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Geschichtsphilosophie
Geschichtsphilosophie ist eine Teildisziplin der Philosophie, die sich mit Fragen um die menschliche Geschichte beschäftigt. Der Begriff wurde im Zeitalter …
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Grundidee und Fragestellungen
Geschichtsphilosophie ist eine Teildisziplin der Philosophie, die sich mit Fragen der menschlichen Geschichte beschäftigt. Der Begriff wurde im Zeitalter der Aufklärung von Voltaire geprägt. Wie das Wort „Geschichte“ sowohl das geschichtliche Geschehen als auch seine Darstellung meint, hat auch die Geschichtsphilosophie zwei Hauptausrichtungen: Sie fragt erstens nach Verlauf, Ziel, Gesetzmäßigkeiten und Sinn der Geschichte; zweitens untersucht sie die wissenschaftlichen Methoden, mit denen Historiker Geschichte erforschen und darstellen.
Die erste Ausrichtung heißt spekulative, substantielle oder materiale Geschichtsphilosophie. Sie entwirft Deutungen des geschichtlichen Gesamtverlaufs. Die zweite heißt kritische, analytische oder formale Geschichtsphilosophie. Sie fragt danach, wie historisches Wissen möglich ist und wie historische Aussagen begründet werden. Damit Geschichtsphilosophie mehr ist als Spekulation, muss sie auf empirischen Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft beruhen.
Modelle der Geschichte und frühe Deutungen
Wenn Geschichte als einheitliches Geschehen betrachtet wird, lassen sich verschiedene Modelle unterscheiden. Lineare Modelle gehen von einem Anfang und einem Ende der Geschichte aus. Biologistische Ansätze deuten die Entwicklung einzelner Gesellschaften analog zu Lebensaltern. Zyklische Theorien sehen Geschichte als Kreis- oder Spiralbewegung. Offene Modelle verstehen Geschichte als wesentlich undeterminiert, also wegen ihrer Komplexität nicht oder nur kurzfristig und in klar begrenzten Zusammenhängen vorherbestimmbar. Umstritten ist auch die Periodisierung, also die Gliederung des geschichtlichen Verlaufs.
In der griechisch-römischen Antike dominierte zunächst ein eher ahistorisches Denken: Geschichte galt nicht als echte Wissenschaft, weil sie sich mit einzelnen tatsächlichen Ereignissen befasst, während Wissenschaft auf Allgemeines zielt. Trotzdem gab es Vorformen geschichtsphilosophischen Denkens. Hesiod beschrieb in Werke und Tage fünf Weltalter als Verfallsgeschichte vom goldenen Zeitalter bis zum eisernen Zeitalter seiner Gegenwart. Herodot deutete Geschichte metaphysisch und sah hinter menschlichem Handeln die Götter als eigentliche Lenker. Thukydides entwickelte dagegen eine kritischere Geschichtsdarstellung, die Sachverhalte, Kausalzusammenhänge und sorgfältig bewertete Quellen in den Mittelpunkt stellte. Bei den Römern hatte Geschichte vor allem praktisch-politische Bedeutung: Überlieferte Sitten, Institutionen und Vorbilder der Vergangenheit sollten Kontinuität stiften.
Christliche Heilsgeschichte und Aufklärung
Mit dem Christentum änderte sich das geschichtliche Denken grundlegend. Geschichte wurde als Heilsgeschichte verstanden: als sinnvoller Prozess, der auf die endgültige Aufhebung der Trennung von Gott zielt. Im Alten Testament ist Gott der Herr der Geschichte und der Geschicke der Völker; Israel gilt als Werkzeug seines Heilsplans. Im Neuen Testament markieren Menschwerdung und Auferstehung Christi den Beginn der letzten Periode der Heilsgeschichte, der Zeit der Kirche, die sich mit der Wiederkehr Christi und dem letzten Gericht vollendet.
Augustinus gab in Der Gottesstaat eine frühe zusammenhängende Deutung der Geschichte. Er beschrieb sie vom Gegensatz zwischen „civitas dei“ (Gottesstaat) und „civitas terrena“ (irdischer Staat) her. Die „civitas terrena“ ist einerseits sündhaft und gottfern, andererseits Trägerin äußerer Ordnung. Letztlich ist Gott Herr beider Bereiche und damit des geschichtlichen Geschehens.
In der Neuzeit verband Giambattista Vico in der Scienza Nuova Universalgeschichte mit der Frage, wie Geschichte erkennbar ist. Er meinte, gesellschaftliche Ordnungen seien menschengemacht und deshalb dem Menschen besonders gut verständlich. Sein Geschichtsbild blieb aber geschichtstheologisch und zyklisch. In der französischen Aufklärung löste sich die Geschichtsphilosophie stärker von heilsgeschichtlichen Voraussetzungen. Voltaire setzte auf empirische Erforschung natürlicher Ursachen und nannte Klima, Regierung und Religion als wichtige Einflussfaktoren. Condorcet formulierte 1794 eine besonders ausgeprägte Fortschrittsidee: Die Menschheitsgeschichte sei insgesamt ein irreversibler, gesetzmäßiger Prozess der Vervollkommnung ohne bestimmbare Grenze.
