Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Unsichtbare Hand

Die unsichtbare Hand (Lehnübersetzung von invisible hand) ist ein metaphorischer Ausdruck, mit dem der schottische Ökonom und Moralphilosoph Adam Smith …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Die Metapher bei Adam Smith
  3. 3. Verteilung und Marktmechanismus bei Smith
  4. 4. Hegels Gegenposition und moderne Deutungen
  5. 5. Übertragung auf Sprache und Gesellschaft

Grundidee und Bedeutung

Die „unsichtbare Hand“ ist eine Metapher für Vorgänge, bei denen Menschen unbeabsichtigt das Gemeinwohl fördern, während sie ihre eigenen Interessen verfolgen. In der verbreiteten wirtschaftlichen Deutung sorgt die teilweise oder vollständige Selbstregulation des Wirtschaftslebens dafür, dass Produktionsmenge, Produktqualität und Güterverteilung ohne zentrale Planung möglichst günstig ausfallen. Ob Adam Smith selbst die Metapher tatsächlich in diesem umfassenden Sinn verstand, ist jedoch umstritten.

Die zugrunde liegende Idee ist älter als Smith: Eigennütziges Handeln einzelner Menschen kann Folgen haben, die der gesamten Gesellschaft nutzen. Als Vorläufer werden unter anderem Bernard Mandevilles Bienenfabel, Thomas von Aquin und Aristophanes genannt. Smith machte die bereits zuvor gebräuchliche und häufig religiös verstandene Metapher im Zusammenhang mit der Ökonomie bekannt.

Die Metapher bei Adam Smith

Adam Smith verwendete die Formulierung in seinen Werken insgesamt nur dreimal und jeweils mit einer anderen Bedeutung.

• In einem Aufsatz zur Geschichte der Astronomie spricht er von der „unsichtbaren Hand Jupiters“. Damit behandelt er die Vorstellung göttlicher Eingriffe in Naturvorgänge als unwissenschaftliche Erklärung: Naturprozesse sollen ohne eine solche höhere Einwirkung verstanden werden.

• In The Theory of Moral Sentiments von 1759 beschreibt er, wie reiche Grundbesitzer unbeabsichtigt einen Teil ihres Reichtums an die Armen weitergeben.

• In An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations von 1776 verwendet er die Metapher bei seiner Kritik an Einfuhrbeschränkungen. Diese Stelle wurde später für das heutige wirtschaftliche Verständnis besonders wichtig.

Die geringe Zahl und die unterschiedlichen Zusammenhänge der Belege sind ein wichtiger Grund dafür, dass Smiths Aussage verschieden interpretiert wird.

Verteilung und Marktmechanismus bei Smith

In der Theorie der ethischen Gefühle betrachtet Smith einen selbstsüchtigen Gutsherrn. Obwohl dieser möglichst viel für sich beanspruchen möchte, kann er nur begrenzt konsumieren. Den übrigen Ertrag benötigt er, um Arbeiter und andere Beschäftigte zu versorgen, die seine Lebensmittel zubereiten, seinen Besitz instand halten und seine Wünsche erfüllen. So teilen die Reichen trotz Selbstsucht und ohne entsprechende Absicht die Erträge landwirtschaftlicher Verbesserungen mit den Armen. Nach Smith entsteht dadurch beinahe jene Verteilung lebensnotwendiger Güter, die sich ergeben hätte, wenn die Erde gleichmäßig unter ihren Bewohnern verteilt worden wäre. An anderen Stellen betont Smith außerdem das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung, Respekt und dem Gefühl, ehrlich und ehrenwert zu sein.

Im Wohlstand der Nationen geht es um Kaufleute, die ihr Kapital aus Gründen der eigenen Sicherheit lieber im Inland als im Ausland investieren. Sie versuchen zugleich, die Produktion auf einen möglichst hohen Ertrag auszurichten. Dabei wollen sie weder bewusst das Allgemeinwohl fördern noch kennen sie ihren Beitrag dazu. Dennoch können sie das Volkseinkommen steigern und das gesellschaftliche Interesse wirksamer fördern, als wenn dies ausdrücklich ihre Absicht gewesen wäre.

