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Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas

Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas von der Altsteinzeit bis zum Beginn unserer Zeitrechnung.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und zeitlicher Rahmen
  2. 2. Frühe Menschen und Altsteinzeit
  3. 3. Homo sapiens und Mittelsteinzeit
  4. 4. Jungsteinzeitliche Lebensweise
  5. 5. Metallzeiten und keltische Kultur
  6. 6. Römische Herrschaft und Frühgeschichte

Überblick und zeitlicher Rahmen

Die Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas beschreibt die Entwicklung menschlicher Besiedlung und Kultur von der Altsteinzeit bis zum Beginn unserer Zeitrechnung. Sie umfasst die Steinzeit mit Altsteinzeit, Mittelsteinzeit und Jungsteinzeit, danach Bronzezeit und Eisenzeit sowie den Übergang in die Frühgeschichte mit römischen Schriftquellen.

Geologisch gehört dieser Zeitraum vor allem ins Quartär. Wichtige Abschnitte sind das Pleistozän, das von Eiszeiten geprägt war, und das Holozän, das um 9610 v. Chr. beginnt. Archäologisch endet die Altsteinzeit mit dem Ende der jüngeren Dryas-Phase um 9600 v. Chr.; danach folgt die Mittelsteinzeit. Die Jungsteinzeit setzt in Mitteleuropa im 6. Jahrtausend v. Chr. deutlich ein. Ab etwa 2000 v. Chr. wird Metallverarbeitung üblich, ab etwa 850 v. Chr. Eisen. Die römische Kaiserzeit und die Völkerwanderungszeit gehören bereits zur Frühgeschichte.

Frühe Menschen und Altsteinzeit

Die frühesten Belege für archaische Menschen in Mitteleuropa sind Quarzit-Artefakte aus der Tongrube Kärlich bei Koblenz. Sie werden auf etwa 700.000 Jahre datiert. Der Unterkiefer von Mauer, etwa 600.000 oder 500.000 Jahre alt, wird Homo heidelbergensis zugeordnet. Weitere Funde dieser Menschenform stammen unter anderem aus Bilzingsleben, Schöningen und Bad Cannstatt und werden auf etwa 400.000 bis 250.000 Jahre vor heute datiert.

Zunächst sind menschliche Siedlungsspuren in Mitteleuropa nur aus Warmzeiten bekannt. Erst vor etwa 200.000 Jahren zeigen Fundstellen des Acheuléen, zum Beispiel Lübbow, Markkleeberg und Eythra, eine Besiedlung während einer Abkühlungsphase vor der Saaleeiszeit. In dieser Zeit beginnt die Anpassung des Homo heidelbergensis an Kaltzeiten und seine Entwicklung zum Neandertaler. Der Neandertaler lebte in Mitteleuropa bis vor etwa 40.000 Jahren und gilt wegen seiner eigenständigen Entwicklung nicht als direkter Vorfahr des modernen Menschen.

Homo sapiens und Mittelsteinzeit

Die ersten anatomisch modernen Menschen, Homo sapiens, wanderten vor rund 45.000 Jahren aus Afrika über Kleinasien nach Europa ein. Sie gehörten den Y-Haplogruppen C, F und I an. Der älteste gut datierte Fund liegt in der bulgarischen Batscho-Kiro-Höhle und wird auf 45.820–43.650 cal BP bei 95,4 % Wahrscheinlichkeit datiert. Mit solchen Funden beginnt das Jungpaläolithikum.

Die frühen modernen Menschen lebten als Jäger und Sammler. Wahrscheinlich folgten sie den großen Tierherden der Kältesteppen. In der europäischen Forschung werden sie als Cro-Magnon-Menschen bezeichnet, genetisch bildeten sie aber nicht den Hauptanteil der heutigen Europäer. Wichtige Fundstätten früher Kunst sind Geißenklösterle, Hohle Fels bei Blaubeuren und Hohlenstein-Stadel im Lonetal bei Ulm. Kunstwerke wie der Löwenmensch und Musikinstrumente aus dem Aurignacien zählen zu den ältesten Funden ihrer Art weltweit.

Nach dem Aurignacien folgen Gravettien und Epigravettien. Während des Kältemaximums bis vor etwa 20.000 Jahren waren große Teile Mitteleuropas weitgehend menschenleer. Die Alpen waren über lange Zeit fast vollständig vergletschert; erst im jüngeren Magdalénien ab etwa 13.000 v. Chr. begann mit der Erwärmung die Wiederbesiedlung der Gebirge. Um 9600 v. Chr. endet die Altsteinzeit, und die Mittelsteinzeit beginnt.

Jungsteinzeitliche Lebensweise

Die Jungsteinzeit ist in Mitteleuropa vor allem durch den Übergang zu Ackerbau und Viehhaltung geprägt. In Pollendiagrammen von Seen und Mooren gibt es Hinweise auf beginnenden Ackerbau bereits ab etwa 6900 v. Chr., zum Beispiel am Zürichsee. Diese frühen Hinweise lassen sich aber keiner bestimmten archäologischen Kultur sicher zuordnen. Wahrscheinlich brachten nur wenige Einwanderer aus dem Nahen Osten neue Wirtschaftsweisen nach Mitteleuropa.

