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Totem und Tabu

Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker ist eine Schrift Sigmund Freuds aus dem Jahr 1913.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und Grundidee
  2. 2. Inzestverbot und Exogamie
  3. 3. Tabu als Begehren und Verbot
  4. 4. Animismus, Magie und Denken
  5. 5. Totemismus, Urvatermord und Einordnung

Werk und Grundidee

Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker ist eine Schrift Sigmund Freuds von 1913. Sie besteht aus vier Essays, die 1912 und 1913 zunächst in der Zeitschrift Imago erschienen. Freud versucht darin, Fragen der Völkerpsychologie mit psychoanalytischen Begriffen zu beantworten.

Seine Grundannahme lautet, dass von ihm als „primitiv“ bezeichnete Gesellschaften auf einer frühen Entwicklungsstufe der Menschheit stünden, die frühen Entwicklungsphasen des einzelnen Menschen entspreche. Deshalb vergleicht er soziale Einrichtungen wie Totemismus, Exogamie, Tabu und Magie mit dem Seelenleben von Kindern und Neurotikern. Exogamie bedeutet dabei das Verbot, innerhalb der eigenen Gruppe zu heiraten oder sexuelle Beziehungen zu haben. Freud führt sie auf inzestuöse Objektbeziehungen zurück. Tabus erklärt er durch die Ambivalenz, also das gleichzeitige Bestehen von Begehren und Verbot. Magie beruhe auf dem Glauben an die Allmacht der eigenen Gedanken. Totemismus und Exogamie führt er auf die ambivalente Beziehung zum Vater zurück.

Eine zentrale, ausdrücklich spekulative These ist der Mord einer Brüderhorde am Urvater. Freud deutet ihn als Ursprung von Kultur, Religion, sozialer Organisation sowie von Mord- und Inzestverbot.

Inzestverbot und Exogamie

Freud erläutert Totemismus am Beispiel der Ureinwohner Australiens. Stämme seien in Clans gegliedert, die nach Tier- oder Pflanzenarten benannt seien. Die betreffende Tier- oder Pflanzengattung bilde den Totem und dürfe nicht verzehrt werden. Seine Hauptquelle hierfür ist James Frazers Totemism and Exogamy von 1910.

Mit dem Totem sei meist Exogamie verbunden: Mitglieder desselben Totems dürften keine geschlechtlichen Beziehungen eingehen und einander nicht heiraten. Die Übertretung werde äußerst streng bestraft. Das Verbot erfasse auch Personen, die nicht blutsverwandt seien, denn alle Mitglieder eines Totemclans würden wie Verwandte behandelt. Heiratsklassen schränkten die möglichen Heiratspartner zusätzlich ein. Vermeidungsverbote, etwa Sprechverbote oder vorgeschriebener räumlicher Abstand, regelten außerdem den Umgang bestimmter Verwandter.

Freud hält biologische Erklärungen wie die Vermeidung von Erbkrankheiten für unzureichend, weil auch flüchtige Beziehungen und nicht blutsverwandte Personen verboten seien. Er folgt der Auffassung, die „Wilden“ seien „inzestempfindlicher als wir“ (302 f.). Psychoanalytisch erklärt er dies durch frühe inzestuöse Objektbesetzungen: Beim Knaben seien Mutter und Schwester zunächst sexuelle Objekte. Bei normaler Entwicklung löse man sich davon; beim Neurotiker bleibe die Bindung bestehen oder kehre durch Regression zurück. Das inzestuöse Verhältnis zu den Eltern sei der „Kernkomplex der Neurose“ (310). Freud überträgt diese Deutung auf ganze Gesellschaften.

Auch das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter deutet er als ambivalent. Nach seiner Darstellung reaktiviere die Begegnung beim Schwiegersohn die Fixierung auf die Mutter; bei beiden Beteiligten würden aggressive Regungen eingesetzt, um verbotene zärtliche Regungen abzuwehren.

