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Tagebuch der Anne Frank

Das Tagebuch der Anne Frank (niederländischer Originaltitel: Het Achterhuis ‚Das Hinterhaus') ist ein Werk der Weltliteratur. Anne Frank führte das Tagebuch …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Entstehung
  2. 2. Form, Themen und Entwicklung
  3. 3. Überlieferung und Ausgaben
  4. 4. Literarische und politische Wirkung
  5. 5. Echtheit, Angriffe und Gegenwartsbezug

Bedeutung und Entstehung

Das Tagebuch der Anne Frank, im niederländischen Original Het Achterhuis („Das Hinterhaus“), ist ein Werk der Weltliteratur und ein persönliches Zeugnis der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Anne Frank führte es vom 12. Juni 1942 bis zum 1. August 1944. Zunächst schrieb sie in der Wohnung ihrer Familie am Merwedeplein, ab dem 6. Juli 1942 überwiegend im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam. Dort versteckte sie sich zwei Jahre lang mit Angehörigen und Bekannten vor Deportation und Ermordung.

Nach der Verhaftung der Versteckten am 4. August 1944 fand die Helferin Miep Gies Annes Aufzeichnungen und bewahrte sie auf. Otto Frank überlebte als einziges Mitglied seiner Familie den Holocaust. Nachdem er im Juli 1945 vom Tod seiner Töchter Anne und Margot erfahren hatte, übergab ihm Miep Gies das Tagebuch. Er veröffentlichte es später und erfüllte damit Annes Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Das Buch wurde in über 70 Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und bereits in den 1950er Jahren zum meistverkauften Taschenbuch und meistaufgeführten Bühnenstück in der Bundesrepublik Deutschland. 2009 nahm die UNESCO es in das Weltdokumentenerbe auf.

Form, Themen und Entwicklung

Anne erhielt zu ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 ein rotweiß eingebundenes Notizbuch mit kleinem Schloss. Obwohl es als Poesiealbum gedacht war, verwendete sie es als Tagebuch. Ihre ersten Einträge beschreiben sie selbst, ihre Familie, Freunde, den Schulalltag und bevorzugte Orte. Zugleich dokumentieren sie die zunehmende Ausgrenzung der in die Niederlande geflohenen deutschen Juden, darunter die Pflicht zum Tragen des Judensterns und weitere Einschränkungen während der deutschen Besatzung.

Im Hinterhaus wurden Enge, Langeweile, Angst und Konflikte immer belastender. Da Anne keinen Kontakt zu ihren bisherigen Freunden haben durfte, wurde das Tagebuch zu ihrer wichtigsten Begleitung und engsten Vertrauten. Ab Ende September 1942 schrieb sie die Einträge als Briefe an erfundene Freundinnen. Die Namen Kitty, Conny, Emmy, Pop und Marianne stammten aus Cissy van Marxveldts Fortsetzungsroman Joop ter Heul. Seit November 1942 war vor allem Kitty ihre Ansprechpartnerin; bei der späteren Überarbeitung richtete Anne alle Einträge einheitlich an sie.

Anne schildert den Alltag im Versteck, das Chanukka-Fest sowie Auseinandersetzungen mit den Mitbewohnern, besonders mit Fritz Pfeffer und ihrer Mutter. Sie schreibt über das Gefühl, missverstanden zu werden, über ihre Ängste und Hoffnungen, die Entdeckung ihrer Sexualität und ihre Gefühle für Peter van Pels. In den Aufzeichnungen wird ihre Entwicklung während der 25 Monate im Versteck sichtbar: Sie gewinnt innere Festigkeit und untersucht sich und ihre Umgebung zunehmend genau, analytisch und selbstkritisch. Dabei beschreibt sie auch den Konflikt zwischen der „guten Anne“, die sie sein möchte, und der „schlechten Anne“, für die sie sich manchmal hält.

Durch umfangreiche Lektüre verbesserte Anne ihre literarischen Kenntnisse und ihren Schreibstil. Ihre Einträge wurden komplexer und behandelten schließlich abstrakte Themen wie den Glauben an Gott. Neben dem Tagebuch verfasste sie weitere literarische Texte und erklärte, später eine berühmte Schriftstellerin werden zu wollen.

Ursprünglich waren die Aufzeichnungen privat. Am 29. März 1944 hörte Anne jedoch bei Radio Oranje eine Rede des niederländischen Exilministers Gerrit Bolkestein. Dieser wollte nach dem Krieg Briefe, Tagebücher und anderes Alltagsmaterial sammeln, um die Unterdrückung der Niederländer unter deutscher Besatzung zu dokumentieren. Daraufhin begann Anne im Mai 1944, ihr Tagebuch für eine Veröffentlichung umzuschreiben. Sie strich oder veränderte ihrer Meinung nach uninteressante oder zu intime Stellen. Außerdem vergab sie Pseudonyme: Aus der Familie van Pels wurde die Familie van Daan, Fritz Pfeffer nannte sie Albert Dussel. Für ihre eigene Familie erwog sie van Aulis oder Robin, verwendete diese Namen aber später nicht.

