Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Massenpsychologie und Ich-Analyse
Massenpsychologie und Ich-Analyse ist eine Schrift von Sigmund Freud aus dem Jahr 1921. Inhaltsverzeichnis. 1 Inhalt; 2 Siehe auch; 3 Literatur; 4 Weblinks …
Inhalt4 Abschnitte
Gegenstand und Definition der Masse
„Massenpsychologie und Ich-Analyse“ ist eine Schrift Sigmund Freuds aus dem Jahr 1921. Sie untersucht die psychischen Mechanismen, die innerhalb von Massenbewegungen wirksam sind.
Freud definiert eine Masse als ein „provisorisches Wesen, das aus heterogenen Elementen besteht, die sich für einen Augenblick miteinander verbunden haben.“ In der Masse erlebt der Einzelne ein Gefühl unendlicher Macht und Sicherheit. Dadurch kann er Triebe ausleben, die er als Einzelperson hätte zügeln müssen. Gleichzeitig nimmt die bewusste Persönlichkeit ab. Das Individuum lässt sich leichter von den Gefühlen anderer anstecken; durch „gegenseitige Induktion“ verstärken sich diese Gefühle weiter.
Freud beschreibt die Masse deshalb als „impulsiv, wandelbar und reizbar“. Sie werde fast ausschließlich vom Unbewussten geleitet. Seine Darstellung bezieht sich besonders auf die Arbeiten des Soziologen und Psychologen Gustave Le Bon (1841–1931).
Arten von Massen und gemeinsame Vorgänge
Freud unterscheidet zwei Arten von Massen:
- Kurzlebige Massen entstehen durch ein vorübergehendes gemeinsames Interesse, zum Beispiel revolutionäre Massen.
- Dauerhafte Massen sind hochorganisiert und bestehen langfristig, zum Beispiel die Kirche oder das Militär.
Freud vergleicht die kurzlebigen Massen mit „kurzen, aber hohen Wellen“ und die dauerhaften mit den „langen Dünungen der See“. Trotz ihrer unterschiedlichen Dauer und Organisation laufen in beiden Arten grundsätzlich dieselben psychischen Vorgänge ab.
Libidinöse Bindungen und Identifizierung
Nach Freud werden Massen durch libidinöse Bindungen zusammengehalten. „Libidinös“ bezeichnet dabei Liebestriebe. In der Masse sind diese Triebe von ihren ursprünglichen Zielen abgelenkt: Sie verfolgen kein direktes sexuelles Ziel, wirken aber dennoch „minder energisch“ nicht, sondern bleiben energisch. Unter bestimmten Bedingungen können in Massen außerdem verdrängte „Triebregungen abgeworfen“ werden. Dadurch kann eine „»archaische Erbschaft«“ sichtbar werden.
Als wichtigstes bindendes Element nennt Freud die weitgehend unbewusste Identifizierung mit den anderen Mitgliedern. Die Individuen fühlen sich in gleicher Weise zum Führer hingezogen. Das Ich erkennt im anderen eine bedeutsame Ähnlichkeit und identifiziert sich mit ihm.
Eine weitere Rolle spielt die Idealisierung des Führers. Die Masse bewundert ihn und setzt ihn besonders hoch an. Dabei richtet sich die narzisstische Libido auf den Führer als Objekt. Freud erklärt dies damit, dass man ein Objekt „wegen der Vollkommenheit“ liebt, „die man fürs eigene Ich angestrebt hat.“ Auch eine Identifizierung mit dem Aggressor kann auftreten, etwa im Zusammenhang mit Regression.
Freuds zusammenfassende Formel
Freud fasst die Entstehung einer primären Masse so zusammen: „Eine primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ich-Ideals gesetzt und sich infolgedessen miteinander identifiziert haben.“
Das gemeinsame Objekt ist vor allem der Führer. Weil die einzelnen Mitglieder ihn an die Stelle ihres Ich-Ideals setzen, richten sie sich auf dasselbe Vorbild aus und identifizieren sich zugleich miteinander. Die Bindung an den Führer und die gegenseitige Identifizierung erklären damit den inneren Zusammenhalt der Masse.