Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Thor Kunkel
Thor Kunkel (* 2. September 1963 in Frankfurt am Main) ist ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Publizist, Werbefilmer und Kommunikationsberater.
Inhalt5 Abschnitte
Person und beruflicher Hintergrund
Thor Kunkel (* 2. September 1963 in Frankfurt am Main) ist ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Publizist, Werbefilmer und Kommunikationsberater. Bekannt wurde er besonders durch seinen Roman Endstufe, der 2004 eine heftige Debatte in mehreren Feuilletons auslöste.
Kunkel wuchs im Frankfurter Gallusviertel als Sohn eines Maschinenbauingenieurs und einer veterinärmedizinischen Assistentin auf. Nach dem Abitur am Goethe-Gymnasium studierte er Bildende Kunst bei Thomas Bayrle an der Städelschule in Frankfurt am Main. Danach besuchte er in San Francisco einen Kurs in „Creative Script Writing“ und arbeitete zeitweise in der Werbebranche. Nach eigener Aussage erstellte er während des Studiums Plakate für die Grünen in Frankfurt am Main.
Nach dem Studium lebte Kunkel fünf Jahre in London und mehr als zehn Jahre in Amsterdam. Dort arbeitete er für internationale Werbeagenturen, darunter Young & Rubicam und Leo Burnett. 1999 erhielt er für das erste Kapitel seines Debütromans Das Schwarzlicht-Terrarium den Ernst-Willner-Preis. Im März 2002 nahm die Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den Roman in den Kanon der „25 wirkungsvollsten deutschen Bücher der letzten 20 Jahre“ auf.
Seit 2009 liegt Kunkels Lebensmittelpunkt in der Schweiz; er zog auf die Riederalp im Wallis. Neben dem Schreiben berät er unter der Firmierung KunkelBakker Creative Communications in Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Kommunikation. Laut Lürzer’s Archiv beriet er unter anderem Coca-Cola, Dommelsch Bier, Levi’s, Ford-Europe und das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Außerdem war er beratend an den AfD-Wahlkampagnen zur Bundestagswahl 2017 und zur Europawahl 2019 beteiligt. Sein Roman Subs wurde unter dem Titel HERRliche Zeiten mit Katja Riemann und Oliver Masucci verfilmt; außerdem gab es Beiträge bei arte und im Deutschlandfunk.
Literarisches Profil und zentrale Werke
Kunkels literarisches Werk verbindet häufig gesellschaftliche Themen mit Groteske, Provokation und ungewöhnlicher Sprache. Sein Debütroman Das Schwarzlicht-Terrarium (1999 beziehungsweise Buchausgabe 2000) spielt in der historischen Realität der 1970er Jahre. Im Mittelpunkt stehen tragisch-komische Geschichten über Drogen-Experimente, Disco und den von US-amerikanischen G.I.s importierten American Dream. Hessischer Alltagsjargon und G.I.-Slang verbinden sich in den Dialogen zu einer stark stilisierten „Gossensprache“.
Der zweite Roman Ein Brief an Hanny Porter ist eine dialoglastige Reflexion von vier Personen über den „amerikanischen Traum“. Der NDR verglich ihn mit einem „Brecht’schen Lehrstück“. Nach einer Spielfassung des Leipziger Schauspielhauses von 2002 wurde der auf Hawaii spielende Roman vom MDR als Hörspiel mit Andrea Sawatzki in einer Hauptrolle produziert.
Nach Endstufe veröffentlichte Kunkel weitere Romane mit unterschiedlichen Themen und Formen. Kuhls Kosmos (2007, Buchausgabe 2008) beschreibt die dunkle Seite der Disco-Kultur und ihre Anfänge im kriminellen Rotlichtmilieu. Schaumschwester (2010) ist eine utopische Groteske über das Komplott kybernetischer Organismen. Aus dem 2009 für den WDR geschriebenen Hörstück Subs entstand der gleichnamige Roman von 2011, der die Rückkehr der Sklaverei im privaten Rahmen schildert: Ein progressiv denkendes Ehepaar siedelt „Balkanmenschen“, womit Flüchtlinge gemeint sind, auf seinem Grundstück in Berlin an.
Wanderful – Mein neues Leben in den Bergen (2014) ist ein Memoir über zwei Lebensjahre in den Walliser Alpen. Es verbindet autobiografische Vignetten mit naturphilosophischen Essays und einem hochalpinen Wanderführer. Das Wörterbuch der Lügenpresse (2020) ist ein politisch-polemisches Werk, in dem Kunkel einen aus seiner Sicht durch Journalisten und Politiker manipulierten Sprachgebrauch kritisiert. Der Journalist Hans Demmel beschrieb den Inhalt als Sammlung von Falschbehauptungen und Unterstellungen.
2022 erschienen die Satire Im Garten der Eloi – Geschichte einer hochsensiblen Familie und Welt unter. Letzterer thematisiert den Klimawandel und handelt von mutierten Menschen, die unter Wasser atmen können; im Zentrum stehen Stationen der polizeilich gesuchten Naturaktivistin Freya Velden. Zu Im Garten der Eloi wurde kritisch angemerkt, der Roman entwickle sich von einer Milieu-Satire zu einer politisch rechts positionierten „Rachefantasie“. Kunkel arbeitet außerdem als Regisseur und publiziert Essays, Debattenbeiträge sowie Hörspiele.
