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Sigmund Freud
... Religion. Freud bekräftigt die Religionskritik der Philosophen durch Einsichten, die er als naturwissenschaftlich geprägter Mediziner bei der Entwicklung …
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Bedeutung und Werdegang
Sigmund Freud (6. Mai 1856–23. September 1939) war ein österreichischer Arzt, Neurophysiologe, Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker. Er begründete die Psychoanalyse und zählt zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Seine Theorien und therapeutischen Methoden werden bis heute angewandt, diskutiert und kritisiert.
Freud wurde als Sigismund Schlomo Freud in Freiberg in Mähren, dem heutigen Příbor in Tschechien, als Sohn jüdischer Eltern aus Galizien geboren. 1859 zog seine Familie über Leipzig nach Wien. Sein Vater Jacob Freud war Wollhändler. Freud besuchte ab 1865 das Leopoldstädter Communal-Realgymnasium und schloss die Reifeprüfung im Juli 1873 mit glänzenden Ergebnissen ab.
Im Sommer 1873 begann er an der Universität Wien Medizin zu studieren, obwohl er ursprünglich auch ein Studium der Rechtswissenschaft erwogen hatte. Sein besonderes Interesse galt der Erforschung der menschlichen Natur. Er besuchte zusätzlich Veranstaltungen des Philosophen Franz Brentano und arbeitete ab 1876 im Labor des Physiologen Ernst Wilhelm von Brücke über das Nervensystem. Nach Militärdienst und medizinischen Prüfungen wurde er 1881 zum Doktor der Medizin promoviert.
Ab 1882 sammelte Freud klinische Erfahrungen in verschiedenen Abteilungen des Wiener Universitätsklinikums und in Theodor Meynerts psychiatrischer Klinik. 1885 habilitierte er sich; am 9. September 1885 wurde er Privatdozent. Erst am 22. Februar 1902, 17 Jahre nach der Habilitation, erhielt er mit 45 Jahren den Titel eines außerordentlichen Professors. Seine akademische Laufbahn wurde durch umstrittene Thesen, antisemitische Benachteiligung und seine Zurückhaltung beim Einsatz persönlicher Beziehungen erschwert.
Entstehung und Praxis der Psychoanalyse
Freud eröffnete im April 1886 eine eigene Praxis und behandelte zunächst vor allem nervös erkrankte Frauen mit Hypnose und Elektrotherapie. Unter dem Einfluss klinischer Erfahrungen, besonders durch Josef Breuer und den Fall der „Anna O.“ (Bertha Pappenheim), wandte er sich zunehmend dem therapeutischen Gespräch zu. Er erkannte, dass spontanes, möglichst unzensiertes Sprechen oft aufschlussreicher sein konnte als Hypnose. Daraus entwickelte sich die Technik der „freien Assoziation“.
Freud suchte die Ursachen von Neurosen nicht mehr hauptsächlich in Vererbung, sondern in frühen traumatischen Erlebnissen, verdrängten Affekten und sexuellen Konflikten. In zwei Aufsätzen vom 30. März und 15. April 1896 verwendete er erstmals den Begriff „Psychoanalyse“. Sie sollte dazu dienen, das bisher Unbewusste bewusst zu machen. Grundlage seiner Theorie waren die Leidensgeschichten seiner Patienten, die er in der Praxis hörte, analysierte und aufzeichnete. Eine frühere Annahme, dass jede berichtete Missbrauchserfahrung tatsächlich stattgefunden habe, korrigierte Freud später teilweise: Manche Aussagen deutete er nun als Wunschphantasien.
Die Psychoanalyse schuf einen geschützten therapeutischen Raum. Patienten wurden ermuntert, spontan zu sprechen und herkömmliche Kommunikationsregeln zu vergessen. Dadurch sollten Wiederholungszwänge, Widerstände, Verdrängungen und Gefühle gegenüber dem Therapeuten, die sogenannte positive oder negative Übertragung, wahrnehmbar werden. Der Therapeut sollte seine eigenen Fehler und Schwächen durch Lehranalyse erkennen. Freud empfahl Analytikern, sich etwa alle fünf Jahre erneut analysieren zu lassen. Ziel war nicht eine schematische Normalität, sondern psychologische Bedingungen, unter denen die Ich-Funktionen besser arbeiten können.
Freud behandelte ausschließlich im Gespräch; der Patient lag auf der Couch, während Freud außerhalb seines Sichtfeldes saß. Eine Behandlung dauerte meist lange. Für Psychosen hielt Freud seine Methode nicht für geeignet, und Patienten über 50 Jahre mied er als technisch schwierig. Seine Praxis richtete sich wegen der privaten Honorare vor allem an wohlhabende Wiener Kreise. Bei bis zu zehn Patienten täglich an sechs Tagen pro Woche erzielte er einen Jahresverdienst von 24.000 Kronen, was 2023 etwa 188.900 Euro entsprach.
