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TARGET2

TARGET2 ermöglicht im Bankwesen als Gironetzwerk den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr zwischen EU-Zentralbanken und Kreditinstituten inner- und außerhalb …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundprinzip und Bedeutung
  2. 2. Zahlungsabwicklung und Salden
  3. 3. Entstehung, Teilnahme und Preise
  4. 4. Entwicklung der TARGET-Salden
  5. 5. Kontroverse um Risiken und rechtliche Bedeutung
  6. 6. Nachfolgesystem und internationaler Vergleich

Grundprinzip und Bedeutung

TARGET2 war das gemeinsame Echtzeit-Bruttoabwicklungssystem des Eurosystems für grenzüberschreitende Zahlungen zwischen EU-Zentralbanken und Kreditinstituten innerhalb und außerhalb der EU. „Echtzeit“ bedeutet eine sofortige Verarbeitung; bei der „Bruttoabwicklung“ wird jede Zahlung einzeln aus dem Zentralbankguthaben der auftraggebenden Bank ausgeführt, statt mehrere Zahlungen vorher miteinander zu verrechnen.

TARGET2 war die zweite Generation von TARGET („Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System“). Entwickelt und betrieben wurde die gemeinsame Plattform von der Deutschen Bundesbank, der Banque de France und der Banca d’Italia. Sie ging am 19. November 2007 in Betrieb. Am 19. Mai 2008 wurden auch die technischen Infrastrukturen der Individualzahlungsverkehrssysteme der nationalen Zentralbanken des Eurosystems und der Europäischen Zentralbank (EZB) zusammengeführt.

Über TARGET2 wurden täglich Zahlungen von rund 1.700 Milliarden Euro abgewickelt; über TARGET2-Securities zusätzlich Wertpapiere im Wert von 1100 Milliarden Euro. Das System war deshalb ein zentraler Bestandteil der europäischen Finanzmarktinfrastruktur.

Zahlungsabwicklung und Salden

Über TARGET2 wurden Zentralbankoperationen, große Interbankenzahlungen und andere Euro-Überweisungen verrechnet. Wird Zentralbankgeld von einer nationalen Zentralbank des Eurosystems zu einer anderen übertragen, entstehen gegenüber der EZB Forderungen und Verbindlichkeiten. Die EZB fungiert bei der täglichen Verrechnung um 24:00 Uhr als Clearingstelle.

Bei der Zentralbank des zahlenden Landes sinkt der TARGET2-Saldo: Ein vorhandenes Guthaben wird kleiner oder eine Verbindlichkeit größer. Bei der Zentralbank des empfangenden Landes steigt der Saldo entsprechend. Die Salden werden mit dem Hauptrefinanzierungssatz des Eurosystems verzinst. Im Sommer 2012 bildeten diese Forderungen und Verbindlichkeiten bei den meisten Zentralbanken des Eurosystems die größten Bilanzposten.

TARGET-Verbindlichkeiten dürfen nur Zentralbanken des Eurosystems aufbauen. Teilnehmende Zentralbanken außerhalb des Eurosystems und Geschäftsbanken mit direktem Zugang müssen am Tagesende einen ausgeglichenen oder positiven Saldo besitzen. Innertageskredite der EZB sind besichert, gelten nur für den jeweiligen Tag und dürfen nicht in Übernachtkredite umgewandelt werden.

Entstehung, Teilnahme und Preise

Das erste TARGET-Netz wurde am 16. November 1998 geschaffen und verband die nationalen Clearingsysteme. Im Herbst 2002 beschloss der EZB-Rat eine gemeinsame zweite Plattform. Mit TARGET2 konnten auch kleinere Beträge unmittelbar und ohne vorherige Saldierung in nationalen Systemen überwiesen werden. Die Höhe der im internationalen Zahlungsverkehr netto entstehenden TARGET-Salden wurde dadurch nicht verändert. Frankreich, Deutschland und Italien erklärten sich 2003 bereit, die Plattform einzurichten und zu betreiben. Der zunächst für Anfang 2007 geplante Start wurde auf den 19. November 2007 festgelegt.