Überlieferung und Ausgaben

Von den Aufzeichnungen sind mehrere Fassungen zu unterscheiden. Version A ist das ursprüngliche Tagebuch. Version B besteht aus Annes eigener, auf 215 Einzelblättern festgehaltener Überarbeitung für eine spätere Veröffentlichung. Das Manuskript umfasst drei Bände. Der erste reicht vom 12. Juni bis zum 5. Dezember 1942, der zweite vom Dezember 1943 bis zum 17. April 1944 und der dritte vom 17. April bis zum 1. August 1944. Die ursprünglichen Einträge zwischen Dezember 1942 und Dezember 1943 sind vermutlich verloren gegangen; der Zeitraum ist jedoch in Annes überarbeiteter Fassung enthalten.

Otto Frank stellte die erste Druckfassung aus den Versionen A und B zusammen. Er entfernte unter anderem kritische Äußerungen über Annes Mutter und Passagen über ihre Sexualität. Die meisten von Anne gewählten Pseudonyme behielt er bei, für seine eigene Familie verwendete er jedoch wieder die wirklichen Namen. Neuere Ausgaben enthalten auch Einträge, die er aus privaten Gründen zunächst nicht veröffentlichte.

Nachdem der Historiker Jan Romein am 3. April 1946 in der Zeitung Het Parool über das Tagebuch geschrieben hatte, interessierte sich der Amsterdamer Verlag Contact dafür. 1947 erschien die niederländische Erstausgabe Het Achterhuis: Dagboekbrieven van 12 Juni 1942 – 1 Augustus 1944. Diese von Otto Frank redigierte Druckfassung wird Version C genannt. Die deutsche Übersetzung Das Tagebuch der Anne Frank erschien 1950 im Verlag Lambert Schneider, die englische Ausgabe The Diary of a Young Girl 1952.

Das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation, das NIOD, veröffentlichte 1986 eine historisch-kritische Ausgabe. Eine historisch-kritische Ausgabe vergleicht die bekannten Textfassungen, erklärt Eingriffe und prüft die Überlieferung. Sie enthält alle bekannten edierten und nicht edierten Versionen sowie Untersuchungen zur Echtheit und historische Informationen.

1999 wurden fünf zuvor zurückgehaltene Seiten bekannt, die kritische Bemerkungen über die Ehe der Eltern und Annes angespanntes Verhältnis zur Mutter enthalten. Nach einem Streit um Eigentum und Veröffentlichungsrechte wurden sie 2001 an das NIOD zurückgegeben und danach in neuere Ausgaben aufgenommen. 2018 machte die Anne Frank Stichting außerdem zwei von Anne selbst mit Packpapier überklebte Seiten mithilfe digitaler Fototechnik lesbar. Darauf hatte sie Witze und eine Passage über Sexualität notiert.

Umstritten blieb die Dauer des Urheberrechtsschutzes. Der Anne Frank Fonds erklärte 2015, Otto Frank sei wegen seiner Bearbeitung Mitautor. Ronald Leopold, Direktor des Anne-Frank-Hauses, widersprach dieser Auffassung. Nach einem Gerichtsurteil gilt für erstmals 1986 veröffentlichte Teile eine 50-jährige Schutzfrist für nachgelassene Werke bis 2036. Für deutsche Ausgaben gelten zusätzlich die Rechte der jeweiligen Übersetzungen.

Literarische und politische Wirkung

Das Tagebuch wird nicht nur als historisches Dokument, sondern auch wegen seiner literarischen Qualität gelesen. Kennzeichnend sind genaue Charakterbeobachtungen, ein präziser, sicherer und knapper Stil sowie Annes ehrliche Selbstanalyse. Ihre Urteile über andere, etwa Fritz Pfeffer und ihre Mutter, können hart und von jugendlichen Vorurteilen geprägt sein. Zugleich schildert sie über einen langen Zeitraum, wie ein Kind erwachsen wird. Der Schriftsteller Meyer Levin meinte, das Tagebuch bewahre „die Spannung eines gut konstruierten Romans“. Der Dichter John Berryman sah darin eine einzigartige Darstellung des Prozesses, in dem ein Kind zum Erwachsenen wird.

