Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Ungarische Sprache
Die ungarische Sprache (Eigenbezeichnung magyar nyelv) gehört zum ugrischen Zweig der finno-ugrischen Sprachen innerhalb der uralischen Sprachfamilie.
Inhalt6 Abschnitte
Einordnung und Verbreitung
Die ungarische Sprache, auf Ungarisch magyar nyelv, gehört zum ugrischen Zweig der finno-ugrischen Sprachen innerhalb der uralischen Sprachfamilie. Sie ist daher nicht mit den indoeuropäischen Nachbarsprachen wie Deutsch, Rumänisch, Slowakisch, Slowenisch, Kroatisch, Serbisch oder Ukrainisch verwandt. Weltweit sprechen über 13,5 Millionen Menschen Ungarisch; andere Schätzungen nennen bis zu 15 Millionen. In Ungarn sind es über 8,4 Millionen Sprecher.
Ungarisch ist Amtssprache in Ungarn und seit dem 1. Mai 2004 auch Amtssprache der Europäischen Union. Außerdem hat es offiziellen Status in der serbischen Region Vojvodina und in den slowenischen Regionen Hodoš, Dobrovnik, Lendava und Prekmurje. Als Minderheitensprache ist Ungarisch unter anderem in Österreich, Kroatien, Rumänien und der Slowakei anerkannt. Größere Sprechergruppen leben außerdem in Rumänien, vor allem in Siebenbürgen und entlang der ungarischen Grenze, in der Slowakei, in Serbien, in der Ukraine, in Österreich sowie in Kanada und Israel. Die Sprachcodes nach ISO 639 sind hu und hun.
Sprachverwandtschaft und Geschichte
Ungarisch gehört zur uralischen Sprachfamilie. Innerhalb dieser Familie wird gewöhnlich zwischen der finno-ugrischen Gruppe und den samojedischen Sprachen unterschieden. Finnisch und Ungarisch sind verwandt, aber ihre Urformen sind seit vielen Jahrtausenden getrennt. Die Verwandtschaft zeigt sich deshalb eher in grammatischen Elementen als in deutlich ähnlichem Wortschatz.
Am nächsten verwandt ist Ungarisch mit Chantisch und Mansisch, zwei Sprachen indigener Völker Westsibiriens mit heute jeweils wenigen tausend Sprechern. Zusammen bilden Ungarisch, Chantisch und Mansisch die ugrischen Sprachen.
Das genaue Entstehungsgebiet der ungarischen Sprache ist nicht bekannt. Vermutet wird ein ursprünglicher Siedlungsraum der Magyaren östlich des südlichen Uralgebirges. Vor der Landnahme an der Donau im 9. Jahrhundert standen die Magyaren mehrere Jahrhunderte in engem Kulturkontakt mit turksprachigen Gruppen wie Chasaren und Wolgabulgaren. Ein Einfluss auf die Sprachentwicklung wird daher als möglich angesehen. Auch Kontakte mit Krimgoten werden für den Aufenthalt im Gebiet Etelköz angenommen.
Erste ungarische Inschriften sollen aus dem 9. Jahrhundert stammen, als die Magyaren noch ungarische Runenschrift benutzten; Datierung und Bedeutung dieser Runen sind jedoch umstritten. Mit der Christianisierung unter König Stephan I. wurde Latein wichtig und brachte viele Entlehnungen. Als erstes Schriftdenkmal gilt die Stiftungsurkunde der Benediktinerabtei von Tihany aus dem Jahr 1055, die in einem lateinischen Text mehrere ungarische Wortverbindungen enthält. Der früheste erhaltene ungarische Text ist die Leichenrede, halotti beszéd, vom Ende des 12. Jahrhunderts. Die Sprachform bis zum 16. Jahrhundert wird Altungarisch genannt; ein wichtiger Einschnitt ist die Schlacht bei Mohács 1526. In der Habsburgerzeit 1699 bis 1867/1918 wirkte auch das Deutsche stark auf Ungarisch ein.
Schreibung und Aussprache
Ungarisch wird mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Die Rechtschreibung ist weitgehend regelmäßig: Jeder Buchstabe entspricht grundsätzlich genau einem Laut. Eine wichtige Besonderheit ist, dass auch Digraphen, also Buchstabenverbindungen wie cs, gy, ly, ny, sz, ty und zs, sowie der Trigraph dzs als eigene Buchstaben gelten. Der Laut [j] wird allerdings sowohl mit j als auch mit ly geschrieben; historisch stand ly für einen eigenen Laut, der später mit j zusammenfiel.
