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Neue Weltordnung (Verschwörungstheorie)
Als Neue Weltordnung (englisch New World Order) wird in verschiedenen Verschwörungstheorien das angebliche Ziel von Eliten und Geheimgesellschaften …
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Kern der Verschwörungstheorie
„Neue Weltordnung“ (englisch New World Order) bezeichnet in verschiedenen Verschwörungstheorien das angebliche Ziel von Eliten und Geheimgesellschaften, eine autoritäre, supranationale Weltregierung zu errichten. Die Theorien wurden zu Beginn der 1990er Jahre in den USA populär und werden besonders von christlich-fundamentalistischen, rechten und esoterischen Autoren verbreitet. Als vermeintliches Indiz wird etwa „Novus ordo seclorum“ auf dem Großen Siegel der Vereinigten Staaten beziehungsweise auf der Ein-Dollar-Note als „new world order“ gelesen.
Die Erzählung verbindet sehr unterschiedliche angebliche Akteure und Ereignisse zu einer umfassenden „Superverschwörung“. Häufig behauptet sie, nationale Souveränität, Freiheitsrechte oder christliche Werte würden absichtlich abgeschafft. Dabei kommen oft antisemitische Vorstellungen vor, etwa Behauptungen über eine jüdische Weltverschwörung; die „Protokolle der Weisen von Zion“, auf die mehrere Autoren Bezug nehmen, sind eine Fälschung von 1903.
Popularisierung nach dem Kalten Krieg
Die weite Verbreitung geht auf den politischen Diskurs der frühen 1990er Jahre zurück. Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion wurde häufig ein neues Zeitalter erwartet. Francis Fukuyama vertrat 1989 die These vom „Ende der Geschichte“: Demokratischer, marktwirtschaftlicher Liberalismus habe endgültig gesiegt.
Präsident George Bush verwendete den Ausdruck im Zweiten Golfkrieg. In seiner State of the Union Address vom 29. Januar 1991 beschrieb er eine Welt, in der unterschiedliche Nationen für „Frieden und Sicherheit, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit“ zusammenwirkten. Die Formulierung war älter: Die Vierzehn Punkte Woodrow Wilsons und ein Völkerbund zur kollektiven Sicherheit waren nach dem Ersten Weltkrieg als „neue Weltordnung“ verstanden worden; H. G. Wells veröffentlichte 1940 ein Buch dieses Titels. Bush hatte den Ausdruck bereits am 11. September 1990 benutzt.
Ab 1991 deuteten Evangelikale, christliche Fundamentalisten und die konspirationistische Rechte Bushs Worte als Beweis, die US-Regierung selbst gehöre zu einer Verschwörung gegen die Freiheitsrechte. Bei der John Birch Society hatte die Warnung seit 1958 zunächst eine kommunistische „Neue Weltordnung“ gemeint. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde der Gegner in die eigene Regierung verlegt. Charles J. Stewart erklärt dies damit, dass Kommunismus dort schon zuvor als Teil einer größeren Verschwörung für „Big Government“, Kollektivismus und Globalisierung gegolten habe.
Michael Barkun verweist auf ein ähnliches Problem im dispensationalistischen Protestantismus. Dessen Deutung endzeitlicher Texte hatte wachsende internationale Konflikte, die Große Trübsal und die Weltherrschaft des Antichrist vorausgesagt; im Mittelpunkt standen Sowjetunion und Israel. Nach 1990 füllte die Theorie von der „Neuen Weltordnung“ dieses prophetische Vakuum. Wegen der Verschwörungstheorien vermieden US-Politiker das Schlagwort bald.
Pat Robertsons Modell
Pat Robertson veröffentlichte 1991 sein Buch The New World Order. Darin behauptete der Gründer der evangelikalen Christian Coalition of America zwei zusammenwirkende Verschwörungen gegen die christlichen USA. Die „Money Power“, also die Hochfinanz, strebe seit Jahrzehnten eine Diktatur an. Robertson schrieb ihr unter anderem die Ermordung Abraham Lincolns 1865, den 16. Zusatzartikel zur US-Verfassung und die Errichtung des Federal Reserve System 1913 zu.
Die zweite Verschwörung richte sich gegen die Moral der Bevölkerung. Illuminaten, Freimaurer und die New-Age-Bewegung wollten nach Robertson den christlichen Glauben vernichten und die Welt unter Luzifers Herrschaft bringen. Angeblich planten sie „eine Weltregierung, eine Weltarmee, eine Weltwirtschaft unter einer britischen Finanzoligarchie und ein Weltdiktator, dem ein Rat von zwölf Getreuen zur Seite steht“. Council on Foreign Relations und Trilaterale Kommission seien daran beteiligt; Europas Vereinigung, der Kollaps des Kommunismus und der Golfkrieg dienten dem Ziel.
Robertson sagte eine Wirtschaftskrise voraus, nach der die USA ihre Souveränität an die UNO übertragen müssten. Diese werde einen sozialistischen Weltpräsidenten einsetzen, der nach einer Humanitätsreligion statt nach dem Christentum herrsche. Sein Bestseller erreichte mit mehreren hunderttausend verkauften Exemplaren ein breites Publikum und machte ältere Verdächtigungen gegen Geheimgesellschaften im amerikanischen Mainstream bekannter.
