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Theorie der Geschichte
Erst die kritische Sicht der Geschichte erlaubt es, die Last der erinnerten Geschichte immer wieder abzuschütteln. Für ihn steht die Geschichte nahe zur Kunst.
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Gegenstand und Abgrenzung
Die Theorie der Geschichte, auch Geschichtstheorie oder Historik, erläutert und begründet die Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Sie untersucht also, wie wissenschaftliche Erkenntnisse über Vergangenes möglich sind, welche Methoden dafür gelten und welche Bedeutung historische Forschung für Gegenwart und Gesellschaft hat.
Sie ist von drei Bereichen zu unterscheiden: von der quellenbasierten Geschichtsforschung, die konkrete vergangene Vorgänge untersucht; von der Geschichtsdidaktik, die sich mit dem Lernen und Vermitteln von Geschichte befasst; und von der Geschichtsphilosophie. Nicht gemeint sind insbesondere „materiale“ geschichtsphilosophische Theorien über Verlauf oder Sinn der gesamten Geschichte, etwa von Augustinus von Hippo, Karl Marx oder Francis Fukuyama.
Geschichte bedeutet nicht einfach Vergangenheit. Sie kann erstens das vergangene Geschehen selbst bezeichnen, lateinisch res gestae, und zweitens dessen Darstellung in Schrift oder Erzählung, lateinisch historia rerum gestarum. Johann Gustav Droysen formulierte 1857: Gegenstand historischer Forschung seien nicht die vergangenen Vergangenheiten selbst, sondern das im „Jetzt und Hier“ noch Unvergangene: Erinnerungen sowie Überreste dessen, was geschehen ist.
Die Geschichtstheorie fragt nach den allgemeinen, „formalen“ Bedingungen historischer Erkenntnis. Dazu gehören Methodenlehre und Quellenkunde, Heuristik als Suche nach geeigneten Quellen und Fragestellungen, Hermeneutik als Verstehen und Auslegen, historische Erklärung, die Interessen Forschender sowie die gesellschaftliche Bedeutung der Geschichtswissenschaft.
Entwicklung und aktuelle Debatten
Die Theorie der Geschichte begann in der Antike als rhetorisch-didaktische Lehre des Geschichtsschreibens, zum Beispiel bei Plutarch. Im Mittelalter musste die Darstellung weltlicher Dinge gegenüber der als würdiger geltenden Heiligenvita begründet werden; dies zeigt sich bei Einhard in seiner Auseinandersetzung mit Sulpicius Severus. Über Aufklärung und Historismus entwickelte sich die Diskussion weiter zur Methodenlehre der Geschichtsforschung und zur Erkenntnistheorie historischen Denkens. Dabei wurden auch Teile der Geschichtsphilosophie einbezogen.
Wilhelm Wachsmuth veröffentlichte 1820 einen theoretischen Entwurf. Als grundlegendes Werk des deutschen Historismus gilt jedoch Droysens Historik von 1857. Friedrich Nietzsche kritisierte 1874 in Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben eine zu stark historisierende Weltsicht des damaligen Historismus, den „Götzendienst des Tatsächlichen“. Er fragte nach der Lebensleistung der Wissenschaft: Eine kritische Sicht auf Geschichte solle ermöglichen, die Last erinnerter Geschichte abzuschütteln; Geschichte stehe für ihn der Kunst nahe.
Diskurstheorien, etwa von Michel Foucault und Paul Veyne, stehen dieser Position nach dem Artikel nahe. Viele Historiker, darunter Eric Hobsbawm, wenden sich jedoch gegen eine Auflösung der Vergangenheit in bloße subjektive Konstruktion. Geschichte bleibt relevant, weil Vergangenes für Menschen unausweichlich gegenwärtig ist.
Nach 1945 führte die deutsche Teilung zu Auseinandersetzungen zwischen marxistischer und sogenannter „bürgerlicher“ Geschichtsschreibung in Ost und West. Im Mittelpunkt standen Gesetzmäßigkeit der Geschichte und Parteilichkeit des Historikers. In der Bundesrepublik betonte die Bielefelder Schule gegen Theorieskeptiker wie Konrad Repgen, dass empirische Forschung Theorie brauche. Sie trat für eine aufklärerische Rolle der Geschichte, Kritik an Mythen und das Offenlegen eigener Voraussetzungen ein.
