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Historismus (Geschichtswissenschaft)

Historismus bezeichnet eine im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland einflussreiche philosophische und geschichtswissenschaftliche Strömung.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Grundgedanke
  2. 2. Zentrale Inhalte
  3. 3. Begriffsgeschichte
  4. 4. Inhaltliche Entwicklung und Vertreter
  5. 5. Krise des Historismus
  6. 6. Kritik und deutscher Sonderweg

Kern und Grundgedanke

Historismus bezeichnet eine im 19. und 20. Jahrhundert in Deutschland einflussreiche philosophische und geschichtswissenschaftliche Strömung. Im Mittelpunkt steht die Geschichtlichkeit des Menschen: Menschen, Ideen und Institutionen sind durch ihre Tradition und Vergangenheit geprägt. Staat und Nation gelten daher nicht als rein rationale Ergebnisse gesellschaftlicher Prozesse, sondern als organisch und geschichtlich hervorgebrachte Gebilde.

Die Geschichte soll nicht durch philosophische oder metaphysische Gesamtsysteme erklärt werden. Stattdessen soll jede Epoche und jedes historische Geschehen in seiner Eigenart verstanden werden. Der Historismus ist nicht mit dem Historizismus zu verwechseln; Karl Popper verwendete beide Begriffe allerdings teilweise uneinheitlich, was in der englischen Rezeption zu Missverständnissen führte.

Zentrale Inhalte

Der Historismus geht davon aus, dass die Natur einer Sache in ihrer Geschichte liegt. Um beispielsweise die Eigenart einer Nation zu verstehen, muss daher ihre Geschichte untersucht werden. Geschichtsmetaphysische Entwürfe werden grundsätzlich abgelehnt. Diese Sichtweise steht unter dem Einfluss der Romantik und ist mit der Historischen Rechtsschule verbunden, die von Savigny und Eichhorn gegründet wurde.

Der Historismus lehnt schematische Großtheorien und gesetzesartige Erklärungen der Geschichte ab, wie sie für die Naturwissenschaften typisch sind. Historische Gegenstände – etwa Epochen, Menschen und Werke – sollen nicht als Varianten eines einheitlichen Schemas betrachtet werden. Stattdessen wird ihre Verschiedenartigkeit herausgearbeitet. Diese individualisierende Betrachtung gilt als wichtiges Unterscheidungsmerkmal der Geschichtswissenschaft gegenüber den Sozialwissenschaften.

Geschichtswissenschaft soll außerdem möglichst objektiv zeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist, wie Leopold von Ranke formulierte. Tagespolitische Zielsetzungen werden abgelehnt. Im klassischen Historismus stand vor allem die Staatsgeschichte im Vordergrund; sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Fragen erhielten weniger Aufmerksamkeit. Der Staat wurde dabei als eigentlich handelndes Geschichtssubjekt verklärt.

Der Fortschrittsgedanke der Aufklärung, besonders in der Folge der Hegelschen Schule, wird zurückgewiesen. Auch eine wertende Rangordnung von Epochen oder Kulturen in „höhere“ und „niedrigere“ Entwicklungsstufen gilt als unangemessen. Friedrich Meinecke fasste den Kern des Historismus als Ersetzung einer generalisierenden durch eine individualisierende Betrachtung geschichtlich-menschlicher Kräfte zusammen. Jede Gesellschaft soll aus ihren eigenen natürlichen und geistesgeschichtlichen Voraussetzungen verstanden werden.

Begriffsgeschichte

Eine wichtige gedankliche Voraussetzung findet sich bei Giambattista Vico (1668–1744). Er vertrat die Auffassung, dass die menschliche Realität in der Geschichte liege, weil der Mensch die Geschichte selbst geschaffen habe. Im Unterschied zur Natur könne Geschichte verstanden werden, da sie von Bedeutung und menschlichem Handeln geprägt sei.

In Deutschland wurde der Begriff „Historismus“ erstmals 1797 von Friedrich Schlegel verwendet. Er bezog sich auf Winckelmanns Historismus und wollte den „unermeßlichen Unterschied“ zwischen der Antike und der Kultur des 18. Jahrhunderts hervorheben. Die Antike sollte nicht durch eine philosophische Brille, sondern in ihrer Eigenständigkeit betrachtet werden. 1798 gebrauchte auch Novalis den Begriff im Zusammenhang mit verschiedenen Methoden. Ludwig Feuerbach verwendete ihn später in einer ähnlichen Bedeutung, nämlich für die Anerkennung der Individualität geschichtlicher Epochen.

Inhaltliche Entwicklung und Vertreter

Die Ausbreitung des Historismus im frühen 19. Jahrhundert kann vor allem als Reaktion auf die Französische Revolution verstanden werden. Deren gewaltsam durchgesetzter universalistischer Anspruch löste in Deutschland „Erschrecken und Abwehr“ aus und förderte die Hinwendung zu dynastisch und lokal begrenzten Verhältnissen. Johann Gottfried Herder legte mit seiner Kulturtheorie und Geschichtsphilosophie einen wichtigen Grundstein. Er sah die Geschichte als Werden und Wachsen einzigartiger Völker und Nationen aus inneren Triebkräften. Zugleich erkannte er eine allgemeine Verpflichtung zur Humanität und einen Völkerkontrakt an, bestimmte diese Forderungen jedoch nicht genauer.

Leopold von Ranke wandte sich gegen die spekulative philosophische Geschichtsschreibung und forderte möglichst objektive, empirisch fundierte Forschung. Allgemeine Systeme opferten seiner Ansicht nach das Einzelne und Einzigartige. Ranke gilt deshalb als Begründer der modernen Geschichtswissenschaft. Er glaubte jedoch weiterhin an hinter der Geschichte wirkende Kräfte. Geschichtsschreibung sollte nicht nur Ereignisse nacherzählen, sondern die grundlegenden Gestalten von Persönlichkeiten und Ereignissen sichtbar machen und ihren Zusammenhang prüfen.