Alle ungarischen Wörter werden auf der ersten Silbe betont, auch sehr lange Wörter und Lehnwörter. Ein Beispiel aus dem Artikel ist legeslegmegvesztegethetetlenebbeknek, „den Allerunbestechlichsten“, mit 13 Silben.
Bei den Vokalen unterscheidet Ungarisch genau zwischen kurzen und langen Lauten. Lange Vokale werden mit Akut geschrieben, also á, é, í, ó, ú, und bei ö und ü mit Doppelakut, also ő und ű. Die Vokallänge kann Bedeutungen unterscheiden, zum Beispiel bor „Wein“ gegenüber bór „Bor“ oder örül „er/sie freut sich“ gegenüber megőrül „er/sie wird verrückt“. Die kurzen Vokale a und e klingen anders als im Deutschen: a ist ein gerundeter offener Hinterzungenvokal [ɒ], e ein sehr offenes [ɛ]. Die langen Vokale á und é sind davon deutlich verschieden: á ist [aː], é ist [eː].
Auch bei den Konsonanten gibt es für deutschsprachige Lernende wichtige Abweichungen. c wird wie deutsches tz gesprochen, cs wie tsch, s wie sch, sz wie stimmloses s in „Klasse“, zs wie französisches j in „Journal“. gy, ny und ty sind palatale Laute, also am harten Gaumen gebildet. Verdoppelte Konsonanten werden länger gesprochen; bei langen Digraphen wird in der Schrift nur der erste Buchstabe verdoppelt, etwa ssz als Doppel-sz.
Das ungarische Alphabet hat je nach Zählweise 40 oder 44 Buchstaben. Die größere Zählung schließt Q, W, X und Y ein, die vor allem in Fremdwörtern und historischen Schreibweisen vorkommen. In Eigennamen kann ältere Orthographie erhalten sein, sodass Namen anders ausgesprochen werden, als man nach heutiger Standardschreibung erwarten würde. Ein Extrembeispiel ist Dessewffy, das wie Dezsőfi ausgesprochen wird.
Grammatik
Ungarisch ist eine agglutinierende Sprache. Das bedeutet: Wortformen werden gebildet, indem Suffixe, also Nachsilben, in einer festen Reihenfolge an den Wortstamm angehängt werden. Was im Deutschen oft durch Präpositionen, Possessivpronomen oder ganze Präpositionalgruppen ausgedrückt wird, erscheint im Ungarischen häufig als Suffix am Wort.
Das Substantiv kann mehrere Suffixe mit unterschiedlichen Funktionen tragen. Sie drücken zum Beispiel Besitz, Richtung, Zeitlichkeit oder grammatische Fälle aus. Der Artikel nennt 18 Kasus: Nominativ, Dativ, Akkusativ, Superessiv, Delativ, Sublativ, Inessiv, Elativ, Illativ, Adessiv, Ablativ, Allativ, Terminativ, Komitativ-Instrumental, Kausal-Final, Faktiv-Translativ, Essiv-Modal und Formal. Insgesamt gibt es 27 Kasussuffixe, von denen 18 ohne Einschränkungen verwendet werden können. Wenn man von den Einschränkungen der übrigen Suffixe absieht, kann man daher auch von 27 Fällen sprechen.
Nur Nominativ, Dativ und Akkusativ haben direkte Entsprechungen im Deutschen. Die übrigen Fälle werden im Deutschen meist mit Präpositionalphrasen wiedergegeben.
Wortschatz und Sprachkontakte
Der ungarische Grundwortschatz enthält einige hundert Wortwurzeln, die mit anderen uralischen Sprachen gemeinsam sind. Als Beispiele nennt der Artikel die Zahlen kettő, három, négy, also zwei, drei, vier, sowie víz „Wasser“, kéz „Hand“, vér „Blut“ und fej „Kopf“.
