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Antwerpen
Antwerpen (veraltet deutsch Antorf oder Antorff, französisch [ɑ̃vɛʁs]) ist eine Hafenstadt in der belgischen Region Flandern und die Hauptstadt der Provinz …
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Überblick und Lage
Antwerpen ist eine Hafenstadt in Flandern, Hauptstadt der belgischen Provinz Antwerpen und mit 544.759 Einwohnern (1. Januar 2024) die größte Gemeinde Belgiens. Das Stadtgebiet umfasst 204,51 km²; die Bevölkerungsdichte beträgt 2664 Einwohner je km². Die Agglomeration hat 1,2 Millionen Einwohner und ist nach der Region Brüssel-Hauptstadt die zweitgrößte Belgiens.
International wichtig ist Antwerpen vor allem wegen seines Seehafens, des zweitgrößten Europas, sowie wegen der Verarbeitung und des Handels mit Diamanten. Im 15. und 16. Jahrhundert gehörte die Stadt zu den größten Städten der Welt, war zeitweise Europas wichtigste Handelsmetropole und ein bedeutendes Kulturzentrum. 1920 fanden hier die Olympischen Sommerspiele statt, 1993 war Antwerpen Kulturhauptstadt Europas. Zum UNESCO-Welterbe gehören das Druckereimuseum Plantin-Moretus, das Maison Guiette von Le Corbusier aus dem Jahr 1926 und der Turm der Liebfrauenkathedrale.
Die Stadt liegt 88 km vor der Mündung der Schelde in die Nordsee. Die Schelde bildet im Stadtgebiet eine breite, für Seeschiffe befahrbare Trichtermündung und führt über die Westerschelde zur Nordsee. Deshalb gibt es in Antwerpen keine Brücken über die Schelde, sondern Tunnel; die letzte Brücke liegt etwa 20 km stromaufwärts in Temse. Brüssel liegt etwa 40 km südlich, Rotterdam 75 km nördlich. Antwerpen liegt an der Verkehrsachse Amsterdam–Antwerpen–Brüssel–Paris. Mit Brüssel, Gent und weiteren Städten bildet die Stadt die Metropolregion Vlaamse Ruit („Flämische Raute“ oder „Flämischer Diamant“) mit rund fünf Millionen Einwohnern.
Stadtgebiet und Bevölkerung
Die Gemeinde Antwerpen besteht seit der Eingemeindung von Borsbeek am 1. Januar 2025 aus zehn Stadtbezirken. Ursprünglich waren sie selbstständige Gemeinden. Die Eingemeindungen erfolgten 1958, 1983 und 2025. Seit der Dezentralisierung der Stadtverwaltung im Jahr 2001 haben die Bezirke eigene Verwaltungsfunktionen und Bezirksräte.
Zum Stadtgebiet gehören der Stadtbezirk Antwerpen, der im Wesentlichen der Stadt vor 1958 entspricht, sowie Berchem, Berendrecht-Zandvliet-Lillo, Borgerhout, Deurne, Ekeren, Hoboken, Merksem, Wilrijk und Borsbeek. Berendrecht, Zandvliet und Lillo wurden am 15. April 1958 eingemeindet. Berchem, Borgerhout, Deurne, Ekeren, Hoboken, Merksem und Wilrijk folgten am 1. Januar 1983.
Die Einwohnerzahl des damaligen Stadtgebiets betrug 178.128 im Jahr 1880, stieg bis 1920 auf 302.058, sank anschließend auf 194.073 im Jahr 1980 und lag nach den Eingemeindungen bei 470.349 im Jahr 1990. Für 2023 nennt die Tabelle 529.417 Einwohner. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Bevölkerung auch durch Einwanderung: Von 527.461 gemeldeten Einwohnern hatten 2019 50,1 Prozent einen Migrationshintergrund.
Geschichtliche Entwicklung
Auf dem heutigen Stadtgebiet ist ein gallo-römischer vicus nachgewiesen; Ton- und Glasscherben aus dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. wurden 1952 bis 1961 nahe der Schelde gefunden. Die Christianisierung begann im 7. Jahrhundert, erstmals urkundlich genannt wurde die Stadt 726. 836 verwüsteten Normannen Antwerpen. Nach den Teilungen des Frankenreichs kam es zum Ostfrankenreich. Die Ottonen gründeten die Markgrafschaft Antwerpen; Anfang des 12. Jahrhunderts gelangte sie an die Grafen von Löwen, die späteren Herzöge von Brabant. Stadtrechte erhielt der Ort 1291.
Im 14. Jahrhundert begann eine erste Blütezeit durch Hafen und Tuchhandel. Antwerpen war Handelsplatz und Finanzzentrum Europas, fiel 1430 an Burgund und 1477 an Habsburg. Die Brabanter Straße verband Antwerpen als Fernhandels- und Messestraße mit Leipzig über Erfurt, Marburg, Siegen, Köln, Aachen und Lüttich; gehandelt wurden unter anderem Pelze, Eisenwaren und Tuche.
