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Unbefleckte Empfängnis
Die unbefleckte Empfängnis Mariens (lateinisch immaculata conceptio) ist ein 1854 verkündetes Dogma der römisch-katholischen Kirche, …
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Kern der Lehre
Die unbefleckte Empfängnis Mariens ist ein 1854 verkündetes Dogma der römisch-katholischen Kirche. Ein Dogma ist eine verbindliche Glaubenslehre. Nach dieser Lehre wurde Maria, die Mutter Jesu, vom ersten Augenblick ihres Daseins an durch Gott vor der Erbsünde bewahrt. Dies geschah nach katholischem Verständnis, weil sie die Mutter Gottes werden sollte.
Wichtig ist die Unterscheidung zur Jungfrauengeburt: Die unbefleckte Empfängnis meint nicht die Empfängnis Jesu, sondern die Empfängnis Marias. Maria wurde nach der Lehre auf natürliche Weise von ihren Eltern Anna und Joachim gezeugt, empfangen und geboren, blieb aber als einziger Mensch von der Erbsünde frei, also „ohne Makel“. „Immaculata“ bedeutet „die Unbefleckte“ und ist in der römisch-katholischen Kirche ein Marientitel.
Das kirchliche Fest Mariä Empfängnis wird am 8. Dezember gefeiert, neun Monate vor Mariä Geburt am 8. September. Die vollständige Bezeichnung lautet: „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“.
Entwicklung bis zum Dogma
Ein Fest zur Empfängnis Marias durch Anna wurde in der Ostkirche an manchen Orten seit dem 10. bis 12. Jahrhundert gefeiert. Im Westen führte Anselm von Canterbury das Fest um 1100 für seine Diözese Canterbury ein. Das Konzil von Basel erklärte am 17. September 1439, Maria sei durch einen besonderen Akt der Prävention niemals von der Erbsünde befleckt worden. Papst Sixtus IV. führte 1477 das Hochfest in Rom ein, Papst Clemens XI. schrieb es 1708 als Mariä Empfängnis für die ganze katholische Kirche vor.
Im Spätmittelalter war die Lehre umstritten. Dominikaner vertraten bis ins 19. Jahrhundert eher die Vorstellung, Maria sei von der Erbsünde gereinigt worden. Franziskaner lehrten dagegen, Maria sei bereits ohne Erbsünde empfangen worden. Duns Scotus formulierte eine theologische Lösung: Maria sei von der Empfängnis an von der Erbsünde befreit gewesen, und zwar im Voraus durch die Verdienste Jesu Christi. Dazu wurde der Satz „Decuit, potuit, ergo fecit“ angeführt: „Es ziemte sich, er [Gott] konnte es, daher machte er [es]“. Gegner der Immaculata-Lehre waren im Mittelalter unter anderem Bernhard von Clairvaux, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Bonaventura sowie die Päpste Johannes XXII. und Benedikt XII.
Papst Pius IX. bereitete die Definition des Dogmas gezielt vor. Am 1. Juni 1848 setzte er ein Theologengremium ein. Am 2. Februar 1849 fragte er mit der Enzyklika „Ubi primum“ die Ortsbischöfe nach ihrer Meinung. Von 603 befragten Bischöfen sprachen sich 546 positiv für die Definition eines Glaubenssatzes aus.
Definition von 1854 und weitere katholische Deutung
Am 8. Dezember 1854 verkündete Papst Pius IX. in der Bulle „Ineffabilis Deus“ das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens. Der zentrale Inhalt lautet: Maria sei „im ersten Augenblick ihrer Empfängnis“ durch ein einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht Gottes, „im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu“, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt geblieben. Diese Lehre sei von Gott geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest zu glauben.
Das Dogma spielte auch in der Beseelungslehre eine Rolle. In der Bulle „Apostolicae Sedis“ hob Pius IX. 1869 die Unterscheidung zwischen unbeseeltem und beseeltem Fetus auf. Danach empfängt der Fetus seine Seele bereits zum Zeitpunkt der Zeugung, also nach der Lehre der Simultanbeseelung.
Das Zweite Vatikanische Konzil behandelte Maria in der dogmatischen Konstitution „Lumen gentium“. Es erinnerte daran, dass die Kirchenväter die Gottesmutter „ganz heilig und von jeder Sündenmakel frei“ nannten. Maria habe „vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an im Glanz einer einzigartigen Heiligkeit“ und „von Sünde unbehindert“ zum Heil der Menschen mitgewirkt.
Eine weitere dogmatische Konsequenz betrifft Mariä Himmelfahrt. Nach katholischer Deutung bedurfte Maria am Ende ihres Lebens keiner Läuterung im Fegefeuer, weil sie schon bei ihrer Empfängnis von der Erbsünde befreit worden sei und während ihres Lebens keine Sünden begangen habe. Dies wurde 1950 im Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel mitausgesagt.
Andere christliche Positionen
Die Altkatholische Kirche gesteht der Lehre von der unbefleckten Empfängnis keine Verbindlichkeit zu. Sie sieht diese Lehre weder im biblischen Zeugnis noch in den Ehrentiteln begründet, die die ökumenischen Konzilien der ersten Jahrhunderte Maria zusprachen.