Daneben enthält Ungarisch viele Entlehnungen. Aus dem Deutschen stammen zum Beispiel vekni, zsemle, pék, srég, hokkedli, sámli und sláger. Aus der gemeinsamen Geschichte mit Österreich und dem Habsburgerreich stammen auch Wörter wie sparhelt, karfiol, paradicsom, krampusz und virsli. Aus dem Lateinischen kommen unter anderem templom „Kirche“, kastély „Schloss“, sors „Schicksal“ und pásztor „Hirte“. Slawische Sprachen lieferten Wörter wie macska „Katze“, asztal „Tisch“, szabad „frei“, király „König“. Aus Turksprachen stammen unter anderem csizma „Stiefel“, padlizsán „Aubergine“, papucs „Pantoffel“, barack „Pfirsich“ und szakáll „Bart“.
Bei Internationalismen bildet Ungarisch oft eigene Entsprechungen, häufig als Lehnübersetzungen, zum Beispiel nemzetközi statt internacionális für „international“. Teilweise bestehen beide Formen nebeneinander, etwa számítógép und komputer oder szálloda und hotel. Direkte Übernahmen werden in Aussprache und Schreibung angepasst, zum Beispiel bájt, dizájn, fájl, menedzser, szex und trendi. Auch fremde Vornamen und Ländernamen können magyarisiert werden, etwa Dzsenifer und Dzsesszika oder Svájc für die Schweiz.
Ungarisch hat umgekehrt andere Sprachen beeinflusst. Ins Deutsche kamen unter anderem Dolmetscher, Gulasch, Kutsche, Palatschinken und Tollpatsch, letzteres von ungarisch talpas „breitfüßig“. Auch im Kroatischen gibt es viele Hungarismen und Lehnübersetzungen, besonders in Slawonien. Beispiele sind kočija von kocsi „Kutsche“, soba von szoba „Zimmer“, šator von sátor „Zelt“ und Ortsnamen mit vár „Burg“, etwa Vukovar, Varaždin und Bjelovar.
Namen, Anrede und Alltagssprache
Im Ungarischen gibt es genaue Verwandtschaftsbezeichnungen. Es wird zwischen älterer und jüngerer Schwester unterschieden, nővér und húg, sowie zwischen älterem und jüngerem Bruder, báty und öcs. Die leiblichen Eltern heißen anya und apa, mit der Vorsilbe édes- in Formen wie édesanyám und édesapám, also „meine Mutter“ und „mein Vater“. Für weiter zurückliegende Generationen gibt es Vorsilben wie nagy- für Groß-, déd- für Urgroß-, ük- für Ururgroß- und szép- für Urururgroß-.
Familiennamen stehen im Ungarischen meist vor dem Vornamen, etwa Bátori Gábor. Diese Reihenfolge wird vor allem bei ungarischen Namen verwendet. Bei verheirateten Frauen kann die Endung -né an den Namen des Ehemannes treten, zum Beispiel Kovács Józsefné für die Frau von József Kovács. Diese Form war bis in die 1990er Jahre sehr verbreitet; heute behalten Frauen häufiger ihren Geburtsnamen oder wählen Mischformen.
Begrüßungen und Anreden sind besonders vielfältig. Jó reggelt, Jó napot und Jó estét bedeuten Guten Morgen, Guten Tag und Guten Abend; in der Vollform mit kívánok wirken sie oft distanziert. Jugendliche und Freunde verwenden szia, szervusz oder heló, jeweils auch beim Abschied. Offizielle Abschiedsformeln sind Viszontlátásra „Auf Wiedersehen“ und am Telefon oder im Rundfunk Viszonthallásra „Auf Wiederhören“.
Für das deutsche „Sie“ gibt es vor allem Ön und maga. Ön wirkt offizieller, maga vertraulicher und umgangssprachlicher. Nach beiden Formen steht die 3. Person. Kinder verwenden gegenüber älteren Personen oft die tetszik-Form mit Infinitiv, zum Beispiel Le tetszik ülni? „Möchten Sie sich setzen?“. Insgesamt nimmt das Duzen in Ungarn zu, besonders unter jungen Leuten und in Geschäften.
Der Artikel beschreibt außerdem, dass Ungarisch reich an Schimpfwörtern ist. Manche werden als Füllwörter oder zur Verstärkung benutzt und nicht immer wörtlich als Beleidigung verstanden, besonders in Gesprächen unter befreundeten Männern. Es gibt auch mildere Ersatzformen, die ähnlich klingen, aber nicht derb sind.