Die Reformation gewann im 16. Jahrhundert früh Anhänger. Ab 1522 wurden Evangelische verfolgt; 1523 verbrannte die Inquisition Johannes van Esschen und Hendrik Vos in Brüssel. Nach 1556 setzte sich die Reformation in Antwerpen zunächst durch. Im 16. Jahrhundert war die Stadt die reichste Handelsstadt Europas. Konflikte zwischen Habsburgern und den Niederlanden leiteten jedoch den Niedergang ein. 1576 kam es zur „Spanischen Furie“ mit Brand und Plünderung. 1585 eroberte Alessandro Farnese die Stadt; protestantisch bleibende Einwohner mussten sie verlassen. Der Westfälische Frieden von 1648 bestätigte die seit 1585 bestehende Blockade der Schelde für die Schifffahrt und beeinträchtigte den Handel schwer.
Von 1714 bis 1795 gehörte Antwerpen zu den Österreichischen Niederlanden, ab 1792 begann die Franzosenzeit. 1830 setzte die Belgische Revolution ein. Die Niederlande sperrten die Schelde erneut und erhoben ab 1839 Schiffszoll. Der Scheldezoll-Ablösungsvertrag vom 16. Juli 1863 ermöglichte den erneuten Aufschwung des Hafens. Antwerpen wurde zur Festung mit zwei Fortgürteln ausgebaut und war in den 1880er Jahren ein wichtiger Ort der systematischen Ausbeutung des Kongos: Über den Hafen wurden Waffen in den Kongo sowie Kautschuk und Elfenbein zurück transportiert.
Im Ersten Weltkrieg nahmen deutsche Truppen Antwerpen am 10. Oktober 1914 ein; Ende 1918 wurde die Stadt wieder frei. 1920 folgten die Olympischen Sommerspiele. Im Zweiten Weltkrieg besetzte die Wehrmacht Antwerpen am 18. Mai 1940, britische Truppen befreiten die Stadt im September 1944. Der intakte Hafen wurde Haupt-Nachschubbasis der Alliierten und deshalb Ziel von V1- und V2-Angriffen sowie der Ardennenoffensive. Von mehr als 1600 abgefeuerten V-Waffen erreichten 1200 ihr Ziel. Der Hafen blieb kaum beschädigt, doch gab es je nach Quelle 3700 bis 7000 Tote und etwa 6000 Verletzte. Beim Einschlag einer V2-Rakete auf das „Rex“-Kino starben am 16. Dezember 1944 allein 567 Menschen. Das historische Stadtbild blieb trotz der Zerstörungen weitgehend erhalten. Die jüdische Minderheit wurde durch den Holocaust besonders schwer getroffen.
Nach 1945 prägten Hafenausbau, neue Industrieanlagen, besonders Chemie, und Bevölkerungswachstum die Stadt. Eine Schuldenkrise führte 1995 zur Finanzaufsicht durch die flämische Regionalregierung. Die Schulden erreichten 2003 1,6 Milliarden Euro und sanken bis Ende 2018 auf unter 400 Millionen Euro.
Wirtschaft, Bildung und Hafen
Antwerpen ist traditionell der wichtigste Diamantenhandelsplatz der Welt. Im Diamantenviertel befinden sich vier Diamantenbörsen, etwa 1600 Diamantenfirmen und ein Diamantenmuseum. Die älteste und größte Börse ist die Beurs voor Diamanthandel. Heute werden rund 60 Prozent aller Rohdiamanten in Antwerpen gehandelt, zuvor waren es über 80 Prozent. Jainistische Inder beherrschen laut Artikel 55 Prozent des weltweiten Diamantengeschäfts. Handel und Industrie des Diamantensektors beschäftigen in der Stadt 27.000 Menschen.
Der Finanzplatz hat an Bedeutung verloren. Die Wertpapierbörse Antwerpen gilt als eine der ältesten, sogar als „Mutter aller Börsen“. Wissenschaftlich wichtig sind die Universität Antwerpen, die aus drei kleineren Universitäten hervorging, mehrere Hochschulen sowie Institute wie das Institut für Tropenmedizin.
Im Hafengebiet liegt nach Houston in Texas der größte petrochemische Cluster. Weitere Industriezweige sind Erdölindustrie und Fahrzeugbau. Das frühere Opel-Werk von General Motors Belgium NV auf 96 Hektar beschäftigte 2500 Menschen; im Dezember 2010 wurde dort das letzte Fahrzeug produziert.