Im Protestantismus wurde die Lehre unterschiedlich aufgenommen. Martin Luther behielt sie in den ersten Jahren der Reformation bei. 1518 erklärte er in den „Resolutiones disputationum de indulgentiarum virtute“ seine Übereinstimmung mit spätmittelalterlichen Konzilsbeschlüssen in dieser Frage. Noch 1520 sagte er in einer Predigt, Maria sei in keinem Augenblick ihres Lebens mit der Erbsünde in Berührung gekommen.
Die Evangelische Kirche lehnt die Lehre jedoch ab, im Unterschied zur Lehre von der Jungfrauengeburt, die sie auf biblische Texte stützt. Aus evangelischer Sicht lässt sich die unbefleckte Empfängnis nicht aus den Schriften des Bibelkanons ableiten. Kritisiert wird außerdem, dass Aussagen, die im Neuen Testament über Jesus gemacht werden, auf Maria übertragen würden, etwa die Sündenlosigkeit. Der Waldenser Giovanni Miegge nannte es angesichts des Schweigens der Heiligen Schrift und der älteren Tradition eine „schwerwiegende und gewagte Behauptung“, die Lehre als „Offenbarungswahrheit“ zu bezeichnen.
Fest, Erscheinungen und Brauchtum
Das Hochfest Mariä Empfängnis wird in der römisch-katholischen Kirche am 8. Dezember gefeiert. Wenn der zweite Adventssonntag liturgisch Vorrang hat, wird das Fest am 9. Dezember nachgefeiert. Bis 1955 hatte es eine Vigil, also eine Feier am Vorabend, dem 7. Dezember. Auch die anglikanische Kirche feiert Mariä Empfängnis. Die orthodoxen Kirchen begehen das Fest am 9. Dezember, verbinden damit aber wegen ihres nicht-augustinischen Verständnisses der Erbsünde keine besonderen Lehren.
Bedeutung gewann das Dogma auch durch Marienerscheinungen. In der Rue du Bac soll Maria 1830 der Ordensfrau Katharina Labouré eine Medaille gezeigt haben mit der Aufschrift: „Oh Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu dir nehmen.“ In Lourdes soll Bernadette Soubirous 1858 mehrfach eine weiß gekleidete Frau gesehen haben, die sich als „die unbefleckte Empfängnis“ offenbarte.
Mariä Empfängnis ist in Österreich, Liechtenstein, katholisch geprägten Kantonen der Schweiz sowie in Argentinien, Spanien, Chile, Nicaragua, Portugal, Panama, Kolumbien, Italien und Malta ein gesetzlicher Feiertag. In Österreich wird der 8. Dezember seit dem 17. Jahrhundert gefeiert; 1646 verkündete Kaiser Ferdinand III. die „Weihe Österreichs an die unbefleckt Empfangene“. Seit 1995 dürfen in Österreich wegen einer Änderung der Ladenschlusszeiten an diesem Tag viele Läden und Kaufhäuser öffnen. In Deutschland ist die Immaculata conceptio nach kirchlicher Partikularnorm kein „kirchlich gebotener Feiertag“; in Bayern war der Tag bis einschließlich 1969 staatlich geschützter kirchlicher Feiertag, aber kein gesetzlicher Feiertag.
Darstellung und Verehrung
In der Kunst wird Maria Immaculata meist stehend und ohne Kind dargestellt, oft auf einer Mondsichel und auf Wolken, manchmal auch auf einer Weltkugel mit einer Schlange. Der Sternenkranz um ihr Haupt besteht normalerweise aus zwölf Sternen. Häufig trägt sie eine weiße Tunika und einen blauen Mantel; der Kunsttheoretiker Francisco Pacheco verband diese Darstellung mit einer Vision der heiligen Beatriz da Silva. In frühen Darstellungen gibt es auch Abweichungen, etwa eine rote oder rosa Tunika mit blauem Mantel.
Wichtige Attribute sind die Schlange, deren Kopf Maria zertritt, als biblisches Symbol der Erbsünde; die Weltkugel, wodurch Maria als Siegerin über die Sünde erscheint; der Sternenkranz und die Mondsichel als apokalyptische Zeichen; außerdem Mariensymbole wie Rosen, Lilien, Stern, Tempel oder Pforte. Eine besondere Blüte erlebte die Immaculata-Darstellung im spanischen Siglo de Oro, unter anderem bei Bartolomé Esteban Murillo, Jusepe de Ribera und Zurbarán.
Verschiedene Orden, Vereinigungen und Schwesternschaften stehen unter dem Patronat der Unbefleckten Empfängnis. Dazu gehören etwa der Verband der Wissenschaftlichen Katholischen Studentenvereine Unitas, die Hausritterorden vom Heiligen Georg und von Vila Viçosa sowie der Orden Karls III. Wichtige Wallfahrtsorte sind Neviges, bezeichnet als „älteste Wallfahrt zur Immaculata nördlich der Alpen“, und Lourdes in Frankreich. Auch Vornamen wie der italienische Name Concetta und der spanische Name Conchita gehen auf diesen Marientitel zurück.