Der Roman Endstufe und die Kontroverse von 2004
Endstufe ist Kunkels dritter Roman und wurde durch ein Stipendium der Stiftung Preußische Seehandlung gefördert. Bereits vor dem offiziellen Erscheinungstermin wurde das Buch international kontrovers diskutiert. Kurz vor Druckbeginn im Frühjahr 2004 beendete der Rowohlt Verlag die Zusammenarbeit mit Kunkel. Verleger Alexander Fest begründete dies mit Differenzen in „inhaltlichen und ästhetischen Fragen“. Einige Monate später erschien der Roman bei Eichborn.
Der rote Faden der fiktiven Handlung ist der Handel mit pornografischen Filmen. Dieser wird von Angestellten des „SS-Hygiene-Instituts Berlin“ in Nordafrika betrieben. Kunkel bezieht sich auf die sogenannten Sachsenwald-Filme aus der Sammlung des Medienexperten Werner Nekes; ihre Authentizität ist umstritten.
Die Entscheidung Rowohlts führte zu einer breiten Diskussion in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften. Die Bewertungen, ob die Ablehnung gerechtfertigt war, gingen stark auseinander. Auch die literarische Qualität wurde unterschiedlich beurteilt. Volker Weidermann bezeichnete den Text in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung als „glänzend geschriebenes, ungeheuer interessantes Manuskript von einem der besten deutschen Autoren der jüngeren Generation“. Richard Kämmerlings kritisierte ihn dagegen als einen zutiefst zynischen Versuch, Schreckensbilder der deutschen Geschichte durch Ekelbilder und die Darstellung alliierter Verbrechen zu überdecken.
Ein wichtiger Streitpunkt war die Perspektive des Romans: Die nationalsozialistische Zeit wird aus der Innenperspektive von Nazis geschildert. Iris Radisch nannte das Werk in der Zeit am 15. April 2004 „die Avantgarde des biotechnischen Zeitalters“. Dirk Schümer beschrieb es am 12. Mai 2004 im SWR-„Büchertalk“ als horrorfilmähnliche Innenperspektive eines Systems, das sonst häufig aus der Opferperspektive dargestellt werde. Der Roman wurde unter anderem in der New York Times, bei ABC Australia, in den Israel National News, in italienischen Tageszeitungen und im Guardian besprochen.
Im August 2020 veröffentlichte Kunkel erstmals die Originalfassung von Endstufe. Sie enthält auch die vom Spiegel zitierten „verworfenen Passagen“ und ist 132 Seiten länger als die Erstausgabe von 2004. Gleichzeitig erschien das Medientagebuch Zum Abschuss freigegeben, in dem Kunkel seine Sicht auf die damalige Medienberichterstattung darlegt.
Bibliografie und weitere Veröffentlichungen
Zu Kunkels wichtigsten Buchveröffentlichungen gehören Das Schwarzlicht-Terrarium, Ein Brief an Hanny Porter, Endstufe, Kuhls Kosmos, Schaumschwester, SUBS, Wanderful – Mein neues Leben in den Bergen, Mir blüht ein stiller Garten, Das Wörterbuch der Lügenpresse, Endstufe. Die unzensierte Originalfassung, Zum Abschuss freigegeben, Der Weg der Maschine, Im Garten der Eloi. Geschichte einer hochsensiblen Familie und Welt unter. 2023 erschienen außerdem digitale Werkausgaben von Das Schwarzlicht-Terrarium und Kuhls Kosmos; 2024 folgte In die Schweiz auswandern – aber richtig.
Seine Romanlizenzen wurden nach Italien, in die Tschechische Republik und in die Türkei verkauft. Zu den Hörspielen zählen Ein Brief an Hanny Porter (MDR, 2001), Verfallsobjekt Nr. 1 (Deutschlandradio Kultur, 2005), Subs (WDR, 2009) und Eine abenteuerliche Geschichte (Mercedes-Hörbuch, 2014). Darüber hinaus veröffentlichte Kunkel Kurzgeschichten, Erzählungen und Essays, unter anderem in Sammelbänden und im Titel-Kulturmagazin.
Auszeichnungen und Stipendien
1999 erhielt Thor Kunkel den Ernst-Willner-Preis; beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen erreichte er im selben Jahr den 2. Platz. Weitere genannte Stationen sind eine Nominierung für „Bestes Hörspiel“ in der Kategorie „Beste Unterhaltung“ (2002), das Stipendium der Stiftung Preußische Seehandlung (2003), ein Aufenthaltsstipendium der Sylt-Quelle (2004), ein Autorenstipendium der Senatsverwaltung Berlin (2005) sowie Nominierungen für den Kurt-Lasswitz-Preis und den Deutschen Science-Fiction-Preis (2006).
Als „TV Art Director“ und Werbefilm-Regisseur erhielt Kunkel unter anderem Auszeichnungen oder Anerkennungen beim N.Y. Film Festival, mit dem ADCN-Award (Silver Lamp), beim Cannes Lion (Poster Award 1994), bei Clio, Creative Circle, Creston, Cyber Lion, D&AD, DMSA, dem Art Directors Club New York, Graphis Poster, Epica, Eurobest und dem London International Advertising Festival. Bei Eurobest wurde er viermal ausgezeichnet.