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Überproduktion
Überproduktion (englisch over-production) ist in der Wirtschaft ein Produktionsvolumen, das die auf einem Markt vorhandene Nachfrage dauerhaft übersteigt.
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Begriff und wirtschaftliche Folgen
Überproduktion bezeichnet ein Produktionsvolumen, das die auf einem Markt vorhandene Nachfrage dauerhaft übersteigt. Es liegt dann ein Angebotsüberhang beziehungsweise eine Überversorgung vor: Der tatsächliche Bedarf und seine Deckung stehen nicht mehr im passenden Verhältnis. Als Gegenstück werden Unterkonsumtion oder Unterproduktion genannt.
Eine Überproduktion kann mit Unterkonsumtion zusammenhängen, also mit einer Nachfragelücke. Dies gilt jedoch nicht, wenn die Nachfrage bereits ihre Sättigungsmenge erreicht hat. In beiden Fällen wird der Gleichgewichtspreis verlassen; Preissenkungen können folgen. Unternehmen können dadurch an ihre Preisuntergrenze und an die Gewinnschwelle geraten, bei der sie keinen Gewinn mehr erzielen. Sie werden dann zu Grenzanbietern.
Produktion, Lagerung und Preiselastizität
Überproduktion tritt tendenziell eher bei Massenproduktion als bei Einzelfertigung auf. Bei der Massenproduktion wird während des Produktionsprozesses nicht laufend auf die aktuelle Nachfrage Rücksicht genommen. Das Lager hat deshalb eine Ausgleichsfunktion, bis Nachfrage entsteht.
Wichtig ist die Preiselastizität der Nachfrage: Sie beschreibt, wie stark sich die nachgefragte Menge verändert, wenn sich der Preis ändert. Halbiert sich etwa der Kartoffelpreis, steigt die Nachfrage in wohlhabenden Industrieländern kaum. Kartoffeln sind nur begrenzt lagerfähig und benötigen relativ viel Lagerkapazität; die Nachfrage ist daher gering preiselastisch. Bei Heizöl kann die Nachfrage dagegen hoch preiselastisch sein: Bei niedrigen Preisen füllen viele Nachfrager ihre Öltanks, bei hohen Preisen kaufen sie eher nur die für die Heizperiode benötigte Menge.
Auch die Agrarproduktion ist Massenproduktion. In vielen Staaten soll sie jedoch Versorgungssicherheit durch einen Selbstversorgungsgrad von 100 % (Autarkie) sichern. Weil Agrarprodukte meist nur begrenzt lagerfähig sind, können Agrarpreise stark schwanken. Staatliche Mindestpreise und Subventionen können Überproduktion fördern, etwa Butterberg und Milchsee.
Ansichten der Volkswirtschaftslehre
Adam Smith und David Ricardo hielten eine allgemeine Überproduktion (general glut) für unmöglich. Ricardo berief sich auf das Saysche Theorem: Das aggregierte Angebot schaffe eine gleich hohe aggregierte Nachfrage. Danach ist partielle Überproduktion einzelner Güter möglich, nicht aber eine allgemeine.
John Stuart Mill vertrat 1848 dieselbe Ansicht. Aufgrund der Gleichgewichtslehre hielt er eine allgemeine Überproduktion ebenfalls für unmöglich und meinte, weder Geldmangel noch nachlassender Kaufwunsch könnten eine allgemeine Absatzstockung verursachen. Thomas Robert Malthus und James Maitland Lauderdale sahen dagegen die Gefahr einer allgemeinen Überproduktion. Lauderdale gilt als Hauptvertreter der Überproduktionstheorie. Max Schippel nahm 1899 an, konsumtive Staatsausgaben könnten Überproduktion entlasten; Franz Stöpel sah 1899 einen Nachfragemangel als Ursache.
