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Tagebuch

Ein Tagebuch (auch Diarium [lateinisch diarium] oder Memoire [französisch mémoire], „schriftliche Darlegung“, „Denkschrift“) ist eine autobiografische …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Wesen und Bedeutung
  2. 2. Typische Merkmale
  3. 3. Historische Entwicklung
  4. 4. Schmerz und therapeutisches Schreiben
  5. 5. Bekannte Tagebücher und literarische Formen
  6. 6. Das Deutsche Tagebucharchiv

Wesen und Bedeutung

Ein Tagebuch ist eine autobiografische Aufzeichnung als Selbstzeugnis in chronologischer Form. Es hält also das eigene Leben, Erlebnisse und Gedanken in zeitlicher Reihenfolge fest. Andere Bezeichnungen sind Diarium und Memoire.

Tagebücher werden meist nicht mit dem Ziel einer späteren Veröffentlichung geschrieben. Werden sie dagegen ausdrücklich für die Veröffentlichung verfasst oder handelt es sich um literarische beziehungsweise fiktionale Werke in Tagebuchform, spricht man von Tagebuchliteratur. Das Tagebuch ist deshalb zugleich eine private Schreibform und eine literarische Gattung.

Typische Merkmale

Der Inhalt eines Tagebuchs ist normalerweise privater Natur und folgt der „Linie des eigenen Lebens“. Aufgezeichnet werden nicht nur äußere Ereignisse und eigene Aktivitäten, sondern auch Stimmungen, Gefühle, Gedanken und persönliche Bewertungen. Das Tagebuch dient damit der Selbstvergewisserung: Der Schreibende hält fest, was er erlebt und wie er es wahrnimmt. Es ist in hohem Maß subjektiv.

Bewertungen können zunächst unsicher oder widersprüchlich sein und sich erst mit größerem zeitlichem Abstand klären. Private Tagebücher wirken häufig direkter und unvermittelter als Texte, die für eine Veröffentlichung bestimmt sind. Sobald jemand jedoch im Bewusstsein einer Veröffentlichung schreibt, kann Selbstzensur einsetzen. Außerdem sind der Tagebuchschreiber und die im Text dargestellte Person niemals vollständig identisch: Auch ein Tagebuch ist eine sprachliche Auswahl und Gestaltung des eigenen Erlebens.

Der Stil reicht „von der anspruchlosesten Alltagsprosa bis zur Höhe des sprachlichen Kunstwerkes“ (Peter Boerner). Kennzeichnend sind oft eine unsystematische und bruchstückhafte Form. Spätere Einträge müssen nicht auf früheren aufbauen. Typisch ist zwar die regelmäßige Berichterstattung, doch kann die Führung unterbrochen und später wieder aufgenommen werden.

Tagebücher geben Zeugnis über die schreibende Person und ihre Umwelt. Deshalb können private Tagebücher aus Nachlässen wichtige Quellen für Historiker sein. Neben persönlichen Tagebüchern gibt es spezielle Formen: Das Logbuch dient nautischen, das Kriegstagebuch militärischen Zwecken. Schlaftagebücher, Traumtagebücher und Lesetagebücher werden medizinisch, psychologisch oder pädagogisch verwendet.

Historische Entwicklung

Vorläufer finden sich bereits in der Antike. Assyrische Tontafelkalender aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. verzeichneten beispielsweise Marktpreise, Wasserstände und Wetterverhältnisse. Auch Tatenberichte babylonischer Herrscher und römischer Kaiser sowie Aufzeichnungen von Träumen und deren Deutung hielten Ereignisse fest. Im Mittelalter waren Chroniken, Logbücher und Aufzeichnungen von Mystikerinnen wichtige Vorformen. Sie beschrieben jedoch meist noch nicht die persönlichen Erlebnisse, Gedanken oder Alltäglichkeiten einzelner Menschen.

Das Tagebuch im heutigen Sinn entstand in Europa mit der Renaissance. Das wachsende Ich-Bewusstsein, neue Erfahrungen und das stärkere Hervortreten des Einzelnen aus der Anonymität machten persönliche Meinungen und Erlebnisse bedeutsamer. Die zunehmende Verbreitung von Papier unterstützte diese Entwicklung, weil Papier gegenüber Pergament ein erschwinglicheres Schreibmaterial war.

Reine Aufzeichnungen des Geschehens, etwa in Logbüchern und Berichten, genügten zunehmend nicht mehr. Beobachtungs- und Reisejournale sowie Memorialbücher verarbeiteten neue Eindrücke. Das anonym verfasste Journal d’un bourgeois de Paris beschreibt das Zeitgeschehen von 1405 bis 1449 und kommentiert gesellschaftliche Veränderungen. Die frühen Tagebücher blieben jedoch überwiegend Chroniktagebücher, in denen Beobachtung wichtiger war als Reflexion; in Deutschland galt dies noch bis ins 17. Jahrhundert.

Als besonders modernes Beispiel gilt das Tagebuch von Samuel Pepys (1633–1703). Er führte vom 1. Januar 1660 bis zum 31. Mai 1669 regelmäßig ein zehnbändiges, in Kurzschrift geschriebenes Tagebuch. Neben den Ereignissen der Restauration schilderte er offen seine eigenen Freuden, Ängste und Schwächen und prüfte sein Verhalten kritisch. Damit verband er die äußere Zeitgeschichte mit einer intensiven Darstellung des eigenen Ichs.

