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Monte Verità
Der Monte Verità (italienisch; deutsch sinngemäss «Wahrheitsberg» oder «Berg der Wahrheit») ist ein 322 m ü. M. hoher Hügel und ein kulturgeschichtliches …
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Ort und Bedeutung
Der Monte Verità ist ein 322 m ü. M. hoher Hügel und ein kulturgeschichtliches Ensemble im Schweizer Kanton Tessin. Er liegt auf dem Gemeindegebiet von Ascona, etwa einen halben Kilometer nordwestlich der Altstadt am Langensee. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war er ein bedeutender Treffpunkt für Lebensreformer, Pazifisten, Künstler, Schriftsteller und Anhänger verschiedener alternativer Bewegungen. Diese suchten neue Formen des Zusammenlebens, der Ernährung, der Kunst und des Verhältnisses zur Natur.
Der Name Monte Verità bezeichnete zunächst die dortige Naturheilanstalt und erschien erstmals in einem 1902 veröffentlichten Prospekt. Später wurde er auf den zuvor Monte Monescia genannten Hügel übertragen. Der Name sollte nicht ausdrücken, dass die Gründer die Wahrheit besäßen, sondern ihr Bemühen, in Wort und Tat wahrhaftig zu leben.
Zum heutigen Denkmalensemble gehören unter anderem das Museum Casa Anatta, das Hotel und Restaurant Albergo Monte Verità, ein Kulturzentrum und ein öffentlich zugänglicher Park. Das Hotel dient außerdem als Kongresszentrum der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.
Gründung und Lebensreform
Die Umgebung von Locarno war bereits im 19. Jahrhundert ein Zufluchtsort für politische Rebellen und russische Anarchisten. Um 1889 planten Alfredo Pioda, Franz Hartmann und Constance Wachtmeister auf dem Monte Monescia ein theosophisches Kloster namens „Fraternitas“, verwirklichten es jedoch nicht.
Die unmittelbare Vorgeschichte der Siedlung begann 1899 in der Naturheilanstalt Rikli in Veldes. Dort begegneten sich die Musiklehrerin Ida Hofmann, der belgische Industriellensohn Henri Oedenkoven und der Offizier Karl Gräser. Im Oktober 1900 beschlossen Hofmann, Oedenkoven, Karl und Gusto Gräser, Jenny Hofmann, Lotte Hattemer und Ferdinand Brune die Gründung einer „vegetabilen Cooperative“. Das bewegliche Vermögen der Beteiligten sollte eine Naturheilanstalt finanzieren. Gewinne sollten überwiegend in das Projekt zurückfließen; austretende Mitglieder sollten ihr Kapital zurückerhalten, sobald es verfügbar war.
Im Herbst 1900 kauften Hofmann, Oedenkoven, Karl und Gusto Gräser sowie Lotte Hattemer auf dem Monte Monescia Land von Alfredo Pioda. Durch weitere Käufe entstand ein Gelände von vier Hektar. Die zunächst vegane, später vegetarische Siedlungsgemeinschaft erhielt 1902 den Namen Monte Verità. Vorbilder waren unter anderem die Obstbau-Kolonie Eden bei Oranienburg und die Lebensreformgemeinschaft des Malers Karl Wilhelm Diefenbach auf dem „Himmelhof“ bei Wien.
Zur Finanzierung gründeten Oedenkoven und Hofmann die Sonnen-Kuranstalt und anschließend das Sanatorium Monte Verità. Die Siedler verbanden damit Ideen wie vegetarische Ernährung, Naturheilkunde, Spiritualität, Pazifismus, persönliche Freiheit und Kritik an staatlichen, sozialen und religiösen Verhältnissen. Während einige technische Neuerungen sinnvoll einsetzen wollten, lehnten andere, besonders die Brüder Gräser, moderne Technik grundsätzlich ab.
Anarchisten, Antimilitaristen und Pazifisten spielten eine wichtige Rolle. Vor und während des Ersten Weltkriegs kamen zahlreiche Kriegsdienstverweigerer, Emigranten und Flüchtlinge aus den kriegführenden Staaten. Zu ihnen gehörten Hans Arp, Hugo Ball, Ernst Bloch, Hermann Hesse, Hans Richter und Arthur Segal. Besonders Gusto Gräser und die literarische Verarbeitung des Ortes durch Hermann Hesse und andere Autoren trugen zum Mythos des Monte Verità bei.
