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Atheismus

Atheismus (von altgriechisch ἄθεος átheos, deutsch ‚ohne Gott') bezeichnet die Abwesenheit oder Ablehnung des Glaubens an einen Gott (Monotheismus) oder …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Was ist Atheismus?
  2. 2. Begriffseinteilung: weiter und starker Atheismus
  3. 3. Geschichtliche Entwicklung
  4. 4. Gesellschaftliche Aspekte und Zahlen
  5. 5. Atheismus und Moral
  6. 6. Kritik und Gegenpositionen

Was ist Atheismus?

Atheismus (von altgriechisch átheos = 'ohne Gott') bezeichnet die Abwesenheit oder Ablehnung des Glaubens an einen Gott (Monotheismus) oder mehrere Götter (Polytheismus). Im engeren Sinne ist der Atheist überzeugt, dass es keine Gottheiten gibt; im weiteren Sinne zählen manche auch den Agnostizismus dazu (agnostischer Atheismus), nach dem die Existenz von Göttern ungeklärt ist. Es gibt 'weite' Bedeutungen (Leben ohne Glaubensannahmen, auch 'Nichttheismus') und 'enge' oder 'starke' Bedeutungen, die Götterbehauptungen kämpferisch verneinen ('Antitheismus'). Der Begriff wurde im antiken Griechenland gebildet und war dort Anklagepunkt in Asebie-Prozessen (Gottlosigkeitsprozessen); die latinisierte Form 'Atheismus' findet sich erstmals bei Cicero, im Deutschen seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Umstritten ist, ob Positionen wie der Jainismus, der Konfuzianismus oder der Positivismus zum Atheismus gehören: Der Philosoph A. J. Ayer etwa vertrat, Sätze wie 'Gott existiert' seien metaphysische Scheinsätze, weder wahr noch falsch, und dürften nicht mit Atheismus oder Agnostizismus verwechselt werden. Man unterscheidet zudem 'theoretischen' Atheismus (explizite Ablehnung theistischer Positionen) und 'praktischen' Atheismus (Lebenspraxis, die sich vollzieht, 'als ob' ein Numinoses nicht existierte). Seit dem 19. Jahrhundert wird der Begriff teilweise so gefasst, dass er gegen alle übernatürlichen Vorstellungen gerichtet ist ('Natural Atheism').

Begriffseinteilung: weiter und starker Atheismus

Der weite (implizite) Atheismus sagt: 'Ich bin nicht überzeugt, dass es Götter gibt' – er bestreitet die Existenz von Göttern nicht. Hierzu zählen: pragmatische Ansätze (Gott als überflüssig), nominalistische Ansätze (Gott nur als Name, nur Einzeldinge existieren), der atheistische Agnostizismus (Götter sind mit menschlicher Vernunft nicht erkennbar bzw. es fehlen Belege), szientistische und sprachlogische Ansätze (Rede über Götter sei unsinnig, weil nicht wahrheitsfähig – aber auch der Satz 'Es gibt keine Götter' ist für sie inhaltsleer) sowie postulatorische Ansätze (Götter werden zunächst nicht angenommen; Kant sieht Gott nur als regulative Idee, Spinoza sagt Deus sive Natura, 'Gott bzw. Natur'). Der starke (positive, explizite) Atheismus sagt: 'Ich bin überzeugt, dass es weder Gott noch Götter gibt.' Er lehnt Monotheismus wie Polytheismus ab und auch übernatürliche, spirituelle, animistische und magische Lehren; gelegentlich heißt er Antitheismus. Varianten: metaphysischer Rationalismus (nur Vernunft-Erkennbares existiert), radikal-szientistische Ansätze (nur wissenschaftlich Beweisbares existiert), Theodizee-Ansätze (wegen Leidens und Ungerechtigkeit kann ein allgütiger oder allmächtiger Gott nicht existieren – in schwacher Form: 'Wenn Gott existiert, kann er angesichts des Übels nicht allmächtig oder allgütig sein') und logisch-metaphysische Ansätze (alle Gottesbeweise verwickeln sich in Widersprüche). Das vatikanische Sekretariat für Nichtglaubende unterscheidet zudem sieben Haltungen, etwa den skeptischen, den agnostischen und den 'semantischen oder neopositivistischen' Atheismus.

