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Neandertaler
Der Neandertaler (wissenschaftlich: Homo neanderthalensis) ist ein ausgestorbener Verwandter des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens).
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Einordnung, Zeit und Verbreitung
Der Neandertaler (Homo neanderthalensis, King, 1864) war ein ausgestorbener naher Verwandter des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens). Beide hatten nach verbreiteter Sichtweise mit dem afrikanischen Homo erectus einen gemeinsamen Vorfahren. In Europa entwickelte sich über Homo heidelbergensis allmählich die Neandertaler-Linie, während sich Homo sapiens in Afrika entwickelte.
Neandertaler lebten im Pleistozän, ungefähr von 230.000 beziehungsweise 130.000 bis vor rund 40.000 Jahren. Als „klassische Neandertaler“ gelten besonders deutlich ausgeprägte Funde seit der Eem-Warmzeit vor ungefähr 130.000 Jahren. Die Abgrenzung zu älteren, meist Homo heidelbergensis genannten Funden ist schwierig: Manche Fachpublikationen setzen den Beginn bei 200.000 bis 160.000 Jahren an, vereinzelt werden aber auch 300.000 oder 500.000 Jahre alte Fossilien zugerechnet.
Ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet lag in Europa, vor allem in Süd- und Südwesteuropa. Während der letzten Kaltzeit reichte es bis Kleinasien, Levante, Nordirak, Usbekistan, Tadschikistan und ins Altai-Gebirge. Fossilien stammen besonders häufig aus Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, Belgien und Portugal. Die ältesten sicher als klassische Neandertaler bestimmten Funde sind Krapina in Kroatien mit etwa 130.000 Jahren und Funde aus Italien mit etwa 120.000 Jahren. Der namensgebende Fund Neandertal 1 wurde 1856 im heutigen Nordrhein-Westfalen entdeckt und auf 42.000 Jahre datiert.
Funde von Moustérien-Steinwerkzeugen auf Kefalonia und Zakynthos, mindestens 110.000 Jahre alt, werden als möglicher Hinweis auf Wasserfahrzeuge gedeutet. Diese Inseln waren damals von mindestens 180 Meter tiefem Wasser umgeben; der Abstand zum Festland betrug etwa 5 bis 7,5 Kilometer. Die Zuordnung anderer Inselfunde ist teilweise unsicher.
Körperbau und Entwicklung
Neandertaler waren kräftig gebaut, aber keineswegs schwerfällige oder nicht aufrecht gehende „Primitive“: Ihre Körpermaße liegen trotz Besonderheiten innerhalb der Variationsbreite heutiger Menschen. Rekonstruktionen aus Knochenfunden ergeben eine Körpergröße von etwa 1,60 m; frühe anatomisch moderne Menschen erreichten etwa 1,77 m. Das Körpergewicht lag ungefähr bei 50 bis 80 kg. Neandertalerinnen waren ungefähr 95 Prozent so groß wie Männer.
Typisch waren ein breites, robustes Becken, kräftige Beinknochen, vergleichsweise zierliche Arme und ein kompakter, „fassförmiger“ Rumpf. Der Unterschenkel entsprach nur 71 Prozent der Oberschenkellänge. Die Knochen der Beine waren gegenüber denen heutiger Menschen etwa doppelt so biege- und torsionsbelastbar. Starke Brust- und Rückenmuskeln erlaubten einen kräftigen Griff; zugleich belegen Handknochen Präzisionsgriffe. Wegen der Achillessehne waren Neandertaler vermutlich weniger gute Ausdauerläufer und benötigten beim Laufen mehr Energie als heutige Menschen.
Das Gehirnvolumen betrug etwa 1200 bis 1750 cm³, im Mittel rund 1400 cm³. Der Schädel war langgestreckt, niedrig und flach, mit fliehender Stirn, häufig starken Überaugenwülsten, breiter großer Nasenöffnung und einem nach hinten ragenden Hinterkopf. Besonders kennzeichnend sind unter anderem der Hinterhauptswulst (Torus occipitalis), die darüber liegende Fossa suprainiaca und Besonderheiten am Mastoid-Knochen hinter dem Ohr. Die Lage eines Bogengangs des Innenohrs unterscheidet Neandertaler deutlich von Homo sapiens.
