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Fegefeuer

Innerhalb der Dogmatik gehört das Thema Fegefeuer zur Eschatologie, welche die vier letzten Dinge behandelt: Tod, Jüngstes Gericht bzw. Apokalypse, Himmel und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundgedanke
  2. 2. Biblische Bezüge und geschichtliche Entwicklung
  3. 3. Römisch-katholische Lehre
  4. 4. Positionen anderer christlicher Kirchen
  5. 5. Darstellungen und verwandte religiöse Vorstellungen

Begriff und Grundgedanke

Das Fegefeuer oder Purgatorium bezeichnet in der westkirchlichen Theologie die Läuterung einer Seele nach dem Tod. Es betrifft Menschen, die in der Gnade Gottes gestorben, aber noch nicht vollkommen geläutert sind. Sie werden auf die Heiligkeit vorbereitet, die für den Eintritt in die himmlische Seligkeit notwendig ist.

Das Purgatorium wird teils bildlich als Ort, teils als zeitlicher oder innerer Prozess verstanden. Es ist keine zweite Möglichkeit zur Entscheidung über das ewige Heil: Die sogenannten Armen Seelen sind ihres Heils bereits sicher und gelangen nach ihrer Läuterung in den Himmel. Damit unterscheidet sich das Fegefeuer grundsätzlich von der Hölle, in der die Verdammten nach katholischer Lehre endgültig von der himmlischen Gemeinschaft ausgeschlossen sind.

Das Thema gehört zur Eschatologie, der Lehre von den letzten Dingen: Tod, Jüngstes Gericht beziehungsweise Apokalypse, Himmel und Hölle. Eng verbunden ist es mit dem Partikulargericht, also dem Gericht über den einzelnen Menschen unmittelbar nach seinem Tod. Heute wird die Fegefeuerlehre vor allem von der römisch-katholischen Kirche vertreten. Die reformatorischen Kirchen lehnten sie ab; in den Ostkirchen erlangte sie nie vergleichbare Bedeutung.

Biblische Bezüge und geschichtliche Entwicklung

Als traditionelle biblische Begründungen gelten 2 Makk 12,43–45 und 1 Kor 3,13–15. Das Konzil von Trient verwendete 1 Kor 3,13–15 jedoch nicht als Schriftbeweis. Unter katholischen und evangelischen Neutestamentlern besteht seit der Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehend Einigkeit, dass Paulus von Tarsus dort kein später ausgearbeitetes Läuterungsgericht meinte. Hans-Josef Klauck versteht die Wendung „dem Feuer entrissen“ als sprichwörtlichen Ausdruck für „knapp davongekommen“. Ingo Broer beschreibt die Fegefeuerlehre als eine von den Kirchenvätern entwickelte Verbindung verschiedener biblischer Aussagen mit ähnlichen Gedanken der paganen Literatur, etwa bei Platon und Vergil.

In der frühen Kirche bestand zunächst die Vorstellung eines refrigerium interim, eines vorläufigen Erholungsortes. Tertullian (um 150–220) setzte ihn mit Abrahams Schoß gleich: Dort warteten die Seelen der Gerechten ohne Qualen auf Auferstehung und Seligkeit nach dem Jüngsten Gericht.

Im 6. Jahrhundert ordnete Papst Gregor der Große ein Reinigungsfeuer in die christliche Heilslehre ein. Aus Mt 12,32 folgerte er, dass gewisse leichte Sünden noch in der zukünftigen Welt vergeben werden könnten. Außerdem hielt er das heilige Opfer für eine mögliche Hilfe zugunsten Verstorbener.

Im 12. Jahrhundert setzte sich die Bezeichnung Purgatorium durch; erstmals ist sie bei Hildebert von Lavardin († 1133) nachweisbar. Seit dem 13. Jahrhundert war das Modell unter Theologen und in Gemeinden allgemein bekannt. Thomas von Aquin arbeitete es theologisch aus, während Dantes Göttliche Komödie es in der europäischen Literatur und Kunst verankerte.

Gebete, Messstipendien und gute Werke sollten die Läuterung Verstorbener verkürzen. 1476 erweiterte eine päpstliche Bulle auf Initiative Raimund Peraudis das Ablasswesen auf die Seelen im Fegefeuer. Ablässe konnten ihnen durch Gebete und gute Werke zugewendet werden; als nützlich galt beispielsweise die Stiftung eines Bades für Arme, eines sogenannten Seelbades. Die zunehmende Ersetzung solcher Werke durch Geldspenden und ihre aggressive Bewerbung führten zur reformatorischen Ablasskritik. Johann Tetzel (um 1460/65–1519) wurde als Ablassprediger zum unmittelbaren Anlass für Martin Luthers 95 Thesen. Auf dem sogenannten Tetzelkasten stand: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“

Römisch-katholische Lehre

Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass „nichts Unreines in den Himmel kommen kann“. Wer in der Freundschaft beziehungsweise heiligmachenden Gnade Gottes stirbt, aber noch Sündenfolgen trägt, bedarf deshalb einer abschließenden Läuterung. Nach der 1336 in der Konstitution und Bulle Benedictus Deus entfalteten Lehre werden vollkommen geläuterte Seelen unmittelbar der himmlischen Seligkeit teilhaftig; Seelen mit kleineren Mängeln gelangen nach einem Reinigungsprozess ebenfalls zur vollen Schau Gottes. Wer nicht im Stand der Gnade stirbt, verliert den Himmel nach dieser Lehre für immer.

