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Tagelöhner
Heutige Situation · Befristete Arbeitsplätze · Digitale Tagelöhner · Gig Economy · Saisonarbeitskräfte · Scheinselbständige und illegal Beschäftigte.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Arbeitsweise
Ein Tagelöhner, auch Taglöhner, ist eine Person ohne festes Arbeitsverhältnis, die ihre Arbeitskraft immer wieder kurzfristig bei wechselnden Arbeitgebern anbietet. Der Name verweist darauf, dass solche Arbeit oft nur tageweise vergeben wird. Mit Tagelöhnerei verbindet sich historisch ein unsicheres Arbeitsverhältnis, das häufig nur ein Leben „von der Hand in den Mund“ ermöglicht.
Tagelöhnerarbeit kann über spezialisierte Arbeitsagenturen organisiert werden. Arbeitssuchende erscheinen dort im Büro und werden für einen oder mehrere Tage an Arbeitgeber vermittelt. Daneben gibt es in vielen Ländern informelle Arbeitsmärkte: Häufig versammeln sich Handwerker, Bauarbeiter oder andere Arbeitssuchende an bestimmten Straßenabschnitten oder öffentlichen Plätzen, wo sie von Agenten oder Arbeitgebern abgeholt werden. Auf solchen informellen Märkten handelt es sich überwiegend um unterbezahlte, meist unqualifizierte handwerkliche Tätigkeiten. Die Arbeiter stammen oft aus unteren Gesellschaftsschichten.
Frühe Formen und soziale Lage in Deutschland
Tagelöhner gab es bereits in der Antike. Die Bibel erwähnt sie mehrfach. Im Alten Testament wird zum Beispiel eine gerechte Lohnauszahlung vor Sonnenuntergang vorgeschrieben, in 5. Mose 24,14–15. Im Neuen Testament kommen Tagelöhner unter anderem im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg in Matthäus 20,1–16 vor.
In Deutschland gehörten Tagelöhner historisch meist zur landlosen Bevölkerung und kamen aus armen Verhältnissen. Viele hatten keinen bestimmten Beruf oder konnten ihren Beruf nicht mehr ausüben. Deshalb mussten sie körperliche Hilfs-, Gelegenheits- und Saisonarbeiten annehmen, oft unterhalb des Niveaus eines zünftigen Handwerks. Dazu zählten zum Beispiel Schauerleute, Transportkutscher oder Straßenarbeiter. Auch angelernte Arbeiter ohne fachliche Berufsausbildung und gelernte Handwerker, die sich in ihrem Beruf nicht mehr behaupten konnten, arbeiteten als Tagelöhner.
Die Verdienste reichten meist nur schlecht zum Leben. Tagelöhner standen weit unten in der gesellschaftlichen Schichtung. Oft mussten Ehefrauen als Tagelöhnerinnen oder mit Heimarbeit mitverdienen. Vor Einführung der allgemeinen Schulpflicht arbeiteten vielfach auch Kinder aus Tagelöhnerfamilien mit. Weil Schulgeld und Bücher zusätzliche Kosten verursachten und Kinder bei der Arbeit gebraucht wurden, besuchten viele die Schule nur unregelmäßig oder gar nicht. Dadurch hatten Tagelöhnerkinder später geringe Aufstiegschancen; viele konnten vor der allgemeinen Schulpflicht nicht richtig lesen oder schreiben.
Insten, Technik und Industrialisierung
Nördlich der Elbe wurden vertraglich gebundene Tagelöhner häufig Insten, Instleute, Katenleute, Dienst- oder Lohngärtner genannt. Sie waren aus landlos gewordenen Kleinbauernverhältnissen hervorgegangen und arbeiteten als Gutstagelöhner. Diese Lage entstand im Zusammenhang mit der um 1850 abgeschlossenen Bauernbefreiung. Insten deckten den Bedarf eines Gutes an Feldarbeitern. Oft mussten sie auf eigene Kosten ein oder zwei Hofgänger oder Scharwerker stellen. Für den Gutsbesitzer war dabei nicht entscheidend, ob diese Arbeitskräfte Kinder des Insten oder auswärtig angeworbene Personen waren. Der Gutstagelöhner hatte dadurch eine Doppelrolle als Arbeitnehmer und Arbeitgeber. 1872 wurde beschrieben, dass Insten ein dürftiges, aber gesichertes Einkommen hatten.
Technische Veränderungen verschärften die Unsicherheit. Auf der Weltausstellung 1851 in London wurden neue „Ackerwerkzeuge“ vorgestellt, darunter Dampfdreschmaschinen, die anschließend auch in Deutschland genutzt wurden. Vorher dauerte das Dreschen mit dem Dreschflegel etwa 30 Wochen, von Ende September bis Anfang Mai. Gutstagelöhner erhielten dabei einen Teil des ausgedroschenen Korns und hatten im Winter Beschäftigung. Mit der Dreschmaschine konnte der Getreidedrusch in wenigen Wochen erledigt werden. Dadurch wurden viele Gutstagelöhner im Winter arbeitslos oder unterbeschäftigt und mussten bei anderer Arbeit geringeren Barlohn akzeptieren.
Neue Aufstiegsmöglichkeiten entstanden erst nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs ab 1871, besonders durch die Industrialisierung in der Gründerzeit und durch staatliche Beschäftigung. Neue Beamtenstellen, etwa bei der Bahn, und der Militärdienst boten manchen Tagelöhnern berufliche und gesellschaftliche Chancen.
