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Wilhelm Wundt
Wilhelm Maximilian Wundt (* 16. August 1832 in Neckarau; † 31. August 1920 in Großbothen bei Leipzig) war ein deutscher Physiologe, Psychologe und Philosoph …
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Wundt und die Begründung der wissenschaftlichen Psychologie
Wilhelm Maximilian Wundt (16. August 1832–31. August 1920) war deutscher Physiologe, Psychologe und Philosoph. Er gründete 1879 an der Universität Leipzig zunächst eine private Experimental-Psychologische Versuchsanstalt. Sie gilt als erstes Institut für Psychologie mit einem systematischen experimentellen Forschungsprogramm; 1883 wurde sie offiziell anerkannt und 1884 als „Institut für experimentelle Psychologie“ mit Räumen und einem jährlichen Etat ausgestattet. Wundt gilt deshalb als Begründer der Psychologie als eigenständiger Wissenschaft und als Mitbegründer der Völkerpsychologie, heute meist Kulturpsychologie genannt.
Wundt definierte Psychologie als empirische Wissenschaft von der „gesamten Erfahrung in ihrer unmittelbaren subjektiven Wirklichkeit“. Sie untersucht Bewusstseinsvorgänge, ihre elementaren Bestandteile, deren Verbindungen und die Gesetzmäßigkeiten dieser Beziehungen. Psychologie ist für Wundt weder eine Lehre von einer unveränderlichen individuellen Seele noch auf Physiologie reduzierbar. Sie ist eine Bewusstseinspsychologie und zugleich eine empirische Geisteswissenschaft.
Psychische Vorgänge sind nach Wundts Aktualitätsprinzip keine dauerhaften Substanzen, sondern veränderliche Prozesse: Das Seelische ist die „unmittelbare Wirklichkeit des Geschehens in der psychologischen Erfahrung“. Die Psychologie soll kognitive, emotionale und willentliche Funktionen gemeinsam betrachten. Wundt bezeichnete das Leben als einheitlichen psychischen und physischen Ablauf, der aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht werden kann.
Die Psychologie steht nach Wundt zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Sie nutzt physiologische und experimentelle Hilfsmittel, untersucht aber eigenständige psychische Zusammenhänge. Als Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung ergänzt sie die Naturwissenschaften, als Wissenschaft der Formen und Gesetzmäßigkeiten menschlicher Erfahrung bildet sie eine Grundlage der Geisteswissenschaften und liefert zugleich Beiträge zu Erkenntnistheorie und Ethik.
Zentrale Konzepte und Forschungsgebiete
Wundts Forschungsprogramm umfasste die Psychophysik der Sinnesempfindungen, Aufmerksamkeit und Bewusstsein, Emotionen, Willen, Gedächtnis, Sprache, Tierpsychologie, Neuropsychologie sowie Kulturpsychologie. In den Grundzügen der physiologischen Psychologie (1874) behandelte er zunächst die psychischen Elemente, psychischen Gebilde, den Zusammenhang psychischer Gebilde, psychische Entwicklungen sowie die Prinzipien und Gesetze psychischer Kausalität.
Ein zentraler Begriff ist die Apperzeption: das Eintreten eines Bewusstseinsinhalts in das Aufmerksamkeitsfeld. Sie ist nicht bloß passive Assoziation, sondern eine aktive, auswählende, vergleichende und synthetisierende Tätigkeit. Empfindungen und Vorstellungen werden mit Gefühlen verbunden, analysiert, assoziiert und kombiniert; daraus können auch Handlungstendenzen entstehen. Wundt verstand die Apperzeption daher als Willensakt und seine Psychologie in diesem Sinn als voluntaristisch.
Zur Untersuchung nutzte Wundt unter anderem Reaktionszeitmessungen zur mentalen Chronometrie. In der Gefühlsforschung wurden Affekte hervorgerufen und Puls sowie Atmung mit einem Kymographen registriert. Seine dreidimensionale Gefühlstheorie unterschied die Dimensionen Lust–Unlust, Erregung–Beruhigung und Spannung–Lösung. Wundt standardisierte 1880 das Wortassoziationsexperiment. Ein Beispiel aus der Sinnesphysiologie ist die Wundt-Täuschung, eine Variante der Hering-Täuschung.
Wundt lehnte eine reine Elementenpsychologie ab: Psychische Elemente sollen zwar analysiert werden, erhalten ihre Bedeutung aber erst durch ihre Beziehungen. Ebenso kritisierte er die Vorstellung, psychische Verbindungen entstünden hauptsächlich durch Häufigkeit und Intensität von Vorgängen. Sein hypothetisches Apperzeptionszentrum in der frontalen Großhirnrinde sollte sensorische, motorische, vegetative, kognitive, emotionale und motivationale Prozesse verbinden. Er wandte sich damit gegen eine undifferenzierte Lokalisation höherer Funktionen, etwa der „Intelligenz“ im Stirnhirn.