Geschichtliche Entwicklung

Antike: Die ältesten belegbaren Formen theoretischen Atheismus finden sich in Süd- und Vorderasien (indische Systeme wie Jainismus und Samkhya seit dem 6. Jahrhundert v. Chr., die materialistische Charvaka-Schule). Bei den Vorsokratiken (Demokrit, Epikur) wird Wirklichkeit auf materielle Prinzipien zurückgeführt; Xenophanes kritisierte die Göttervorstellungen als menschliche Projektionen. In Athen wurden Zweifel an den Polis-Göttern als Asebeia strafrechtlich verfolgt – bekannt ist der Prozess gegen Sokrates (399 v. Chr.). Platon sprach in den Nomoi für abgestufte Sanktionen bis zur Todesstrafe gegen Atheisten und trug laut Georges Minois zur jahrhundertelangen Verfemung des Atheismus bei. Im Hellenismus verloren die Götter an Wirkungsmacht (Epikur: Götter ohne Einfluss auf Menschen). In Rom verbreitete Lukrez den Epikureismus als konsequent atheistische Morallehre; auch frühe Christen wurden wegen Ablehnung des Kaiserkults als 'Atheisten' verfolgt. Mittelalter: Ob es Atheismus im heutigen Sinne gab, ist umstritten. Seit dem 13. Jahrhundert wuchs die Kritik durch die Wiederentdeckung des Aristoteles (Averroismus, Siger von Brabant); praktischer Atheismus zeigte sich bei Goliarden, Lollarden und im 'volkstümlichen Materialismus'. Die Reformation erzwang auf Dauer religiöse Toleranz und bereitete die Trennung von Kirche und Staat vor. 17. bis 19. Jahrhundert: Erstes namentlich bekannter Atheist der Neuzeit war Matthias Knutzen (1674); der Pole Kazimierz Łyszczyński wurde 1689 für sein Werk De non existentia Dei hingerichtet. Wichtige französische Aufklärer: Jean Meslier (erster radikaler Atheist der Neuzeit), Julien Offray de La Mettrie (L'homme machine, 1748), Baron d'Holbach (Système de la nature, 1770) und Denis Diderot; Voltaire blieb Deist. Kant argumentierte, dass weder Vernunft noch Erfahrung Gottes Existenz beweisen können (Gott als bloß regulative Idee). Ludwig Feuerbach erklärte Religion als psychologische Projektion menschlicher Bedürfnisse ('Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde', Das Wesen des Christentums, 1841). Karl Marx übernahm die Projektionstheorie, verband sie mit gesellschaftlicher Entfremdung und nannte Religion 'das Opium des Volkes'. Friedrich Nietzsche proklamierte 'Gott ist tot' (1882) und forderte eine 'Umwertung aller Werte' hin zu einer lebensbejahenden Moral. 20./21. Jahrhundert: Sigmund Freud deutete Religion als Erfüllung unbewusster Wünsche (Die Zukunft einer Illusion, 1927); Gott ersetzt nach Freud die Eltern als Schutz- und Moralinstanz. Der Existenzialismus Sartres sagt: Die Existenz geht der Essenz voraus – ohne Gott ist der Mensch zur absoluten Freiheit und Verantwortung verdammt. Die analytische Philosophie (Logischer Positivismus, Rudolf Carnap) hielt metaphysische Göttersätze für sinnlose 'Scheinsätze'. Der 'Neue Atheismus' (seit 2006, u. a. Sam Harris, Daniel C. Dennett, Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Victor J. Stenger) argumentiert mit Naturwissenschaft gegen den Theismus; Dawkins verwendet Russells Teekannen-Beispiel, um die Beweislast beim Theisten zu verorten. Kritiker des Neuen Atheismus sind u. a. Alister McGrath, John Lennox sowie die deutschen Philosophen Herbert Schnädelbach und Joachim Kahl.

Gesellschaftliche Aspekte und Zahlen

Umfragen zum Atheismus haben methodische Probleme, da die Abgrenzung von Säkularisten, Humanisten, Nichttheisten, Agnostikern und spirituellen Personen schwierig ist. Das World Factbook der CIA schätzte 2010: 2,32 % Atheisten, 11,77 % Nichtreligiöse. Laut Eurobarometer 2010 glaubten in den damaligen 27 EU-Staaten 20 % weder an Gott noch an eine spirituelle Kraft (Frankreich 40 %, Tschechien 37 %, Deutschland 27 %). Eine weltweite Gallup-Studie 2011/2012 ergab 13 % 'überzeugte Atheisten'; höchste Anteile in China (47 %) und Japan (31 %), in Deutschland 15 %. Bei Wissenschaftlern ist der Atheismus besonders verbreitet: Nur 7 % der Mitglieder der amerikanischen Akademie der Wissenschaften glauben an einen personalen Gott. Politik: Noch 2013 wurden atheistische Äußerungen in zahlreichen Ländern mit Freiheitsentzug, in 13 Ländern mit dem Tod bestraft. Die Trennung von Kirche und Staat (Laizismus) wird als atheistisch bezeichnet; moderne Verfassungen garantieren negative Religionsfreiheit (das Recht, Atheist zu sein), doch enthalten etwa das deutsche Grundgesetz ('vor Gott und den Menschen') und die Schweizer Bundesverfassung Gottesbezüge. Umgekehrt war Atheismus Bestandteil der marxistisch-leninistischen Staatsdoktrin (Sowjetunion, DDR); Kritiker sprechen von 'Staatsatheismus'. Albanien rief 1967 bis 1990 ein totales Religionsverbot aus. Im Islam kann Abfall vom Islam nach Scharia mit Todesstrafe geahndet werden. Im Buddhismus gibt es keinen Schöpfergott; der Pantheismus (Gott = Natur) wurde von Schopenhauer als 'Euphemie für Atheismus' bezeichnet. Es gibt weltweit atheistisch-weltanschauliche Gruppierungen wie die Giordano-Bruno-Stiftung, den Humanistischen Verband Deutschlands, American Atheists oder Humanists UK. Religiöser Atheismus: Ronald Dworkin verstand sich als 'religiöser Atheist' ('Religion ist etwas Tieferes als Gott'); in den 1960er Jahren proklamierten Theologen wie Thomas J. Altizer und Paul van Buren unter dem Motto 'Gott ist tot' einen christlichen Atheismus; Ernst Bloch schrieb 1968: 'Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein, gewiss aber auch: nur ein Christ kann ein guter Atheist sein.'