In der verbreiteten Deutung koordiniert der Markt so die eigennützigen Entscheidungen vieler Marktteilnehmer. Smiths „System der natürlichen Freiheit“ ist dabei kein Markt mit Monopolen, sondern setzt deren Abwesenheit voraus. Nur unter dieser Bedingung soll der Mechanismus funktionieren. Smiths eigene Zeit war allerdings durch den Merkantilismus geprägt und erfüllte diese Voraussetzung nicht. Wenn ein Markt keine gesamtwirtschaftlich effiziente Güterallokation, also keine zweckmäßige Verteilung knapper Güter und Ressourcen, hervorbringt, spricht die moderne Wirtschaftswissenschaft von Marktversagen.

Hegels Gegenposition und moderne Deutungen

Georg Wilhelm Friedrich Hegel verwendete den Ausdruck „unsichtbare Hand“ nicht, untersuchte aber eine ähnliche Wechselwirkung. In der „allseitigen Verschlingung aller“ sind Menschen bei Arbeit und Bedürfnisbefriedigung voneinander abhängig. Wer sein eigenes Ziel verfolgt, muss deshalb auch Interessen und Bedürfnisse anderer berücksichtigen. Hegel beschreibt dies als Umschlag der „subjektiven Selbstsucht“ in einen Beitrag zur Befriedigung der Bedürfnisse aller.

Anders als die Smith zugeschriebene optimistische Deutung hielt Hegel diesen Mechanismus nicht für ausreichend. Eine ungehinderte Marktgesellschaft erzeuge seiner Ansicht nach gleichzeitig wachsenden Reichtum, Abhängigkeit, Armut und Elend. Der Staat müsse ihre Mängel durch Regulierung, Steuern, Umverteilung, öffentliche Arbeitsaufträge und die Unterstützung freiwilliger Wohlfahrtseinrichtungen ausgleichen. Nach Hegel lösen aber auch diese Maßnahmen weder Überproduktion und gleichzeitigen Mangel noch die Tendenzen zu Welthandel und Kolonisation vollständig. Aus seiner Analyse ergibt sich daher eine Theorie der Pauperisierung, der gesellschaftlichen Polarisierung, des Wirtschaftsimperialismus und der Kolonisation.

Das heute verbreitete Konzept wurde im 19. Jahrhundert auch ohne die Metapher mathematisch und theoretisch ausgearbeitet. Léon Walras entwickelte ein Gleichgewichtsmodell, in dem Konkurrenz zur Nutzenmaximierung führt; Vilfredo Pareto veranschaulichte Optimierung mit einem Edgeworth-Box-Modell. Diese Ansätze führten zum ersten Wohlfahrtstheorem. Breite Bekanntheit erhielt die Verbindung zwischen Smith und der unsichtbaren Hand vor allem durch Paul A. Samuelsons Lehrbuch Economics von 1948. Danach bewirken Konsumenten- und Produzentenfreiheit unter bestimmten Bedingungen über Marktpreise eine effiziente Ressourcenallokation.

Diese weitreichende Zuschreibung an Smith ist umstritten. Stephen Marglin sieht bei Smith lediglich das engere Argument, dass Unternehmer wegen der Sicherheit ihres Kapitals trotz möglicherweise höherer Erträge im Ausland bevorzugt im Inland investieren. Emma Rothschild deutet die Metapher als ironisch. Stephan Schulmeister, Noam Chomsky und Gavin Kennedy betonen ebenfalls den Zusammenhang mit Außenhandel und einer Bevorzugung des Heimatmarktes, dem „home bias“, statt mit einem allgemeinen Gesetz von Preisbildung und Konkurrenz. Kennedy verweist zudem darauf, dass Smith zahlreiche negative Folgen eigennützigen Verhaltens beschrieb. Die moderne Vorstellung vom Markt als „Generalkoordinator“ darf daher nicht ohne Weiteres mit Smiths eigener Position gleichgesetzt werden.

Spätere Autoren entwickelten Gegenbegriffe: Alfred D. Chandler junior stellte 1977 der unsichtbaren Hand ungeplanter Märkte die „visible hand“ des planenden Unternehmensmanagements gegenüber. Auch hierarchische Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnisse und die zentralistischen Planungsprozesse großer Plattformen und Einzelhändler wurden als Formen einer sichtbaren Hand untersucht.