Kunst, Gemeinschaft und Tanz
Um Gusto Gräser und seinen Bruder, den Maler Ernst H. Graeser, entstand eine Künstlerkolonie. Nach einer gemeinsamen Ausstellung 1906/1907 wurde im Haus von Karl Gräser eine ständige Gemäldegalerie eingerichtet. Künstler aus mehreren europäischen Ländern kamen nach Ascona; während des Ersten Weltkriegs verstärkte sich der Zustrom kriegsgegnerischer Künstler und Exilanten. Arthur Segal betrieb eine Malschule, und Viking Eggeling sowie Hans Richter entwickelten die ersten abstrakten Filme. Hermann Hesse begann in Ascona zu malen. Werke dieser Künstler bildeten einen Grundstock des 1922 gegründeten Museo Comunale von Ascona.
Der Monte Verità war jedoch weder eine gewöhnliche Landkommune noch eine reine Künstlerkolonie. Es gab keine dauerhafte Leitung, Verfassung oder verbindliche Organisation. Die ursprüngliche Gründergemeinschaft bestand nur etwa ein Jahr. Danach ließen sich Einzelpersonen freiwillig in der Umgebung nieder, ohne gemeinsames Programm und ohne feste Bindung. Das Sanatorium war der wirtschaftliche Mittelpunkt und zog zahlende Gäste an, wurde aber von manchen Künstlern und Schriftstellern als kapitalistisches Unternehmen kritisiert.
Von der Pionierzeit sind mehrere Gebäude erhalten. Die 1902 errichtete Casa Anatta war das Wohnhaus der Gründer und beherbergt heute eine Dauerausstellung zur Geschichte des Monte Verità. Die Casa Selma ist eine typische „Licht-Luft-Hütte“. Der Pavillon Chiaro mondo dei beati enthält das gleichnamige Riesengemälde von Elisar von Kupffer aus dem Jahr 1923. Das für russische Exilanten erbaute Russenhaus wurde 2015 nach einer Renovierung wiedereröffnet. Die Casa Francesco, Karl Gräsers zwischen 1903 und 1906 errichtetes Haus, war laut Artikel mit Stand 2014 vom Abriss bedroht.
Von 1913 bis 1917 veranstaltete der Tanzreformer Rudolf von Laban jeweils von April bis Oktober Sommerkurse. Dadurch wurde der Monte Verità zu einem Zentrum des Ausdruckstanzes, einer Tanzform, die innere Empfindungen durch freie Bewegung ausdrücken sollte. Laban ließ bevorzugt im Freien tanzen, teilweise nackt oder in leichten Gewändern, nur zu Trommelschlägen oder ohne Musik. Zu seinem Umfeld gehörten Sophie Taeuber, Suzanne Perrottet und Mary Wigman. Sein Unterricht für Patienten des Sanatoriums wies bereits Merkmale der späteren Tanztherapie auf. Im August 1917 inszenierte er ein von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang dauerndes kultisches Tanzspiel für einen Kongress des Ordens O.T.O. Die Bewohner der Umgebung hatten für die frühen Nackttänzer schon um 1902 den Ausdruck „Balabiott“ geprägt.
Hotel, Eigentümerwechsel und heutige Nutzung
1920 wurde die Anlage verpachtet und im Haupthaus ein Kinderheim eingerichtet, das die Behörden bald schlossen. Von 1923 an betrieben Werner Ackermann, Max Bethke und Hugo Wilkens die Anlage als Künstlerhotel; 1926 scheiterte das Unternehmen finanziell.
Auf Anregung der Malerin Marianne von Werefkin kaufte der deutsche Bankier Eduard von der Heydt den Monte Verità 1926 für 160.000 Franken. Nach einem Entwurf Ludwig Mies van der Rohes von 1927 beauftragte er 1929 schließlich Emil Fahrenkamp mit einem Hotelbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. Von der Heydt stattete das Hotel mit Teilen seiner ostasiatischen Kunstsammlung aus. Der Monte Verità wurde erneut zu einem internationalen Anziehungspunkt, bis der Zweite Weltkrieg diese Blütezeit beendete.
1946 leitete die Schweizer Staatsanwaltschaft gegen Von der Heydt ein Verfahren wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit für das Dritte Reich ein; es endete mit einem Freispruch. Seine ostasiatischen Kunstwerke vermachte er der Stadt Zürich, die damit 1952 das Museum Rietberg gründete. Der Kanton Tessin erhielt 1956 die auf dem Monte Verità verbliebenen Teile seiner Sammlung: etwa 500 Kunstwerke aus dem 16. bis 20. Jahrhundert sowie aus China und Japan. Aufgrund einer testamentarischen Verfügung ging auch der Berg 1964 an den Kanton.
