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Industrielle Revolution in Deutschland

Die industrielle Revolution war die Phase des Durchbruchs der Industrialisierung in Deutschland, deren Beginn von Hubert Kiesewetter auf 1815 und von Friedrich- …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und zeitliche Einordnung
  2. 2. Voraussetzungen und Frühindustrialisierung
  3. 3. Durchbruch, Regionen und alte Gewerbe
  4. 4. Leitbranchen und Finanzierung
  5. 5. Konjunkturen und Krisen
  6. 6. Gesellschaft und soziale Frage

Kern und zeitliche Einordnung

Die industrielle Revolution in Deutschland war die Phase, in der sich die Industrialisierung entscheidend durchsetzte. Ihr Beginn wird in der Forschung unterschiedlich datiert: Hubert Kiesewetter nennt 1815, Friedrich-Wilhelm Henning 1835. Allgemein gelten die Jahrzehnte zwischen den 1830er-Jahren und 1873 als Phase des industriellen „take off“ nach Walt Rostow. Voraus gingen Vor-, Früh- und Proto-Industrialisierung; danach folgte die Hochindustrialisierung im Kaiserreich.

Deutschland industrialisierte sich später als Großbritannien. Anders als im britischen Pionierland wurde nicht die Textilindustrie zur wichtigsten Schlüsselbranche, sondern vor allem Montanindustrie, also Bergbau sowie Eisen- und Stahlproduktion, und der Eisenbahnbau. Der Durchbruch war nicht überall gleich stark: Die Industrialisierung konzentrierte sich auf bestimmte Regionen mit günstiger Lage, Rohstoffen, Verkehrswegen, Kapital oder älteren Gewerbetraditionen.

Die genaue chronologische Abgrenzung ist umstritten. Viele Forscher unterscheiden eine Vorbereitungsphase seit etwa 1790 von der eigentlichen Phase des „take off“. Henning, Karl Heinrich Kaufhold und Jürgen Kocka sehen den Beginn in den 1830er-Jahren; Reinhard Spree, Richard H. Tilly und Hans-Ulrich Wehler betonen die 1840er-Jahre; Knut Borchardt nennt sogar die 1850er-Jahre. Einigkeit besteht aber darin, dass Deutschland spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich und gesellschaftlich in das Industriezeitalter eintrat.

Voraussetzungen und Frühindustrialisierung

Die Ausgangsbedingungen waren in Deutschland ungünstiger als in Großbritannien. Es fehlten ein einheitlicher Markt, einheitliche Zölle, Währungen und Gewichte. Das Heilige Römische Reich war territorial zersplittert, verkehrstechnisch schlechter erschlossen und hatte keine vergleichbare überseeische Handels- und Kolonialexpansion. Der Agrarsektor war stark, feudale Elemente blieben bestehen, viele Kleinbetriebe arbeiteten noch als Subsistenzbetriebe und waren kaum in Märkte eingebunden. Auch Zünfte hielten im Handwerk lange an alten Regeln fest.

Trotzdem gab es wichtige Vorformen. Das Verlagssystem, auch Protoindustrie genannt, bedeutete, dass Händler Rohstoffe oder Aufträge vergaben und Heimarbeiter Produkte herstellten, die anschließend überregional verkauft wurden. Um 1800 waren schätzungsweise eine Million Menschen in diesem Bereich beschäftigt, besonders in Leinenregionen wie Ostwestfalen, Schlesien und Sachsen. Auch Manufakturen mit Arbeitsteilung und etwa 100.000 Arbeitskräften waren vorhanden.

Seit 1815 verstärkte sich die Frühindustrialisierung. Nach den Napoleonischen Kriegen fielen Handelsbarrieren, zugleich wuchs der Konkurrenzdruck durch englische Industrieprodukte. Der Deutsche Zollverein von 1834 ermöglichte im Vertragsgebiet zollfreien Warenaustausch und erleichterte die Verbindung regionaler Märkte. Wichtig waren außerdem Reformen wie Bauernbefreiung und Änderungen in der Gewerbegesetzgebung, auch wenn ihre Umsetzung je nach Staat lange dauerte.

Erste moderne Fabriken entstanden schon Ende des 18. Jahrhunderts: 1784 die mechanische Baumwollspinnerei Cromford in Ratingen, 1785 die erste Dampfmaschine im Bergbau in Hettstedt und 1796 ein kontinuierlich produzierender Koksofen in Gleiwitz. Diese Ansätze blieben zunächst isoliert. In Sachsen, besonders um Chemnitz, entwickelten sich seit 1798 zahlreiche Spinnereien. Dennoch wurde die Textilindustrie in Deutschland anders als in England kein führender Sektor der industriellen Revolution, weil Wachstum und Dynamik zu gering blieben.