Überproduktion in Wirtschaftsordnungen
In einer Planwirtschaft war es mit den technischen Möglichkeiten der Vergangenheit kaum möglich, sämtliche Bedürfnisse der Bevölkerung zentral im Voraus zu erfassen, den Bedarf richtig zu berechnen und passende Steuerungsprozesse auszulösen. Häufig fehlt zudem die Abstimmung der Produktionskapazitäten innerhalb einer Wertkette. Das kann zu ökonomischen Disproportionen, Angebotsmängeln und teilweise auch Überproduktion führen. Typischer war jedoch Mangelwirtschaft: Angebotslücken zeigten sich durch Regallücken und Warteschlangen.
In der freien Marktwirtschaft kann Konkurrenz Überproduktion auslösen. Wenn mehrere Unternehmen unabhängig voneinander ein knappes Produkt herstellen wollen, müssen sie die Nachfrage unter sich aufteilen oder versuchen, durch Überangebot, Werbekampagnen und Preisdumping zusätzliche Nachfrage anzuregen. Dies kann bewusst geschehen, um Marktanteile zu gewinnen oder zu halten, und unter Umständen ruinöse Konkurrenz hervorrufen. Unbeabsichtigte Überproduktion entsteht, wenn ein Unternehmen den Bedarf wegen unzureichender Marktanalysen falsch einschätzt. Es kann sich durch genauere Absatzplanung an das niedrigere Marktvolumen anpassen.
Landwirtschaft und Agrarüberschüsse
Der Begriff Überproduktion wird besonders häufig bei Agrarprodukten verwendet. Staatliche Subventionen können falsche Anreize setzen und zu einem Angebotsüberschuss führen. Ende der 1970er Jahre entstanden Butterberg und Milchschwemme; zusammen werden solche Erscheinungen als „Agrarüberschüsse“ bezeichnet. Überproduktionen im Weinbau können zur Herstellung von Ethanol genutzt werden.
Debatte und Überproduktionstheorie
In der Debatte über Planwirtschaft und freie Marktwirtschaft wird betont, dass Überproduktion in beiden Systemen vorkommen kann. Der Marktwirtschaft wird zugeschrieben, schneller reagieren zu können, etwa durch Betriebsstilllegungen oder Entlassungen. Die Anpassung erfolgt durch Strukturwandel, der Arbeitsplätze in anderen Wirtschaftszweigen schaffen soll. Der Planwirtschaft wird wegen ihres schwerfälligen Verwaltungsapparats eine langsamere Anpassung an Marktentwicklungen zugeschrieben. Welcher Effekt stärker wiegt, ist umstritten. Der Sozialismus des 20. Jahrhunderts wird tendenziell mit Kaufkraftüberhang, der westliche Kapitalismus mit Angebotsüberhang verbunden; deshalb wird in der Kritik an der freien Marktwirtschaft auch von Überproduktionskrise gesprochen.
Die Überproduktionstheorie ist eine marxistische Konjunkturtheorie. Sie geht davon aus, dass der fortlaufende kapitalistische Technisierungsprozess menschliche Arbeitskraft freisetzt, die industrielle Reservearmee. Verbesserte Produkte könnten wegen der wachsenden Zahl ausbeuterisch entlohnter Arbeiter nicht verkauft werden; Überproduktion und anschließende Wirtschaftskrisen führten zur „Expropriation der Expropriateure“. Der Begriff von Karl Marx könne besser durch Überakkumulations- oder Überinvestitionstheorie ersetzt werden, weil Arbeitskräfte nicht dauerhaft freigesetzt würden, sondern im Strukturwandel andere Arbeitsplätze erhielten.
Nach marxistisch-leninistischer Gesellschaftstheorie ist die Überproduktionskrise eine gesetzmäßig wiederkehrende Krise von Kapitalismus und Imperialismus. Die „Anarchie des Marktes“ führe dazu, dass das Kapital wiederholt zu viele Waren im Verhältnis zur kaufkräftigen Nachfrage produziere.