Die Umstellung erfolgte in drei tatsächlich benötigten Gruppen: Am 19. November 2007 wechselten Österreich, die Republik Zypern, Deutschland, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta und Slowenien. Am 18. Februar 2008 folgten Belgien, Finnland, Frankreich, Irland, die Niederlande, Portugal und Spanien. Am 19. Mai 2008 kamen Dänemark, Estland, die EZB, Griechenland, Italien und Polen hinzu. Eine für Unvorhergesehenes vorgesehene vierte Gruppe wurde nicht benötigt. Später wurden die Slowakei am 1. Januar 2009, Bulgarien am 1. Februar 2010, Rumänien am 4. Juli 2011 und Kroatien am 1. Januar 2023 angeschlossen.

Seit dem 19. Mai 2008 gab es zwei einheitliche Preismodelle: Option A verlangte 0150 Euro monatliche Fixgebühr plus 0,80 Euro je Transaktion. Bei Option B betrug die monatliche Fixgebühr 1875 Euro; je nach Transaktionsmenge kamen gestaffelt 0,125 bis 0,60 Euro pro Transaktion hinzu.

Entwicklung der TARGET-Salden

Die TARGET-Salden gleichen sich für das Eurosystem insgesamt aus. Deshalb erscheinen sie nicht in der Bilanz der EZB, sondern in den Jahresabschlüssen der angeschlossenen nationalen Zentralbanken. Seit September 2015 veröffentlicht auch die EZB umfangreiche Statistiken dazu.

Bis zum Sommer 2007 waren die Salden relativ niedrig, weil sich grenzüberschreitende Zahlungen nahezu ausglichen. Typischerweise vergaben Banken aus Überschussländern Interbankenkredite an Banken in Defizitländern; deren Kunden konnten damit Importe bezahlen. Mit der globalen Finanzkrise und der europäischen Finanz- und Schuldenkrise geriet dieser Interbankenmarkt jedoch unter Druck. Ab 2008 refinanzierten sich besonders Banken in den Peripherieländern verstärkt bei der EZB. Private Kredite aus den Überschussländern ersetzten die Zahlungsströme daher nicht mehr, und spiegelbildlich stiegen die TARGET-Salden.

Im August 2012 erreichten die TARGET-Forderungen Deutschlands, der Niederlande, Finnlands und Luxemburgs zusammen mit 1056 Milliarden Euro ihren damaligen Höhepunkt. Danach gingen die Salden zeitweise zurück. Als Gründe nennt der Artikel Mario Draghis Zusage, den Euro zu retten („whatever it takes“), das Programm für Outright Monetary Transactions (OMT), das unbegrenzte Käufe von Staatsanleihen der Krisenländer vorsah, sowie Mittel aus öffentlichen Rettungsschirmen. Dadurch stellten private Investoren den Krisenländern wieder eher Kredite bereit.

Die Länderwerte schwankten stark. Deutschlands Saldo stieg beispielsweise von 9 Milliarden Euro im Dezember 2006 auf 749 Milliarden im August 2012, erreichte 1269 Milliarden Ende 2022 und lag Ende 2024 bei 1046 Milliarden Euro. Ende 2024 standen außerdem unter anderem Luxemburg mit 239 Milliarden und Belgien mit 76 Milliarden Euro im Plus, während Spanien bei −447 Milliarden, Italien bei −415 Milliarden, Griechenland bei −115 Milliarden und Frankreich bei −108 Milliarden Euro lagen. Forderungen und Verbindlichkeiten summierten sich Ende 2024 jeweils auf rund 1594 Milliarden Euro.

Kontroverse um Risiken und rechtliche Bedeutung

Seit 2011 wird wissenschaftlich und politisch darüber gestritten, ob TARGET-Salden wirtschaftlich als Kredite und als besonderes Haftungsrisiko zu verstehen sind. Hans-Werner Sinn verwies darauf, dass die TARGET-Forderungen von 5 Milliarden Euro Ende 2006 auf 326 Milliarden Euro Ende 2010 gestiegen waren. Ende Februar 2011 betrugen die Verbindlichkeiten Griechenlands, Irlands, Portugals und Spaniens zusammen 340 Milliarden Euro. Sinn leitete daraus für Deutschland bei einem Zahlungsausfall aufgrund eines damaligen Kapitalanteils an der EZB von 33 % ein mögliches Risiko von 104 Milliarden Euro ab. Er bezeichnete die Salden als automatisch entstehende, unbegrenzte und ungedeckte Überziehungs- beziehungsweise TARGET-Kredite.