1978 machten Harald Szeemanns Ausstellung „Mammelle delle verità“ und ein von Hermann Müller angeregtes Treffen den Ort wieder bekannt. Die Ausstellung wurde später in Zürich, Berlin, München und Wien gezeigt und befindet sich seit 1981 im Museo Casa Anatta. Die erhoffte dauerhafte Wiederbelebung des Monte Verità als alternativer Sammelplatz hatte allerdings nur begrenzten Erfolg.
1989 entstand die Stiftung Monte Verità. Sie betreibt die Anlage und das internationale Konferenzzentrum „Centro Stefano Franscini“ der ETH Zürich, das jährlich bis zu 25 wissenschaftliche Konferenzen veranstaltet. In der übrigen Zeit organisiert der Kanton Tessin kulturelle Veranstaltungen. Seit 2006 gibt es zudem einen Teepark mit Teepflanzen der Art Camellia sinensis, einem Zen-Garten und einem Teehaus für Zeremonien und Seminare. Ein Ende der 1980er Jahre gebauter, 1,1 Kilometer langer Straßentunnel unter dem Hügel entlastet die Innenstadt von Ascona.
Besucher, Erfolg und Scheitern
Der Monte Verità zog Menschen aus Kunst, Literatur, Politik und Gesellschaft an. Für die Zeit von März 1906 bis September 1909 verzeichnete das Fremdenblatt von Locarno und Umgebung 411 Gäste des Sanatoriums. Durchschnittlich hielten sich etwas mehr als elf Gäste gleichzeitig dort auf; die mittlere Aufenthaltsdauer betrug fünfeinhalb Wochen. Die meisten waren somit vorübergehende Kurgäste und keine dauerhaften Kolonisten. 35 % kamen aus Deutschland, 16 % aus der Schweiz, 12 % aus Russland, 8 % aus Frankreich, 5,6 % aus den Benelux-Ländern und 5,5 % aus Italien. Für 1926 bis 1958 nannten Eduard von der Heydt und Werner von Rheinbaben etwa 30'000 bis 35'000 Besucher sowie mindestens ebenso viele Menschen, die nur kurz einkehrten.
Die Gemeinschaft besaß günstige Voraussetzungen: Sie konnte auf unerschlossenem Gelände neu beginnen, wurde von der Umgebung geduldet und verfolgte ihre Ideale zunächst ohne größere äußere Hindernisse. Gleichzeitig scheiterte sie an inneren Spannungen. Nach Robert Landmann war die gemeinsame Ablehnung der bürgerlichen Gesellschaft keine ausreichende Grundlage für eine dauerhafte Gemeinschaft. Die Beteiligten hatten gegensätzliche Vorstellungen von natürlichem Leben, Technik und Reformtempo.
Viele Forderungen erwiesen sich als schwer umsetzbar. Pflanzliche Schuhe konnten Ledersandalen nicht gleichwertig ersetzen; nicht alle Bewohner konnten sich dauerhaft rein pflanzlich ernähren oder auf Tabak, Alkohol, Kaffee und Tee verzichten. Auch der vollständige Verzicht auf Angestellte war unpraktisch. Häufig wurden Versuche zu früh abgebrochen und Neuerungen überstürzt eingeführt. Hinzu kamen mangelnde Mitarbeit einzelner Bewohner, Störungen durch Gäste und fehlender Respekt vor Gemeinschaftseigentum.
Besonders folgenreich war das Fehlen verbindlicher Statuten. Ohne eine von allen anerkannte Ordnung konnte die Gemeinschaft unzuverlässige Neuankömmlinge weder nach einer Probezeit abweisen noch bei schweren Regelverstößen ausschließen. Eine Satzung galt jedoch selbst als unerwünschte bürgerliche Institution. Trotzdem bestand die Kolonie etwa zwanzig Jahre und blieb kulturell einflussreich. Der Monte Verità gilt deshalb als Teil der europäischen Tradition gesellschaftskritischer Sozialutopien: Er war der Versuch, Liberalismus, Sozialismus, Idealismus, Anarchismus und Vegetarismus in einer gemeinsamen Lebensform zu verbinden.