Rechte Varianten und politische Folgen
Rechte Autoren und Gruppen verbanden die „Neue Weltordnung“ mit Globalisierung, internationalen Organisationen, Endzeitvorstellungen und Antisemitismus. Die John Birch Society erklärte seit 1991 GATT, NAFTA und andere Handelsverträge zu Schritten zum Abbau nationaler Souveränität. John McManus erklärte 1995, das Ziel sei deren „Zusammenbruch via die Wirtschaft“; ohne Widerstand werde Freiheit nur noch eine Erinnerung sein.
William T. Still schrieb die Französische Revolution einer angeblichen Zusammenarbeit von Adam Weishaupt, Rothschild und Freimaurern zu. Texe Marrs und John Coleman deuteten die „Neue Weltordnung“ endzeitlich als Herrschaft des Antichristen. Coleman behauptete, ein „Komitee der 300“ kontrolliere Geheimgesellschaften und politische Gruppen. Seine vielfachen Behauptungen über Juden bedienen antisemitische Klischees. Milton William Cooper ergänzte 1991 in Behold a pale horse Außerirdische als angebliche Beteiligte und sagte nach dem Jahr 2000 einen Zivilisationskollaps voraus.
In der rechtsextremen Milizbewegung wurde die Theorie genutzt, um die Legitimität der US-Regierung zu bestreiten. Bundesbehörden, die UNO, FEMA, angebliche Konzentrationslager und „schwarze Hubschrauber“ erschienen als Teile eines bevorstehenden Umsturzes. Die Ereignisse von Ruby Ridge im August 1992, Waco am 19. April 1993 und die Brady Bill 1994 galten Anhängern als Belege. Diese Ideologie stand auch hinter Timothy McVeighs Anschlag von Oklahoma City 1995. Am 8. Oktober 1996 wurden sieben Mitglieder der West Virginia Mountaineer Militia verhaftet, die ein FBI-Gebäude in Clarksburg sprengen wollten.
Pat Buchanan verband den Begriff mit „America First“, offenen Grenzen, Einwanderung, Waffengesetzen, Homosexualität und Abtreibung; NAFTA und der Vertrag von Maastricht seien für ihn die „Architektur der Neuen Weltordnung“. Alex Jones nutzt die Erzählung als Rahmen für weitere Verschwörungstheorien, etwa zu den Anschlägen vom 11. September 2001, Barack Obama und der Finanzkrise von 2008. David Icke behauptet dagegen eine Herrschaft reptiloider Außerirdischer. In Deutschland verbreitete Jan Udo Holey entsprechende antisemitische Behauptungen; die NPD polemisiert gegen eine angebliche „neue Weltordnung“ der „US-Ostküste“.
Während der Proteste gegen Coronaschutzmaßnahmen 2020 wurde die Pandemie teils als Vorwand für eine Machtübernahme dargestellt. Ähnliche Behauptungen erscheinen bei QAnon, Impfgegnern und Reichsbürgern: Hinter unterschiedlichen angenommenen Verschwörungen werde eine „Neue Weltordnung“ als übergeordnete Superverschwörung vermutet.
Linke Kritik und umstrittene Einordnung
In der politischen Linken wird das Schlagwort auch für eine erweiterte US-Hegemonialmacht verwendet. Noam Chomsky schrieb 1992 nach dem Golfkrieg, die USA besäßen eine unangefochtene militärische Oberhoheit und nutzten sie rücksichtslos: „The new world order (in which the New World gives the orders) has arrived.“ In World Orders Old and New von 1994 kritisierte er insbesondere US-Imperialismus und eine zunehmende soziale Spaltung zwischen Arm und Reich.
Ob diese Kritik selbst verschwörungstheoretisch ist, ist umstritten. Daniel Pipes bezeichnet Chomskys Analysen als Verschwörungstheorie, weil sie der US-Regierung praktisch alle Missstände der Welt zuschreibe und sie als Werkzeug der Großindustrie darstelle. Milan Rai weist diese Einordnung zurück. Alasdair Spark beurteilt Chomsky vermittelnd: Der Vorwurf verkürze dessen Argumentation, doch seine politischen Schriften hätten eine „totalisierende Tendenz“ und verarbeiteten viele Details zu einem einzigen Narrativ. Bei den WTO-Protesten in Seattle 1999 wandten sich sowohl Linke als auch Rechte wie Pat Buchanan gegen die „Neue Weltordnung“.
Erklärung der Anziehungskraft
Der Amerikanist Michael Butter deutet die Theorie als Reaktion auf reale, für viele Menschen nachteilige Entwicklungen seit den 1990er Jahren. Globalisierung führte demnach zur Verlagerung von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer und zum Aufstieg trans- oder supranationaler Organisationen wie der EU. Männer im globalen Norden konnten dadurch Arbeitsplätze und die traditionelle Rolle als Ernährer und Beschützer verlieren.
Die Erzählung von einer kleinen Elite bietet eine einfache Erklärung für solche komplexen strukturellen Prozesse und für empfundenen Kontrollverlust. Nach Butter werden dabei Realität verzerrt und verschoben: Aus vielschichtigen Entwicklungen wird ein angeblich absichtlich geplantes Komplott, das nur auf Reichtum und Macht ziele. Diese Art der Vereinfachung sei typisch für Verschwörungstheorien.
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