Ober- und Unterkiefer waren länger und höher, die Schneidezähne größer und die Backenzähne schmaler als bei Homo sapiens. Häufig fehlte ein deutlich vorspringendes Kinn. Typisch ist außerdem die retromolare Lücke zwischen letztem Backenzahn und Unterkieferast. Zahnspuren lassen auf überwiegende Rechtshändigkeit schließen; Schneidezähne wurden möglicherweise auch als „dritte Hand“ eingesetzt.
Zur Entwicklung gibt es teils widersprüchliche Befunde. Eine Studie leitete aus der Zahnentwicklung eine raschere Entwicklung und kürzere Kindheit ab. Andere Befunde deuten dagegen auf einen dem modernen Menschen ähnlichen Verlauf des Hirn- und Körperwachstums und möglicherweise ähnlich lange Kindheit. Verheilte schwere Verletzungen bei älteren Individuen sprechen dafür, dass Sippenmitglieder geschwächte Personen unterstützten. Von 220 untersuchten Skeletten starben nach einer Untersuchung 80 Prozent vor dem 40. Lebensjahr, meist zwischen 20 und 30 Jahren; etwa 20 Prozent wurden älter als 40.
Ernährung, Feuer und Jagd
Neandertaler entzündeten regelmäßig Feuer. Gesicherte Feuerstellen in Europa gibt es bereits von Homo heidelbergensis vor rund 400.000 Jahren. Wiederholte Feuerstellen und Abfallschichten in Höhlen wie Kebara belegen wiederkehrende Wohnphasen.
Ihre Nahrung war regional und je nach Klima sehr unterschiedlich. Isotopenmessungen zeigen für manche Gruppen einen hohen Fleischanteil; in der Vindija-Höhle war Fleisch die wichtigste Proteinquelle, und einige französische Funde wurden als „Spitzenprädatoren“ gedeutet. Andere Befunde belegen deutlich pflanzliche Nahrung: Im Zahnstein fanden sich unter anderem Datteln, Hülsenfrüchte und Grassamen. Stärke mit Erhitzungsspuren zeigt, dass Pflanzen gekocht und dadurch besser verdaulich gemacht wurden. Aus Shanidar stammen Reste erhitzter Pflanzen, die als Mahlzeiten vor rund 70.000 Jahren interpretiert wurden. Eine Untersuchung aus Spy ergab etwa 20 Prozent pflanzliche Proteine; nordeuropäische Gruppen aßen insgesamt mehr Fleisch als südeuropäische.
Auch Meerestiere gehörten zur Nahrung. In Gibraltar belegen Muschelschalen sowie Knochen von Robben, Delfinen und Fischen einen vieltausendjährigen Verzehr; in Portugal gibt es etwa 100.000 Jahre alte Hinweise. Die ältesten Belege für Schnecken und Muscheln aus der Bajondillo-Höhle in Spanien sind 150.000 Jahre alt. Taubenknochen aus der Gorham-Höhle tragen Schnitt- und Brandspuren.
Die Gruppen jagten spezialisiert und geplant. Sie verwendeten Holzspeere, Stoßlanzen und wahrscheinlich auch mit Steinspitzen bewehrte Lanzen. Experimentelle Befunde sprechen dafür, dass sie sich Beutetieren sehr stark näherten und Speere oft als Stoß-, nicht als Wurfwaffen nutzten. Das erforderte Planung, Tarnung und Zusammenarbeit. In Salzgitter-Lebenstedt fanden sich Reste von 86 erlegten Rentieren; die Jagd wird in den Herbst datiert. An anderen Orten wurden Mammuts, Bisons, Pferde, Hirsche, Nashörner und Waldelefanten gejagt. In Neumark-Nord 1 weisen Schnittspuren an Knochen von mindestens 70 Waldelefanten auf das Zerlegen von Jagdbeute hin. Neumark-Nord 2 liefert Hinweise auf ganzjährige Nutzung und auf die Gewinnung von Knochenfett für harte Jahreszeiten.
