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Nechung-Orakel

Das Nechung-Orakel ist das offizielle Staatsorakel von Tibet und eines von mehreren Orakeln im alten Tibet. Sein Medium residierte im Nechung-Kloster, …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Staatsorakel und Aufgabe
  2. 2. Religiöse Grundlage und Entwicklung
  3. 3. Reihe der Medien
  4. 4. Kostüm, Trance und Befragung

Staatsorakel und Aufgabe

Das Nechung-Orakel ist das offizielle Staatsorakel Tibets und eines von mehreren Orakeln im alten Tibet. Sein Medium, der Nechung-Kuten, residierte im Nechung-Kloster und war zugleich dessen Abt. Nach der Exilierung der tibetischen Regierung wurde das Kloster in Dharamsala in Indien nahe der Residenz des Dalai Lama neu errichtet. Das dortige Medium besitzt den Rang eines Vizeministers; der Dalai Lama konsultiert es am tibetischen Neujahrsfest.

Seit dem 4. September 1987 ist Thubten Ngödrub das Medium. Er ist der 17. Amtsträger. Sein Vorgänger Lobsang Jigme übte die Funktion von 1945 bis zu seinem Tod 1984 aus. Das Orakel prophezeite laut Artikel 1947 Unruhen im Zusammenhang mit der Machtübernahme des kommunistischen Regimes und riet dem 14. Dalai Lama 1959 zur Ausreise aus China.

Religiöse Grundlage und Entwicklung

Die Orakelpraxis stammt aus alten religiösen Traditionen Tibets, etwa dem Bön und den Nyingmapa. Nach buddhistischer Auffassung überträgt eine Gottheit beim Phowa, einem der sechs Yogas von Nāropa, ihr Bewusstsein in einen Kuten. Der Kuten ist dabei die physische Basis beziehungsweise das Medium. Die Besessenheit gilt als harte Erfahrung, auf die eine Rekonvaleszenz, also eine Erholungsphase, folgt. Orakel spielten in der gesamten Himalaya-Region religiös eine wichtige Rolle und berieten sowohl die frühere tibetische Regierung als auch die heutige Exilregierung.

Die sich ausdrückende Gottheit heißt Pekar, auch Dorje Dragden. Padmasambhava machte ihn zum obersten Beschützer Samyes; später soll er sich in der Gegend des Nechung-Klosters niedergelassen haben. Die Beziehung zu den Dalai Lamas geht auf den 2. Dalai Lama zurück. Pekar wurde Beschützer des Dalai Lama und des Drepung-Klosters. Als der 5. Dalai Lama 1642 Staatsoberhaupt Tibets wurde, sollte Dorje Dragden die Dalai Lamas und die Regierung schützen; Palden Lhamo sollte Tibet selbst beschützen. Die Ratschläge des Gottes sind jedoch nur ein Element des Entscheidungsprozesses.

Das neue Nechung-Kloster wurde auf Wunsch des 5. Dalai Lama durch den Regenten Thrinle Gyatsho (1660–1668) gegründet. Unter Sanggye Gyatsho (1679–1703) erhielt es den Namen „Nechung Dorje Drayang Ling“ („Nechung, der Garten des melodischen Vajra-Klangs“). Die Mönchszahl wuchs von vier auf 113 zur Zeit des 13. Dalai Lama. Der Kuten stand dem Kloster als Abt vor; seit dem 19. Jahrhundert unterstützten ihn der Nechung-Rinpoche und der Nechung-Depa in der Verwaltung. Alle drei ernannte die tibetische Regierung. 1959 flohen nur sechs Mönche nach Indien. Das Kloster wurde teilweise zerstört, zum Erntelager gemacht und mehrheitlich geplündert.

Reihe der Medien

1544 soll Pekar Gyalpo erstmals von einem Menschen Besitz ergriffen haben. Drag Trang-Go-Wa Lobsang Palden wurde dadurch der erste Nechung-Kuten und gab Hinweise zur Auffindung des 3. Dalai Lama. Bis 1945 kamen die Medien aus verschiedenen Klöstern nach Nechung. Der 4. Kuten Sepo Sönam beriet den 5. Dalai Lama während der Spannungen mit Bhutan in den 1650er Jahren. In dieser Zeit wurde der Kuten zum offiziellen Staatsorakel.

Mehrere Kuten waren mit wichtigen Entscheidungen der tibetischen Führung verbunden. Der 11. Kuten Lhalung Shakya Yarphel bestätigte 1878 Visionen, die zur Auffindung des 13. Dalai Lama führten. Er warnte diesen im Februar 1899 vor Lebensgefahr und erklärte später, schwarze Magie sei im Spiel. Der 14. Kuten Lobsang Sönam warnte den 13. Dalai Lama bei Losar 1932 vor dessen nahem Ende und riet ihm zu Anordnungen für die Stabilität des Landes. Angaben zu Lobsang Namgyal sind widersprüchlich: Einer Website zufolge beschleunigte er durch falschen medizinischen Rat den Tod des 13. Dalai Lama und wurde 1934 Staatsorakel, obwohl der Dalai Lama bereits am 17. September 1933 gestorben war.

Lobsang Namgyal, der 15. Kuten, nahm an der Suche nach dem 14. Dalai Lama teil. Das Orakel verlangte drei Suchtrupps nach Zentraltibet, Amdo und Kham. Der 16. Kuten Lobsang Jigme wurde 1945 eingesetzt und war laut Kenneth Conboy und James Morrison das erste Medium aus dem Nechung-Kloster. Am 21. Juli 1951 riet er dem jungen Dalai Lama zur Rückkehr von Yatung nach Lhasa. 1959 wurde das Orakel erneut konsultiert; nach der Schilderung des Dalai Lama riet es am 10. März zunächst zum Bleiben und Dialog mit den Chinesen, am 17. März dann mit dem Ruf „Gehe! Gehe! Heute Abend!“ zur Flucht. Es gab dabei detaillierte Hinweise für den Weg vom Norbulingka bis zur Grenze. Das Würfelwerfen und das mo, eine weitere Form der Wahrsagerei, bestätigten diesen Rat. Lobsang Jigme floh 1959 nach Indien und starb 1984 in Dharamsala. Thubten Ngödrub wurde am 4. September 1987 als Lama von Nechung seit 1971 zum 17. Kuten ernannt.

Kostüm, Trance und Befragung

Bei offiziellen Anlässen trägt das Medium mehrere Gewänder. Das oberste besteht aus Goldbrokat und zeigt die Farben rot, blau, grün und gelb als Symbole der vier Elemente. Auf der Brust trägt es einen Spiegel, melong genannt, der von Türkisen und Amethysten umgeben ist und das Mantra des Dorje Drakden trägt.

Unter Mantras, Gebeten und Musik fällt das Medium in Trance. Sobald diese weit genug fortgeschritten ist, erhält es eine 14 Kilogramm schwere Haube; manchmal trägt es zusätzlich einen 30 Kilogramm schweren Harnisch mit vier Fahnen und drei Siegesbannern. Danach steht es auf, nimmt ein Schwert und tanzt. Nach jeder Frage führt es diesen Tanz aus und gibt eine Antwort, die anschließend ausgelegt werden muss. Die Séance endet mit einem letzten Gebet, nach dem das Medium das Bewusstsein verliert.

Heinrich Harrer beschrieb eine solche Séance in „Sieben Jahre in Tibet“. Nach seinem Bericht konnte ein Orakel von seiner Funktion entbunden werden, wenn es wiederholt schlechte Ratschläge erteilte.

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