Die Qual des Purgatoriums wird vor allem als schmerzliche Gottesbegegnung verstanden: Der Mensch erkennt Gottes vollkommene Liebe und zugleich, wie wenig er ihr durch sein Leben entsprochen hat. Durch Reue wird er von den letzten Folgen seiner Sünden geläutert. Neuere Theologen vermeiden meist genaue Aussagen über Ort und Dauer. Sie sprechen von einem Reinigungsgeschehen als „Aspekt der Gottesbegegnung“. Das Feuer gilt dabei als Bild für die reinigende und heiligende Kraft der Heiligkeit und Barmherzigkeit Gottes, nicht notwendig als körperliches Feuer.

Der von Papst Johannes Paul II. 1992 approbierte Katechismus der Katholischen Kirche behandelt das Thema als „abschließende Läuterung“. Das Kompendium definiert: „Das Purgatorium ist der Zustand jener, die in der Freundschaft Gottes sterben, ihres ewigen Heils sicher sind, aber noch der Läuterung bedürfen, um in die himmlische Seligkeit eintreten zu können.“ Joseph Ratzinger bezeichnete es nicht als äußerlich auferlegte Strafanstalt, sondern als innerlich notwendigen Prozess, durch den der Mensch zur Gemeinschaft mit Christus, Gott und der Communio sanctorum, der Gemeinschaft der Heiligen, fähig wird.

Die Lebenden können den Verstorbenen nach katholischer Lehre helfen. Genannt werden Fürbitten, die Mitfeier beziehungsweise Darbringung des eucharistischen Opfers, Almosen, Ablässe, Bußwerke und andere Taten der Nächstenliebe. Diese Hilfe beruht auf der Gemeinschaft der Heiligen, die nach dieser Vorstellung nicht an der Todesgrenze endet.

Das Konzil von Trient warnte vor übertrieben drastischen Darstellungen. Die Lehre soll vielmehr die Furcht vor endgültiger Verdammnis mildern und Hoffnung auf Gottes reinigendes Handeln ausdrücken. Nicht zu verwechseln ist das Purgatorium mit dem Limbus; dieser war nie Bestandteil der dogmatisierten kirchlichen Lehre.

Positionen anderer christlicher Kirchen

Die orthodoxen Ostkirchen übernahmen die westliche Fegefeuerlehre nicht. Ihre Ablehnung war ein Grund für das Scheitern der Wiedervereinigungsversuche auf dem Zweiten Konzil von Lyon 1274 und dem Konzil von Florenz beziehungsweise Ferrara-Florenz 1438/39. Die Orthodoxie kennt Gebete für Verstorbene, legt deren Wirksamkeit aber nicht offiziell durch eine Fegefeuerlehre fest. In der Volksfrömmigkeit einiger orthodoxer Länder begegnet die Vorstellung von „Zollhäusern“, welche die Seele auf ihrem Weg in den Himmel passieren müsse. Sie ist teilweise mit dem Purgatorium vergleichbar, wurde jedoch nie dogmatisiert.

Martin Luther erkannte das Fegefeuer in seinen frühen Schriften zunächst an, wandte sich aber 1530 bei der Verlesung der Confessio Augustana davon ab. Er kritisierte die fehlende biblische Grundlage und die mit dem Ablass verbundenen Missbräuche. In den Schmalkaldischen Artikeln von 1537 erklärte er, allein Christus und nicht menschliche Werke könne den Seelen helfen. Seine Ablehnung hängt daher mit der Rechtfertigungslehre zusammen: Der Mensch wird aus Gnade, durch den Glauben und um Christi willen gerechtfertigt. Neuere ökumenische Annäherungen zur Rechtfertigung könnten die frühere kirchentrennende Wirkung des Streits vermindern, wenn die Läuterung vollständig unter dem Vorrang der unentgeltlichen Rechtfertigung verstanden wird.

Der Anglikanismus weist das Fegefeuer als dem Wort Gottes widersprechend zurück. Diese Position ist in Artikel 22 der Neununddreißig Artikel festgelegt.

Darstellungen und verwandte religiöse Vorstellungen

Mittelalterliche Kunst stellte das Fegefeuer häufig als Höhle voller Feuer und Glut dar. Anders als die Hoffnungslosen in der Hölle wenden die büßenden Seelen Hände und Gesichter flehend zum Himmel. In größeren Kompositionen befindet sich das Purgatorium meist links im Bild und damit zur Rechten Gottes. Die bekannteste literarische Darstellung ist der zweite Teil von Dantes Göttlicher Komödie. Das Läuterungsmotiv erscheint außerdem in Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte, in Filmen wie Und täglich grüßt das Murmeltier, Wer früher stirbt ist länger tot und Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits sowie im dritten Satz von Gustav Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie, der Purgatorio überschrieben ist.

Vergleichbare, aber nicht identische Vorstellungen existieren in anderen Religionen. Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus kennen Naraka, eine der Läuterung dienende Unterwelt innerhalb des Kreislaufs der Reinkarnation. Ähnliche Gedanken finden sich in der platonischen Seelenlehre. Im Tengrismus werden Ungerechte in der Unterwelt Tamag bestraft, bevor sie in das dritte Stockwerk des Himmels gelangen.

Im Zoroastrismus müssen beim Endgericht alle Menschen einen Fluss aus geschmolzenem Blei durchqueren. Den Gerechten erscheint er wie warme Milch; die Ungerechten werden darin im hammistagan gereinigt, bevor das Gute endgültig über das Böse siegt. Die Mandäer glauben an eine Läuterung der Seelen im Inneren des Dämons Ur. Im Islam bestehen unterschiedliche Auffassungen darüber, ob der Aufenthalt in Dschahannam ewig oder vorübergehend ist.

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