Klassische deutsche Geschichtsphilosophie
In der klassischen deutschen Geschichtsphilosophie wurde Geschichte als Prozess der Entfaltung von Vernunft und menschlicher Freiheit verstanden. Bei Kant ist Geschichte ein zielgerichteter Prozess, dessen Verlauf aber nur mit erkenntnistheoretischem Vorbehalt gedeutet werden kann. Weil Menschen nicht nach einem gemeinsamen vernünftigen Plan handeln, sucht Kant nach einer „Naturabsicht“ im scheinbar widersinnigen Lauf menschlicher Dinge. Ziel ist für ihn eine weltbürgerliche Gesellschaft; für die Zukunft denkt er an einen Völkerbund, in dem Staaten Sicherheit und Rechte nicht aus eigener Macht, sondern aus einer gemeinsamen gesetzlichen Ordnung erwarten.
Bei Fichte steht stärker das aktive Gestalten der Geschichte im Vordergrund. Der Zweck des Erdenlebens der Menschheit sei, alle Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft zu richten. Die Gegenwart wird bei ihm zum Entscheidungspunkt. Geschichtliches Handeln lässt sich nicht aus abstrakten Prinzipien ableiten, sondern aus historischer Erfahrung und Urteilskraft, also aus dem Wissen darüber, was in einer bestimmten Zeit nötig ist.
Hegel sah in der Weltgeschichte den Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Anders als Kant verzichtete er auf deutliche erkenntnistheoretische Vorbehalte. Für ihn ist Vernunft in der Weltgeschichte wirksam; diese Vernunft erscheint als „Weltgeist“. Geschichte beginnt bei Hegel mit Staatlichkeit, alles davor heißt „Vorgeschichte“. Der Prozess verläuft von der orientalischen Epoche, in der nur der Despot frei ist, über die griechisch-römische Welt, in der Teile der Bürgerschaft frei sind, bis zur christlich-modernen Welt, in der Freiheit allgemein wird. Ereignisse, die zufällig oder widersprüchlich wirken, können nach Hegel dennoch dem Ziel der Selbstentfaltung des Geistes dienen; dies nennt er „List der Vernunft“.
Marx und spätere Ansätze
Karl Marx’ Historischer Materialismus kann als Bruch mit der idealistischen Geschichtsphilosophie oder als deren Fortsetzung mit anderen Mitteln verstanden werden. Marx betonte, es komme nicht nur darauf an, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern. Von Hegel übernahm er die Vorstellung eines dialektischen historischen Fortschritts, stellte sie aber auf eine materielle und ökonomische Grundlage. Die „Bewegungsgesetze“ der Geschichte liegen bei ihm in der Entwicklung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Wichtige Gesellschaftsformen sind Urgesellschaft, asiatische Produktionsweise, antike Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus und Kommunismus. Zwischen Urgesellschaft und Kommunismus ist Geschichte nach Marx wesentlich Geschichte von Klassenkämpfen.
Im 20. Jahrhundert schwächten Weltkriege, atomare und ökologische Bedrohungen den älteren Fortschrittsoptimismus. Spengler entwarf in Der Untergang des Abendlandes ein zyklisches Modell: Große Kulturen folgen einem Lebensplan ähnlich biologischen Lebensaltern und kommen nach etwa 1000 Jahren zum Erliegen. Guénon und Evola knüpften ebenfalls an zyklische Vorstellungen und traditionelle Weltalterlehren an. Toynbee entwickelte dagegen eine offenere globale Sicht: Kulturen entwickeln sich unterschiedlich danach, wie sie auf Herausforderungen antworten. McNeill legte mit The Rise of the West (1963) eine Grundlage der World-History-Strömung.
Andere Ansätze verzichteten auf ein einheitliches Prinzip der Weltgeschichte. Sprachanalytische Richtungen untersuchten die Struktur historischer Aussagen. Hermeneutische Ansätze, besonders bei Hans-Georg Gadamer, betonten, dass menschliches Verstehen immer schon geschichtlich geprägt und begrenzt ist.
Perspektiven der Gegenwart
Im 21. Jahrhundert wird Geschichtsphilosophie unter anderem als Verbindung von Vergangenheitsbeziehung, Zukunftserwartung und gegenwärtigem Handeln verstanden. Christian Schmidt sieht wichtige Rückbezüge in den europäischen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts: Deren Selbstverortung in der Geschichte eröffnete Perspektiven für Aufklärung und Befreiung. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts habe sich die Lage aber verändert; nun gehe es weniger um die Überwindung des Hergebrachten als darum, eine entfesselte Dynamik zu unterbrechen.
Nikolas Kompridis meint, in der Moderne hätten sich geschichtliches Bewusstsein und utopisches, zukunftsgerichtetes Denken getrennt. Eine nicht mehr offene Zukunft verstärke kulturelle Erschöpfung und Verwirrung. Philosophie solle Möglichkeiten aussprechen, die auf Bedürfnisse der Menschheit antworten, und so eine andere Zukunft offen halten.
Johannes Rohbeck entwickelt eine „integrative Geschichtsphilosophie“, die sich methodisch reflektiert den drängenden Problemen der Gegenwart stellt. Dazu gehören weltgeschichtliche Gerechtigkeit, Entwicklungschancen für historisch benachteiligte Regionen und der anthropogene Klimawandel. Bei bestimmten Problemen, etwa Atommüllentsorgung oder Treibhausgasen, unterscheidet er Verantwortungsfristen als Handlungsräume. Beim Klimawandel seien Handlungen „in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten unumgänglich“, während die Folgen spätere Generationen weit über drei lebende Generationen hinaus betreffen.