Politisch wurde Anne Frank zu einem Symbol für die Opfer des Holocausts und allgemeiner für verfolgte Menschen. Eleanor Roosevelt bezeichnete das Buch als „einen der weisesten und bewegendsten Kommentare zum Krieg und seinen Auswirkungen auf die Menschen“. Ilja Ehrenburg erklärte, hier spreche eine Stimme für sechs Millionen, und zwar die Stimme eines gewöhnlichen kleinen Mädchens. Nelson Mandela berichtete 1994, er habe das Tagebuch während seiner Haft auf Robben Island gelesen und daraus Mut gewonnen. Er verglich Annes Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit dem Kampf gegen die Apartheid. Hillary Clinton bezog das Tagebuch im selben Jahr auf die Gefahren von Gleichgültigkeit und auf damalige Ereignisse in Sarajevo, Somalia und Ruanda.

Echtheit, Angriffe und Gegenwartsbezug

Rechtsextremisten und Holocaustleugner versuchten wiederholt, das Tagebuch als Fälschung darzustellen und damit ein wichtiges Zeugnis des Holocausts zu diskreditieren. Bereits 1959 bestätigten Handschriftenexperten in einem Verfahren gegen den Lehrer Lothar Stielau, dass Anne Frank die Manuskripte selbst geschrieben hatte. Simon Wiesenthal fand 1963 Karl Josef Silberbauer, den an der Verhaftung beteiligten Sicherheitsdienst-Beamten. Silberbauer bestätigte seine Rolle, erkannte Anne auf einem Foto und schilderte die Festnahme. Seine Aussagen stützten die Berichte anderer Zeugen.

Das Bundeskriminalamt untersuchte 1978 Papier und Tinte. Alle für die drei Tagebuchbände und die losen Blätter verwendeten Papier- und Tintenarten waren vor 1950 hergestellt worden und konnten zwischen 1941 und 1944 benutzt worden sein. Das Gutachten erwähnte allerdings einzelne spätere Korrekturen mit Kugelschreiber. Daraus wurden öffentlich Zweifel an der Echtheit abgeleitet, obwohl das Gutachten keine Fälschung des Tagebuchtextes feststellte.

Nach Otto Franks Tod ließ das NIOD die Originale deshalb umfassend dokumententechnisch und durch Schriftvergleich prüfen. Das staatliche forensische Labor fand lediglich zwei zusätzlich eingelegte Blätter mit insgesamt 26 Kugelschreiberkorrekturen. Diese verbesserten meist einzelne Buchstaben, Wörter, Seitenzahlen oder grammatische Fehler. Die Handschrift unterschied sich deutlich von Annes Schrift; die Eintragungen hatten für den Inhalt des Tagebuchs keine Bedeutung. Hans Ockelmann erklärte 1987, seine Mutter Dorothea Ockelmann habe sie während einer früheren Untersuchung angebracht. Die Ergebnisse gingen 1986 in die wissenschaftliche Gesamtausgabe ein. Das BKA stellte 2006 nochmals klar, dass seine kriminaltechnische Untersuchung keine Zweifel an der Echtheit begründet hatte.

Gerichte gingen mehrfach gegen Fälschungsbehauptungen vor. 1976 untersagte das Landgericht Frankfurt am Main Heinz Roth die weitere Verbreitung solcher Aussagen; 1990 wurde Edgar Geiss zu 6.000 DM Geldstrafe verurteilt. 1998 verbot das Amsterdamer Bezirksgericht die Verbreitung eines Heftes von Robert Faurisson und Siegfried Verbeke, das Otto Frank zum Verfasser erklärte und das Versteck als unmöglich darstellte. Für jede Zuwiderhandlung wurden 25.000 Gulden angedroht; 2000 bestätigte der Amsterdamer Gerichtshof das Verbot.

Das Tagebuch bleibt Gegenstand historischer Bildung und öffentlicher Auseinandersetzung. Das Anne Frank Zentrum in Berlin zeigt seit 2006 die ständige Ausstellung „Alles über Anne“ und verbindet das Tagebuch mit heutigen Fragen. Zugleich kam es weiterhin zu rechtsextremen Angriffen: 2006 wurde bei einer Sonnenwendfeier in Pretzien ein Exemplar öffentlich verbrannt; fünf Beteiligte erhielten wegen Volksverhetzung jeweils neun Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung. Am 29. Mai 2024 verbrannten drei Jugendliche im nahe gelegenen Aken ebenfalls ein Exemplar, worauf wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt wurde. Solche Vorfälle zeigen, dass das Tagebuch sowohl ein wichtiges Mittel historischer Erinnerung als auch ein Ziel fortdauernder Angriffe auf das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist.

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