Durchbruch, Regionen und alte Gewerbe

Die Revolution von 1848/49 markiert ungefähr die Grenze zwischen Frühindustrialisierung und industrieller Revolution. Seit den 1850er-Jahren stieg die gesellschaftliche Produktion pro Einwohner gegenüber der vorindustriellen Zeit etwa um das Zehnfache. Ein wichtiger Hinweis auf den Durchbruch war der starke Anstieg der Steinkohlenutzung. Eisen- und Stahlproduktion, Maschinenbau, Lokomotivbau und Eisenbahnverkehr erhöhten die Nachfrage nach Energie, Kohle, Eisen und Maschinen.

Die Entwicklung hatte auch Verlierer. Maschinell hergestellte Waren aus Großbritannien und neue Fabriken in Deutschland bedrohten ältere Produktionsformen. Besonders das Leinengewerbe verlor durch billigere Baumwollprodukte an Bedeutung. Manche Regionen spezialisierten sich erfolgreich auf besondere Produkte, etwa Krefelder Samt und Seide, Wuppertaler Bandwaren, Posamente aus Annaberg-Buchholz oder Stofftaschentücher aus Lauban. Viele alte Gewerbe konnten der Maschinenkonkurrenz aber langfristig nicht standhalten. Es kam zu Deindustrialisierung und teils zu Reagrarisierung, also einer Rückkehr zu stärker landwirtschaftlicher Prägung.

Die regionale Industrialisierung war sehr ungleich. Entscheidend waren Eisenbahnanschluss, schiffbare Wasserwege, Rohstoffe, Arbeitskräfte und Kapital. Chemnitz wurde als Kern der sächsischen Industrialisierung auch „sächsisches Manchester“ genannt und entwickelte sich zu einer führenden Industriestadt mit Werkzeugmaschinenbau, Textilmaschinenbau, Textilindustrie, Fahrzeugbau, Dampfmaschinenbau, Lokomotivenbau und chemischer Industrie. Berlin zog Konfektionsindustrie, Maschinenbau, Banken und Versicherungen an. Das Ruhrgebiet wurde wegen seiner Rohstoffe zum Zentrum der Montanindustrie.

Am Ende der Epoche unterschied der Artikel vier Regionstypen: deutlich industrialisierte Gebiete wie Sachsen um Chemnitz, Glauchau und Zwickau, Rheinland, Elsass-Lothringen, Rheinpfalz und Großherzogtum Hessen; Gebiete mit einzelnen industriellen Vorreitern wie Württemberg, Baden, Schlesien, Westfalen, die preußische Provinz Sachsen und Hessen-Nassau; Regionen mit einzelnen frühindustriellen Ansätzen, aber geringer Gesamtentwicklung; sowie überwiegend landwirtschaftlich geprägte Gebiete wie Ost- und Westpreußen, Posen, Pommern und Mecklenburg.

Leitbranchen und Finanzierung

Der wichtigste Wachstumsmotor der deutschen Industrialisierung war der Eisenbahnbau. Die erste deutsche Eisenbahnstrecke war die sechs Kilometer lange Verbindung Nürnberg–Fürth der Ludwigseisenbahn-Gesellschaft. Die erste wirtschaftlich bedeutende Strecke war Leipzig–Dresden mit 115 Kilometern, gebaut 1837 auf Initiative von Friedrich List. Das Eisenbahnnetz wuchs stark: 1840 gab es etwa 580 Kilometer, 1850 über 7000 Kilometer und 1870 fast 25.000 Streckenkilometer. Zwischen 1850 und 1890 wurde etwa die Hälfte der Eisenproduktion für die Eisenbahn verbraucht; rund 25 % der Gesamtinvestitionen flossen in diesen Bereich.

Mit der Eisenbahn wuchsen Bergbau, Metallverarbeitung und Maschinenbau eng zusammen. Der Maschinenbau wurde zum modernsten und besonders wachstumsstarken Bereich der Metallverarbeitung. Seit den 1830er-Jahren nahm die Zahl der Hersteller von Dampfmaschinen und Lokomotiven zu. Wichtige Firmen waren unter anderem August Borsig in Berlin, die Sächsische Maschinenfabrik in Chemnitz, Henschel in Kassel, Hanomag in Hannover und J. A. Maffei in München. Borsig stellte 1841 die erste und 1858 bereits die tausendste Lokomotive her und wurde mit 1100 Beschäftigten zur drittgrößten Lokomotivfabrik der Welt.