Traumdeutung und psychisches Strukturmodell
Freuds grundlegendes Werk zur Erforschung des Unbewussten war Die Traumdeutung. Nach einer Selbstanalyse von 1895 bis 1898, die sich vor allem auf eigene Träume und Assoziationen stützte, erschien das Buch im November 1899 mit der Jahreszahl 1900. Die erste Auflage umfasste 600 Exemplare; bis 1906 waren nur 351 Exemplare verkauft. Freud erschloss sich dabei unter anderem den Ödipuskomplex, also die Vorstellung einer kindlichen Verliebtheit in die Mutter und Eifersucht gegenüber dem Vater.
Die Traumdeutung behandelt die bisherige Traumforschung, deutet Träume anhand von Fallbeispielen und entwickelt die Kategorien des Unbewussten und Vorbewussten. Freud sah Träume als Ausdruck psychischer Vorgänge und hielt menschliches Denken und Handeln grundsätzlich für vom Unbewussten beeinflusst. Seine Auffassung veränderte sich jedoch; die Behauptung, alle Träume verlangten eine sexuelle Deutung, schrieb er ausdrücklich nicht seiner eigenen Traumdeutung zu. Weitere wichtige Schriften waren Zur Psychopathologie des Alltagslebens, dessen Datierung im Artikel einmal mit 1901 und einmal mit 1904 angegeben wird, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905) und Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten (1906). Fehlleistungen wie der später sogenannte „Freudsche Versprecher“ trugen zur Popularisierung bei.
In den Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von 1916/17, die Freuds meistgelesenes Werk wurden, stellte Freud seine Lehre besonders verständlich dar. Das Strukturmodell der Psyche entwickelte er in Das Ich und das Es (1923). Es, Ich und Über-Ich wirken wechselseitig aufeinander ein:
- Das Es steht für die ursprünglichen Triebansprüche und folgt dem Lustprinzip.
- Das Ich vermittelt zwischen den Ansprüchen des Es, der Außenwelt und dem Realitätsprinzip.
- Das Über-Ich, auch Ich-Ideal genannt, entsteht aus frühen Identifizierungen, besonders mit Vater und Mutter, und wirkt als unbewusste moralische Instanz.
Das Ich ist nach Freud „die eigentliche Angststätte“, weil es Gefahren von der Außenwelt, von der Libido des Es und von der Strenge des Über-Ichs ausgesetzt ist. 1920 führte Freud in Jenseits des Lustprinzips den Begriff des Todestriebs ein. Dem Todestrieb stellte er die Lebenstriebe gegenüber, zu denen Sexual- und Selbsterhaltungstrieb zählen.
Kultur, Religion und politische Zeitgeschichte
Freud übertrug psychoanalytische Begriffe auf Gesellschaft, Kultur und Religion. Im Über-Ich sah er eine Fortsetzung der kindlichen Vaterbeziehung. Das Gewissen übt moralische Zensur aus; die Spannung zwischen Gewissensansprüchen und den Leistungen des Ichs wird als Schuldgefühl erlebt. In Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921) erklärte Freud die Bildung von Massen durch die Identifizierung vieler Einzelner mit demselben Objekt, vor allem einem Führer, anstelle des eigenen Ich-Ideals.
Totem und Tabu (1913) verband psychoanalytische Überlegungen mit Vorgeschichte, Biologie und Ethnologie. Freud beschrieb das Totem als Grundlage eines sozialen Systems und als Symbol eines gemeinsamen Stammvaters. Mit dem Totemismus gehe meist ein Inzesttabu einher. In seinem Szenario erschlagen und verzehren die Söhne einer von einem Vater beherrschten Urhorde diesen Vater; das Totem bewahre die Erinnerung an Schuld und Triumph. Spuren dieses „Urverbrechens“ sollten sich in Kunst, Kultur und Religion finden.
In Das Unbehagen in der Kultur (1929/30) erklärte Freud, dass Kultur auf der Zügelung, Umlenkung und Verdrängung von Trieben beruhe. Menschen strebten nach Glück, würden aber durch körperlichen Verfall und Tod, die Außenwelt sowie zwischenmenschliche Beziehungen begrenzt. Glück könne deshalb nur individuell gefunden werden. Kulturleistungen seien Ersatzbefriedigungen; auch technische Fortschritte machten den Menschen lediglich zu einem „Prothesengott“. Freud kritisierte den Kommunismus vor allem aus psychologischen Gründen, weil die Abschaffung des Privateigentums die Aggressionslust nicht beseitige.
