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Tangens und Kotangens
Tangens und Kotangens sind trigonometrische Funktionen und spielen in der Mathematik und ihren Anwendungsgebieten eine herausragende Rolle.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Definitionen
Tangens und Kotangens sind trigonometrische Funktionen. Man schreibt tan x beziehungsweise cot x. Sie beschreiben Winkel über Seitenverhältnisse und sind unter anderem für Geometrie, Funktionsgraphen und Anwendungen wichtig.
Im rechtwinkligen Dreieck gilt für einen spitzen Winkel α:
- tan α = Gegenkathete / Ankathete = a / b
- cot α = Ankathete / Gegenkathete = b / a
Damit sind beide Funktionen Kehrwerte: cot α = 1 / tan α und tan α = 1 / cot α. Für die beiden spitzen Winkel α und β eines rechtwinkligen Dreiecks gilt außerdem tan α = cot β = cot(90° − α).
Mit Sinus und Kosinus lauten die grundlegenden Formeln tan α = sin α / cos α und cot α = cos α / sin α. Am Einheitskreis können Tangens und Kotangens geometrisch als Längen von Tangentenabschnitten aufgefasst werden: tan b ist die Länge [DT], cot b die Länge [EK].
Definitionsbereich und grundlegende Eigenschaften
Formal ist tan x = sin x / cos x. Daher ist der Tangens im Reellen nicht definiert für x = kπ + π/2 mit k ∈ ℤ. Der Definitionsbereich ist D_tan = ℝ \ {kπ + π/2 | k ∈ ℤ}. Für cot x = cos x / sin x fehlen entsprechend die Werte x = kπ; also D_cot = ℝ \ {kπ | k ∈ ℤ}. Im komplexen Fall gelten dieselben ausgeschlossenen Werte mit ℂ statt ℝ. Im gemeinsamen Definitionsbereich gilt cot x = 1 / tan x.
Beide Funktionen haben die Periode π, zum Beispiel tan(x + π) = tan x. Sie sind punktsymmetrisch zum Koordinatenursprung: tan(−x) = −tan x und cot(−x) = −cot x. Zwischen zwei aufeinanderfolgenden Polstellen ist tan streng monoton steigend, cot streng monoton fallend.
Die Nullstellen des Tangens liegen bei x = nπ, die des Kotangens bei x = (1/2 + n)π, jeweils n ∈ ℤ. Genau umgekehrt liegen dort die Polstellen, also Stellen, an denen die Funktionswerte unbegrenzt werden. Wendestellen liegen beim Tangens bei x = nπ und beim Kotangens bei x = (1/2 + n)π. Beide Funktionen haben Asymptoten, aber weder Sprungstellen noch Extrema.
Wichtige Werte sind tan 0° = 0, tan 30° = 1/√3, tan 45° = 1 und tan 60° = √3. Entsprechend gilt cot 90° = 0, cot 60° = 1/√3, cot 45° = 1 und cot 30° = √3. Für α gegen 90° von unten wächst tan α gegen +∞; cot α wächst für α gegen 0° von oben gegen +∞.
Ableitungen, Stammfunktionen und Umkehrungen
Tangens und Kotangens sind auf ihren Definitionsintervallen beliebig oft differenzierbar. Die ersten Ableitungen sind
tan′ x = 1 / cos²x = sec²x,
cot′ x = −1 / sin²x = −csc²x.
Dabei sind sec und csc Sekans beziehungsweise Kosekans. Die zweiten Ableitungen lauten tan″ x = 2 sec²x tan x und cot″ x = 2 csc²x cot x. Stammfunktionen sind
∫ tan x dx = −ln|cos x| + C für x ≠ (2k + 1)π/2,
∫ cot x dx = ln|sin x| + C für x ≠ kπ.
Damit Umkehrfunktionen eindeutig sind, beschränkt man die Definitionsbereiche. Es gilt tan : (−π/2, π/2) → ℝ; die Umkehrfunktion ist arctan : ℝ → (−π/2, π/2). Ebenso gilt cot : (0, π) → ℝ; die Umkehrfunktion ist arccot : ℝ → (0, π). Beide Zuordnungen sind bijektiv, also eindeutig in beide Richtungen.
