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Sexualität
Im sozio- und verhaltensbiologischen Sinne bezeichnet der Begriff die Formen dezidiert geschlechtlichen Verhaltens zwischen Geschlechtspartnern. Bei vielen …
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Definition und Bedeutung
Sexualität bezeichnet im engeren biologischen Sinn das Vorhandensein von mindestens zwei verschiedenen Fortpflanzungstypen oder Geschlechtern innerhalb einer Art. Eine zygotische, also durch die Bildung einer Zygote erfolgende Fortpflanzung ist dabei nur gemeinsam mit einem Individuum eines anderen Fortpflanzungstyps möglich. Ihre zentrale biologische Funktion ist die Neukombination von Erbinformationen.
Im sozio- und verhaltensbiologischen Sinn umfasst Sexualität die Formen geschlechtlichen Verhaltens zwischen Partnern. Besonders bei vielen Wirbeltieren erfüllt Sexualverhalten zusätzlich soziale Funktionen, die nicht unmittelbar dem Austausch von Erbinformationen dienen. Deshalb müssen die beteiligten Tiere nicht immer unterschiedlichen Geschlechts sein.
Im weiteren Sinn gehören zur Sexualität alle Lebensäußerungen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Interaktionen, die sich auf das Geschlecht eines Lebewesens beziehen. Zwischen Menschen kann Sexualität in allen Kulturen auch ein Ausdruck der Liebe zwischen zwei Personen sein. Der Begriff wurde zunächst in der Biologie verwendet und erst später auf den Menschen und den allgemeinen Sprachgebrauch übertragen.
Evolution und Fortpflanzungstypen
Die Entstehung der Sexualität gilt zugleich als ein Hauptfaktor und als ein Ergebnis der biologischen Evolution. Ursprünglich vermehrten sich geschlechtslose Einzeller ausschließlich asexuell, also ohne Verschmelzung von Geschlechtszellen. Die Entwicklung genetisch verschiedener Geschlechter und Paarungstypen bildete eine Grundlage für die Evolution höherer Lebewesen.
Sexualität hat sich vermutlich vor etwa 600 Millionen Jahren im Neoproterozoikum etabliert. Während eine einfache Zellteilung fast ausschließlich genetisch identische Nachkommen erzeugt, verbindet die geschlechtliche Fortpflanzung die Genome zweier Individuen und teilt sie neu auf. Dadurch entstehen genetisch unterschiedliche Nachkommen. Die größere Variabilität innerhalb einer Population erhöht deren Fähigkeit, sich an veränderte Bedingungen anzupassen.
Mindestens zwei Paarungstypen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass unterschiedliche Genome zusammenkommen: Nur Individuen verschiedener Paarungstypen können ihre Genome vereinigen, wodurch eine Vereinigung identischer Genome verhindert wird. Bei den meisten Lebewesen existieren zwei Paarungstypen. Bei der Oogamie, einer Form der geschlechtlichen Fortpflanzung mit verschieden gestalteten Keimzellen, werden sie als männliches und weibliches Geschlecht bezeichnet. Einige Einzeller, besonders Ciliaten, besitzen jedoch mehr als zwei Paarungstypen und unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeiten zur Bildung von Zygoten.
Genetische Vorgänge
Bei vielen Einzellern besteht der sexuelle Vorgang in der vollständigen Verschmelzung zweier Individuen. Andere Einzeller, etwa das Pantoffeltierchen, führen eine Konjugation durch. Dabei werden das Genom oder Teile davon zwischen zwei Individuen ausgetauscht.
Auch manche Bakterien können durch Konjugation extrachromosomale DNA oder unter bestimmten Bedingungen Teile ihres Genoms auf ein anderes Individuum übertragen. Dieser Austausch ist von ihrer Vermehrung getrennt, die meistens durch Zellteilung erfolgt.
Bei höher entwickelten Eukaryoten – Tieren, Pflanzen, Pilzen und Protisten – führte die Trennung in verschiedene Geschlechter zur geschlechtlichen Fortpflanzung. Bei der Befruchtung werden Genome ausgetauscht und rekombiniert, also neu zusammengesetzt; dabei entsteht eine befruchtete Keimzelle. Bei Pflanzen entwickelte sich dieser Vorgang im Verlauf der Stammesgeschichte durch eine Verschiebung der Phasen des Generationswechsels.
Ein weiterer Entwicklungsschritt war ein durch Hormone gesteuertes System für sexuelle Verhaltensweisen. Bei höheren Organismen kann Geschlechtsverkehr neben der Fortpflanzung auch soziale Bedeutung besitzen, besonders bei Primaten wie Menschen und Bonobos.
Sexualverhalten bei Tieren
Bei den männlichen Individuen vieler, aber keineswegs aller Tierarten ist der biologische Beitrag zur Fortpflanzung mit dem Geschlechtsakt zunächst erbracht. Erkenntnisse der Verhaltensforschung zeigen jedoch, dass gemeinsame Sexualität bei zahlreichen Tierarten außerdem eine Grundlage weitergehender Sozialstrukturen bildet. Im äußersten Fall kann daraus eine lebenslange, ausschließliche Sexualpartnerschaft zwischen einem Weibchen und einem Männchen entstehen.
Sexualverhaltensmuster laufen häufig nach einem festen Schema ab und richten sich auf etwas oder jemanden in der Außenwelt. Im Hinblick auf einen möglichst hohen Fortpflanzungserfolg ist das gewöhnlich ein gegengeschlechtliches Mitglied derselben Art. Gleichgeschlechtliche Artgenossen können sich auf natürlichem Weg nicht miteinander fortpflanzen. Dennoch können sexuelle Verhaltensweisen soziale Aufgaben erfüllen, die nicht unmittelbar mit Fortpflanzung oder Genomaustausch verbunden sind.
Menschliche Sexualität und Orientierung
Beim Menschen und bei anderen Primaten ist Sexualität im Gegensatz zu vielen anderen Tieren kein reines Instinktverhalten. Sie unterliegt auch Entscheidungen und ist in die jeweilige soziale Organisation eingebettet. Menschen können sexuelle Anziehung unter anderem durch Zärtlichkeiten, Worte, unterschiedliche sexuelle Praktiken und besitzergreifendes Verhalten ausdrücken.
Menschliche Sexualität beeinflusst die Psyche, die persönliche Entwicklung und die Formen des Zusammenlebens. Zusammen mit der Sexualmoral, also den gesellschaftlichen Wertvorstellungen über sexuelles Verhalten, wirkt sie sich auch auf die Sozialstruktur sowie auf Kultur und Gesellschaft aus.
Die verbreitetste sexuelle Orientierung ist die Heterosexualität, bei der sich das sexuelle Interesse auf das andere Geschlecht richtet. Weitere Orientierungen sind:
- Homosexualität: Ausrichtung des sexuellen Verlangens auf das eigene Geschlecht.
- Bisexualität: Ausrichtung auf beide Geschlechter.
- Asexualität: kein Verlangen nach Sex mit dem männlichen oder weiblichen Geschlecht.
Daneben gibt es verschiedene sexuelle Präferenzen. Bei fetischistischer Sexualität richtet sich das Interesse beispielsweise auf unbelebte Gegenstände oder bestimmte Handlungen. Mehrere Orientierungen und Präferenzen waren früher teilweise tabuisiert oder strafbar. In aufgeklärten Gesellschaften gewinnen etliche davon an Akzeptanz und sind heute in vielen Ländern erlaubt.