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The Satanic Temple

Religiöses Abtreibungsritual (2020). Bearbeiten. Die Religious Reproductive Rights Campaign tritt für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ein. Nach …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee, Entstehung und Bedeutung
  2. 2. Ethik und religiöses Selbstverständnis
  3. 3. Organisation und Verbreitung
  4. 4. Politischer Aktivismus und bekannte Kampagnen
  5. 5. Soziale Arbeit und internationale Aktionen
  6. 6. Religionsstatus und Konflikt mit der Church of Satan

Grundidee, Entstehung und Bedeutung

The Satanic Temple (TST) ist eine 2013 in den USA gegründete atheistische satanische Organisation. Gründer sind Lucien Greaves, auch Douglas Mesner genannt und mit bürgerlichem Namen Douglas Misicko, sowie Malcolm Jarry, bürgerlich Cevin Soling. TST gehört zum modernen Satanismus, verbindet diesen aber mit Humanismus, Liberalismus und politischem Aktivismus. Satan gilt nicht als wirklich existierendes Wesen, sondern als literarisches Symbol für Individualität, Freiheitswillen und Widerstand gegen Tyrannei. Okkultismus und Esoterik lehnt die Organisation ab; satanische Symbole schaffen einen kulturellen und gemeinschaftlichen Rahmen.

Die ursprüngliche Idee führte Malcolm Jarry auf das 2001 unter Präsident George W. Bush gegründete White House Office of Faith-Based and Community Initiatives zurück. 2012 traf er Douglas Mesner an der Harvard University. Am 25. Januar 2013 verwendete die Gruppe bei einer inszenierten Kundgebung in Florida erstmals öffentlich den Namen The Satanic Temple. Sie begrüßte scheinbar ein Gesetz über von Schülern geleitete Schulgebete und machte damit darauf aufmerksam, dass die erlaubten Gebete auch satanistisch sein könnten.

TST wuchs durch Spenden, öffentlichkeitswirksame Aktionen und die Arbeit örtlicher Gemeinden. Im November 2016 hatte die Organisation nach eigenen Angaben etwa 50.000 Mitglieder in den USA; nach Donald Trumps Wahl stieg die Zahl innerhalb weniger Tage um mehrere Tausend. Für 2022 gab TST weltweit mehr als 700.000 Mitglieder an. Ende 2024 wurde die Organisation in Russland als „unerwünschte Organisation“ eingestuft.

Ethik und religiöses Selbstverständnis

TST will Religion vom Glauben an Übernatürliches trennen. Sein erklärter Auftrag besteht darin, Güte und Einfühlungsvermögen zwischen allen Menschen zu fördern sowie für angewandten gesunden Menschenverstand und Gerechtigkeit einzutreten. Als organisierte Religion möchte TST Öffentlichkeitsarbeit leisten, mit gutem Beispiel vorangehen und sich an öffentlichen Angelegenheiten beteiligen.

Die sieben Grundsätze bilden die ethische Leitlinie:

  • Gegenüber allen Lebewesen soll man im Einklang mit der Vernunft mit Mitgefühl und Empathie handeln.
  • Das fortlaufende Streben nach Gerechtigkeit soll über Gesetzen und Institutionen stehen.
  • Der eigene Körper ist unantastbar und unterliegt allein dem eigenen Willen.
  • Die Freiheit anderer ist zu achten, einschließlich der Freiheit zu kränken. Wer vorsätzlich und zu Unrecht in fremde Freiheiten eingreift, verzichtet damit auf die eigenen.
  • Überzeugungen sollen dem besten wissenschaftlichen Verständnis der Welt entsprechen; wissenschaftliche Tatsachen dürfen nicht passend gemacht werden.
  • Menschen sind fehlbar. Fehler sollen korrigiert und verursachte Schäden möglichst behoben werden.
  • Alle Grundsätze sind Leitlinien für edles Denken und Handeln. Mitgefühl, Weisheit und Gerechtigkeit stehen über dem geschriebenen oder gesprochenen Wort.

Zum Kanon gehören Werke, in denen Satan als Rebell gegen die Schreckensherrschaft Gottes erscheint: John Miltons „Paradise Lost“ von 1667, Charles Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ von 1857 und Anatole Frances „Aufruhr der Engel“ von 1914. TST feiert fünf Feiertage: Lupercalia am 15. Februar, Hexennacht am 30. April, den Unveiling Day am 25. Juli, Halloween am 31. Oktober und Sol Invictus am 25. Dezember.

