Sportstätten. Besonders wichtig ist die gebaute Umwelt (built environment).

Es gibt physischen Raum und sozial produzierten Raum; beide sind wechselseitig aufeinander bezogen. Sozialstruktur meint die Gesamtheit sozialer Wirkungszusammenhänge und relativ dauerhafter Grundlagen einer Gesellschaft. Dazu gehören Zugehörigkeiten zu Klassen, Schichten, Milieus, Ethnien oder Geschlechtsidentitäten sowie Vermögens-, Einkommens-, Macht-, Prestige- und Geschlechterordnungen.

Die räumliche Anordnung dieser Elemente entsteht durch menschliches Handeln und soziale Beziehungen. Da Sozialstruktur nach Auffassung der meisten Soziologen für sozialen Wandel entscheidend bleibt, prägt sie auch die sozialräumliche Struktur. In vielen Städten der Bundesrepublik Deutschland zeigen sich dabei weiter wachsende soziale Disparitäten.

Raum, Ungleichheit und politische Gestaltung

Georg Simmel sah beispielsweise ein gemeinschaftlich genutztes Haus als räumlichen Ausdruck seiner „soziologischen Energien“: Raum erhält seine besondere Struktur durch Prozesse sozialen Handelns. Émile Durkheim rechnete Raum zum „Substrat“, auf dem jede Gesellschaft ruht (morphologie sociale).

Doreen Massey betont, dass nicht nur Raum sozial konstruiert ist, sondern auch das Soziale räumlich konstruiert ist. Die räumliche Organisation einer Gesellschaft beeinflusst somit ihre Funktionsweise und Veränderung; Raum und Räumlichkeit sind deshalb auch an der Produktion von Geschichte beteiligt und potenziell politisch. Derek Gregory formuliert entsprechend, die Produktion von Raum sei kein zufälliges Nebenprodukt sozialen Lebens, sondern ein wesentlicher Teil seiner Durchführung und Verfassung.

Nach Hartmut Häußermann und Walter Siebel ist eine Stadt ein Sozialraum. Ihre Struktur entsteht in komplexen Prozessen, in denen soziale Gruppen und Milieus ihren Ort finden oder zugewiesen bekommen. Markt- und Machtprozesse, Präferenzen von Einzelnen oder Gruppen sowie historische Entwicklungen wirken zusammen. Häußermann verbindet die Struktur einer Stadt besonders mit sozialer Ungleichheit: Sie drückt ungleiche Einkommens-, Macht- und Prestigeordnungen aus. Wohnungs- und Grundstücksmärkte, stadtplanerische Entscheidungen und Investitionen der öffentlichen Verwaltung können Ungleichheit abbilden, verstärken oder kompensieren. Historische Betrachtungen machen viele dieser Prozesse erst sichtbar.

Wichtige Erscheinungsformen im Alltag

Ein zentraler Bereich ist die Verteilung sozial vorstrukturierter Bewohner auf einen räumlich vorstrukturierten Wohnungsbestand. Beides verändert sich durch sozioökonomische Prozesse. Wohnraummangel ist deshalb vorrangig ein soziales und nicht bloß ein räumliches Problem; Wohnungspolitik ist für die Steuerung des Wohnungsbaus wichtig.

Menschen mit geringem sozialem Status leben vergleichsweise häufiger an Orten mit erhöhten Umweltrisiken, etwa Lärm- und Geruchsbelästigungen, Gift-Emissionen oder Bodenverunreinigungen. Auch Nähe oder Distanz zwischen sozialen Schichten prägt die Struktur: Sie kann Ausgrenzung oder soziale Inklusion fördern, wobei beides nicht allein von räumlicher Nähe und Kontakt abhängt. Vorstellungen, dass Angehörige unterschiedlicher Völker, Kulturen oder Ethnien getrennt bleiben sollten, können räumliche Trennungen und wohnräumliche Konzentrationen hervorbringen.

Knapper werdende nutzbare Räume, etwa infolge des Klimawandels, von Machtmissbrauch oder Kriegen, erhöhen die Bedeutung räumlicher Entwicklungen für die Sozialstruktur. Geschlecht und Raum wirken ebenfalls zusammen. Als Beispiel nennt der Text ältere migrantische Frauen, die häufig weder eigenes Fahrrad noch eigenes Auto besitzen und daher besonders auf gut ausgebauten ÖPNV als Mittel der Raumüberwindung und Erreichbarkeit angewiesen sind. Die Gestaltung des Verkehrsraums zeigt zudem, wie weit Verkehrsteilnehmer teilhaben können.

