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Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist ein Gleichnis aus dem Neuen Testament der Bibel, das in Mt 20,1–16 EU erzählt wird.
Inhalt6 Abschnitte
Kern und Handlung
Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist ein Gleichnis Jesu aus dem Neuen Testament. Es steht in Mt 20,1–16. In dem Gleichnis wird das Reich Gottes mit einem Hausherrn verglichen, der Arbeiter für seinen Weinberg einstellt.
Am Morgen vereinbart der Hausherr mit den ersten Arbeitern einen Tageslohn von einem Denar. Nach drei Stunden geht er wieder zum Marktplatz und stellt weitere Arbeiter ein. Ihnen verspricht er, ihnen zu geben, „was recht ist“. In Abständen von jeweils drei Stunden holt er noch weitere Arbeiter. Nach elf Stunden stellt er zuletzt noch einmal Arbeiter ein, obwohl der Arbeitstag nach zwölf Stunden endet.
Bei der Auszahlung beginnt der Hausherr mit den zuletzt Eingestellten. Sie haben nur eine Stunde gearbeitet und bekommen trotzdem einen Denar. Auch alle anderen Arbeiter erhalten genau diesen Lohn. Die Arbeiter, die den ganzen Tag gearbeitet haben, beschweren sich, weil sie mehr gearbeitet haben und deshalb mehr Lohn erwarten. Der Hausherr weist die Kritik zurück: Sie hatten sich vorher mit ihm auf einen Denar geeinigt. Außerdem soll der Maßstab für Gerechtigkeit hier an seiner Rechtschaffenheit oder Korrektheit abgelesen werden; die traditionelle Übersetzung mit „Güte“ wird im Artikel als Fehlübersetzung bezeichnet.
Traditionelle Deutung
Traditionell wird das Gleichnis meist als Parabel über Berufung und Erwerb des Reiches Gottes verstanden. Das Reich Gottes wird dabei eschatologisch oder jenseitig gedeutet. „Eschatologisch“ bedeutet: auf die letzten Dinge, das Ende der Geschichte oder Gottes endgültige Herrschaft bezogen.
In dieser Deutung steht der Weinberg für das Reich Gottes. Der Hausherr oder Weinbergbesitzer steht für Gott, der Menschen in seinen Weinberg ruft. Entscheidend ist zuerst die Berufung durch Gott: Niemand verschafft sich den Zugang zum Reich Gottes einfach selbst. Diese Berufung kann früh im Leben geschehen oder erst kurz vor dem Tod.
Die Berufung allein reicht aber in dieser Auslegung nicht aus. Die Berufenen sollen arbeiten, also dem Ruf treu folgen. Trotzdem wird das Reich Gottes nicht nach den Maßstäben normaler Lohnarbeit vergeben. Es gilt nicht: gleicher Lohn nur für gleiche Arbeit. Denn das Reich Gottes kann vom Menschen nicht im üblichen Sinn verdient werden; Gott wird nicht zum Schuldner des Menschen. Es ist zugleich Lohn und Geschenk seiner Güte beziehungsweise Gnade.
Der Schlusssatz „So wird es kommen, dass die Letzten die Ersten sind und die Ersten die Letzten“ stammt nach dem Artikel wohl nicht von Jesus selbst, sondern wurde vom Evangelisten hinzugefügt. Er soll die Botschaft für die Gemeinde des Neuen Bundes aktualisieren: Diese Gemeinde genieße bei der Berufung zum Reich Gottes gegenüber dem alten Bundesvolk den Vorzug.
Biblische und allegorische Bezüge
Im Alten Testament steht der Weinberg häufig für das Volk Israel. Darauf bezogen kann der Weinberg im Gleichnis für die ganze Welt stehen, die für das endgültige Kommen des Reiches Gottes bearbeitet wird. Die Kirche umfasst dann alle, die daran mitarbeiten, unabhängig davon, wann sie beginnen. Papst Benedikt XVI. griff dieses Bild auf, als er sich in seiner ersten Ansprache von der Benediktionsloggia als „Bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ bezeichnete.
Schon in der frühen Kirche gab es allegorische Auslegungen. „Allegorisch“ bedeutet: Einzelne Figuren oder Dinge in einer Erzählung werden auf etwas anderes bezogen. In solchen Deutungen wird der Weinbergbesitzer oft direkt mit Gott identifiziert.
Eine Möglichkeit sieht die Arbeiter als Gottes wahre Kinder: Sie finden zu unterschiedlichen Zeiten zum Glauben, erhalten aber alle die gleiche Liebe Gottes. Eine andere ältere Deutung setzt die ersten Arbeiter mit Heuchlern und Pharisäern gleich. Diese Variante gilt in der modernen christlichen Theologie als überholt, besonders wegen der klischeehaften Gleichsetzung der Pharisäer mit Heuchlern. Eine weitere Deutung betont, dass Gott sich den Zuspätgekommenen und Sündern zuwendet. Die fleißigen Frommen werden dadurch nicht benachteiligt, weil ihnen nichts genommen wird: Sie erhalten den vereinbarten Lohn, nämlich Anteil am unteilbaren Reich Gottes.