Organisation und Verbreitung

Die früher Chapters genannten Ortsverbände heißen seit 2021 Congregations, also Gemeinden, um den religiösen Charakter hervorzuheben. Lokale Mitglieder bauen sie unter Aufsicht des Recognition and Onboarding Committee auf. Es bestehen mehr als 50 Congregations, hauptsächlich in den USA, aber auch im übrigen englischsprachigen Raum und in europäischen Ländern. Wo keine anerkannte Gemeinde existiert, bilden Mitglieder häufig Gruppen namens Friends of The Satanic Temple.

Der 2016 eröffnete Hauptsitz befindet sich in der Salem Art Gallery, 64 Bridge Street in Salem, Massachusetts. Das anthrazitfarbene ehemalige Bestattungsinstitut beherbergt auch die Baphomet-Statue. Gegen das Gebäude gab es mehrere Brand- und Sprengstoffanschläge oder entsprechende Versuche: 2022 wurde Feuer gelegt, etwa zwei Jahre später eine Rohrbombe auf das Grundstück geworfen und 2024 ein weiterer geplanter Bombenanschlag verhindert.

Die 2019 gegründete deutsche Gruppe wurde am Unveiling Day 2022 als TST Germany anerkannt. Es folgten Treffen, eine „Untaufe“, Vorträge und religiöse Feiern. Im Mai 2024 veranstaltete sie vor dem 103. Deutschen Katholikentag in Erfurt eine Goldene Messe zur religiösen Vielfalt; die Aktion gilt als Erster Satanischer Tempeltag. 2024 führten deutsche Ministers of Satan erstmals ein TST-Hochzeitsritual für ein gleichgeschlechtliches Paar durch. Zum Jahreswechsel 2024/25 entstand zusätzlich ein Verein für Aktivismus, Gemeinschaft, Rituale und säkulare Seelsorge. Beim Evangelischen Kirchentag 2025 in Hannover bildeten Kundgebungen zur Hexenverfolgung und zur öffentlichen Finanzierung religiöser Großveranstaltungen den Zweiten Satanischen Tempeltag. Am 30. April 2026 erinnerte TST Germany in Tecklenburg an Opfer der europäischen Hexenverfolgung und besonders an Johann Weyer.

Politischer Aktivismus und bekannte Kampagnen

Viele Aktionen richten sich gegen politischen Einfluss christlicher Gruppen. TST beruft sich dabei häufig auf den 1. Zusatzartikel zur US-Verfassung, der freie Religionsausübung und die Gleichbehandlung von Religionsgemeinschaften schützt.

2013 zeigte die Aktion zu Schulgebeten in Florida, dass eine religiös neutral formulierte Erlaubnis auch satanistische Gebete einschließen müsste. Das 2014 gestartete Protect Children Project sollte Schüler mithilfe ihrer Religionsfreiheit vor Einzelhaft, Fesseln und körperlicher Züchtigung schützen. Körperstrafen durch Lehrer waren dabei noch in 19 US-Bundesstaaten legal. 2017 folgte in Texas eine Plakatkampagne gegen Prügelstrafen.

2014 sammelte TST Geld für eine Statue, die Baphomet mit zwei Kindern zeigt. Sie sollte neben einem 2012 aufgestellten Denkmal der Zehn Gebote am Oklahoma State Capitol stehen und so religiöse Gleichbehandlung einfordern. Nachdem das Zehn-Gebote-Denkmal entfernt worden war, kam die von Mark Porter nach einer Zeichnung von Eliphas Levi geschaffene Statue in den Hauptsitz in Salem.

Weitere Aktionen von 2015 umfassten einen theatralischen Gegenprotest zu Abtreibungsgegnern vor Planned Parenthood, einen Protest gegen die Heiligsprechung Junipero Serras und das Angebot, bedrohte Muslime oder Flüchtlinge nach den Pariser Terroranschlägen aufzunehmen. Die ab 2016 eingerichteten After School Satan Clubs sind eine Alternative zu christlichen Angeboten wie dem Good News Club. Sie vermitteln durch Spiele, Projekte und Denkübungen Wissenschaft, rationales Denken, Wohlwollen und Empathie, nicht den Glauben an einen übernatürlichen Satan oder satanische Rituale.