Andere Fachleute widersprachen. Peter Burgold, Sebastian Voll, Willem Buiter, Karl Whelan und Martin Hellwig bestritten, dass die Salden in einer Währungsunion als Kredite behandelt werden sollten. Paul De Grauwe und Yuemei Ji vertraten 2012 die Auffassung, selbst ein Ausfall verursache keinen finanziellen Verlust, weil der Wert des Zentralbankgeldes nicht von den Forderungen einer Notenbank abhänge. Sinn entgegnete, bei einem Zerbrechen des Eurosystems könnten ausgefallene Forderungen Zinseinnahmen und damit etwa Überweisungen der Bundesbank an den Bundeshaushalt vermindern. Thomas Eger und Peter Weise deuteten die TARGET-Forderung nicht als Kredit der Bundesbank, sondern als bereits beglichene Einnahme deutscher Geschäftsbanken oder Exporteure. Dirk Ehnts bezeichnete TARGET2-Forderungen 2019 als reine Buchungsposten; Isabel Schnabel schloss sich weitgehend an und erklärte, ihr fairer Zeitwert sei null.

Die Bundesbank führte den Saldenanstieg auf eine veränderte Verteilung des Zentralbankgeldes infolge von Störungen am Geldmarkt zurück. 2011 sah sie darin noch kein eigenständiges Risiko. Im Februar 2012 schlug Bundesbankpräsident Jens Weidmann angesichts von mehr als 800 Milliarden Euro Forderungen gegenüber finanzschwachen Notenbanken des Eurosystems eine Besicherung vor; davon entfielen 547 Milliarden Euro auf die Bundesbank.

Das Bundesverfassungsgericht stellte am 18. März 2014 fest, TARGET2-Salden entstünden durch die tägliche Saldierung grenzüberschreitender Transaktionen und seien Forderungen oder Verbindlichkeiten gegenüber der EZB. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags folgerten unter Bezug auf die Autonomie der Bundesbank, dass der Bundestag ihr keine Risikogrenzen für TARGET2 vorschreiben könne. Mario Draghi erklärte 2017, beim Austritt eines Landes müssten dessen Salden vollständig abgerechnet werden. Nicht getilgte Verbindlichkeiten würden zunächst Reserven der EZB belasten; verbleibende Verluste würden nach Kapitalanteilen auf die übrigen nationalen Zentralbanken verteilt. Der TARGET2-Saldo der Bundesbank wäre für ihren Verlustanteil daher unerheblich. Der deutsche Anteil am EZB-Eigenkapital wird im Artikel mit 26 % angegeben. Die Bewertung von Funktion, Rechtsnatur und Risiko der Salden bleibt somit umstritten.

Nachfolgesystem und internationaler Vergleich

Am 20. März 2023 wurde das neue Echtzeit-Bruttoabwicklungssystem T2 hochgefahren; die EZB meldete die erfolgreiche Umstellung am 21. März. Am ersten Tag verarbeitete T2 rund 400.000 Transaktionen und damit ungefähr das durchschnittliche Volumen vor der Migration. Das im Dezember 2017 gestartete Projekt verbessert die Cybersicherheit sowie die Möglichkeiten der Teilnehmer, ihre Liquidität zu steuern und zu überwachen. Ein wichtiger Grund für den Wechsel war die Unterstützung des Standards ISO 20022. Die Umstellung sollte die Infrastruktur des Euroraums modernisieren und die Effizienz der europäischen Finanzmärkte erhöhen.

TARGET2 stand international in Konkurrenz zu Fedwire, CHIPS und CIPS. Im US-Dollar-Raum ist Fedwire in bestimmter Hinsicht vergleichbar. Die ISA-Salden der Federal-Reserve-Distriktbanken ähneln den TARGET-Salden, werden aber jährlich im April annähernd auf null gesetzt. Der bilanzielle Ausgleich erfolgt durch die Verteilung der über die Offenmarktpolitik neu erworbenen Wertpapiere unter Berücksichtigung des Bargeldumlaufs im jeweiligen Distrikt.

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