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Chantal Mouffe
Chantal Mouffe (* 17. Juni 1943 in Charleroi) ist eine belgische Politikwissenschaftlerin und Professorin für Politische Theorie an der University of …
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Person und Bedeutung
Chantal Mouffe (* 17. Juni 1943 in Charleroi) ist eine belgische Politikwissenschaftlerin und Professorin für Politische Theorie an der University of Westminster in London. Sie hat an zahlreichen Universitäten in Europa, Nord- und Lateinamerika gelehrt und geforscht und ist Mitglied des Collège international de philosophie in Paris.
Mouffe zählt zum Postmarxismus. Besonders wichtig ist ihr gemeinsames Werk mit Ernesto Laclau, Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, das 1985 erschien. Darin entwickelten beide die Hegemonietheorie Antonio Gramscis weiter. Ihre Hegemonie- und Diskurstheorie wurde ein zentraler Bezugspunkt poststrukturalistischer Theorie und beeinflusste viele empirische Arbeiten der Diskursforschung.
Im Zentrum ihrer Arbeiten steht die Frage, wie gesellschaftliche Strukturen, politische Prozesse und Machtverhältnisse entstehen. Mouffe und Laclau betonen dabei Kontingenz: Gesellschaftliche Ordnungen sind nicht naturgegeben oder endgültig, sondern Ergebnisse politischer Aushandlungsprozesse und daher grundsätzlich veränderbar.
Grundidee des Politischen
Für Mouffe ist der wichtigste Aspekt des Politischen der antagonistische Widerspruch. Ein Antagonismus ist ein grundlegender Gegensatz zwischen politischen Positionen oder Akteuren. Nach Mouffe kann ein solcher Gegensatz weder einfach durch Kompromiss aufgelöst noch durch einen vollkommen rationalen, herrschaftsfreien Konsens beseitigt werden.
Politik ist für sie immer auch durch Macht geprägt: Ein Kontrahent steht einem anderen gegenüber, und politische Konflikte verschwinden nicht einfach. Sie können aber durch Institutionen eingehegt werden. Deshalb plädiert Mouffe nicht für einen „Exodus aus den Institutionen“, sondern für eine „Auseinandersetzung mit den Institutionen“.
In ihrer Vorstellung politischer Gegensätze bezieht sich Mouffe ausdrücklich auf Carl Schmitt und dessen Unterscheidung von „Freund“ und „Feind“ als zentralem Merkmal des Politischen. Anders als Schmitt argumentiert sie jedoch, dass solche Gegensätze innerhalb eines demokratisch verfassten Gemeinwesens friedlich ausgetragen werden können.
Antagonismus und Agonismus
In Über das Politische: Wider die kosmopolitische Illusion vertritt Mouffe die These, dass politische Positionen oft unvereinbar sind und dass solche Antagonismen auch in einer liberalen Demokratie nicht vollständig aufgelöst werden können. Sie kritisiert liberale Demokratietheorien dafür, dass sie ihrer Ansicht nach zu sehr darauf vertrauen, politische Gegensätze in Arbeits- und Lebenswelt würden durch Individualisierung und rationale Diskurse verschwinden.
Mouffe unterscheidet zwischen dem Politischen und Politik. Das Politische bezeichnet die gesellschaftlich bestehenden Antagonismen. Politik bezeichnet dagegen die institutionellen Verfahren der gesamtgesellschaftlichen Ordnung, die unter anderem dazu dienen, Konflikte in einem geordneten Rahmen zu halten.
Von Carl Schmitt übernimmt Mouffe die Idee, dass Unterscheidungen von „wir“ und „sie“ grundlegend für soziale Konstellationen sind. Sie verwirft aber Schmitts Vorstellung eines nach innen homogenen demokratischen Staates, der seine Identität im Gegensatz zu anderen Staaten bildet. Für Mouffe entsteht Identität durch Abgrenzung von einem „Anderen“, dem sogenannten konstitutiven Außerhalb. Diese Unterscheidung kann zu einem Freund-Feind-Konflikt werden. Damit ein solcher Konflikt nicht auf Vernichtung des Gegners hinausläuft, sollen Antagonismen in Agonismen umgewandelt werden. Agonismus bedeutet hier: Die Gegenseite wird nicht als Feind, sondern als Gegner anerkannt, dessen Position grundsätzlich als legitim gilt.
