Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Die Zukunft einer Illusion
Grundlage der Religion ist für Freud die menschliche Hilflosigkeit. Eine infantile Reaktion hierauf ist der Wunsch nach einem schützenden Vater. In der Religion …
Inhalt6 Abschnitte
Kernidee der Schrift
Die Zukunft einer Illusion ist eine 1927 erschienene Schrift von Sigmund Freud. Sie gilt als sein Hauptwerk über Religion als zeitgenössisches soziales Phänomen. Freud versteht Religion vor allem als Antwort auf menschliche Hilflosigkeit: Menschen erleben sich gegenüber Natur, Krankheit, Tod und kulturellen Entbehrungen als ohnmächtig. Nach Freud reagieren sie darauf ähnlich wie Kinder, die sich nach einem schützenden Vater sehnen. In der Religion werde dieser Wunsch erfüllt, aber nur in der Phantasie.
Darum nennt Freud Religion eine Illusion: Sie ist für ihn nicht einfach ein Irrtum, sondern eine Wunscherfüllungsphantasie. Religiöse Vorstellungen können also wirksam sein, weil sie ein starkes Schutzbedürfnis befriedigen. Freud meint zugleich, dass der Fortschritt der Wissenschaft zur Anerkennung menschlicher Ohnmacht führt und dadurch die Religion zurückdrängt. Diese Entwicklung begrüßt er.
Kultur, Verbote und Triebverzicht
Freud verwendet „Kultur“ oder „Zivilisation“ für alles, wodurch sich das Leben der Menschen von dem der Tiere unterscheidet. Kultur besteht aus zwei Bereichen: erstens aus Wissen und Können zur Beherrschung der Natur, zweitens aus Einrichtungen, die die Beziehungen der Menschen untereinander regeln. Diese Einrichtungen bestehen aus Geboten. Den Kern der Kulturgebote bilden das Inzestverbot und das Mordverbot.
Kultur verlangt Arbeit und Triebverzicht. „Trieb“ meint hier grundlegende menschliche Antriebe und Wünsche. Nach Freud ist dieser Verzicht ungleich verteilt: Die Mehrheit verzichtet, während eine Minderheit mehr Triebbefriedigung erhält. Deshalb strebt die große Masse laut Freud danach, eine Kultur zu zerstören, die durch ihre Arbeit möglich wird, an deren Gütern sie aber nur wenig Anteil hat.
Damit Kultur bestehen bleibt, braucht sie Schutz. Freud nennt einerseits Zwangsmittel, andererseits Einrichtungen, die Menschen mit der Kultur versöhnen sollen. Dazu gehören die Verinnerlichung der Verbote, also ihre Aufnahme ins Über-Ich, die Kunst als Möglichkeit von Ersatzbefriedigungen, kulturelle Ideale und die Religion. Das Über-Ich ist bei Freud eine innere Instanz, die Verbote und Normen aufnimmt und das Verhalten kontrolliert.
Religion als Antwort auf Hilflosigkeit
Die Religion hat nach Freud die Funktion, Menschen mit einer Kränkung ihres Narzissmus zu versöhnen. Narzissmus bedeutet hier Selbstbezogenheit oder Stolz auf die eigene Bedeutung. Diese Kränkung entsteht durch menschliche Hilflosigkeit in drei Hauptformen: durch die Ohnmacht gegenüber der äußeren Natur, durch Machtlosigkeit gegenüber Krankheit und Tod und durch Entbehrungen, die von der Kultur gefordert werden.
Der Erwachsene deutet seine Hilflosigkeit nach dem Vorbild der kindlichen Hilflosigkeit. Wie das Kind verbindet er sie mit der Sehnsucht nach einem schützenden Vater. Diese Vatersehnsucht ist nach Freud die Grundlage für die Entstehung der Götter. Götter sind für ihn idealisierte Vatergestalten. Deshalb beschreibt er Religion als eine Art Menschheitsneurose, genauer als kollektive Zwangsneurose.
Mit wachsender Naturerkenntnis verliert Religion nach Freud zunehmend ihre Funktion, Menschen mit Naturgewalten, Krankheit und Tod zu versöhnen. Übrig bleibt vor allem ihre kulturelle Funktion: Sie soll Menschen mit den Kulturverboten versöhnen, indem sie diese Verbote auf einen göttlichen Ursprung zurückführt.
Illusion, Wahrheit und Wissenschaft
Freud hält die Belege für die Wahrheit religiöser Lehren für dürftig. Trotzdem erklärt er ihre starke Wirkung damit, dass religiöse Vorstellungen Wunscherfüllungsphantasien sind. Sie befriedigen auf quasi halluzinatorische Weise das Bedürfnis nach Schutz angesichts der Hilflosigkeit. Religion ist deshalb für Freud nicht bloß falsch, sondern eine Illusion: Sie stellt die imaginäre Erfüllung eines Wunsches dar.