In den 1980er Jahren entwickelte Jörn Rüsen eine neue Grundlegung. Für ihn ist Geschichte „Sinnbildung über Zeiterfahrung“; Historik setzt er mit dem englischen Metahistory gleich, also der Selbstreflexion der Geschichtswissenschaften. Hayden White stellte international mit dem „linguistic turn“ heraus, dass jede Geschichtsschreibung narrativ, also erzählend, geformt ist. Aktuelle Themen sind Mentalitätsgeschichte, Gedächtnistheorie und ihre Folgen für Oral History, Diskurstheorien, die Ikonische Wende mit stark wachsendem Quellenmaterial sowie Neue Kulturgeschichte.
Nutzen und Funktionen von Geschichte
Die theoretische Legitimation fragt, warum Geschichtswissenschaft wichtig ist. Alfred Heuß beklagte 1959 den Verlust der Geschichte als Bildungsmacht im Nachkriegsdeutschland. Private Liebhaberei genüge etwa nicht als Begründung für das Schulfach Geschichte. Damit verbindet sich die Frage, ob man aus Geschichte lernen kann: historia magistra vitae?
Jürgen Kocka fasste 1975 soziale Funktionen der Geschichte zusammen. Geschichte kann gegenwärtige Probleme erklären, indem sie Ursachen und Entwicklungen aufdeckt; als Beispiel nennt der Artikel Antisemitismus. Sie vermittelt Kategorien und Einsichten politischer Bildung zur Orientierung in der Gegenwart.
Zugleich kann Geschichte Herrschaftsverhältnisse und politische Entscheidungen legitimieren oder stabilisieren, etwa bei Revolutionsfeiern der USA 1976 und Frankreichs 1989. Deshalb ist auch Traditions- und Ideologiekritik wichtig: Historische Mythen und Legenden, beispielsweise die Dolchstoßlegende, können geprüft und kritisiert werden.
Historisches Denken schafft außerdem Möglichkeitsbewusstsein. Es macht die Gegenwart weniger selbstverständlich, zeigt Alternativen und kann Verschüttetes oder Nichtaktuelles sichtbar machen. Dadurch hilft es Individuen und Gruppen bei der Orientierung. Schließlich soll es zu konkretem und kritischem Denken erziehen, vorschnelle Absolutheitsformeln hinterfragen und die Relativität historisch-politischer Perspektiven verständlich machen. Geschichte kann daneben auch zwecklose Freizeitbeschäftigung, Unterhaltung und Vergnügen sein.
Historisches Denken als Kreislauf
Jörn Rüsen begründete 1983 fünf Faktoren historischen Denkens, die er später weiter ausarbeitete. Sie bilden ein dynamisches System der „menschlichen Zeitorientierung durch historisches Denken“. Die Konzeption verbindet Geschichtswissenschaft mit Lebenspraxis, trennt beide aber zugleich klar voneinander; diese Beziehung heißt Geschichtskultur.
Historisches Denken beginnt mit Orientierungsbedürfnissen einer Zeit. Diese werden in Konzepte überführt, also erste Perspektiven der Deutung. Die Konzepte werden mit Methoden der Geschichtswissenschaft kritisch bearbeitet und verhandelt. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in Formen der Darstellung nach außen vermittelt. Das so kommunizierte historische Wissen kann wiederum Orientierungsfunktionen im Leben erfüllen, etwa als Anker für Identitätsbildung oder Handeln.
Praktiken, Diskurse oder Ereignisse können dadurch erneut Orientierungsbedürfnisse erzeugen; der Kreislauf beginnt dann von vorn. Das Modell ist eine Abstraktion: In der Wirklichkeit bestehen die Faktoren in komplexen Wechselbeziehungen. Verschiedene Bedürfnisse treten gleichzeitig oder zeitversetzt auf und können miteinander konkurrieren. Die Matrix verdeutlicht deshalb, dass Geschichte und historische Erkenntnisse keine endgültigen Konstrukte sind. Sie werden fortlaufend neu geschrieben und reagieren auf neue Fragen und Bedürfnisse der Gegenwart.
Zentrale Problemkreise sind unter anderem die Definition von Geschichte, das Verhältnis von Individuellem und Allgemeinem, Kausalität und Zufall, historische Gesetze und Notwendigkeit, Typus und Struktur, Verstehen und Erklären, Sprache und literarische Formen, Werturteile und Normen, Objektivität und Parteilichkeit sowie Erkenntnis und Interesse. Im Grenzbereich zur Philosophie stehen außerdem das Menschenbild und der Sinn der Geschichtswissenschaft.