Im Bergbau ermöglichte die Dampfmaschine tiefere Förderung, besonders durch Tiefbauzechen, die die Mergelschicht durchbrachen. Im Oberbergamtsbezirk Dortmund stieg die Förderung von 177.000 Tonnen im Jahr 1790 auf 513.000 Tonnen 1815; bis 1840 waren es 1,2 Millionen Tonnen. Bergrechtsreformen, besonders die preußische Bergrechtsreform von 1861 und das preußische Bergrecht von 1865, erleichterten privatwirtschaftlichen Bergbau und Aktiengesellschaften wie Hibernia AG und Harpener Bergbau AG.

Auch Eisen- und Stahlproduktion beschleunigten sich durch technische Neuerungen. Puddelwerke arbeiteten mit Steinkohle und waren produktiver und billiger als ältere Holzkohle-Hütten. 1850 wurden erst 25 % des Eisens mit Koks hergestellt, drei Jahre später 63 %. In den 1860er-Jahren setzte sich das Bessemerverfahren durch, mit dem aus flüssigem Roheisen industriell Stahl hergestellt werden konnte. Die Roheisenproduktion wuchs in den 1850er-Jahren um 150 %, in den 1860er-Jahren um weitere 160 % und von 1870 bis 1873 um 350 %.

Die Unternehmensformen änderten sich ebenfalls. Schwerindustrielle Betriebe wuchsen zu Großunternehmen: Bei Krupp arbeiteten 1835 67 Personen, 1871 9000 und 1873 knapp 13.000. Aktiengesellschaften wurden, abgesehen von Ausnahmen wie Krupp und einigen Familienbetrieben, zur wichtigen Unternehmensform. In der Schwerindustrie entstanden vertikal und horizontal verbundene Konzerne, die Bergwerke, Eisen- und Stahlproduktion, Walzwerke und Maschinenbau vereinten. Die Finanzierung erfolgte zunächst oft über Eigenkapital, Familienvermögen und Privatbanken, später zunehmend über Aktienbanken wie den A. Schaaffhausen’schen Bankverein, die Darmstädter Bank, die Disconto-Gesellschaft und die Berliner Handels-Gesellschaft.

Konjunkturen und Krisen

Die Gesamtwirtschaft wuchs in der Phase der industriellen Revolution nicht ständig gleichmäßig. Die durchschnittliche jährliche Steigerung des Nettosozialprodukts lag zwischen 1850 und 1857 bei 2,36 % und zwischen 1863 und 1871 bei etwa 3,31 %. Das stärkste Wachstum zeigte der industrielle Bereich. Anfangs dominierte noch die Konsumgüterproduktion, vor allem die Textilindustrie. Nach 1840 wurden Eisenbahnen und Schwerindustrie zu führenden Sektoren.

Bis um 1870 war der sekundäre Sektor, also Industrie und Gewerbe, noch nicht stark genug, um die gesamte Wirtschaft eindeutig zu bestimmen. Die Landwirtschaft blieb wichtig, weshalb ältere agrarische Krisen und moderne industrielle Schwankungen nebeneinander wirkten. Agrarkrisen entstanden vor allem durch Ernteausfälle. Wichtige Krisenjahre waren 1805/06, 1816/17 als „Jahr ohne Sommer“, 1829/30 und besonders 1846/47, die mit der Kartoffelrevolution verbunden war.

Ein industrieller Konjunkturtyp ist in Deutschland erstmals Mitte der 1840er-Jahre nachweisbar. Zwischen 1841 und 1845 gab es einen starken Investitionsboom bei Eisenbahnen, der rasch Kapital anzog und dann abbrach. Das Nachlassen dieses Booms verstärkte die Agrarkrise von 1847. Dadurch trafen Lebensmittelteuerung, Hungerkrise, Arbeitslosigkeit und Verdienstausfall zusammen und verschärften die vorrevolutionäre Lage.