Johann Gustav Droysen knüpfte 1857 in seiner Historik an Rankes Gedanken an. Historische Zusammenhänge könnten nicht wie in den Naturwissenschaften logisch abgeleitet werden, sondern müssten durch Interpretation verstanden werden. Die Geschichtswissenschaft sei daher eine hermeneutische Wissenschaft, also eine Wissenschaft des Verstehens von Bedeutung.

Wilhelm Dilthey entwickelte diese Unterscheidung im späteren 19. Jahrhundert weiter: Während Naturwissenschaften die Welt erklären, richten sich Kultur- und Geisteswissenschaften auf das Verstehen. Wilhelm Windelband griff dies 1894 in Geschichte und Naturwissenschaft auf, Heinrich Rickert 1921 in Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft. Auch Oswald Spenglers Gegenüberstellung von „Welt als Geschichte“ und „Welt als Natur“ gehört in diesen Zusammenhang. Die Vorstellungen des Historismus blieben in der Bundesrepublik Deutschland bis in die 1970er Jahre weit verbreitet. Außerhalb Deutschlands werden besonders Robin George Collingwood und, mit ähnlichen Gedanken, José Ortega y Gasset genannt. Croce und Collingwood betonten zusätzlich die Rationalität des Denkens als Gegengewicht zu einer einseitigen Orientierung am Kontingenten.

Krise des Historismus

Eine zentrale Krisenfrage lautete, ob Geschichte einen Fortschritt darstellt. Können Kultur und Geschichte als Aufstieg und Entwicklung des Menschen verstanden werden, wie Hegel meinte, oder steht jede Epoche „unmittelbar zu Gott“, wie Ranke sagte?

Ernst Troeltsch sprach erstmals von der „Krisis des Historismus“. Er kritisierte, dass der Historismus allen geschichtlich entstandenen Werten und Normen grundsätzlich dasselbe Recht zuspreche. Daraus könne ein Relativismus entstehen, in dem es keine absolut gültigen Werte gebe und die moderne westliche Kultur untergraben werde. Besonders in der Religion führe dies zum Zweifel. Troeltsch versuchte, dieses Problem in Die Absolutheit des Christentums und die Religionsgeschichte zu überwinden. Karl Mannheim sah im Historismus dagegen auch die Möglichkeit einer intellektuellen Existenz, die sich mit den sozialen Umbrüchen der modernen Gesellschaft auseinandersetzt.

Friedrich Nietzsche griff 1874 in Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben den schulmäßig betriebenen Historismus an. Dieser hemme schöpferisches Handeln, weil er ständig die Relativität menschlicher Taten und Vorstellungen vor Augen führe. Max Weber ergänzte, dass auch der Standpunkt des Historikers relativ sei: Geschichte erscheine stets im Licht der eigenen geschichtlichen und sozialen Prägung des Wissenschaftlers und beantworte daher die Fragen, die dieser aus seinem Umfeld an sie richte.

Friedrich Meinecke wollte 1936 in Die Entstehung des Historismus die Krise überwinden, indem er die Besonderheit des Historismus für die deutsche Geistestradition herausarbeitete. Das genetische Denken, das auch irrationale Seiten des menschlichen Lebens berücksichtigt, erschien ihm als die beste Möglichkeit, menschliche Eigenarten zu verstehen. Der junge Martin Heidegger und der junge Hans-Georg Gadamer wandten sich Mitte der 1920er Jahre ebenfalls gegen den Historismus. Ihre Gegenposition wurde später selbst als „Historismus zweiten Grades“ gedeutet.

Kritik und deutscher Sonderweg

Der Historismus wurde häufig wegen seines Relativismus kritisiert. Wenn jede Epoche ihre eigene Berechtigung besitzt und nicht mit heutigen Wertmaßstäben beurteilt werden darf, so der Vorwurf, könne dies zu einem völligen Werterelativismus führen. Marxistisch orientierte Kritiker bezeichneten ihn als konservativ und rückwärtsgewandt. Sozialwissenschaftler, die sich an naturwissenschaftlichen Methoden orientierten, lehnten den individualisierenden Ansatz ab und forderten allgemeine Gesetze auch für die Geschichte.

Vertreter des Historismus entgegneten, dass zwischen den Grundsätzen wissenschaftlicher Arbeit und dem tatsächlichen Verhalten einzelner Historiker unterschieden werden müsse. Dass sich manche Bekenner des Historismus in ihrer Forschung oder ihrem tagespolitischen Engagement nicht an diese Grundsätze hielten, entwerte die Grundsätze selbst nicht.

Friedrich Meinecke deutete den Historismus als geistige Bewegung, die Deutschland vom Westen unterscheide, und verband dies zunächst mit einem „deutschen Sonderweg“. Nach dem Ersten Weltkrieg wollte er diesen Sonderweg jedoch nicht mehr politisch verstanden wissen. Andere Autoren griffen ihn politisch auf. Zeev Sternhell sah im Geschichtsbild des Historismus eine mögliche Vorgeschichte der deutschen Katastrophe des Nationalsozialismus. Kritisch hervorgehoben werden dabei die Abgrenzung von universalen Werten und vom Naturrecht, der Kult des Partikularen sowie die Vorstellung von Nation und Gesellschaft als organischen, lebendigen Gebilden. Nach Sternhell kann eine solche organische Metapher dazu führen, Gesellschaften mit Gesetzen zu erklären, die für Lebewesen gelten.

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