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Deutschland und die Deutschen
Deutschland und die Deutschen ist eine Rede Thomas Manns, die er am 29. Mai 1945 in der Forschungsbibliothek des US-Kongresses, der Library of Congress, …
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Kern der Rede
Deutschland und die Deutschen ist eine Rede Thomas Manns, die er am 29. Mai 1945 in der Library of Congress in Washington zunächst auf Englisch hielt. Die deutsche Fassung erschien im Oktober 1945 in Die neue Rundschau. Sie entstand kurz nach der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg und gehört zu den essayistischen Begleittexten zu seinem Roman Doktor Faustus.
Mann versucht darin, die politische und geistesgeschichtliche Stellung Deutschlands zu deuten. Im Mittelpunkt steht das „deutsche Problem“: ein Volk, das der Welt viel Schönes und Großes gegeben habe, ihr aber zugleich immer wieder verhängnisvoll zur Last gefallen sei. Er will Deutschland weder verteidigen noch sich selbst als Vertreter eines „guten Deutschland“ gegen ein „böses Deutschland“ absetzen. Als Deutscher, so Mann, habe man mit deutschem Schicksal und deutscher Schuld zu tun. Seine Aussagen versteht er als Ergebnis von Selbstprüfung und deutscher Selbstkritik.
Innerlichkeit, Weltfremdheit und Faust
Mann beschreibt die deutsche Seele als von Gegensätzen geprägt: Weltbedürftigkeit und Weltscheu, Kosmopolitismus und Provinzialismus. Mit „Innerlichkeit“ meint er eine nach innen gerichtete, gefühls- und geistbetonte Haltung: Tiefe des Herzens, Naturfrömmigkeit, metaphysisches Denken und musikalische Begabung. Diese Innerlichkeit habe bedeutende Kultur hervorgebracht, besonders deutsche Metaphysik, deutsche Musik und das deutsche Lied.
Zugleich sieht Mann darin eine Gefahr. Die deutsche Weltfremdheit könne in Provinzialismus, politisches Ungeschick und eine Nähe zum Irrationalen umschlagen. Am Beispiel Lübecks beschreibt er eine scheinbar nüchterne Handelsstadt, in der für ihn trotzdem ein altertümlicher, mittelalterlich geprägter Untergrund spürbar blieb.
Die Figur Faust dient Mann als Bild für die deutsche Seele. Faust verkauft aus übersteigertem Erkenntnisdrang seine Seele an den Teufel. Mann verbindet dieses Motiv mit Deutschland 1945: Der Pakt mit dem Teufel, um Macht und Weltbesitz zu gewinnen, erscheint ihm als gefährlich naheliegendes Sinnbild für den deutschen Weg in den Nationalsozialismus. Die Musik ist dabei zentral: Sie steht für Tiefe, Innerlichkeit und Verführungskraft, aber auch für Dämonie, Rausch und Wirklichkeitsferne.
Luther, Goethe und Freiheit
Martin Luther erscheint bei Mann als „Inkarnation deutschen Wesens“. Er würdigt Luthers Bibelübersetzung, die die deutsche Sprache dauerhaft geprägt habe, und seine Bedeutung für Gewissensfreiheit, Pietismus, idealistische Philosophie und Psychologie. Zugleich kritisiert Mann Luthers politische Haltung scharf. Luther habe die innere, geistliche Freiheit des Christenmenschen betont, aber nichts von politischer Freiheit verstanden. Im Bauernaufstand habe er die Bauern als Gefahr für sein Werk gesehen und die Fürsten zu harter Gewalt ermutigt.
Goethe steht für Mann als versöhnende Gegenfigur: In ihm seien der Gegensatz zwischen Luther und Erasmus von Rotterdam, zwischen deutschem Wesen und humanistischer Bildung, aufgehoben. Goethe habe Deutschland kulturell einen großen Schritt vorwärts führen können; tatsächlich habe sich Deutschland nach Manns Urteil aber näher zu Luther als zu Goethe gehalten.
Der deutsche Freiheitsbegriff ist für Mann problematisch. Politische Freiheit sei eigentlich ein moralisch-innenpolitischer Begriff, verbunden mit Verantwortung. In Deutschland sei Freiheit jedoch oft vor allem als äußeres Recht verstanden worden, deutsch zu sein. Der deutsche Freiheitsdrang habe sich deshalb häufig mit innerer Unfreiheit, Untertanengeist und völkischem Denken verbunden. Mann erklärt dies auch damit, dass Deutschland nie eine erfolgreiche Revolution gehabt habe, die Nation und Freiheit miteinander verband.