Von 1857 bis 1859 wurde der industrielle Aufschwung durch einen schweren Abschwung unterbrochen, den Hans Rosenberg als „erste Weltwirtschaftskrise“ bezeichnete. Es handelte sich vor allem um eine Handels-, Spekulations- und Bankenkrise, die besonders von Hamburg ausging und mit Entwicklungen in den USA zusammenhing. Nach einer schwächeren ersten Hälfte der 1860er-Jahre folgte ab Mitte der 1860er-Jahre ein neuer Aufschwung, der in den „Gründerboom“ mündete. Dieser hielt, nur kurz durch den Krieg von 1870/71 gebremst, bis zur Gründerkrise 1873 an.

Gesellschaft und soziale Frage

Die industrielle Revolution veränderte nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Gesellschaft. Alte und neue Lebensweisen, soziale Gruppen und Probleme bestanden nebeneinander. Das 19. Jahrhundert gilt als Zeit des Durchbruchs der bürgerlichen Gesellschaft, obwohl Bürger zahlenmäßig nie die Mehrheit bildeten. Das Bürgertum bestand aus mehreren Gruppen: altem Stadtbürgertum, Kleinbürgertum, Bildungsbürgertum und Wirtschaftsbürgertum. Besonders einflussreich war das Bildungsbürgertum, zu dem höhere Beamte, Juristen, Lehrer an Gymnasien und Universitäten sowie später stärker freie akademische Berufe wie Ärzte, Rechtsanwälte, Notare und Architekten gehörten.

Das Wirtschaftsbürgertum entstand aus Unternehmern, Bankiers, Kapitalbesitzern und später angestellten Managern. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts zählte es nur einige hundert Unternehmerfamilien, bis 1873 einige tausend. Etwa 54 % der Industriellen stammten aus Unternehmerfamilien, 26 % aus Familien von Landwirten, selbstständigen Handwerkern oder kleineren Händlern und 20 % aus Bildungsbürgertum, Offiziers- oder Großgrundbesitzerfamilien. Aus Arbeiterfamilien oder der ländlichen Unterschicht kam fast kein Industrieller.

Die sozialen Probleme verschärften sich zunächst. Die neue Industrie schuf anfangs nicht genug Arbeitsplätze für die wachsende Bevölkerung. Der Niedergang alter Gewerbe und die Krise des Handwerks trugen zum Pauperismus bei, also zur massenhaften Verarmung besonders im Vormärz. Betroffen waren viele Handwerker, Heimgewerbetreibende und ländliche Klein- oder Unterbauern. Bekanntestes Beispiel sind die schlesischen Weber. Auswanderung erschien vielen als Ausweg: Zwischen 1820 und 1830 wanderten jährlich 3000 bis 5000 Menschen aus, 1847 waren es 80.000, 1854 sogar 239.000. Zwischen 1850 und 1860 wanderten insgesamt etwa 1,1 Millionen Personen aus.

Seit Mitte der 1840er-Jahre wandelten sich die unteren Schichten zur Arbeiterschaft. Der Begriff Proletariat gewann an Bedeutung und verdrängte bis in die 1860er-Jahre den Begriff Pauperismus. Zu den „arbeitenden Klassen“ zählten Handarbeiter, Tagelöhner, Handwerksgesellen, Gehilfen, Fabrikarbeiter und industrielle Lohnarbeiter. In Preußen stellten sie 1849 etwa 82 % aller Erwerbstätigen und mit ihren Angehörigen 67 % der Gesamtbevölkerung. Die modernen Fabrikarbeiter blieben zunächst eine Minderheit: 1849 gab es in Preußen 270.000 Fabrikarbeiter, mit 54.000 Bergleuten zusammen 326.000 Arbeiter. Bis 1861 stieg die Zahl auf 541.000, zu Beginn der 1870er-Jahre auf 885.000 Industriearbeiter und 396.000 Bergleute.

Die soziale Frage bezeichnete die Probleme der neuen Industriegesellschaft: schlechte Wohnverhältnisse, Krankheiten, Alkoholismus, Ausbeutung, Abhängigkeit vom Lohn und niedrige Löhne. Frauenarbeit blieb in Branchen wie der Textilindustrie verbreitet, in Bergbau und Schwerindustrie kaum. Kinderarbeit gab es besonders in den ersten Jahrzehnten in der Textilindustrie, aber weniger stark als in England; in Landwirtschaft und Heimgewerbe blieb Kinder- und Frauenarbeit weit verbreitet. Aus den gemeinsamen Erfahrungen der Arbeiterquartiere, der Lohnarbeit und des Gefühls sozialer Ungerechtigkeit entstanden Grundlagen für Arbeiterbewegung, Gewerkschaften, Parteien sowie sozialistische und kommunistische Ideen nach Marx und Engels.

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