Werkzeuge, Lebensweise und Symbolik
Neandertaler werden vor allem mit dem Moustérien von vor 125.000 bis 40.000 Jahren verbunden, einschließlich Levallois- und Micoquien-Techniken der Steinbearbeitung. Sie fertigten Stein-, Holz- und Knochenwerkzeuge. Ein wichtiges Universalwerkzeug der klassischen Neandertaler war das Keilmesser zum Schneiden und Schaben. Rohstoffe wurden teils in einem kleinen Gebiet beschafft, teils über Entfernungen von mehr als 100 km. Birkenpech diente zum Einkleben von Steingeräten in Holzschäfte; dessen Herstellung erforderte möglicherweise eine längere gleichbleibende Temperatur von etwa 350 °C. Knochen-Glätter (Lissoirs) dienten der Lederbearbeitung und machten Leder weicher und wasserbeständiger.
Sie lebten in arbeitsteiligen, regional verschieden organisierten Gruppen. Manche nutzten Höhlen, Grotten und Felsüberhänge, andere errichteten im Freiland Unterkünfte aus Fellen, Ästen, Strauchwerk sowie teils Mammutknochen und Stoßzähnen. In Bombrini wurden Bereiche zum Schlachten, Wohnen und Herstellen von Werkzeugen unterschieden. In der Bruniquel-Höhle stehen mehr als 400 abgebrochene Stalagmiten in zwei Ringen von 6,70 und 4,50 Metern Umfang. Sie wurden vor 176.500 ± 2100 Jahren, 330 Meter vom Eingang entfernt, angeordnet; ihre Funktion ist ungeklärt, ein ritueller Zweck wird vermutet.
Kleidung gilt als wahrscheinlich. Verdrillte Pflanzenfasern aus dem Abri du Maras sind 40.000 bis 50.000 Jahre alt. Ein Fund mit Eichensäure aus Neumark-Nord 1 wird als Hinweis auf das Gerben von Häuten gedeutet; einzelne Fußabdrücke von Le Rozel könnten von leichtem Schuhwerk stammen. Nadeln sind jedoch nicht nachgewiesen.
Ein Zungenbein aus Kebara entspricht dem des modernen Menschen, und Neandertaler besaßen die gleiche FOXP2-Genvariante wie Homo sapiens. Auch ihr hörbares Frequenzband war dem des heutigen Menschen ähnlich. Dies sind starke Hinweise auf sprachliche Verständigung, auch wenn eine einheitliche Sprache aller Gruppen nicht angenommen wird.
Funde deuten auf symbolisches Denken: bemalte Muschelschalen aus Spanien sind nach Uran-Thorium-Datierung 115.000 bis 120.000 Jahre alt; Seeadler-Klauen aus Krapina wurden als Schmuckstücke vor 130.000 Jahren interpretiert. Es gibt Pigmente, mögliche Körperbemalung, Federn und eingeritzte Knochen. Spanische Höhlenmalereien sind etwa 65.000 Jahre alt. Ihre Datierung war zunächst umstritten; 2021 wurde eine natürliche Ursache für die Farbschichten ausgeschlossen.
Bestattungen, Bevölkerung und Aussterben
Neandertaler legten Tote zumindest vereinzelt in Gruben oder Höhlen nieder. Die Körper lagen meist auf dem Rücken oder als Hockerbestattung auf der Seite mit angezogenen Beinen. Rötel- und Ockerreste in einigen Gräbern sind belegt, ihre Bedeutung bleibt aber unbekannt. Anders als jungpaläolithische Gräber von Cro-Magnon-Menschen enthalten Moustérien-Gräber kaum eindeutige Grabbeigaben; Steinwerkzeuge und Tierknochen können auch zufällig ins Grab gelangt sein. Die frühere Deutung von Blütenpollen in Shanidar IV als „Blumenbegräbnis“ gilt nicht mehr: Pollen verschiedener, zu unterschiedlichen Jahreszeiten blühender Pflanzen wurden wahrscheinlich von Solitärbienen eingetragen. Ein angenommener Bärenkult ist heute wenig wahrscheinlich beziehungsweise widerlegt.
Genetische Befunde aus El Sidrón deuten möglicherweise auf Patrilokalität hin: Frauen verließen ihre Herkunftsgruppe, Männer blieben in der Gruppe des Vaters. Ob dies allgemein galt, ist offen. Die Geburtshäufigkeit könnte etwa drei Jahre betragen haben. Schätzungen zur Bevölkerungsgröße sind umstritten: Eine mtDNA-Analyse ergab für 70.000 bis 40.000 Jahre vor heute höchstens 3500 gleichzeitig lebende weibliche Neandertaler, doch die tatsächliche Zahl könnte deutlich höher gewesen sein. Für Europa werden selbst zur größten Verbreitungszeit höchstens etwa 10.000 Individuen und Gruppen von höchstens 50 bis 60 Personen geschätzt.