Politik, Bismarck und Nationalsozialismus
Politik versteht Mann als „Kunst des Möglichen“: eine schöpferische Vermittlung zwischen Idee und Wirklichkeit, die Kompromisse einschließt und doch das Menschliche und Sittliche nicht aus den Augen verlieren soll. Den Deutschen sieht er dagegen oft als politisch ungeübt. Weil er Politik für Lüge, Betrug, Mord und Gewalt halte, betreibe er sie im Ernstfall auch so.
Die deutschen Kriegsverbrechen entschuldigt Mann nicht. Er betont sogar ihre Überflüssigkeit: Macht- und Eroberungspläne hätten dieser Verbrechen nicht bedurft. Sie seien aus ideologischer Überzeugung geschehen, aus dem „Rassenphantasma“. Den Nationalsozialismus deutet Mann als entartete, technisierte Endphase des Romantischen: aus Innerlichkeit, Irrationalismus und Weltfremdheit sei hysterische Barbarei geworden.
Otto von Bismarck nennt Mann das einzige politische Genie, das Deutschland hervorgebracht habe. In ihm hätten sich deutsche Romantik, Machiavellismus und Realismus verbunden. Das Reich von 1871 war für Mann aber kein demokratisches Projekt, sondern ein Machtgebilde mit dem Sinn europäischer Hegemonie. Es knüpfte an mittelalterliche Reichsvorstellungen an und trug so nach Manns Sicht nicht zur Verbindung von Nation und Freiheit bei.
Entstehung und Verbindung zu Doktor Faustus
Thomas Mann plante die Rede seit Herbst 1944 für seine Verpflichtungen an der Library of Congress. In einem Brief vom 31. Oktober 1944 beschrieb er das Vorhaben als kritische, aber nicht rein negative Darstellung des deutschen Charakters, Schicksals und Verhältnisses zur Welt. Eine wichtige Quelle war Benedetto Croces Geschichte Europas im neunzehnten Jahrhundert, die Mann ab dem 8. November 1944 las. Informationen zu Tilman Riemenschneider und dem Bauernkrieg entnahm er einem Buch von Karl Heinrich Stein.
Mann begann die Niederschrift am 27. Februar 1945 und beendete sie am 18. März. Die Rede wurde am 29. Mai 1945 gehalten, verbunden mit der Feier seines 70. Geburtstags. Wegen des großen Andrangs wurden zusätzliche Säle geöffnet, in denen die Zuhörer die Rede über Lautsprecher verfolgen konnten.
Eng verbunden ist die Rede mit Doktor Faustus. Im Roman schließt der Komponist Adrian Leverkühn einen Teufelspakt, um künstlerische Grenzen zu überwinden. Sein Schicksal wird symbolisch mit Deutschlands Weg in den Nationalsozialismus verknüpft. Was der Roman andeutet, spricht die Rede offen aus: Deutschland erscheint im Bild des Faustischen, der Innerlichkeit, der Musik, des Irrationalen und der tödlichen Verführung.
Ausblick und spätere Bewertung
Am Ende äußert Mann Hoffnung auf einen Weltzustand, der den nationalen Individualismus des 19. Jahrhunderts hinter sich lässt. Der Sieg über den Nationalsozialismus solle den Weg zu einer „sozialen Weltreform“ öffnen. Die Ideen eines sozialen Humanismus seien dem deutschen Wesen nicht fremd. Das deutsche Unglück erscheint ihm zuletzt als Beispiel für die Tragik des Menschseins überhaupt: Der Gnade, die Deutschland brauche, bedürften alle.
Die Rezeption der Rede war unterschiedlich. Erich Heller sah 1959 in Manns früheren Betrachtungen eines Unpolitischen ein Quellenreservoir: Frühere Gedanken über deutsche Innerlichkeit, Mystik und Musik seien in der Rede mit umgekehrter Wertung wiederaufgenommen worden. Walter Jens betonte, dass Thomas Mann zu den wenigen großen Autoren gehöre, für die „Deutschland und die Deutschen“ wirklich ein Problem gewesen sei. Gottfried Bermann Fischer würdigte den Mut, kurz nach Hitlers Ende in der Library of Congress Verständnis für Deutschlands Irrwege zu erbitten. Klaus Harpprecht lobte die Rede als großes Zeugnis deutscher Rhetorik, sah aber auch gefährliche Verkürzungen. Manfred Görtemaker kritisierte, die Rede könne die Entstehung des Nationalsozialismus aus der deutschen Geschichte nicht überzeugend erklären.