Tabu als Begehren und Verbot

Tabus sind für Freud, in Anlehnung an Wilhelm Wundt, ein sehr alter ungeschriebener Gesetzeskodex und eine Wurzel von Sittengeboten und Gesetzen. Sie sind Verbote mit unbekanntem Grund, denen man sich innerlich verpflichtet fühlt. Ihre Objekte können sich verschieben, und sie bringen zeremonielle Handlungen hervor. Häuptlinge, Könige und Priester übten Tabus besonders wirksam aus, seien aber selbst strengen Zeremonialvorschriften unterworfen. Freud meint, Tabu bestehe weiter, habe jedoch andere Inhalte angenommen; psychologisch sei es dem „kategorische[n] Imperativ“ Kants ähnlich, der zwanghaft wirken und keine bewusste Begründung zulassen wolle (292).

Als Vergleich dient die Zwangsneurose, die Freud „Tabukrankheit“ (318) nennt. Bei ihr gebe es vor allem Berührungsverbote, deren Ursprung dem Kranken rätselhaft bleibe. Sie würden ohne äußere Strafe befolgt, weil eine Übertretung automatisch Unheil auszulösen scheine. Die Verbote könnten sich auf neue Objekte ausweiten und seien mit Zwangshandlungen wie Waschzwang verbunden.

Freud zufolge steht hinter dem bewussten Verbot eine unbewusste Trieblust. Das Verbot verdränge die Lust, beseitige sie aber nicht. Daraus entstehe Ambivalenz: Eine Handlung verspreche Genuss und werde zugleich verabscheut. „Wo ein Verbot vorliegt, muß ein Begehren dahinter sein“ (360). Die Lust suche Ersatzobjekte und Ersatzhandlungen; deshalb breite sich auch das Verbot aus. Zwangshandlungen seien „Kompromissaktionen“ (322): Sie drückten einerseits Reue aus und erlaubten andererseits eine Ersatzbefriedigung.

Auf Tabus übertragen heißt dies: Ein verbotenes Tun sei unbewusst stark begehrt. Die zwei Grundgesetze des Totemismus – das Totemtier nicht zu töten und keinen sexuellen Verkehr zwischen Totemmitgliedern zu haben – deutet Freud daher als Verbote der stärksten Gelüste, Mord und Inzest. Ebenso erklärt er die Fesselung von Privilegierten durch Zeremonien und die Geisterfurcht: Unbewusste Feindseligkeit gegenüber Verstorbenen werde auf Geister projiziert und erscheine dann als Bedrohung durch diese Geister. Tabu sei ein soziales Phänomen mit sexuellen sowie egoistisch-aggressiven Antrieben; die Zwangsneurose dagegen sei eine individuelle Bildung und beruhe primär auf sexuellen Trieben.

Animismus, Magie und Denken

Freud unterscheidet drei Weltanschauungen: Animismus erklärt die Welt durch Geister, Religion durch Götter und die wissenschaftliche Weltanschauung durch Naturgesetze. Zum Animismus gehöre Magie. Magisches Handeln beruhe auf Wunschdenken: Was jemand auf magischem Weg herzustellen versuche, müsse geschehen, weil er es wolle. Seine Grundlage sei der Glaube an die Allmacht der Gedanken.

Freud vergleicht diesen Glauben mit Kind und Neurotiker. Das Kind versuche, Wünsche zunächst halluzinatorisch zu befriedigen; die magische Handlung sei gleichsam eine motorische Halluzination. Beim Neurotiker sei intensiv Gedachtes oder affektiv Vorgestelltes wirksam, während die Übereinstimmung mit der äußeren Realität nebensächlich bleibe (375). So könnten sich hysterische Symptome auf nur phantasierte Erlebnisse beziehen, und das Schuldbewusstsein des Zwangsneurotikers auf unbewusste Todeswünsche statt auf tatsächliche Handlungen.