Heutige Formen in Deutschland
Heute meint Tagelöhner im engeren Sinn meist arbeitslose Menschen, die sich mit ihrem Personalausweis in Jobbörsen für Sofortvermittlungen eine Arbeitsgelegenheit für einen oder wenige Tage suchen, oft als Zuverdienst. Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland etwa 62 Millionen Personen zwischen 18 und 64 Jahren; ungefähr 65 Prozent beziehen ihren Lebensunterhalt hauptsächlich aus Erwerbstätigkeit. Laut dem Forschungsinstitut für Arbeit Nürnberg arbeiten etwa eine Million Menschen als Tagelöhner. Sie werden auch als kurzfristig Beschäftigte bezeichnet.
Der Artikel beschreibt, dass der seit der Mitte des 20. Jahrhunderts erreichte arbeitnehmerfreundliche gesellschaftliche Status quo seit dem Ende des Millenniums zunehmend abgebaut worden sei. Die Gründe dafür werden als vielfältig und vielfach umstritten dargestellt. Die massive Ausweitung befristeter Arbeitsplätze und die dadurch entstehenden Unsicherheiten für Arbeitnehmer werden als Rückschritt zu Verhältnissen des 19. Jahrhunderts eingeordnet, in denen unsichere Beschäftigung zum Gesamtbild des Tagelöhnertums gehörte.
Eine neuere Form ist die digitale Tagelöhnerei. Durch die Entwicklung des Internets werden im frühen 21. Jahrhundert Gelegenheitsjobs teils weltweit ausgeschrieben. Der Artikel nennt als Folgen neue Abhängigkeiten, Löhne unter dem allgemeinen Lebensniveau und den Abbau fester, solide bezahlter Arbeitsverhältnisse. Unternehmen, die solche digitalen Jobs anbieten, sparen laut Artikel Sozialabgaben und unterlaufen Mindestlöhne.
Gig Economy und Saisonarbeit
Die Gig Economy ist ein Teil des Arbeitsmarktes, in dem kleine Aufträge kurzfristig an unabhängige Freiberufler oder geringfügig Beschäftigte vergeben werden. „Gig“ kommt aus dem Englischen und bedeutet „Auftritt“. Häufig vermittelt eine Onlineplattform zwischen Kunde und Auftragnehmer. Die Plattform setzt Rahmenbedingungen und behält eine Provision ein.
Als Beispiele nennt der Artikel Uber für Fahrer in der Personenbeförderung, Deliveroo und Foodora für Fahrradkurriere bei Essenslieferungen sowie MyHammer für Handwerkerdienstleistungen. Auch für Putzkräfte, Designer, Übersetzer und Texter gibt es Plattformen in der Gig Economy.
Saisonarbeiter werden ebenfalls als Form des Tagelöhnertums beschrieben. Seit der Wende im Jahr 1990 werden solche Arbeitskräfte besonders häufig in Osteuropa angeworben. Sie arbeiten zumeist bei Erntearbeiten, etwa für Erdbeeren, Spargel, Gemüse, Trauben, Äpfel und Beeren. Auch nach der Mitte des 20. Jahrhunderts blieb ihr Status laut Artikel weitgehend von den Verbesserungen im Arbeitsleben unberührt. Nach der Jahrtausendwende werden teilweise Arbeits- und Lebensbedingungen beschrieben, die hinter den Stand des 20. Jahrhunderts zurückgefallen seien.
Ausbeutung und internationale Beispiele
Medien berichten von vielen Menschen aus Osteuropa, etwa Rumänen und Bulgaren, die in Deutschland als Tagelöhner arbeiten und Ausbeutung riskieren. Einige erhalten deutlich weniger Lohn, als in Deutschland üblich wäre. Manche arbeiten in Scheinselbständigkeit, also formal selbständig, obwohl die tatsächliche Arbeit eher einem abhängigen Arbeitsverhältnis ähnelt. Andere arbeiten illegal. Laut Medien werden manche außerdem dazu gebracht, überteuerte Mietverträge zu unterschreiben. In einigen Fällen erhalten sie mehrere Arbeitsverträge parallel, darunter einen Vertrag mit einem in der Europäischen Union angemeldeten Dienstleistungsbetrieb. Die geringe Bezahlung wird dabei mit hohen Erwartungen an Verfügbarkeit und zeitliche Flexibilität verbunden. Medien verwenden dafür Begriffe wie „Arbeitsstrich“ und „Lohnsklaverei“. Viele Betroffene können sich selten einen Anwalt leisten, um gegen Betrug vorzugehen. Untereinander unterstützen und schützen sie sich und informieren sich über betrügerische Arbeitgeber.
International zeigt der Artikel zwei Beispiele. In den Vereinigten Staaten waren einer Schätzung von 2006 zufolge rund 75 Prozent der Tagelöhner, dort jornaleros genannt, illegale Einwanderer. Weitere 18 Prozent waren Einwanderer mit legalem Aufenthalt, nur 7 Prozent waren gebürtige Amerikaner. Tagelöhner gelten dort als spürbarer Wirtschaftsfaktor und stellen den Hauptanteil an den inoffiziell Beschäftigten. In Japan gibt es in großen Städten einfache Wohnviertel für handwerkliche Arbeiter, die yoseba heißen. Der Name bedeutet „Versammlungsort“ und bezieht sich auf die öffentliche Arbeitsagentur für Tagelöhner, die sich in jedem dieser Viertel befindet.