Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Thomas-Mann-Haus (Pacific Palisades)
Das vom Architekten Julius Ralph Davidson entworfene Haus am San Remo Drive Nummer 1550 wurde in den Jahren 1941/42 erbaut. 2016 kaufte es die deutsche …
Inhalt5 Abschnitte
Bedeutung und Lage
Das Thomas-Mann-Haus, offiziell Thomas Mann House, steht am San Remo Drive 1550 im Riviera-District von Pacific Palisades, Los Angeles. Die Villa war von 1942 bis 1952 das Wohnhaus des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann und seiner Familie während ihres Exils in den Vereinigten Staaten. In dieser Zeit wurde sie zu einem wichtigen Ort der deutschsprachigen Exilliteratur und des politischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus.
Das von Julius Ralph Davidson entworfene Haus entstand 1941/42. Die deutsche Bundesregierung kaufte es 2016 und ließ es zu einer transatlantischen Begegnungsstätte umbauen. Seit der Eröffnung am 18. Juni 2018 dient es dem Austausch über Demokratie, Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft.
Grundstück, Planung und Bau
Während des Nationalsozialismus wurde der Großraum Los Angeles zu einem wichtigen Zufluchtsort für deutschsprachige Emigranten. Thomas und Katia Mann beschlossen bei einem Sommeraufenthalt 1940 in Brentwood, nach Kalifornien zu ziehen. Nach einem zunächst gemieteten Haus kauften sie 1941 in Pacific Palisades ein rund 6000 m² großes Grundstück, das zu einer Zitronenplantage gehört hatte. Die ebenfalls angebotene heutige Villa Aurora lehnten sie ab, weil sie einen kleineren und wohnlicheren Neubau bevorzugten.
Die Suche nach einem geeigneten Entwurf war schwierig. Thomas Mann entschied sich gegen Richard Neutras modernen Baustil. Auch Pläne oder Vorschläge von Paul László, Frank Meline und Paul Lester Wiener wurden nicht umgesetzt. Ende 1940 erhielt Julius Ralph Davidson den Auftrag; am 4. Januar 1941 legte er die ersten Pläne vor. Finanziell ermöglichten den Bau unter anderem Manns einträgliche Ehrenstellung als „Consultant in Germanic Literature“ an der Library of Congress und seine Vortragstätigkeit. Seine Gönnerin Agnes E. Meyer hatte ihm die Stellung vermittelt und bürgte außerdem für die Hypothek.
Die zweigeschossige Villa wurde zwischen Juni 1941 und Februar 1942 errichtet. Als Baukosten werden 30.000 US-Dollar genannt; diese Summe ist jedoch umstritten. Nach Auswertung der Baurechnungen kam Francis Nenik auf gut 26.000 Dollar. Ausgeführt wurden die Arbeiten vom deutschen Emigranten Ernst Moritz Schlesinger. Wegen mehrfacher Planänderungen wurde das Haus verkleinert; ein Aufbau über der Garage und ein Kamin im Arbeitszimmer entfielen.
Das Gebäude hatte schließlich knapp 400 m² Wohnfläche und wurde im International Style gestaltet, einer modernen Architekturrichtung mit klaren Formen. Der emigrierte Berliner Innenarchitekt Paul Huldschinsky richtete die Räume ein. Im Erdgeschoss lagen unter anderem Thomas Manns Arbeitszimmer mit bis heute erhaltener Holzvertäfelung und Bücherregalen sowie das Wohnzimmer mit einer großen Glasfront zum Garten. Im Obergeschoss befanden sich mehrere kleinere Schlafzimmer für das Ehepaar und seine Kinder.
Familienleben und literarische Arbeit
Wegen der sieben Palmen auf dem Grundstück nannte Thomas Mann das Haus und das gesamte Anwesen „Seven Palms“. Den Garten legte 1942 der 1931 in die USA emigrierte Gärtner Theodor Löwenstein für 1100 Dollar an.
In der Villa schrieb Thomas Mann bedeutende Werke, darunter den Roman Doktor Faustus und große Teile des vierten Bandes der Joseph-Tetralogie. Außerdem entstanden dort zahlreiche politische Reden und Schriften gegen das nationalsozialistische Regime, darunter ein Großteil seiner Radioansprachen Deutsche Hörer!. Ab 1948 lebte auch seine Tochter Erika Mann in dem Haus.
Im Juni 1952 verließen Thomas und Katia Mann gemeinsam mit Erika die Vereinigten Staaten und zogen in die Schweiz. Gründe waren ihre Enttäuschung über die amerikanische Nachkriegspolitik und den McCarthyismus. Thomas Mann betonte allerdings, dass er amerikanischer Staatsbürger bleibe. Das Haus, das er später vermisste, sah er nicht wieder.