Räumliche Mobilität und Abwärtsmobilität, also soziale Abstiege, haben in Teilen der Bevölkerung der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Sie verändern das Zusammenleben vor Ort, etwa die Langfristigkeit bürgerschaftlichen Engagements. Verbindungen zwischen Bildungseinrichtungen und ihrem räumlichen Umfeld können eine inklusivere Struktur schaffen, beispielsweise durch Bildungslandschaften. Unterschiedliche Gruppen schreiben Räumen unterschiedliche Bedeutungen zu und eignen sie sich verschieden an; innerhalb derselben physischen Grenzen können daher Sozialräume unterschiedlicher Qualität und Quantität bestehen. Barrierefreies Bauen, etwa Bodenleitsysteme, ermöglicht mehr gesellschaftliche Teilhabe.

Auch das Verhältnis von Stadt, Umland und ländlichen Räumen wirkt auf Städte ein. Landwirtschaftliche Räume besitzen ebenfalls sozialräumliche Strukturen, etwa durch Veränderungen der Eigentümerstruktur von Grund und Boden und durch landwirtschaftsfremde Investoren. Soziale Landwirtschaft, Green Care und Solidarische Landwirtschaft zielen auf inklusivere Strukturen. Zivilgesellschaftliche Akteure beeinflussen sie ebenfalls; interkulturelle Gemeinschaftsgärten machen soziale, kulturelle und ökologische Potenziale städtischer Gesellschaft erfahrbar und stehen im Zusammenhang mit Klimaschutz sowie Migration, Integration und Inklusion.

Wissenschaftliche Perspektiven

Der Zusammenhang zwischen städtischem Raum und sozialen Strukturen wird spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Soziologie, besonders in der Stadtsoziologie, untersucht. Weitere wichtige Teilgebiete sind Raumsoziologie, Planungssoziologie und Architektursoziologie. Wegen der weiterhin großen Flächennutzung durch Land- und Forstwirtschaft sind auch Land- und Agrarsoziologie bedeutsam.

Soziologische Forschung betrachtet nicht nur Flächenkonkurrenz, gebaute Umwelt und residentielle Segregation, also die räumliche Trennung sozialer Gruppen. Wichtig sind auch soziale Beziehungsnetze sowie Anschauungen, Aneignungs- und Bewältigungsstrategien von Bewohnern in Stadt und Land. Weitere beteiligte Disziplinen sind Humangeographie, besonders Bildungsgeographie, Sozialgeographie, Sozialökologie, soziale Ökologie, Sozialpädagogik beziehungsweise Soziale Arbeit, Geschichtswissenschaft und Raumforschung. Eine einheitliche interdisziplinäre Definition wird nicht zwingend angestrebt; die Fächer greifen unterschiedliche Aspekte heraus.

Davon ist Pierre Bourdieus Konzept des sozialen Raums zu unterscheiden. Es erklärt vor allem die Entstehung sozialer Positionen und unterscheidet deutlich physischen und sozialen Raum. Zugleich stellt Bourdieu fest, der soziale Raum neige dazu, sich mehr oder weniger strikt als Verteilung von Akteuren und Eigenschaften im physischen Raum niederzuschlagen.

In der NS-Zeit befassten sich empirisch arbeitende Sozialwissenschaftler meist zur Unterstützung politischer Unterdrückung mit sozialräumlichen Strukturen. Sie trugen unter anderem Ausgrenzung und Vernichtung, Rassismus, Antisemitismus, die Legitimation nationalsozialistischer Herrschaft, Siedlungsplanung in besetzten Ländern, sozialhygienische Flächensanierung und die Stigmatisierung sozialer Randgruppen mit.

Kommunale Statistik, Planung und Sozialarbeit

Kommunalstatistiken definieren zunehmend Gebiete unterhalb der Grenzen eines Stadtteils anhand sozialer Merkmale als „Sozialräume“. Diese Einteilung dient verschiedenen Akteuren und Zielen.

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter interessieren sich besonders für Notlagen, Entwicklungschancen und soziale Beziehungen der Bewohnerschaft. Exakte territoriale Grenzen sind für sie oft zweitrangig. Sozialraum ist aus dieser Sicht vor allem ein Gebiet, in dem Menschen ihr Leben organisieren und die dafür nötigen Institutionen im Alltag finden sollen.

Sozialplanerinnen und Sozialplaner richten ihren Blick stärker auf die physische Gestalt des Raums. Sie ziehen genaue Grenzen, vergleichen Sozialräume untereinander und mit der gesamten Gebietskörperschaft und betrachten sie als Grundlage für Infrastruktur oder soziale Programme. Deren Wirkung soll im sozialräumlichen Raster überprüft werden. Auf kommunal-administrativer Ebene ist häufig nicht umstritten, dass eine sozialräumliche Gliederung abgebildet wird, sondern welche Handlungsbedarfe daraus für welche sozialen Gruppen folgen.

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