Sozialgeschichtliche Auslegung
Die sozialgeschichtliche Auslegung fragt nach den sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen, in denen ein biblischer Text entstanden ist. Für dieses Gleichnis ist wichtig, dass der Weinbergbesitzer allen Arbeitern genau den Lohn gibt, der damals nötig war, um eine Familie einen Tag lang ernähren zu können.
Weil das Gleichnis am Ende die Zuhörer in der Du-Form anspricht, wird es manchmal so verstanden, dass Jesus seine Zuhörer zu entsprechendem Handeln ermutigen will: Jeder Mensch soll das zum Überleben Nötige erhalten. Eine solche Forderung wird auch an anderen Bibelstellen erhoben, etwa in Amos 5,24: „... es ströme aber das Recht wie Wasser, und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Der Artikel betont aber, dass dies nicht die ganze Pointe des Gleichnisses ist. Es geht auch um das Reich Gottes, das unteilbar ist und keine Abstufungen kennt.
Ein wichtiger Punkt ist die Übersetzung des griechischen Wortes „agathos“ am Ende des Gleichnisses. Die traditionelle Übersetzung mit „gütig“ wird im Artikel als kaum zu rechtfertigen bezeichnet. Standardwörterbücher nennen Bedeutungen wie „gut“ im Sinn von „edel“, „verständig“, „tüchtig“, „rechtschaffen“ oder „ehrenhaft“, aber nicht „gütig“. Hermann Menge übersetzt als Kompromiss mit „wohlwollend“ und verbindet dies mit „verständig, sittlich gut, rechtschaffen“. Für damalige Hörer klang außerdem der Ausdruck „kalos-k'agathos“ mit, der die Verbindung von äußerer Schönheit und innerer Vollendung bezeichnete.
Der Artikel nennt drei neuere Beispiele. Leonhard Ragaz sieht 1944 im Gleichnis eine Antwort auf die Frage nach den Klüften zwischen Menschen: Das Problem sei das ständige Rechnen mit eigenem Recht und Besitz; dagegen stehe die Einsicht, dass Gott der Besitzer ist und Menschen aus Solidarität leben. Luise Schottroff deutet das Gleichnis 2005 als Kontrastgleichnis: Es spiegele nicht Gottes Handeln, sondern die Willkür der römischen Oberschicht, die manchmal auch wohltätig sein könne. Den letzten Vers versteht sie eschatologisch als Prophetie über das kommende Königreich Gottes. Reinhard Hiltner deutet das Gleichnis 2024 im Rahmen der biblischen „Sabbatökonomie“, die auf „Genug, aber nicht zu viel, für alle“ zielt. Er verbindet es mit der vorausgehenden Geschichte vom „Reichen Jüngling“ in Matthäus 19,16–24 und sieht darin eine Kritik am üblichen Gutsherrensystem.
Psychologische Deutungen
Religionspsychologisch verweist der Artikel auf Fritz Oser und Paul Gmünder. Sie unterscheiden fünf Stufen des religiösen Urteils. Die jeweilige Stufe beeinflusst, wie eine Person religiöse Aussagen versteht. Menschen auf Stufe 2 würden das Gleichnis eher wörtlich auffassen und meinen, Gott zahle einen Stundenlohn. Menschen auf Stufe 4 würden umgekehrt deuten: Gott lasse sich nicht in Kategorien von Leistung und Lohn einzwängen; ihm gehe es um freie Entfaltungsmöglichkeiten aller Menschen.
Sozialpsychologisch wird die Theorie der sozialen Identität von Henri Tajfel genannt. Sie untersuchte in Kleingruppen, wie Menschen Belohnungen verteilen. Dabei geht es oft nicht darum, für sich selbst oder die eigene Gruppe den absolut größten Gewinn zu erzielen. Wichtiger kann sein, den Unterschied zu anderen zu vergrößern und besser dazustehen. Die früh eingestellten Arbeiter folgen diesem Mechanismus: Sie vergleichen ihren Lohn mit dem der später Eingestellten und wollen mehr erhalten als diese.
Künstlerische Rezeption
Das Gleichnis wurde mehrfach in der bildenden Kunst dargestellt. Genannt werden unter anderem Rembrandts „Auszahlung der Arbeiter“ von 1637 und Heinrich Lohe von 1688.
Außerdem erscheint das Motiv im Gemälde „Die Arbeiter im Weinberg des Herrn“ als Teil des Epitaphs für Paul Eber in der Stadtkirche Wittenberg. Ein weiteres Beispiel ist das Hauptbild des Altars der Mönchskirche in Salzwedel. Dieser Altar wird heute im Johann-Friedrich-Danneil-Museum in Salzwedel aufbewahrt und stammt ebenfalls aus der Werkstatt von Lucas Cranach d. J.