Demokratie, Populismus und Neoliberalismus
Mouffe kritisiert die von ihr als postpolitisch beschriebenen Verhältnisse im heutigen Neoliberalismus. Damit meint sie eine Lage, in der grundlegende politische Gegensätze verdeckt oder entpolitisiert werden. Sie spricht sich für einen neuen Linkspopulismus aus, der Fragen sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit wieder mehrheitsfähig machen und sich dem Rechtspopulismus entgegenstellen soll.
Ihre Kritik richtet sich besonders gegen Formen deliberativer Demokratie. Deliberative Demokratie meint ein Demokratieverständnis, das stark auf rationale Beratung, Diskussion und Konsensbildung setzt. Mouffe will dagegen das Aufeinanderprallen unterschiedlicher politischer Meinungen und die Ideale der Demokratie wiederbeleben.
Dabei fordert sie laut Artikel nicht die Abschaffung der kapitalistischen Ordnung und damit auch nicht die Abschaffung der liberalen Demokratie. Nicht die kapitalistische Form als Ganzes solle in Frage gestellt werden, sondern ihre gegenwärtige neoliberal auftretende Form. Grundsätzliche Veränderungen der sozioökonomischen Bedingungen könnten nach Mouffe nur aus der bestehenden liberal-demokratischen Formation heraus erreicht werden.
Bezüge zu Freud und Canetti
Zur Stützung ihrer These verweist Mouffe auch auf Sigmund Freud und Elias Canetti. Bei Freud bezieht sie sich auf Unbehagen in der Kultur. Freud beschreibt dort einen Dualismus menschlicher Kräfte: den Lebenstrieb Eros und den Todestrieb. Mouffe verbindet dies mit dem Gegensatz von Freund und Feind: Der Gegensatz kann nicht vollständig aufgelöst, aber in kontrollierbare Formen gelenkt werden.
Auch Elias Canetti dient ihr als Bezugspunkt. Der Artikel nennt bei ihm eine doppelseitige Leidenschaft: einerseits Individualisierung und Abgrenzung von Gruppen, andererseits die Leidenschaft, mit der Gruppe zu verschmelzen oder sich in der Masse zu verlieren. Damit soll gezeigt werden, dass gegensätzliche Pole im Politischen notwendig sind, weil Menschen klare Identifikationsflächen brauchen.
Wichtige Schriften und institutionelle Rollen
Zu Mouffes wichtigsten Monographien gehören Hegemony and Socialist Strategy: Towards a Radical Democratic Politics von 1985, gemeinsam mit Ernesto Laclau, auf Deutsch Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus; The Democratic Paradox von 2000, auf Deutsch Das demokratische Paradox; On the Political von 2005, auf Deutsch Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion; Agonistics: Thinking The World Politically von 2013, auf Deutsch Agonistik – Die Welt politisch denken; For a Left Populism von 2018, auf Deutsch Für einen linken Populismus; sowie Towards a Green Democratic Revolution. Left Populism and the Power of Affects von 2022, auf Deutsch Eine Grüne demokratische Revolution. Linkspopulismus und die Macht der Affekte.
Sie war außerdem Herausgeberin mehrerer Werke, darunter Gramsci and Marxist Theory, Dimensions of Radical Democracy: Pluralism, Citizenship, Community, Deconstruction and Pragmatism, The Challenge of Carl Schmitt und The Return of the Political. Zu den ausgewählten Aufsätzen zählen Hegemonie und neue politische Subjekte. Eine neue Konzeption von Demokratie, Deliberative Democracy or Agonistic Pluralism und Hegemony, Radical Democracy, and the Political.
Mouffe ist Mitglied im Kuratorium des Instituts Solidarische Moderne. 2026 wurde sie zum Mitglied der American Academy of Arts and Sciences gewählt.