Übertragung auf Sprache und Gesellschaft

Die Metapher wird auch außerhalb der Wirtschaft verwendet. Der Sprachwissenschaftler Rudi Keller erklärt Sprachwandel als „Phänomen dritter Ordnung“. Einzelne Sprachhandlungen sind zielgerichtet: Menschen wählen bestimmte Ausdrücke unter bestimmten Bedingungen. Wenn viele Sprecher ähnlich handeln, entstehen jedoch übergeordnete Sprachregeln und Veränderungen, die niemand geplant hat. Sprachwandel ist deshalb weder ein bewusst hergestelltes Artefakt noch ein reines Naturphänomen.

Ein vergleichbares Beispiel ist ein Verkehrsstau. Jeder Fahrer bremst aus Sicherheitsgründen etwas stärker als der Vorausfahrende, bis ein Fahrzeug vollständig stehen bleiben muss. Niemand beabsichtigt den Stau, dennoch entsteht aus den einzelnen absichtlichen Handlungen ein ungeplantes Gesamtergebnis.

Robert Nozick übertrug das Konzept auf soziokulturelle Ordnungen, die aussehen, als seien sie zentral geplant worden. Kellers Trampelpfadtheorie veranschaulicht dies: Menschen wollen auf einem Universitätscampus Zeit und Energie sparen und wählen deshalb kurze Wege. Wo viele über den Rasen gehen, verkümmert das Gras. So entsteht unbeabsichtigt ein Netz von Trampelpfaden, das die wichtigen Gebäude oft direkter und rationeller verbindet als die von Architekten geplanten Pflasterwege. Das geordnete Gesamtsystem ist damit die nicht beabsichtigte Folge vieler absichtlicher Einzelhandlungen.

Lernvideos zu Unsichtbare Hand

Weiterlesen

Schottland Schottland besteht aus dem nördlichen Drittel der größten europäischen Insel Großbritannien sowie mehreren Inselgruppen und hat etwa 5,5 Millionen Einwohner. Ethik Ein aussichtsreiches Beispiel für eine nachpositivistische Ethik ist die am Kriterium des zwangfreien Konsenses orientierte Diskursethik. Mit der … Adam Smith ... Arbeitsteilung. Der freie innere und internationale Verkehr bewirkt nach Smith nicht allein eine zweckmäßige örtliche und zeitliche Verteilung von Kräften … Monopol ... Wirtschaft eine Marktform bezeichnet, bei welcher nur ein Anbieter vorhanden ist. Inhaltsverzeichnis. 1 Definitionen. 1.1 Marxismus-Leninismus. 2 Ursachen … Merkantilismus Diese Wirtschaftspolitik prägte die moderneren Länder in Europa und Bereiche in Afrika vom 16. Jahrhundert bis ins späte 18. und frühe 19. Jahrhundert. In der … Wirtschaftswissenschaft Die Wirtschaftswissenschaft (auch Ökonomie und vereinzelt auch Ökonomik) ist eine Wissenschaft, die versucht, wirtschaftliche Zusammenhänge zu beschreiben, … Marktversagen Marktversagen bezeichnet in der Wohlfahrtsökonomik eine Situation, in der die Koordination über den Markt nicht zu einer Pareto-effizienten Allokation der … Arbeit (Philosophie) Arbeit im philosophischen Sinn erfasst alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen. Sinngeber dieser Prozesse sind die … Umverteilung Als Umverteilung wird in der Wirtschafts- und Sozialpolitik der Prozess oder die Wirkung finanz- oder sozialpolitischer Maßnahmen und Entwicklungen … Überproduktion Überproduktion (englisch over-production) ist in der Wirtschaft ein Produktionsvolumen, das die auf einem Markt vorhandene Nachfrage dauerhaft übersteigt. Polarisierung (Politik) Algorithmen, vor allem also Computerprogramme, fördern die politische Polarisierung, da sie bereits durch Inhalte, welche mit den geäußerten Bedürfnissen … Imperialismus Als eigentliches Zeitalter des Imperialismus gilt das späte 19. Jahrhundert, wozu auch die verschiedenen marxistischen Imperialismustheorien beitrugen. Im …