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Gründerzeit
Als Gründerzeit wird im weiteren Sinne eine Phase der Wirtschaftsgeschichte im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn des 19. Jahrhunderts bezeichnet, die …
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Begriff und zeitliche Einordnung
Die Gründerzeit bezeichnet im weiteren wirtschaftsgeschichtlichen Sinn eine Phase der breiten Industrialisierung im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn, die im 19. Jahrhundert begann und bis zum Wiener Börsenkrach von 1873 reichte. Im engeren Sinn heißen besonders die Jahre 1871 bis 1873 nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs „Gründerjahre“. Deutschland erlebte damals eine starke Hochkonjunktur.
Nach dem Börsenkrach folgte die etwa 20 Jahre dauernde Gründerkrise mit langsamerer wirtschaftlicher Entwicklung, aber weiterhin vielen Erfindungen, Neuerungen und Unternehmensgründungen. Zeitgenossen bezogen den Ausdruck nur auf den Aufschwung. Nach 1896 setzte sich die globale Hochkonjunktur bis zum Ersten Weltkrieg 1914 kontinuierlich fort.
In der Kultur- und Architekturgeschichte wird Gründerzeit anders abgegrenzt und meist als Bezeichnung für die Zeit nach 1870 bis zur Jahrhundertwende, teilweise bis 1914, verwendet. Der Historiker Christian Jansen bezeichnet sogar die Zeit von der Revolution 1848/49 bis zur Reichsgründung 1866/1871 als Gründerzeit. Die Epoche gilt als Zeit, in der das Bürgertum in Mitteleuropa die kulturelle Führung übernahm, und als Hochzeit des klassischen Liberalismus, dessen politische Forderungen jedoch nur teilweise verwirklicht wurden.
Industrialisierung und wirtschaftlicher Aufschwung
Kennzeichnend war ein umfassender wirtschaftlicher Aufschwung, in dem Unternehmensgründer innerhalb kurzer Zeit reich werden konnten. Wichtigster Antrieb war der Eisenbahnbau. Er steigerte die Nachfrage nach Kohle und Stahl und förderte damit weitere Industrien. Typische Unternehmer waren der Eisenbahnunternehmer Bethel Henry Strousberg und der Stahlindustrielle Friedrich Krupp.
Die Eisenbahn erleichterte Kommunikation, Transport und Migration. Viele Angehörige ländlicher Unterschichten zogen in die Städte. Diese Urbanisierung machte sie zu einem Teil des entstehenden Proletariats, also der besitzarmen Industriearbeiterschaft. Damit verschärfte sich die soziale Frage, zeitgenössisch auch Pauperismus genannt: die verbreitete Armut und soziale Unsicherheit der arbeitenden Bevölkerung. Sozialismus, Kommunismus und Marxismus reagierten politisch darauf.
Verbesserte Vertriebs- und Transportwege ermöglichten Massenproduktion auch außerhalb der klassischen Industrie. Beispiele sind die Lebensmittelunternehmer Ignaz Mautner und Julius Meinl I. Menschen jüdischen Glaubens nutzten die Emanzipation der Juden und neue Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs; das Bankhaus Rothschild gewann als Finanzier des Eisenbahnbaus große Bedeutung.
Besonders stark nahm die Zahl der Aktiengesellschaften zu: Von 1867 bis 1870 wurden in Preußen 88 gegründet, von 1871 bis 1873 dagegen 928.
Reparationen, Börsenkrach und Krise
Nach der französischen Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 verpflichtete der Frieden von Frankfurt Frankreich zu Reparationszahlungen von fünf Milliarden Francs in Gold. Deutschland schmolz das Gold ein und prägte daraus Münzen für die goldgedeckte Mark. Gleichzeitig verkaufte es Silberbestände und kaufte zusätzliches Gold auf dem Weltmarkt. Frankreich begrenzte die Prägung von Silbermünzen, um einer Abwertung der Silberwährungen entgegenzuwirken. Währungen beruhten damals auf dem Goldstandard, dem Silberstandard oder einem Bimetallstandard, der beide Metalle verwendete.
Der Wiener Börsenkrach, der sogenannte Gründerkrach, beendete 1873 den Aufschwung abrupt. Am 9. Mai 1873 kam es zum „Schwarzen Freitag“ an der Wiener Börse. Es folgte eine ungefähr 20-jährige Phase wirtschaftlicher Stagnation, die Gründerkrise.
Der Wirtschaftsliberalismus verlor an Einfluss. Staatliche Kontrollmechanismen und Schutzzölle wurden eingeführt, während kleinbürgerliche und proletarische Massenbewegungen den Wirtschaftsliberalismus bekämpften. Besonders schwer wirkten die psychologischen Folgen: Das Versprechen von allgemeinem Reichtum und sozialem Aufstieg erschien gescheitert, Ersparnisse gingen verloren und kleine Handwerker sowie Geschäftsleute fürchteten den Abstieg durch industrielle Konkurrenz. Verschwörungstheorien verbreiteten sich; besonders der Antisemitismus gewann stark an Boden und wurde in den 1880er-Jahren zu einer breiten politischen Strömung.