Die gemeinsame Grundlage sieht Freud in der libidinösen Überbesetzung des Denkens, dem intellektuellen Narzissmus. Er ordnet die Weltanschauungen Entwicklungsstufen zu: Im Animismus schreibt das Subjekt sich selbst Allmacht zu; dies entspreche dem Narzissmus. Religion übertrage Allmacht auf Götter und entspreche der Objektwahl beziehungsweise der Bindung an die Eltern. Wissenschaft verzichte auf Allmacht, passe sich der Realität an und entspreche dem Reifezustand, der das Lustprinzip zugunsten der Realität aufgibt (378). Nach Freud bleiben jedoch Reste des Allmachtsglaubens erhalten, etwa in Gebet und Opfer, im Vertrauen auf den Menschengeist und besonders in der Kunst, deren Illusion reale Affektwirkungen erzeugen könne.

Animismus sei außerdem ein einheitliches Denksystem. Freud vergleicht seine Systembildung mit der sekundären Bearbeitung im Traum: Wenn ein richtiger Zusammenhang nicht erfasst werde, entstehe zur Herstellung von Einheitlichkeit ein falscher. Hinter der bewussten, möglicherweise wahnhaften Begründung eines Systems stehe nach ihm eine verborgene wirksame Motivierung. Beim Animismus sei dies auch die Abwehr von Feindseligkeit gegen Tote und damit ein Kulturfortschritt.

Totemismus, Urvatermord und Einordnung

Totemismus bedeutet bei Freud die Solidarität eines Clans durch Verehrung eines namengebenden Totemtiers. Für seine Deutung verbindet er Hypothesen von Charles Darwin zur Urhorde, von J. J. Atkinson zur Exogamie und von William Robertson Smith zur Opfermahlzeit mit Psychoanalyse. In der Tierphobie von Kindern sieht er einen „negativen Totemismus“ (415): Das Tier werde nicht verehrt, sondern gefürchtet. Aggressivität gegenüber dem Vater werde auf das Tier als Vaterersatz verschoben. Daraus folgert Freud, auch gegenüber dem Totemtier bestünden Verehrung, Hass und Furcht.

Seiner Hypothese nach hielt ein gewalttätiger, eifersüchtiger Urvater alle Frauen für sich und vertrieb die Söhne. Diese hassten ihn, liebten und bewunderten ihn aber zugleich. Sie schlossen sich zusammen, erschlugen und verzehrten ihn. Nach der Befriedigung ihres Hasses und der Identifizierung mit ihm gewännen Reue und zärtliche Regungen die Oberhand. Die Söhne identifizierten sich auch untereinander und überwänden ihre Rivalität. Im „nachträglichen Gehorsam“ (427) verboten sie die Tötung des Vaterersatzes, des Totems: daraus entstehe das Mordverbot. Sie versagten sich zudem die Frauen und begründeten so Inzestverbot und Exogamie. Totemverehrung sei Versöhnungsversuch mit dem Vater, die Totemmahlzeit erinnere zugleich an den Triumph über ihn.

Freud deutet Vaterreligionen, Christentum und antike Tragödie als Nachwirkungen dieses Urereignisses. Das Christentum erscheine ihm als Sohnesreligion; in der Kommunion werde die Totemmahlzeit wiederbelebt.

Das Werk steht im Evolutionismus, der Europa als Höhepunkt der Entwicklung und „primitive“ Völker als Zugang zu menschlichen Anfängen auffasste. Schon 1910 kritisierte Alexander A. Goldenweiser den Totemismusbegriff; in der heutigen Ethnologie spielt er laut Artikel keine Rolle mehr. Alfred Kroeber wies 1920 unter anderem die Einheitlichkeit des Totemismus, den notwendigen Zusammenhang von Totemismus und Exogamie, den Vergleich mit Neurotikern und die Urhordenhypothese zurück, stimmte aber dem Zusammenhang von Ambivalenz und Tabu sowie der Verbindung von Trauer und Totenangst zu. Nach dieser Kritik galt das Buch für die meisten Ethnologen als indiskutabel. Es war jedoch wichtig für die Begegnung von Psychoanalyse und Ethnologie und wirkte unter anderem auf die Ethnopsychoanalyse und Claude Lévi-Strauss.

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