Kulturpsychologie, Methoden und psychische Kausalität
Wundts zehnbändige Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythos und Sitte erschien 1900–1920. Sie untersucht nicht Völker im ethnologischen Sinn, sondern die Entwicklung höherer geistiger Prozesse und gemeinschaftlicher Hervorbringungen: Sprache, Denken, künstlerische Phantasie, Mythos, Religion, Sitte, Recht, Gesellschaft und Kultur. Die zehn Bände behandeln Sprache (Bände 1–2), Kunst (3), Mythus und Religion (4–6), Gesellschaft (7–8), Recht (9) sowie Kultur und Geschichte (10).
Die Völkerpsychologie war für Wundt kein bloßes Spätwerk, sondern von Anfang an Teil seines Programms. Wo das absichtliche Experiment aufhöre, habe die Geschichte für den Psychologen experimentiert. Historische und kulturelle Entwicklungen werden mit Begriffen der Allgemeinen Psychologie analysiert, etwa Aufmerksamkeit, Denken, Gefühl, Trieb, Wille, Bewusstsein, Phantasie und Ausdrucksbewegung. Wichtige Erklärungsprinzipien sind die schöpferische Synthese beziehungsweise Emergenz, die Heterogonie der Zwecke und das Kontrastprinzip. Kulturentwicklung versteht Wundt als Entstehung geistiger Werte; „wertschaffende Kausalität“ verbindet dabei Freiheit und Notwendigkeit.
Wundt unterschied mehrere methodische Zugänge. Die experimentelle Psychologie verwendete Eindrucksmethoden zur Untersuchung von Empfindungsstärken, Reaktionsmethoden zur Messung von Aufmerksamkeit und Apperzeption, Reproduktionsmethoden zur Gedächtnisforschung sowie Ausdrucksmethoden für Gefühle und ihre physiologischen Begleitvorgänge. Für höhere psychische Prozesse untersuchte und verglich er historische Zeugnisse, Sprache, Kunstwerke, Berichte und andere geistige Erzeugnisse. Die vergleichende Methode umfasst den individuellen Vergleich eines einzelnen Gegenstands und den generellen Vergleich seiner Variationen. Interpretation soll geistige Vorgänge und Schöpfungen verständlich machen; Kritik prüft dabei Widersprüche, Echtheit, Voraussetzungen und Wertungen.
Wundt vertrat einen Methodenpluralismus aus geschulter Selbstbeobachtung, experimentellen Messungen, physiologischen Registrierungen, Vergleich und Interpretation. Selbstbeobachtung sollte nur unter strengen Bedingungen eingesetzt werden. Messung und Mathematik hielt er später nur für sehr elementare Bewusstseinsvorgänge für anwendbar; auch statistische Verfahren sah er nur begrenzt, etwa in der Psychophysik und bei Bevölkerungsstatistiken.
Seine vier grundlegenden Prinzipien psychischer Kausalität lauten:
- Prinzip der schöpferischen Synthese oder der schöpferischen Resultanten: Eine Verbindung von Empfindungen erzeugt ein Neues, das nicht bloß deren Summe ist.
- Prinzip der beziehenden Analyse oder der Relationen: Jeder psychische Inhalt erhält seine Bedeutung durch seine Beziehungen zu anderen psychischen Inhalten.
- Prinzip der psychischen Kontraste: Psychische, individuelle, geschichtliche und gesellschaftliche Prozesse entwickeln sich häufig in Gegensätzen.
- Prinzip der Heterogonie der Zwecke: Handlungen haben neben den beabsichtigten Folgen Neben- und Folgewirkungen, aus denen neue Motive und Zwecke entstehen.
Philosophie, Ethik und Wissenschaftslehre
Wundt verband Psychologie, Erkenntnistheorie und Philosophie. Psychologie und Physiologie beschreiben dieselbe psychophysische Einheit aus kategorial verschiedenen Perspektiven. Psychische und physische Vorgänge sind weder identisch noch ineinander umwandelbar, entsprechen einander aber regelmäßig; Wundt bezeichnete dies als psychophysischen Parallelismus. Neben der Naturkausalität der Gehirnvorgänge postulierte er eine psychische Kausalität, die psychische Zustände aus vorausgegangenen psychischen Bedingungen erklärt. Kausale und teleologische Betrachtungen sollen sich ergänzen.
Wundt unterschied drei Bezugssysteme: Neurophysiologie, Bewusstseinspsychologie für individuelle Prozesse sowie Kulturpsychologie für geistige Erzeugnisse und soziale Prozesse. Die ersten beiden verlangen komplementäre Beschreibungen; Bewusstseins- und Kulturpsychologie beziehen sich zusätzlich auf miteinander interagierende Prozesse. Daraus ergibt sich für Wundt ein Lebensprozess, der unter verschiedenen Perspektiven untersucht wird.