Historismus, Architektur und Städtebau
In Kunst und Architektur stellte die Industrialisierung neue Aufgaben. Gleichzeitig führte der schnelle Wandel zu einer Hinwendung zu Geschichte und Tradition. Der Gründerzeitstil entspricht deshalb weitgehend dem Historismus, der ältere Baustile aufgriff und miteinander verband. Zu seinen Formen zählen Spätklassizismus, Neoromanik, Neogotik, Neorenaissance und der seit den 1880er Jahren aufkommende Neobarock; unter bestimmten Gesichtspunkten wird auch der Neoklassizismus des frühen 20. Jahrhunderts einbezogen. Die zeitliche Abgrenzung bleibt unscharf und reicht je nach Verwendung von 1850–1873 oder 1871–1890 bis hin zu 1848–1918.
Der starke Zuzug in die Städte erhöhte den Wohnraumbedarf. Typisch wurden drei- bis sechsgeschossige Blockrandbebauungen mit unterschiedlich reich geschmückten Fassaden. Neben Mietshäusern entstanden Villen und Palais für das wohlhabende Bürgertum sowie repräsentative Theater, Rathäuser und Bahnhöfe. Innenräume und Möbel waren häufig ebenfalls historistisch gestaltet.
Neue Materialien führten zunächst nicht zum Bruch mit den alten Stilformen. Das Bessemer-Verfahren verbesserte die Stahlerzeugung und förderte Stahlkonstruktionen. Herausragende Beispiele für neue Möglichkeiten waren der aus Stahl und Glas bestehende Crystal Palace der Londoner Weltausstellung von 1851 und der für die Pariser Weltausstellung von 1889 errichtete Eiffelturm. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde zudem Stahlbeton im allgemeinen Hochbau häufiger eingesetzt.
Viele Gründerzeitviertel wurden im Zweiten Weltkrieg und durch den modernistischen Städtebau seit den 1950er Jahren zerstört. Seit den 1980er Jahren bewahrte die Behutsame Stadterneuerung besonders in Berlin zahlreiche Viertel. Erhaltene Bauten bilden bis heute oft ganze Straßenzüge, sind begehrte Immobilien und häufig von Gentrifizierung betroffen. Jugendstilbauten um 1900 werden manchmal irrtümlich der Gründerzeitarchitektur zugerechnet, müssen aber von historistischen Gebäuden unterschieden werden.
Österreich und vergleichbare Entwicklung in den USA
In Österreich begann die Gründerzeit nach 1840 mit der Industrialisierung Wiens sowie Böhmens und Mährens. Häufig gilt die Märzrevolution von 1848 als Ausgangspunkt, weil ihre wirtschaftlichen Reformen im Gegensatz zu den politischen Reformen im Allgemeinen bestehen blieben. Der Liberalismus erreichte von 1867, dem Jahr des Österreichisch-Ungarischen Ausgleichs, bis in die frühen 1870er Jahre seine Hochphase.
Wien wuchs nach der Eingemeindung der Vorstädte ab 1850 und durch die Zuwanderung Hunderttausender, besonders aus Böhmen und Mähren, bis 1910 zur fünftgrößten Millionenstadt der Welt. Anstelle der Stadtmauer entstand die Ringstraße. Wohnungsbau und Spekulation blühten, und das durch Gewerbe und Handwerk gestärkte Bürgertum errichtete Prachtbauten des Historismus. Auch in anderen Städten der Habsburgermonarchie entstanden neue Viertel. In Graz wurde vorwiegend außerhalb der historischen Stadt gebaut, sodass die Altstadt größtenteils erhalten blieb.
Die Habsburgermonarchie gehörte wirtschaftlich zu den Verlierern der deutschen Reichsgründung, da ein Beitritt zum Deutschen Zollverein aussichtslos wurde. Der Wiener Börsenkrach von 1873 schwächte die Weltkonjunktur; die Bezeichnung „Große Depression“ für die anschließende Deflationsphase gilt heute allerdings als übertrieben. Kriegsschäden, Abrisse der 1960er Jahre und die Entfernung von Fassadenstuck vernichteten oder veränderten später weitere Gründerzeitbauten.
Eine parallele Entwicklung war das US-amerikanische „Gilded Age“ oder „vergoldete Zeitalter“. Es bezeichnet die Aufschwungjahre nach dem Sezessionskrieg von 1861 bis 1865, in denen die Industrialisierung der USA entscheidend vorankam. Der ursprünglich abwertende Ausdruck wird heute als unscharfe Epochenbezeichnung verwendet.