Atheismus und Moral

Umstritten ist, ob Moral ohne Gott möglich ist. Vertreter wie Immanuel Kant (und viele Aufklärer) hielten moralische Prinzipien für eine Gründung in menschlicher Vernunft oder Natur möglich. In kirchlichen Kreisen wird oft vertreten, fehlender Gottesglaube gehe mit Nihilismus einher; der Religionswissenschaftler Ravi Zacharias nennt den Atheismus 'jeden Wertes beraubt'. Ernst-Wolff Böckenfördes Satz 'Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann' (Böckenförde-Diktum) wird teils so gedeutet; Gerhard Czermak widerspricht dieser Deutung. Empirisch zeigen manche Studien, dass Moral nicht von Religiosität abhängt (Franzblau fand bei Atheisten größere Ehrlichkeit, Ross größere Hilfsbereitschaft); John Leslie Mackie und Richard Dawkins erklären Moral durch biologische Evolution und gesellschaftliche Entwicklung. Eine Studie zeigt, dass Atheismus mit der Vorstellung verbunden ist, das Leben erhalte Sinn, indem man ihm selbst Sinn gibt; hinsichtlich Fatalismus oder Nihilismus unterscheiden sich Atheisten und Theisten nicht. Philosophisch relevant ist das Euthyphron-Dilemma Platons: Das moralisch Gute lässt sich nicht auf ein göttliches Gebot gründen, da ein Gebot entweder gut sein muss, unabhängig davon ob Gott es befiehlt, oder willkürlich wäre. Atheisten kritisieren zudem, dass religiöse Gesetze von Menschen gemacht seien und dass der Anspruch auf göttliche Allgemeinverbindlichkeit Konflikte erschwere; umgekehrt wird auf Verfolgungen in atheistischen Staaten verwiesen.

Kritik und Gegenpositionen

Agnostizistische Gegenpositionen: Wenn 'Atheismus' die Nichtexistenz Gottes behauptet, argumentieren Agnostiker, dass keine hinreichenden Rechtfertigungen für Theismus oder dessen Negation existieren – rationale Urteilsenthaltung sei vorzuziehen. Nach verifikationistischer Sicht wären Aussagen wie 'Gott existiert (nicht)' sinnlos, wenn ihre Wahrheit nicht empirisch überprüfbar ist. Theistische Gegenpositionen: Klassische Beweisversuche führen Verursachungsketten auf eine Erstursache zurück (Aristoteles, Thomas von Aquin); andere setzen beim Seinsbegriff (Avicenna) oder beim Begriff Gottes als 'das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann' (Anselm von Canterbury) an. Seit Kants Einwänden gegen Gottesbeweise versuchen Theisten eher, den Gottesglauben als rational möglich zu rechtfertigen als rational notwendig zu beweisen, etwa durch theologische Anthropologie oder als zufriedenstellende Interpretation von Mensch und Welt (Wolfhart Pannenberg). Die 'reformed epistemology' (Alvin Plantinga) hält religiöse Überzeugungen für grundlegende 'basic beliefs', die keiner weiteren Rechtfertigung bedürfen. Historisch wurde Atheisten oft Unmoral vorgeworfen (Platon, Francis Bacon). Bemerkenswert ist Joseph Ratzingers (später Papst Benedikt XVI.) Positive: Der Atheismus habe eine 'reinigende Funktion' in der Religionsgeschichte, indem er gegen die Vermenschlichung und Verabsolutierung des Göttlichen protestiert; Gestaltung und Reinigung der Religion 'ergänzen sich gegenseitig'.

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