Der Zeitpunkt des Aussterbens ist nicht vollständig sicher. Fossilien aus der Mesmaiskaja-Höhle mit 39.700 ± 1.100 cal BP gelten als jüngste zweifelsfrei datierte Funde. Thomas Higham folgert, dass Neandertaler spätestens vor 39.000 Jahren cal BP in Europa ausgestorben waren. Jüngere Datierungen, etwa aus Südspanien oder der Gorham-Höhle, werden wegen methodischer Probleme oder unsicherer Schichtzusammenhänge angezweifelt. Homo sapiens erreichte Europa vor etwa 45.000 Jahren und beide Arten existierten dort laut Bard et al. (2020) etwa 3960 ± 710 Jahre gleichzeitig.
Die Ursachen sind umstritten. Diskutiert werden Konkurrenz um Ressourcen, kleine und schlecht vernetzte Populationen mit Inzuchtdepression, Klimaschwankungen, Vulkanausbrüche und mögliche Krankheitserreger. Genetische Untersuchungen belegen eine bemerkenswert geringe Vielfalt. Viele Forschende sehen populationsbiologische Nachteile gegenüber Homo sapiens als Hauptursache: Schon geringe Unterschiede bei Fortpflanzungsrate, Reifealter oder Sterblichkeit können über einige tausend Jahre zum Verschwinden einer kleineren Population führen.
Verwandtschaft und Genfluss
Homo sapiens und Neandertaler gelten überwiegend als getrennte, aber eng verwandte Arten. Die Artabgrenzung wird weiterhin diskutiert, weil es fruchtbare gemeinsame Nachkommen gab. Morphologische Vergleiche zeigen jedoch große und für Neandertaler typische Unterschiede, besonders an Gesicht und Gehirn. Der Zeitpunkt der Trennung beider Entwicklungslinien ist unsicher: Berechnungen reichen von 800.000 bis 400.000 Jahren, Untersuchungen von Zähnen sogar bis ungefähr 1 Million Jahre; eine Studie berechnete 800.000 Jahre als Mindestalter des letzten gemeinsamen Vorfahren.
Frühe mtDNA-Analysen lieferten zunächst keinen Nachweis einer Vermischung. Die umfangreichere Genomrekonstruktion von 2010 zeigte jedoch Genfluss: Bei heute lebenden Menschen außerhalb Afrikas stammen nach dieser Studie etwa 1 bis 4 Prozent des Genoms von Neandertalern. Spätere Berechnungen gaben für Autosomen 1,15 Prozent bei Europäern und 1,38 Prozent bei Ostasiaten an. Auf den X-Chromosomen liegen die Anteile nur bei rund 0,20 bis 0,30 Prozent, was als Hinweis auf verringerte Fruchtbarkeit männlicher Mischlinge gedeutet wurde.
Der Genfluss zu den Vorfahren nichtafrikanischer Menschen erfolgte wahrscheinlich vor der Trennung eurasischer Gruppen, vermutlich im Nahen Osten, wo beide Arten zwischen vor 110.000 und ungefähr 50.000 Jahren nebeneinander lebten. Der etwa 40.000 Jahre alte Homo-sapiens-Fund Oase 1 besaß 6 bis 9 Prozent Neandertaler-DNA; eine Paarung lag vermutlich nur vier bis sechs Generationen zurück. Diese Population ging jedoch offenbar nicht in heutige Populationen ein. Der etwa 45.000 Jahre alte Fund Ust-Ischim enthielt 2 Prozent Neandertaler-DNA.
Auch Genfluss in Gegenrichtung wurde nachgewiesen oder vorgeschlagen: 2016 wurden bei einem Neandertaler aus dem Altai Zellkern-Gene von Homo sapiens festgestellt, die auf eine Vermischung vor rund 100.000 Jahren deuten. mtDNA-Befunde sprechen zudem für einen älteren Genfluss von Homo sapiens zu Neandertalern zwischen 460.000 und 219.000 Jahren vor heute. 2026 wurde berichtet, dass Paarungen meist zwischen männlichen Neandertalern und weiblichen Homo sapiens stattfanden.