Zugleich sieht Freud im Ursprung der Religion eine affektive, also gefühlsbezogene Grundlage. Er verweist auf den Mord am Urvater und das dadurch hervorgerufene Schuldgefühl. Die religiöse Deutung der Kulturgebote sei daher nicht einfach falsch, sondern enthalte eine historische Wahrheit: Sie zeige die Schlüsselrolle der Vaterbeziehung bei der Entstehung der Kultur.
Nach Freud führt die Entwicklung der Wissenschaft unvermeidlich zum Niedergang der Religion. Er hält das weder für bedauerlich noch für gefährlich, weil Religion die Menschen nach seiner Auffassung weder glücklich gemacht noch zuverlässig zu sittlichem Verhalten bewegt habe. Gefährlich sei Religionskritik nur dann, wenn sie von den Ungebildeten aufgegriffen werde und so deren Widerstand gegen Kultur verstärke. Da die Popularisierung der Religionskritik aber unvermeidlich sei, sieht Freud zwei Möglichkeiten: entweder rigorose Unterdrückung der Ungebildeten oder eine neue Gestaltung des Verhältnisses der Menschen zur Kultur. Er plädiert für die zweite Möglichkeit.
Rationale Begründung der Kultur
Freud schlägt vor, Religion ähnlich wie eine Neurose zu behandeln. Die religiöse Begründung der Kulturverbote, die er mit Verdrängung vergleicht, soll durch eine rationale Begründung ersetzt werden. Beim Mordverbot nennt er als rationale Begründung die Selbsterhaltung. Eine rationale Begründung des Inzestverbots skizziert Freud in dieser Arbeit nicht.
Wenn Kulturverbote nicht mehr auf Religion, sondern auf den Intellekt gegründet werden, erwartet Freud, dass zahlreiche Verbote aufgehoben werden. Er hofft, dass die Intellektualisierung der Verbote Menschen mit der Kultur versöhnen kann. Dafür müsste die Vernunft so gestärkt werden, dass sie Leidenschaften besiegen kann.
Freud nennt zwei Wege zur Stärkung des Intellekts: die Aufhebung von Denkverboten religiöser, sexueller und politischer Art sowie die Erziehung zur Realität. Damit meint er, dass Menschen lernen sollen, ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit anzuerkennen. Er räumt jedoch ein, dass auch seine Hoffnung, Verdrängung könne durch Geistesarbeit ersetzt werden, möglicherweise eine Illusion sei. Diese Illusion unterscheide sich aber von der religiösen dadurch, dass sie korrigierbar wäre.
Einordnung und Ausgaben
Die Schrift gehört zu Freuds kulturtheoretischen Schriften. Voraus gingen Totem und Tabu (1912/13) sowie Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921). Später folgten Das Unbehagen in der Kultur (1930), Warum Krieg? (1933) und Der Mann Moses und die monotheistische Religion, geschrieben 1934–1938 und veröffentlicht 1939.
In Das Unbehagen in der Kultur setzt sich Freud mit einer Kritik von Romain Rolland auseinander. Rolland sah nicht die Vatersehnsucht, sondern das „ozeanische Gefühl“ als Grundlage der Religion. Freud deutete dieses Gefühl als primären Narzissmus ohne Grenze zwischen Ich und Außenwelt und erklärte es zu einer sekundären Quelle der Religion.
1935 bemerkte Freud in der Nachschrift zu seiner Selbstdarstellung, er habe Religion in Die Zukunft einer Illusion hauptsächlich negativ gewürdigt. Später habe er eine gerechtere Formel gefunden: Ihre Macht beruhe auf einem Wahrheitsgehalt, aber diese Wahrheit sei keine materielle, sondern eine historische. Der Unterschied zwischen materieller und historischer Wahrheit wird in Der Mann Moses und die monotheistische Religion ausführlicher entwickelt.
Die Erstausgabe erschien 1927 im Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Leipzig, Wien und Zürich. Weitere Ausgaben stehen in Freuds Gesammelten Werken, Band 14, Imago, London 1948, S. 325–380, sowie in der Studienausgabe, Band IX, herausgegeben von Alexander Mitscherlich, Angela Richards und James Strachey, S. Fischer, Frankfurt am Main 1974, S. 135–189.
Lernvideos zu Die Zukunft einer Illusion
21:27
Sigmund Freud | Religionskritik
Ethik-Abi by BOE · 53.495 Aufrufe
6:56
Religionskritik Sigmund Freud | EINFACH ERKLÄRT
StudioEinfach - Wissen, das Klick macht! · 582 Aufrufe
2:59
Religionskritik: Sigmund Freud
LernFilm Festival · 14.198 Aufrufe
5:12
Sigmund Freuds Religionskritik verständlich erklärt | Abitur
einfach.religion · 51.287 Aufrufe