Philosophie soll die allgemeinen Ergebnisse der Einzelwissenschaften prüfen, ihre Prinzipien klären und sie zu einem widerspruchsfreien System verbinden. Wundt lehnte eine metaphysisch deduzierte Psychologie mit einer substantiellen oder unsterblichen Seele ab, hielt metaphysische Voraussetzungen in den Wissenschaften aber für unvermeidbar und deshalb für erkenntniskritisch zu untersuchen. Besonders stark beeinflussten ihn Gottfried Wilhelm Leibniz, außerdem Kant und, in kritischer Auseinandersetzung, Herbart. Von Leibniz übernahm und veränderte er unter anderem Aktualitätsprinzip, Apperzeption, psychophysischen Parallelismus, die Verbindung kausaler und teleologischer Analyse sowie die Perspektivität.
Sein psychologischer Voluntarismus betont Willensvorgänge und bewusste Zwecksetzungen. In der Ethik verband Wundt empirische Untersuchung der Sittlichkeit mit der Reflexion über moralische Begriffe. Sittengebote entstehen aus der geistigen Entwicklung, sind aber weder starr noch bloße Folgen veränderlicher Lebensbedingungen. Höchste Richtschnur ist die Idee der Humanität. Freiheit bedeutet für Wundt, selbstbewusst aus der eigenen, durch Anlagen und Charakterentwicklung bestimmten inneren Kausalität zu handeln.
Wundt lehnte den Psychologismus ab, also die Ersetzung logischer Analyse durch psychologische Erklärung. Er behandelte die formale Logik normativ, ergänzte sie aber durch eine psychologische Untersuchung des Denkens. Sein dreibändiges Werk Logik umfasst Allgemeine Logik und Erkenntnistheorie, Logik der exakten Wissenschaften sowie Logik der Geisteswissenschaften.
Leben, Werkumfang und Wirkung
Wundt studierte 1851–1856 Medizin, Naturwissenschaften und Philosophie in Heidelberg und Tübingen, promovierte 1856 zum Dr. med. und war 1858–1863 Assistent bei Hermann von Helmholtz. 1874 wurde er Professor für induktive Philosophie in Zürich, 1875 Professor für Philosophie in Leipzig. Von 1889 bis 1890 war er Rektor der Universität Leipzig; 1913 gründete er am Institut eine Völkerpsychologische Abteilung, 1917 gab er sein Lehramt auf.
Zu seinen Hauptwerken gehören Beiträge zur Theorie der Sinneswahrnehmung (1862), Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele (1863), Grundzüge der physiologischen Psychologie (ab 1874), Ethik (1886), System der Philosophie (1889), die Völkerpsychologie (1900–1920), Elemente der Völkerpsychologie (1912) und Logik. Eine Untersuchung der Prinzipien der Erkenntnis und der Methoden wissenschaftlicher Forschung. Zwischen 1875 und 1919 verfasste Wundt in 184 Promotionsverfahren das Erstgutachten. Er gründete die Zeitschriften Philosophische Studien (1881–1902) und Psychologische Studien (1905–1917).
Zum Umfang seines Gesamtwerks werden unterschiedliche Zahlen genannt: Das Werkverzeichnis des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte weist für 1853–1950 insgesamt 589 Positionen aus; Edwin Boring zählte 494 Publikationen ohne reine Nachdrucke, aber mit revidierten Auflagen. Diese Arbeiten umfassen nach Boring insgesamt 53.735 Seiten. Wundt hinterließ außerdem 5.576 Dokumente, hauptsächlich Briefe. Teile seiner Bibliothek gelangten an die Universität Tohoku in Sendai, der Nachlass wurde an der Universität Leipzig digitalisiert.
Wundts Einfluss war zunächst weltweit groß, nahm aber nach der Jahrhundertwende ab. Kritisiert wurden besonders seine Prozessauffassung des Psychischen, die Apperzeptions- und Willenspsychologie, der psychophysische Parallelismus sowie sein Verzicht auf eine transzendente Begründung der Ethik. Die Kontroverse mit Karl Bühler betraf ungeschulte Introspektion und bloße Selbstberichte in sogenannten Ausfrageexperimenten; Wundt forderte ein systematisches, kontrolliertes Experiment. Bemängelt wurde außerdem, dass er differenzielle, Kinder- und pädagogische Psychologie sowie eine systematische Sozialpsychologie nur begrenzt behandelte. Die Völkerpsychologie untersuchte vor allem historische geistige Objektivationen, nicht die unmittelbare Wechselwirkung in Dyaden und kleinen Gruppen.
Wundts Aktualität wird vor allem in der Verbindung von Neurophysiologie, Allgemeiner Psychologie, Kulturpsychologie, Philosophie und Methodenpluralismus gesehen. Das Institut für Psychologie der Universität Leipzig erhielt 2019 den Namen „Institut für Psychologie – Wilhelm Wundt“. Seit 2016 gibt es einen Förderverein zur Erhaltung und Restaurierung seines Hauses in Großbothen; im Juni 2022 begannen dort Bauarbeiten.