2020 erklärte TST Schwangerschaftsabbrüche zu einem religiösen Ritual, um Mitglieder in sogenannten RFRA-Staaten von medizinisch unnötigen und unwissenschaftlichen Vorschriften zu befreien. 2021 verlangte ein Anwalt Zugang zu Misoprostol und Mifepriston für Mitglieder. 2023 eröffnete TST in New Mexico eine telemedizinische Praxis, die Patientinnen mit Abtreibungspillen versorgt.

Zur gemeinschaftlichen Arbeit gehörten außerdem die SatanCon 2022 in Scottsdale und das zweitägige Satanic Revival im Mai 2026 in Baltimore mit mehreren Hundert Teilnehmern; beide wurden von christlichen Protesten begleitet.

Soziale Arbeit und internationale Aktionen

Spezialisierte Gruppen, sogenannte Factions, bearbeiten einzelne Aufgabenfelder. Die Grey Faction will Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihre Familien vor Pseudowissenschaften und diskreditierten Therapien schützen, besonders vor Konzepten zu „verdrängten Erinnerungen“. Die Sober Faction ist eine Selbsthilfegruppe, die Menschen ohne religiöse Dogmen und Aberglauben beim Überwinden von Sucht unterstützt. Satanic Good Works organisiert unter anderem Lebensmittel- und Kleidersammlungen sowie Park- und Straßenreinigungen.

Ordinierte Ministers of Satan dürfen in den USA staatlich anerkannte Trauungen durchführen, auch für gleichgeschlechtliche Paare. Gemeinden veranstalten außerdem Konzerte, Vorträge und Kunstperformances und nehmen an LGBT-Pride-Paraden teil. Im April 2026 erreichte TST für eine Schülerin in Colorado eine religiös begründete Ausnahme von einem digitalen System zur Kontrolle ihrer Toiletten- und Flurgänge. Grundlage war der dritte Grundsatz über körperliche Selbstbestimmung.

Außerhalb der USA sorgte 2018 eine nicht mit der TST-Leitung abgestimmte britische Protestaktion gegen den bayerischen Kreuzerlass für einen internen Konflikt. An 40 bayerische Behörden wurden veränderte Kruzifixe mit einem gefälschten Brief von Markus Söder geschickt. Das britische Chapter trennte sich später gemeinsam mit anderen, überwiegend europäischen Gruppen von TST und gründete im Februar 2019 den Global Order of Satan. Im August 2019 veranstaltete TST Ottawa trotz christlicher Gegenproteste ein erstes Unbaptism Ritual.

Religionsstatus und Konflikt mit der Church of Satan

Der religiöse Status von TST ist umstritten, weil frühe Aktionen auf manche Beobachter wie Satire oder Trolling wirkten. TST widerspricht dieser Einordnung. Lucien Greaves bezeichnet sich als „Religious Nonbeliever“, also als religiösen Nicht-Glaubenden: Religion soll demnach als metaphorische Erzählung dem Leben Sinn und Richtung geben können, ohne übernatürliche Glaubenssätze zu verlangen. Die US-Bundessteuerbehörde Internal Revenue Service erkennt TST als Kirche an.

TST versteht sich als moderne Weiterentwicklung des Satanismus Anton LaVeys, grenzt sich aber von dessen Church of Satan (CoS) ab. Greaves kritisiert am LaVeyschen Satanismus Sozialdarwinismus, Nietzscheismus, Hierarchie, Autoritarismus, Exklusivität und fehlendes politisches Engagement. TST beansprucht eigene Leitprinzipien, die eine „natürliche Evolution satanischen Denkens“ darstellen sollen.

Die Church of Satan bestreitet dagegen, dass TST den Satanismus repräsentiere. Sie kritisiert unter anderem dessen lockere Aufnahmekriterien, Aussagen aus der Gründungszeit und den Gebrauch von Symbolen und Metaphern der CoS für medienwirksame Aktionen. Nach ihrer Auffassung versteht TST wesentliche Elemente der satanischen Philosophie nicht und übernimmt fremde Begriffe und Bildzeichen. Der Konflikt betrifft somit sowohl die Definition des modernen Satanismus als auch die Frage, ob dessen Schwerpunkt auf individueller Philosophie oder auf humanistischer Gemeinschaft und politischem Aktivismus liegen soll.

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