Eine eindeutig belegbare, flächendeckende und schnelle Neolithisierung setzt etwa vor der Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. ein, mit Ausnahme des Nord-Ostseeraums. Neolithisierung bedeutet hier die Ausbreitung der jungsteinzeitlichen Wirtschafts- und Lebensweise. An die Stelle vieler mesolithischer Jäger, Sammler und Fischer traten Bauern. Sie hielten Rind, Schwein, Schaf und Ziege, bauten vor allem Emmer und Einkorn an, nutzten gebrannte Tongefäße und geschliffene Steinwerkzeuge.

Wichtige frühe Gruppen waren die Linienbandkeramiker und die La-Hoguette-Gruppe. Beide existierten zumindest teilweise gleichzeitig; ein früherer Beginn der La-Hoguette-Gruppe ist nicht ausgeschlossen. La Hoguette ist fast nur durch Keramik belegt und wird teils eher als Viehzüchter- denn als Ackerbaukultur verstanden. Der Küstenraum von Nord- und Ostsee wurde erst rund 2000 Jahre später vollständig neolithisiert; die dortigen Gruppen werden als Trichterbecherkulturen bezeichnet.

Metallzeiten und keltische Kultur

Ab etwa 2000 v. Chr. wird in Mitteleuropa Metallverarbeitung üblich: zuerst Kupfer und Bronze, später Eisen. Die Eisenzeit beginnt ab etwa 850 v. Chr. Ein großer Teil Mitteleuropas gehörte ab der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. zum Einflussgebiet der keltischen Kultur.

Die ältere Eisenzeit heißt Hallstattzeit, benannt nach einem großen Gräberfeld bei Hallstatt im Salzkammergut in Österreich. Sie wird auf 750–450 v. Chr. datiert. Für diese Zeit wird aufgrund antiker Schriftquellen vermutet, dass in Süddeutschland, der Schweiz und Teilen Österreichs Protokelten eingewandert sind. Eisenverarbeitung und Töpferscheibe verbesserten die kulturellen Möglichkeiten. Politische Macht lag bei einheimischen Fürsten, deren Grabhügel in Mitteleuropa gefunden wurden. Handel über Alpenpässe trug vermutlich zu ihrem Reichtum bei.

Die mittlere und jüngere Eisenzeit heißt Latènezeit, benannt nach La Tène am Neuenburgersee. Sie beginnt etwa 480 v. Chr. und reicht bis 40 v. Chr., regional auch bis Christi Geburt. Sie entwickelte sich aus der nordwestalpinen Hallstattkultur unter mediterranem Einfluss und wird mit den Kelten verbunden. Die Latènezeit wird häufig in Frühlatène (480–300 v. Chr.), Mittellatène (300–100 v. Chr., regional bis etwa 150 v. Chr.) und Spätlatène (150/100 v. Chr. bis Christi Geburt) gegliedert.

Germanen und Deutsche werden in der heutigen Forschung nicht gleichgesetzt. Nichtgermanische Gruppen trugen zur Entstehung des deutschen Volks bei, und Germanen zählen auch zu den Vorfahren nichtdeutscher Völker. Seit etwa 200 v. Chr. drangen Germanen von der westlichen Ostsee in keltisch geprägte Gebiete Mittel- und Süddeutschlands vor. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. wurden Kimbern und Teutonen in römischen Quellen wichtig: Nach Siegen über römische Legionen wurden sie 102 und 101 v. Chr. von Gaius Marius bei Aquae Sextiae und Vercellae besiegt.

Römische Herrschaft und Frühgeschichte

Mit der Eroberung Galliens durch Julius Caesar zwischen 58 und 50 v. Chr. wurde der Rhein zur Nordostgrenze des Römischen Reiches. Die Germanen wurden dadurch direkte Nachbarn Roms. Unter Kaiser Augustus versuchten die Römer, auch germanisch besiedelte Gebiete bis zur Elbe zu erobern. Nach der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9 n. Chr. wurde dieser Versuch abgebrochen.

Die Gebiete westlich des Rheins und südwestlich des Limes kamen zu den Provinzen Germania inferior, Germania superior und Raetia. Der Limes war ein römischer Grenzwall. Das nicht besetzte Gebiet östlich des Rheins nannten die Römer Germania magna. Eine frühe umfassende Beschreibung dieser Region verfasste Tacitus um das Jahr 98 in seiner Schrift Germania.

Die römisch beherrschten Gebiete wurden Teil der römischen Welt. Die keltisch-germanische Bevölkerung wurde weitgehend romanisiert, übernahm also römische Sprache, Lebensweise und Verwaltungseinflüsse. In dieser Zeit entstanden mit Augsburg, Kempten, Koblenz, Köln, Mainz, Regensburg, Trier und Xanten einige der ältesten Städte Deutschlands. Trier wurde in der Spätantike sogar Kaiserresidenz. Nach verstärkten Germaneneinfällen während der Reichskrise des 3. Jahrhunderts gaben die Römer 260 den Limes auf und verlegten die Grenze wieder an den Rhein, bevor sie später im Zuge der Völkerwanderung zusammenbrach.

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