Ab dem 18. Jahrhundert wurde die Diaristik zunehmend subjektiver. Der Absolutismus führte dazu, dass sich Bürger stärker ins Private zurückzogen. Im Pietismus entstanden religiöse Tagebücher zur Seelenerforschung oder als Beichte. 1704 definierte Johann Hübner das Tagebuch zugleich kaufmännisch als „ein Buch, worin die laufenden Geschäfte der Zeit nach geordnet eingetragen werden“.

In der Aufklärung wurde das Tagebuch verstärkt als persönlicher Rechenschaftsbericht verstanden. Empfindsame Tagebücher beschrieben Gefühle und Wahrnehmungen psychologisch. Das französische Journal intime setzte diese Ich-Analyse im 19. Jahrhundert fort. Autoren wie E. T. A. Hoffmann und Friedrich Hebbel wurden davon beeinflusst. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Tagebuch wieder etwas objektiver und diente auch als literarische Werkstatt oder Erinnerungshilfe.

Im 20. Jahrhundert nahm seine Verbreitung stark zu. Die beiden Weltkriege und die politische und soziale Isolation während der nationalsozialistischen Diktatur führten dazu, dass viele Menschen ihre Erlebnisse festhielten. Es entstanden Tagebücher von Opfern von Krieg und Gewalt; besonders bekannt ist das Tagebuch der Anne Frank. Walter Kempowski machte seit den 1980er Jahren den alltagsgeschichtlichen Wert von Tagebüchern sichtbar.

Im 21. Jahrhundert gehören Weblogs als öffentlich einsehbare Tagebücher, Tagebuch-Communitys mit Zeit- und Ortsangaben, Karten, Fotos und Sounds sowie Tagebuch-Software zu den neuen Formen. Bei einem Diary Slam lesen Menschen Tagebücher aus ihrer Teenagerzeit vor Publikum. Während der COVID-19-Pandemie entstanden zahlreiche Corona-Tagebücher.

Schmerz und therapeutisches Schreiben

In wichtigen modernen Tagebüchern ist die Reflexion seelischen Schmerzes ein Leitmotiv. Dazu gehören unter anderem André Gides Journal, Giacomo Leopardis Diario segreto, Charles Baudelaires Journaux intimes, Cesare Paveses Il mestiere di vivere, Ernst Jüngers Strahlungen sowie Tagebücher von Friedrich Hebbel und Franz Kafka. Der Schmerz wird darin teilweise ausdrücklich aufgewertet: Leopardi nennt ihn „caro dolore“, also „lieben Schmerz“. Bei Hebbel heißt es: „Den Schmerz wie einen Mantel um sich schlagen“.

Das Tagebuchschreiben kann außerdem heilend wirken, besonders bei der Verarbeitung negativer Erfahrungen. Verborgene Gefühle werden ausgedrückt, oder der Schreibende gewinnt eine andere Perspektive auf ein Problem. Deshalb wird Schreiben auch als Therapie und in der Poesietherapie eingesetzt. Im Mittelpunkt steht dann nicht die Veröffentlichung, sondern der Veränderungsprozess der schreibenden Person.

Bekannte Tagebücher und literarische Formen

Zu den bekannten Tagebuchschreibern zählen unter anderem Samuel Pepys, Johann Wolfgang von Goethe, André Gide, Carl Gustav Jung, Ernst Jünger, Franz Kafka, Walter Kempowski, Thomas Mann, Sylvia Plath und Virginia Woolf. Tagebücher aus der Zeit des Nationalsozialismus und der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen beispielsweise von Anne Frank, Victor Klemperer, Joseph Goebbels, Jochen Klepper und William L. Shirer. Josef Staribacher beschrieb in seinen Tagebüchern besonders die Regierungszeit des österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky.

Beispiele für veröffentlichte Tagebücher sind Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbücher (1764–1799), Arthur Schnitzlers Tagebuch (1879–1931), Franz Kafkas Tagebücher (1909–1923), Victor Klemperers Tagebücher (1918–1959), Jochen Kleppers Unter dem Schatten deiner Flügel (1932–1942), das Tagebuch der Anne Frank (1942–1944) und Max Frischs Tagebücher aus den Jahren 1946–1949 und 1966–1971. Auch Helmuth Schönauers Tagebuch eines Bibliothekars umfasst den Zeitraum 1982–2018.

Die Tagebuchform wird ebenso in fiktionalen und literarischen Werken verwendet. Beispiele sind Lu Xuns Tagebuch eines Verrückten (1918), Robert Walsers Jakob von Gunten (1909), Walter Kempowskis Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch (1993–2005), Konrad Kujaus Hitler-Tagebücher (1983) und Gregs Tagebuch ab 2008. Weitere Beispiele reichen von Matsuo Bashōs Oku no Hosomichi (1689) bis zu Sue Townsends Adrian Mole (englisch 1982–2009).

Das Deutsche Tagebucharchiv

Der Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V. wurde am 14. Januar 1998 gegründet und hat seinen Sitz in Emmendingen. Menschen aus ganz Deutschland senden dorthin Tagebuchfunde aus Nachlässen, die bis zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zurückreichen. Daneben gehen regelmäßig Aufzeichnungen von Zeitgenossen ein. Das Archiv bewahrt damit sowohl historische Selbstzeugnisse als auch aktuelle persönliche Dokumente und macht sie für die Erforschung von Alltagsgeschichte zugänglich.

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