Im September 1953 kauften die amerikanischen Rechtsanwälte Chet und Jon Lappen die Villa für 50.000 Dollar. Ihre Familie ergänzte Anbauten und einen Swimmingpool und lebte bis 2010 dort. Anschließend wurde das weiterhin im Familienbesitz befindliche Haus einige Jahre vermietet.
Rettung, Umbau und Eröffnung
2016 wurde das mangelhaft instand gehaltene Haus zum Verkauf angeboten, ohne auf seine berühmten früheren Bewohner hinzuweisen. Da ein Abriss drohte, warnten die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und weitere Schriftsteller vor dem Verlust eines wichtigen Ortes der deutschen Exilliteratur. Politiker wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier unterstützten die Idee, daraus eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte zu machen. Im November 2016 kaufte die deutsche Bundesregierung das Anwesen für rund 13 Millionen Dollar.
Die 2017 begonnenen Umbauarbeiten kosteten etwa fünf Millionen Dollar. Das Gebäude wurde umfassend saniert, während der Grundriss, Thomas Manns Arbeitszimmer und Teile der Küche erhalten blieben. Berichte über das akademische Programm, den Bau und die internen Strukturen des zuständigen Vereins führten 2018 zu einer Kontroverse.
Am 18. Juni 2018 eröffnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Komplex. Die Eröffnung fand während politischer Spannungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten unter der ersten Präsidentschaft Donald Trumps statt. Steinmeier hob das gemeinsame Ringen beider Staaten um Demokratie sowie eine freie und offene Gesellschaft hervor. Auch Thomas und Katia Manns Enkel Frido Mann, der einen Teil seiner Kindheit in der Villa verbracht hatte, nahm teil.
Nach den Waldbränden in Kalifornien im Januar 2025 blieb das Thomas-Mann-Haus zunächst geschlossen. Im Juni 2025 wurde es zum 150. Geburtstag Thomas Manns wiedereröffnet; regelmäßige Veranstaltungen und das Fellowship-Programm konnten wieder stattfinden.
Heutige Nutzung und Programme
Das Thomas-Mann-Haus wird aus Mitteln des Auswärtigen Amtes, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie aus Stiftungsgeldern finanziert. Für die Programmplanung ist der Verein Villa Aurora & Thomas Mann House verantwortlich. Das Haus betreibt ein Residenzprogramm: Delegierte Stipendiaten leben und arbeiten dort, um sich untereinander und mit Menschen im Gastland über wichtige Fragen der Gegenwart auszutauschen. Im Hauptgebäude können bis zu fünf Teilnehmer des Thomas Mann Fellowship wohnen. Die Stipendien werden unter anderem von der Bosch-, der Berthold Leibinger- und der Krupp-Stiftung finanziert.
Seit 2018 organisiert das Haus Konferenzen, Lesungen, Konzerte und Diskussionen gemeinsam mit Partnerinstitutionen in Deutschland und den Vereinigten Staaten. Den Auftakt bildete am 19. Juni 2018 die Konferenz The Struggle for Democracy. Ein weiteres Beispiel war die mehrtägige Konferenz Moral Code – Ethics in the Digital Age von 2019 an der University of California, Los Angeles. Dort diskutierte der Stipendiat Damian Borth mit amerikanischen Wissenschaftlern über neue Kommunikationsformen und die moralischen Folgen digitaler Technologien.
Im Oktober 2019 begann gemeinsam mit dem Deutschlandfunk und der Süddeutschen Zeitung die Reihe 55 Voices for Democracy. Sie knüpft an Thomas Manns 55 BBC-Radioansprachen Deutsche Hörer! aus dem Zweiten Weltkrieg an. Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler stellen darin ihre Vorstellungen zur Erneuerung der Demokratie vor. Ergänzend entstand mit dem Los Angeles Review of Books eine Podcast-Reihe über demokratische Debatten und Thomas Manns Wirken.
Im April 2020 rief das Haus zusammen mit dem S. Fischer Verlag die Online-Initiative #MutuallyMann ins Leben. Sie lud zur gemeinsamen Lektüre der Novelle Mario und der Zauberer und des Vortrags Deutschland und die Deutschen ein. Die seit Mai 2020 angebotene Reihe #Mann’s LA untersucht Thomas Manns Los Angeles und dessen Verbindungen zur Gegenwart. Im Mai 2022 löste Benno Herz Nikolai Blaumer als Programmdirektor ab; im April 2023 wurde Oliver Hartmann Direktor des Teams in Los Angeles.