Freud war ein entschiedener Gegner der Religion. In Zwangshandlungen und Religionsübungen (1907) verglich er religiöse Rituale mit Zwangshandlungen, weil die Nichtausführung Angst auslösen könne. Religion deutete er als kindliches Abwehrverhalten gegen menschliche Hilflosigkeit: Naturkräfte würden personalisiert und nach dem Vorbild schützender Eltern, besonders des Vaters, als göttliche Mächte vorgestellt. Seine jüdische Zugehörigkeit verstand Freud kulturell, nicht religiös.
Im Ersten Weltkrieg war Freud zunächst patriotisch und verlor zugleich erhebliche Praxiseinnahmen. Die psychoanalytische Bewegung wurde durch den Militärdienst vieler Ärzte und den Ausfall von Kongressen und Publikationen stark geschwächt. Freud nutzte die geringere Praxistätigkeit für metapsychologische Arbeiten. 1919 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt. Nach dem Krieg gewann seine Praxis durch ausländische Patienten wieder an Bedeutung.
Beziehungen, Exil und Wirkung
Die Psychoanalyse verbreitete sich ab 1902 aus Freuds Mittwochskreis in Wien. Zu den frühen Teilnehmern gehörten Wilhelm Stekel, Alfred Adler, Max Kahane und Rudolf Reitler; 1908 entstand daraus die Wiener Psychoanalytische Vereinigung. Internationale Zeitschriften und Kongresse förderten die Ausbreitung. Freud arbeitete zunächst eng mit C. G. Jung zusammen und sah ihn als Nachfolger vor. Adler entwickelte jedoch mit der Individualpsychologie eine eigene Richtung. Jung wandte sich unter anderem gegen Freuds ausschließliche Betonung der Libido und entwickelte das Konzept des kollektiven Unbewussten. Beide Trennungen erfolgten 1911 beziehungsweise 1913/14. Auch Wilhelm Stekel und Otto Rank lösten sich nach inhaltlichen Konflikten von Freud; Wilhelm Reich wurde 1934 ausgeschlossen.
1923 erkrankte Freud an Gaumenkrebs. Nach der Entfernung großer Teile des rechten Oberkiefers und Teilen des Unterkiefers am 12. Oktober 1923 benötigte er eine Prothese. In den folgenden 16 Jahren waren mehr als 50 weitere Eingriffe nötig. Freud arbeitete trotz der Krankheit bis ins letzte Lebensjahr weiter. Seine Tochter Anna Freud wurde Psychoanalytikerin, unterstützte ihn bei der Behandlung, vertrat ihn bei Kongressen und wurde ab 1927 Generalsekretärin der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.
Nach der Bücherverbrennung von 1933 blieb Freud zunächst in Wien. Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich erfolgte am 12. März 1938. Die Gestapo nahm am 22. März Anna Freud vorübergehend fest. Durch den Einsatz von Ernest Jones und Marie Bonaparte konnte Freud am 4. Juni 1938 mit Martha, Anna und der Haushälterin Paula Fichtl nach London emigrieren. Vier Schwestern blieben zurück und wurden 1942/43 Opfer des Holocaust. Freud starb am 23. September 1939 in London im Alter von 83 Jahren, nachdem er sich wegen seines fortgeschrittenen Krebsleidens Morphium hatte spritzen lassen.
Freuds Werk wurde durch Korrekturen, Modifikationen und zahlreiche Schulen weiterentwickelt, darunter Ich-Psychologie, Objektbeziehungstheorie, Selbstpsychologie und Lacans Theorie. Kritisiert werden unter anderem der Todestrieb, der sogenannte Pansexualismus, die Theorie des Penisneids, seine Aussagen zum sexuellen Missbrauch und seine teilweise widersprüchlichen Traumdeutungen. Die weitere Entwicklung zeigte, dass Neurosen nicht monokausal auf individuelle Sexualität zurückgeführt werden können. Dennoch bleiben Begriffe wie Ödipuskomplex, Narzissmus, Fixierung, Kastrationsangst und Penisneid sowie die Erforschung des Unbewussten für die Auseinandersetzung mit Psychologie, Kultur und Gesellschaft einflussreich. Das Freud-Archiv in der Library of Congress umfasst etwa 80.000 Dokumente, darunter rund 35.000 Briefe und 45.000 Manuskripte; etwa 20.000 digitalisierte Dokumente wurden im Februar 2017 öffentlich zugänglich.
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