Der Hafen liegt an der Scheldemündung und ist nach Rotterdam der zweitgrößte Europas. Über die durch niederländisches Gebiet führende Westerschelde erreichen Schiffe die Nordsee. Die Lage an der niederländischen Zufahrt und an der Grenze begrenzt die Ausdehnung des Hafens und führte in der Vergangenheit zu Behinderungen und militärischen Auseinandersetzungen. Der Albert-Kanal verbindet Antwerpen für die Binnenschifffahrt mit Lüttich an der Maas.
Verkehr, Politik und Stadtbild
Antwerpen liegt an der europäischen Nord-Süd-Achse von Amsterdam über Brüssel und Lille nach Paris. Die Autobahnen A 1 und A 12 gehören hier zur Europastraße 19. Wichtige Ost-West-Verbindungen sind die A 14/E 17 über Gent nach Lille und die Europastraße 34 über Eindhoven, Venlo und Dortmund. Der 2007 wiedereröffnete Hauptbahnhof wurde für das Hochgeschwindigkeitsnetz untertunnelt und vergrößert; das historische Empfangsgebäude aus dem 19. Jahrhundert blieb erhalten. Täglich wird er von circa 540 Zügen genutzt. Es gibt Eurostar- und NS-International-Verbindungen in die Niederlande, Eurostar-Verbindungen nach Paris und Brüssel; ab September 2026 besteht eine Fernverkehrsverbindung über Liège und Aachen nach Köln. Der Rangierbahnhof Antwerpen-Noord gehört zu den größten Europas.
Der Nahverkehr umfasst zwölf Straßenbahnlinien, zwei Tunnelstrecken mit elf Tunnelstationen sowie die S-Bahn Antwerpen. Der Antwerpener Ring R1 führt östlich um die Innenstadt und kreuzt die Schelde im Kennedytunnel. Weitere Scheldetunnel sind der 1933 eröffnete Waaslandtunnel, der Fuß- und Radtunnel Sint-Annatunnel sowie der Brabotunnel. Der Flughafen Antwerpen liegt etwa 3 km vom Zentrum entfernt, hat den IATA-Code ANR und verzeichnete zuletzt rund 163.000 Passagiere jährlich.
Im Stadtrat gibt es 55 Sitze. Nach der Wahl 2024 erhielt die N-VA 23 Sitze, PVDA 12, Vooruit 7, Groen 6, Vlaams Belang 6, CD&V 1 und VLD 0. N-VA und Vooruit bildeten eine Koalition mit zusammen 30 Sitzen.
Antwerpen besitzt einen weitgehend erhaltenen historischen Stadtkern mit Bau- und Kunstdenkmalen aus Spätmittelalter, Renaissance, Barock, Jugendstil und Art déco. Wichtige Beispiele sind die Liebfrauenkathedrale, das Rathaus, der Hauptbahnhof, das Plantin-Moretus-Museum, das Rubenshaus, das Königliche Museum der Schönen Künste, das Museum aan de Stroom und Het Steen. Kulturell prägen unter anderem die Vlaamse Opera, Museen, die Kunstakademie und die Modekultur im Viertel Zuid die Stadt. Zurenborg besitzt das besterhaltene Jugendstil-Ensemble Antwerpens.
Religiöse Vielfalt
Die Mehrheit der Einwohner ist römisch-katholisch. Die Liebfrauenkathedrale ist Kathedrale des Bistums Antwerpen; Stadt und Stabroek bilden darin das Dekanat Antwerpen. Auch afrikanische, lateinamerikanische und chaldäische katholische Gemeinden nutzen Kirchen der Stadt.
Daneben bestehen etwa 15 Gemeinden der Vereinigten Protestantischen Kirche von Belgien und evangelikaler Christen, eine anglikanische Gemeinde sowie weitere fremdsprachige protestantische Gemeinden. Es gibt fünf byzantinisch-orthodoxe Gemeinden: zwei unter dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, je eine der Russisch-Orthodoxen Kirche, der Georgischen Orthodoxen Apostelkirche und der Rumänisch-Orthodoxen Kirche.
Antwerpen hat eine der größten jüdischen Gemeinschaften Europas. Orthodoxe und ultra-orthodoxe Juden prägen einzelne Viertel; das Gebiet der Diamantenschleifer nahe dem Hauptbahnhof ist zugleich ein wichtiges jüdisches Wohngebiet. Zahlreiche Synagogen und Bethäuser gehören unterschiedlichen Gemeinden und chassidischen Gemeinschaften. Durch marokkanische und türkische Einwanderung ist auch der Islam stark vertreten: Es gibt knapp 30, überwiegend sunnitische Gemeinden, außerdem Gemeinden der Ahmadiyya und des Sufismus. Hinzu kommen acht hinduistische, acht buddhistische sowie je eine Gemeinde der Baha’i und des Jainismus.