Die Grenzwerte liefern die waagerechten Endwerte der Umkehrfunktionen: arctan y → π/2 für y → +∞ und → −π/2 für y → −∞; arccot y → 0 beziehungsweise π. Nach Erweiterung um diese Randpunkte lassen sich die eingeschränkten Funktionen stetig und umkehrbar auf die erweiterten reellen Zahlen ℝ ∪ {+∞, −∞} fortsetzen.
Reihen, komplexe Darstellung und Gleichungen
Für |x| < π/2 besitzt der Tangens die Maclaurinsche Reihe
tan x = x + 1/3 x³ + 2/15 x⁵ + 17/315 x⁷ + 62/2835 x⁹ + 1382/155925 x¹¹ + … .
Daraus folgt für 0 < x < π/2: tan x > x, und tan x / x ist streng monoton steigend mit Grenzwert 1 für x → 0. Außerdem ist für x > 2/π die Funktion x tan(1/x) streng monoton fallend und hat für x → ∞ den Grenzwert 1.
Für 0 < |x| < π lautet die Laurent-Reihe des Kotangens
cot x = 1/x − 1/3 x − 1/45 x³ − 2/945 x⁵ − 1/4725 x⁷ − … .
Über die Exponentialfunktion gilt e^(ix) = cos x + i sin x und daraus
tan x = −i (e^(ix) − e^(−ix)) / (e^(ix) + e^(−ix)),
cot x = i (e^(ix) + e^(−ix)) / (e^(ix) − e^(−ix)).
Diese Formeln ermöglichen auch komplexe Argumente. Für x, y ∈ ℝ ist
tan(x + iy) = sin(2x) / (cos(2x) + cosh(2y)) + i · sinh(2y) / (cos(2x) + cosh(2y)).
Der Tangens löst die Riccati-Gleichung w′ = 1 + w². Als komplexe Funktion nimmt er die Werte i und −i nicht an; diese sind nämlich selbst konstante Lösungen der Differentialgleichung.
Umformungen und Winkelbeziehungen
Die Additionstheoreme lauten
tan(x ± y) = (tan x ± tan y) / (1 ∓ tan x tan y),
cot(x ± y) = (cot x cot y ∓ 1) / (cot y ± cot x).
Für den doppelten Winkel folgt daraus
tan(2x) = 2 tan x / (1 − tan²x),
cot(2x) = (cot²x − 1) / (2 cot x).
Im ersten Quadranten kann man Sinus und Kosinus aus Kotangens beziehungsweise Tangens zurückgewinnen:
sin x = 1 / √(1 + cot²x) für 0 < x ≤ π/2,
cos x = 1 / √(1 + tan²x) für 0 ≤ x < π/2.
Mit t = tan(α/2) erhält man die rationale Parametrisierung
sin α = 2t / (1 + t²), cos α = (1 − t²) / (1 + t²), tan α = 2t / (1 − t²).
Die Zuordnung t ↦ ((1 − t²)/(1 + t²), 2t/(1 + t²)) parametrisiert den Einheitskreis mit Ausnahme von (−1, 0), das dem Parameter t = ∞ entspricht.
Anwendungen bei Steigung und Bewegung
Bei einer linearen Funktion f(x) = mx + c ist die Steigung m der Tangens des orientierten Winkels α zwischen positiver x-Achse und Geraden: m = tan α. Auch die Steigung einer Straße wird so verstanden: 10 % Steigung entsprechen tan α = 0,1 und einem Steigungswinkel von etwa 5,7°.
Beim senkrechten Wurf nach oben mit turbulentem Luftwiderstand gilt für die Geschwindigkeit die Differentialgleichung v̇ = −g − kv² mit k > 0. Eine Lösung ist
v(t) = v_g · cot(√(gk)t + c),
wobei v_g = √(g/k) die beim Fall erreichte Grenzgeschwindigkeit und c = arccot(v(0)/v_g) > 0 ist. Gleichwertig lässt sich schreiben
v(t) = −v_g · tan(√(gk)t − c′),
mit c′ = arctan(v(0)/v_g) > 0. Diese Lösung gilt bis zum höchsten Punkt der Bahn, also bis v = 0, bei t = (π/2 − c)/√(gk) = c′/√(gk). Für den anschließenden Fall mit Luftwiderstand wird Tangens hyperbolicus verwendet.